Inhaltsverzeichnis
Einleitung 1
1. Definition der Co-Abhängigkeit 3
1.1. Entstehung und Entwicklung des Begriffs 4
1.2. Heutiges Verständnis von Co-Abhängigkeit 6
1.3. Verschiedene Ebenen co-abhängigen Verhaltens 7
1.3.1. Familie 8
1.3.2. Arbeitsplatz 9
1.3.3. Freundeskreis 9
1.3.4. Therapeutische Beziehung 10
2. Entwicklung und Verlauf der Co-Abhängigkeit 11
2.1. Das Phasenmodell nach Hallmaier 11
2.1.1. Beschützer- und Erklärungsphase 12
2.1.2. Kontrollphase 13
2.1.3. Anklagephase 14
2.2. Suchtförderndes Verhalten nach Nelson 14
2.2.1. Vermeiden und Beschützen 15
2.2.2. Versuch, den Drogenkonsum des Abhängigen zu kontrollieren 15
2.2.3. Übernehmen von Verantwortlichkeit 15
2.2.4. Rationalisieren und Akzeptieren 16
2.2.5. Kooperation und Kollaboration 16
2.2.6. Retten und sich nützlich machen 16
3. Co-Abhängigkeit in der Familie nach Wegscheider-Cruse 17
3.1. Die Rolle des „Enabler“ 18
3.2. Die Rollenentwicklung der Kinder und daraus resultierende Folgen
f ür das Erwachsenenalter 19
3.2.1. Der Held 20
3.2.2. Der Sündenbock 21
II
3.2.3. Das verlorene Kind 22
3.2.4. Das Maskottchen 22
4. Weiterentwickelte A nsätze der Co-Abhängigkeit 25
5. Hilfen und Behandlungsmöglichkeiten 27
5.1. Die Suchtberatungsstelle 28
5.2. Selbsthilfegruppen 28
5.3. Therapie 29
Schlussbetrachtung 31
Literaturverzeichnis 35
Verzeichnis der Internetquellen 36
III
Einleitung
Es gibt nur wenige Krank heiten, bei denen die Angehörigen und das soziale Umfeld des Betroffenen so sehr in Mitleidenschaft gezogen werden, wie bei einer Suchterkrankung.
Laut den neuesten Statistiken der Deutschen Hauptstelle für Suchtfragen (DHS) sind in Deutschland derzeit 1,6 Millionen Menschen alkoholabhängig. Zudem gibt es rund 1,4 Millionen Medikamentenabhängige und etwa 290.000 Drogensüchtige (vgl. Jahrbuch Sucht 2004). Nicht zu vergessen sind die Menschen, die ein Suchtmittel missbrauchen und deshalb ebenfalls stark gefährdet sind, abhängig zu werden. Die Abhängigkeit von einer Substanz, ganz gleich ob es sich dabei um Alkohol, Medikamente oder illegale Drogen handelt, verändert nicht nur das Verhalten eines Menschen, sondern seine gesamte Persönlichkeit - Die Droge zerstört ihn. Die Zahlen sprechen für sich, doch wenn man bedenkt, dass zu jedem dieser Menschen auch immer mehrere Personen gezählt werden müssen, die direkt oder indirekt mit betroffen sind, wird unweigerlich klar, dass die Suchterkrankung in keinem Fall nur ein Problem des Süchtigen ist. Die Zahl der Mitbetroffenen ist weitaus größer als die der Suchtkranken.
Besonders die Familienangehörigen sind es, die unter den Folgen der Abhängigkeit leiden. Sie können nichts weiter tun als dabei zusehen, wie sich der Betroffene langsam zu Grunde richtet. Gut gemeinte Ratschläge kommen bei dem Süchtigen nicht an. Man versucht verzweifelt zu helfen, doch was letztlich bleibt, sind immer wiederkehrende Gefühle von Enttäuschung, Hilflosigkeit und Wut. Mit dem Fortschreiten der Suchterkrankung entwickeln die Angehörigen dann ein typisches Rollenverhalten, das zunehmend auf das Verhalten des Süchtigen ausgerichtet ist. Immer wieder übernehmen sie Verantwortung, rechtfertigen sein Verhalten, erledigen seine Aufgaben. Unbewusst unterstützen und verlängern sie dadurch die Sucht des Betroffenen, obwohl sie davon überzeugt sind, das Richtige zu tun. Persönliche Bedürfnisse werden immer mehr vernachlässigt und schließlich kreisen ihre Gedanken nur noch um das Verhalten des Süchtigen. Das eigene Leben wird dadurch stark eingeschränkt. Die Folgen sind meist schwere psychische oder körperliche Erkrankungen. - Seit einigen Jahren wird dieses Verhalten als coabhängig bezeichnet. Doch worum handelt es sich dabei eigentlich genau?
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Ich selbst wurde auf das Thema aufmerksam, während ich in einer Fachklinik für alkohol- und medikamentenabhängige Menschen ein vierwöchiges Praktikum absolvierte. In den Teamsitzungen der Mitarbeiter war co-abhängiges Verhalten ein Thema, das beinahe täglich zur Sprache kam. Da ich bis zu diesem Zeitpunkt nicht sehr viel darüber wusste, begann ich mich näher mit der Problematik zu befassen. Bei meinen Recherchen wurde mir jedoch bald bewusst, dass es sich dabei um einen vielseitigen Begriff handelt, der einer genaueren Betrachtung bedarf. Und aus ebendiesem Anlass widmet sich die vorliegende Arbeit solch einer Betrachtung.
Mein Anliegen ist es nun, den Begriff Co-Abhängigkeit ausführlich zu untersuchen und detailliert darzustellen. Ziel der Arbeit ist es, einen umfassenden Einblick in das Thema zu geben. Dazu sollen bisher gewonnene Erkenntnisse sowie verschiedene Ansätze und, zum Verständnis erforderliche Zusammenhänge aufgezeigt und eingehend behandelt werden.
Das erste Kapitel beginnt mit der Begriffsklärung von „Co-Abhängigkeit“. Da he ute die, in den USA verwendeten Auffassungen teilweise stark von denen in Deutschland abweichen, die Fachliteratur jedoch überwiegend aus Amerika stammt, muss zunächst eine Eingrenzung des Begriffs vorgenommen werden, die zum weiteren Verständnis notwendig ist.
Im darauf folgenden Abschnitt wird kurz auf den geschichtlichen Hintergrund eingegangen, um aufzuzeigen, wo der Ausdruck seinen Ursprung findet, durch wen er geprägt wurde und wie er sich weiterentwickelt hat. Anschließend werden zwei neuere Definitionen, aus dem deutschsprachigen Raum, angeführt, die deutlich machen sollen, an welchem Konzept der Co-Abhängigkeit sich der Inhalt dieser Arbeit orientiert. Im Folgenden werden zur Veranschaulichung verschiedene Lebensbereiche dargestellt, in denen Co-Abhängigkeit auftreten kann. Das zweite Kapitel befasst sich mit dem Verlauf und den typischen Verhaltensmerkmalen der Co-Abhängigkeit. Diesbezüglich wird zunächst das Phasenmodell nach Roland Hallmaier herangezogen, in welchem die Entwicklung der Co-Abhängigkeit anhand verschiedener Phasen dargestellt wird. Im Anschluss werden einige typisch co-abhängige Verhaltensweisen angeführt, die laut Nelson als suchtförderndes Verhalten bezeichnet werden. Teilweise können sie den einzelnen Verlaufsphasen zugeordnet werden.
2
Im nächsten Abschnitt geht es um Co-Abhängigkeit in der Familie, ein großes Themengebiet, das eine ausführliche Betrachtung verlangt. Die Ausführungen beziehen sich hier auf das Konzept der amerikanischen Familientherapeutin Sharon Wegscheider-Cruse. Innerhalb der Familie eines Suchtkranken definiert sie verschiedene Rollenbilder, welche die Angehörigen im Laufe der Zeit entwickeln: Neben der Ro lle des „Enabler“, womit die, dem Suchtkranken am nächsten stehende Person bezeichnet wird, nehmen auch die Kinder unterschiedlichen Rollen ein. Dazu unterscheidet Wegscheider-Cruse in ihrem Modell, das in Deutschland großen Zuspruch gefunden hat, vier verschiedene Typen, die an dieser Stelle eingehend behandelt werden sollen.
In Abgrenzung zu den bisher dargestellten Ansätzen, die Co-Abhängigkeit immer in Verbindung mit einer Suchterkrankung betrachten, werden dann im nächsten Kapitel zwei Konzepte vorgestellt, die über diese Auffassung hinausgehen. Deren Autoren gehen davon aus, dass bereits das Aufwachsen in einer problembehafteten Familie, die Entstehung co-abhängigen Verhaltens bedingen kann. Daraufhin soll die Validität dieser Ansätze erörtert sowie ihre Kompatibilität mit dem ursprünglichen Konzept überprüft werden.
Abschließend geht es um verschiedene Hilfs- und Behandlungsangebote, die he ute für Co-Abhängige bestehen. Dazu sollen u. a. die Aufgaben der Suchtberatungsstellen näher betrachtet, die Konzepte verschiedener Selbsthilfegruppen dargelegt, s owie die Interventionsmöglichkeiten der
Psychotherapie vorgestellt werden. Zudem wird auf die Ziele eingegangen, die in der Behandlung co-abhängiger Klienten von Bedeutung sein sollten, und es wird angezeigt, welche Schwierigkeiten dabei auftreten können.
1. Definition der Co-Abhängigkeit
Ganz allgemein beschreibt Co-Abhängigkeit das Verhalten von Personen, die mit einem suchtkranken Menschen zusammenleben oder in enger Verbindung zu ihm stehen und deren Leben durch die Sucht beeinträchtigt wird (vgl. Schmieder 1992). In den USA wurde Anfang der neunziger Jahre erkannt, dass dieses typisch coabhängige Verhalten aber nicht nur in Beziehungen mit Abhängigen vorkommt, sondern auch in anderen Beziehungen auftreten kann. Demnach müssen z. B. Familien, in denen ein Mitglied behindert ist oder eine andere schwere Erkrankung
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vorliegt, ebenfalls lernen, mit der Belastung umzugehen und versuchen sich der Situation a nzupassen. D adurch werden sie ebenso eingeschränkt wie die Angehörigen eines Suchtkranken.
Diese Erkenntnisse haben dazu geführt, d ass Co-Abhängigkeit in den USA inzwischen als eigenständige Krankheit anerkannt ist (vgl. Rennert 1993). Da dies in Deutschland jedoch nicht der Fall ist, soll auch im Rahmen dieser Arbeit der Begriff Co-Abhängigkeit nur jenes Verhalten bezeichnen, welches Menschen in der Beziehung oder im Zusammenleben mit einem Suchtkranken entwickeln.
1.1. Entstehung und Entwicklung des Begriffs
Seinen Ursprung findet der Ausdruck „Co-Abhängigkeit“ in der professionellen Suchtkrankenhilfe der USA, deren Anschauungen maßgeblich durch die amerikanische Selbsthilfebewegung geprägt wurden. Bereits im Jahre 1939 wurden Erscheinungsformen co-abhängigen Verhaltens beschrieben, und zwar erstmalig in den Kreisen der Selbsthilfegemeinschaft Alcoholics Anonymous. In einer ihrer Schriften wurde dargestellt, welche Auswirkungen der Alkoholismus eines Familienmitgliedes auf die anderen in der Familie hat.
In den vierziger Jahren wurden dann die ersten Al-Anon Gruppen gegründet, Selbsthilfegruppen für Angehörige von Suchtkranken, die sich in der Tradition der Anonymen Alkoholiker bildeten. Die Ehefrauen von trockenen Alkoholikern hatten erkannt, dass nicht nur ihre Männer sondern auch sie selbst Hilfe brauchten und schlossen sich daraufhin zu einer Gemeinschaft zusammen. Bis zum heutigen Tage gehören die Al-Anon Gruppen wohl zu den bekanntesten unter ihresgleichen (vgl. Rennert 1990).
Im Jahre 1968 veröffentlichte Joseph Kellermann, selbst Mitglied der Anonymen Alkoholiker, eine Schrift, die unter den Angehörigengruppen zum Klassiker avancierte: „Alkoholismus - Karussell des Leugnens“ kann als Vorreiter für sämtliche Arbeiten auf diesem Gebiet bezeichnet werden. Der Autor beschreibt darin die Rollenverteilung der Personen im Umfeld des Suchtkranken, und wie sie durch ihr verantwortungsvolles Verhalten die Abhängigkeit des Betroffenen aufrechterhalten. Der Begriff Co-Abhängigkeit wurde von Kellermann aber noch nicht genannt (vgl. Rennert 1993).
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Zu dieser Zeit nahm man an, dass hauptsächlich die Partner von Süchtigen diese, bis dahin unbenannten Verhaltensweisen entwickeln (vgl. Zobel 2000). Man betrachtete sie als Reaktion auf die Belastung, die im Zusammenleben mit dem Abhängigen entsteht (vgl. Kolitzus 2002).
Ende der Siebziger kamen dann erste fachliterarische Veröffentlichungen auf den Markt, die den Begriff co-dependence bzw. co-dependency enthielten. Wieder waren es Angehörige, dieses Mal überwiegend erwachsene Kinder von Alkoholikern, die über dieses Thema schrieben. Aus ihrer eigenen Betroffenheit heraus hatten sie den Beruf des professionellen Suchtkrankenhelfers erlernt, um so den Menschen zu helfen, welche die gleichen schmerzlichen Erfahrungen machen mussten wie sie selbst. Zwei der bekanntesten Vertreter dieser Professionellen sind die Familientherapeutin Sharon Wegscheider-Cruse und der Psychologe Robert Subby (vgl. Rennert 1990), auf deren Ansätze an späterer Stelle genauer eingegangen werden soll.
Etwa zur gleichen Zeit gründeten Betroffene die ersten Selbsthilfegruppen für erwachsene Kinder von Suchtkranken ( ACA - Adult Children of Alcoholics, in Deutschland EKA genannt). Ebenso wie die Al-Anon Gruppen, folgten sie in ihrem Konzept dem Vorbild der Anonymen Alkoholiker (vgl. Rennert 1990). Durch diese Entwicklungen veränderte sich auch die Auffassung von Co-Abhängigkeit. Man ging nun davon aus, dass die Ursachen bereits in der Kindheit lägen und nicht, wie bisher angenommen, in der Partnerschaft mit einem Abhängigen. Das Aufwachsen mit einem suchtkranken Elternteil sei für die Entstehung dieser Verhaltensweisen verantwortlich. Dies sei auch der Grund dafür, dass sich vor allem erwachsene Frauen, die mit einem abhängigen Vater groß geworden sind, unbewusst einen abhängigen Partner suchen, um so ihr Verhalten aus der Kindheit fortsetzen zu können und dadurch ihre eigene Person definieren (vgl. Zobel 2000).
Wie bereits zu Beginn dieses Kapitels erwähnt, wurde das Konzept der Co-Abhängigkeit in den neunziger Jahren noch einmal erweitert. Seitdem wird es in den USA auf beinahe alle Kinder aus problembehafteten, sog. dysfunktionalen Familien angewendet. Das Aufwachsen in solch einer Familie führe demnach zur Entwicklung und Ausprägung co-abhängigen Verhaltens (vgl. Rennert 1993). In Kapitel 4 sollen zwei Ansätze dieser erweiterten Betrachtungsweise vorgestellt und diskutiert werden. Das Konzept beinhaltet allerdings nicht die wechselseitige Beeinflussung von
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Arbeit zitieren:
Jessica Schaake, 2004, Co-Abhängigkeit - Die heimliche Sucht, München, GRIN Verlag GmbH
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