INHALTSVERZEICHNIS
1. Einleitung 03
2. Die Logische Struktur 04
2.1. Symmetrische Anerkennung 04
2.2. Asymmetrische Anerkennung 06
2.2.1. Der Kampf auf Leben und Tod 06
2.2.2. Herr und Knecht 07
3. Verschiedene sozialwissenschaftliche Interpretationsansätze in der
Diskussion 09
3.1. Zentrale Motive der Hegelschen Parabel im Auge der Sozialphilosophie 09
3.1.1. Kampf auf Leben und Tod 09
3.1.2. Die Situation des Herrn 12
3.1.3. Die Situation des Knecht 14
3.2. Der psychoanalytische Interpretationsansatz 15
3.3. Die Anwendung der Parabel in der Geschichtsphilosophie 20
3.4. Die Befreiung unterschiedliche Ansätze 22
4. Konklusion 25
5. Literatur 26
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1. Einleitung
Während einer Fahrt mit dem öffentlichen Personen Nahverkehr wird die Teilung der Gesellschaft offensichtlich. Es sind heute nicht mehr Unterschiede in Rasse oder Hautfarbe, die die Teilung der Menschen in Klassen bestimmen, sondern allein der ökonomische Zustand, der einige dazu privilegiert, in besonderer Atmosphäre, isoliert von den weniger Betuchten, die Fahrt zu genießen. Da wirkt ein kurzer Blick in den Paragraphen „Selbständigkeit und Unselbständigkeit des Selbstbewußtseins; Herrschaft und Knechtschaft“ der Phänomenologie des Geistes, wie eine Aufforderung, mit der selben bewaffnet auf die Barrikaden zu gehen und gegen das Auseinanderfallen der Gesellschaft in Klassen zu revolutionieren. Die Analogie zu bestehenden Herrschaftsstrukturen ist infolge der Suggestivkraft des hegelschen Textes schnell gezogen, oft mit weitreichenden Konsequenzen. Doch in der heutigen Zeit sind durch die Aufdeckung der Greueltaten im Kommunismus zugleich mit dem Glauben an das Bestehende auch die Alternativen unglaubwürdig geworden. Es ist ruhig geworden in den gesellschaftskritischen Debatten, die sich darauf beschränken, einzelne bedenkliche Ausprägungen des hiesigen Systems unter die Lupe zu nehmen und kritisch zu hinterfragen. Ich möchte diese Situation nutzen, um das „Herr und Knecht“ Verhältnis, wie es bei Hegel präsentiert wird, in seiner logischen Struktur eingehend zu untersuchen und seine Anwendung auf die sozialwissenschaftlichen Problemfelder betrachten, dabei hoffe ich, daß es mir gelingen wird, die Analyse durchzuführen, ohne mich von der Wucht der Thematik zu stark beeinflussen zu lassen. Denn ob die Reaktionen, die der oberflächliche Blick in das Kapitel mit sich bringt, berechtigt sind, wird sich zum Ende der Untersuchung zeigen.
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2. Die Logische Struktur
Der Paragraph „Selbständigkeit und Unselbständigkeit des Selbstbewußtseins; „Herrschaft und Knechtschaft“ der Phänomenologie des Geistes beschreibt die Entwicklung des Selbstbewußtseins in der Konfrontation mit einem anderen Selbstbewußtsein. Hegel setzt voraus, daß das Selbstbewußtsein zu seinem „für sich sein“ nur durch die Begegnung mit anderen selbstbewußten Subjekten gelangen kann. „Das Selbstbewußtsein ist an und für sich, indem und dadurch, daß es für ein Anderes an und für sich ist; d.h. es ist nur als ein Anerkanntes.“ 1 Daraus folgt, daß das Selbstbewußtsein um sich selbst zu erfahren, sich mit einem anderen Subjekten auseinandersetzen muß. Die Interaktion der Subjekte vollzieht sich im Idealfall in einer „Bewegung des Anerkennens“ 2 . Die Analyse der logischen Struktur dieser Bewegung in der sich die interagierenden Subjekte befinden soll den Anfang der Untersuchung zum Verhältnis von Herrschaft und Knechtschaft bilden 3
2.1. Symmetrische Anerkennung 4
Zunächst wird der Unterschied zwischen dem Selbstbewußtsein, das den Bezugspunkt der Analyse bildet (Ego) und dem ihm entgegentretenden Selbstbewußtsein (Alter) gesetzt.
Es ist für das Selbstbewußtsein ein anderes Selbstbewußtsein; es ist außer sich gekommen. 5 Bereits in diesem Aufeinandertreffen der beiden Subjekte steckt der erste Doppelsinn. Ego „hat sich selbst verloren, denn es findet sich als ein anderes Wesen.“ Ego findet Alter, ein Wesen, das ebenso Träger eines Selbstbewußtseins ist, wie es selbst. Diese Konfrontation reicht jedoch noch nicht aus, um die Unterscheidung zu festigen, sie wird im Gegenteil sofort wieder aufgehoben. Denn „Ego stellt bei Alter keine selbständige Wesensbestimmung fest.“ 6 An diesem Punkt der I nteraktion wird das andere selbständige Wesen noch nicht als solches
1 Hegel: Phänomenologie des Geistes, S. 198. Digitale Bibliothek Band 2: Philosophie, S. 38954 (vgl. Hegel-W Bd. 3, S. 145) 2 ebd., S. 38954 (vgl. Hegel-W Bd. 3, S. 146) 3 Den Bezugspunkt für die Analyse bildet der Aufsatz „Asymmetrische und reine Anerkennung. Notizen zu Hegels Parabel über Herr und Knecht" von Jürgen Ritsert.(vgl. Ritsert 2002, S.80 ff.) 4 Um die Struktur der Argumentation darzulegen, wird zur Unterscheidung der an der Interaktion beteiligten Subjekte die von Jürgen Ritsert eingeführte Terminologie verwand. Ego bezeichnet den Bezugspunkt, Alter das diesem entgegentretende Bewußtsein (vgl. Ritsert 2002, S. 89) 5 Hegel: Phänomenologie des Geistes, S. 198. Digitale Bibliothek Band 2: Philosophie, S. 38954 (vgl. Hegel-W Bd. 3, S. 146)
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anerkannt, seine Präsens bietet Ego aber die Möglichkeit seine eigene Selbständigkeit zu erfahren, in der Reflexion, die Ego durch Alter vollzieht, ist der gesetzte Unterschied wieder aufgehoben. Im Originaltext heißt es:“ zweitens, es hat damit das Andere aufgehoben, denn es sieht auch nicht das Andere als Wesen, sondern sich selbst im Anderen“ Es sieht seine eigene Fähigkeit zu selbstbestimmten Handeln, d.h. in der Autonomie des Anderen erkennt Ego seine eigene.
Es zeigt sich folgende Grundstruktur: Zunächst wird der Unterschied gesetzt, es existiert das vermittelnde Moment (Selbstbewußtsein), das den Unterschied durch den Rückbezug auf die eigene Selbständigkeit sofort wieder aufhebt.
Der zweite Doppelsinn zielt auf diese Aufhebung des ersten Doppelsinns. Ego hat im ersten ein anderes Wesen gesehen, nun zielt Ego darauf ab, Autonomie gegenüber Alter zu erreichen. Man kann festhalten, daß sich Alter im ersten Doppelsinn Ego als autonomes Wesen präsentiert, d.h. Ego wird mit der Autonomie von außen konfrontiert, das erzeugt das Bedürfnis in Ego selbst Autonomie zu erlangen. Dazu muß er darauf abzielen „das andere selbständige Wesen aufzuheben, um dadurch seiner als des Wesens gewiß zu werden“ 7
Ego kann seiner Selbständigkeit nur im Gegensatz zur Autonomie gegenüber Alter inne werden; die Autonomie Egos gegenüber Alter ist die Aufhebung Alters. Mit dem erlangen der eigenen Autonomie gibt Ego Alter dessen Autonomie zurück, „entläßt also das Andere wieder frei“ 8 , dieses Freilassen ist, genauso wie die eigene Autonomie, ein Akt des Aufhebens des Anderen, denn vom Bezugspunkt Ego aus betrachtet, ist Alter, sobald er wieder freigelassen wurde, d.h. in seiner Autonomie bestätigt, für Ego ideell aufgehoben. Alter ist nicht nur Mittel, um sich der eigenen Autonomie gewahr zu werden, wie im ersten Doppelsinn, sondern wird in dem bewußten Streben nach der eigenen Autonomie in seiner bestätigt. Mit der Aufhebung des Unterschiedes taucht die Gemeinsamkeit zwischen Ego und Alter auf, beide sind Wesen, die der Reflexion und zu selbstbestimmten Handlungen fähig sind. Es hebt damit sich selbst auf, „denn dies andere ist es selbst“ 9 , Ego ist mit Alter in der Autonomie, d.h. in der Fähigkeit zu selbstbestimmtem Handeln, identisch.
6 Ritsert 2002 S.89f.
7 Hegel: Phänomenologie des Geistes, S. 199. Digitale Bibliothek Band 2: Philosophie, S. 38955 (vgl. Hegel-W Bd. 3, S. 146) 8 ebd., S. 38955 (vgl. Hegel-W Bd. 3, S. 146) 9 ebd. S. 38955 (vgl. Hegel-W Bd. 3, S. 146
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2.2. Asymmetrische Anerkennung
Im Gegensatz zu der symmetrischen Anerkennungsbewegung, die im Anfang des Kapitels präsentiert wurde, sind in der Herr und Knecht Parabel asymmetrische Interaktionsstrukturen dargestellt. Der absolute Gegenpol zur reinen Anerkennung ist der Kampf auf Leben und Tod, die Interaktion der beiden Subjekte unterscheidet sich drastisch von der Struktur, die in der reinen Anerkennung dargelegt wurde.
2.2.1. Der Kampf auf Leben und Tod
Ego und Alter treffen aufeinander, durch eine beide antreibende Begierde nach einem Objekt in der Welt. 10 Ego und Alter haben beide den gleichen Anspruch, erkennen sich jedoch nicht als Subjekte an, sondern versuchen ihr Interesse nach Bedürfnisbefriedigung durchzusetzen. Ego möchte als Subjekt anerkannt werden, d.h. von Alter seine Begierde nach einem Objekt durch Alter bestätigt bekommen, ohne Alter ebenso anzuerkennen. 11 Ego ist bereit, diesen Wunsch nach Anerkennung durch Einsatz seines biologischen Lebens zu erringen. Der Kampf endet im günstigsten Fall darin, daß Alter sein biologisches Leben über die Begierde setzt und somit die Begierde Egos anerkennt, d.h. ihn als Subjekt anerkennt, bzw. in einem Unterliegen Egos. Endet der Kampf durch den Tod eines der beiden Interaktionspartner, ist niemand mehr da, der Ego anerkennen kann und das Ziel nach Anerkennung verfehlt.
Im Vergleich zur Struktur der reinen Anerkennung zeigen sich folgende Unterschiede:
(1) Die Anerkennung wird nicht in der direkten Interaktion gesucht, sondern vermittelt über die Objektwelt, genauer über eine Begierde, die sich auf ein Objekt richtet.
(2) Alter wird von Ego nicht in seiner Selbständigkeit wahrgenommen, sondern ist ein Hindernis zwischen ihm und seiner Begierde, insofern unterscheidet sich Alter in
10 Hegel spricht von einem „Fürsichsein“ der Subjekte. Jürgen Ritsert verweist in diesem Zusammenhang auf das Durchsetzen der Einzelinteressen (vgl. Ritsert 2002 S. 92). Hier wird angenommen, daß sich die Einzelinteressen notwendig ihren Ausdruck in der Begierde nach einem Objekt finden (vgl. Kojève 1975 S.20ff.) 11 „welche als Extreme sich entgegengesetzt [sind] und [von welchen] das eine nur Anerkanntes, das andere nur Anerkennendes ist.[Hegel: Phänomenologie des Geistes, S. 201. Digitale Bibliothek Band 2: Philosophie, S. 38957 (vgl. Hegel-W Bd. 3, S. 147)]
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der Wahrnehmung Egos nicht von der Objektwelt und ist in insofern verdinglicht et vice versa. 12
2.2.2. Herr und Knecht
Zwischen den Extremen „reine Anerkennung“ und „Kampf auf Leben und Tod“ ist das „Herr und Knecht“ Verhältnis einzuordnen. Es entsteht aus dem „Kampf auf Leben und Tod“, denn das reine Gewaltverhältnis wird verlassen, sobald der Kampf entschieden ist. Der Sieger, d.h. derjenige, der bereit war, sein Leben einzusetzen, ist der Herr, der Unterlegene ist der Knecht.
Auch diese Interaktion zeichnet sich durch ihre asymmetrische Struktur aus. Der Herr wird vom Knecht als Herr anerkannt 13 , erkennt aber seinerseits nicht den Knecht an. Zwischen ihnen steht die materielle Welt, auf die sich beide in unterschiedlicher Weise beziehen, der Knecht modifi ziert die Welt durch seine Arbeit, der Herr genießt die Früchte der Arbeit des Knechtes, ohne selbst zu arbeiten. Auch in dieser Struktur existiert im eigentlichen Sinne noch keine Anerkennung zwischen den Parteien 14 , der Herr erkennt den Knecht nicht an und die Anerkennung, die der Knecht dem Herrn entgegenbringt, erfüllt den Herrn nicht, da er wirkliche Anerkennung nur von einem Herren bekommen könnte, trotzdem ist durch das vermittelnde Moment (die materielle Welt), auf welches sich beide auf ihre Weise beziehen, ein Kontakt zwischen den beiden hergestellt. 15 Der Herr genießt die Produkte, die der Knecht erzeugt, somit können sich beide in der Interaktion ihrer gegenseitigen Abhängigkeit gewahr werden.
Die logische Struktur soll nun im Hinblick auf die beiden anderen Pole abgegrenzt werden.
Im „Kampf auf Leben und Tod“ fehlt jeglicher Kontakt zwischen den Subjekten, im Herr Knecht Verhältnis ist zumindest die Möglichkeit gegeben, die asymmetrische Struktur zu überwinden; diese wird durch die ungleichen Weisen gesetzt, in der sich Herr und Knecht auf das Objekt beziehen, einer arbeitet, der andere genießt. Diese
12 So unmittelbar auftretend, sind sie füreinander in der Weise gemeiner Gegenstände;
[ebd. , S. 38957 (vgl. Hegel-W Bd. 3, S. 148)] 13 „In diesen beiden Momenten wird für den Herrn sein Anerkanntsein durch ein anderes Bewußtsein;“ [ebd., S. 38963 (vgl. Hegel-W Bd. 3, S. 151)] 14 „Es ist dadurch ein einseitiges und ungleiches Anerkennen entstanden.“ [ebd., S. 38964 (vgl. Hegel-W Bd. 3, S. 152)] 15 „Es ist also hierin dies Moment des Anerkennens vorhanden, daß das andere Bewußtsein sich als Fürsichsein aufhebt und hiermit selbst das tut, was das erste gegen es tut.“ [ebd., S. 38963 (vgl. Hegel-W Bd. 3, S. 151-152)]
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Matthias Gloser, 2004, Herr und Knecht bei Hegel, Munich, GRIN Publishing GmbH
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