Isotopie, Text und Textsorte
von: Jochen Müller
6. Fach-/Studiensemester
Gliederung
1. Einleitung
2. Isotopie und Textualität
2.1 Einführung in die Komponentialsemantik
2.2 Isotopie: Ansatz und Textkonzept
2.3 Beispieltexte für Isotopie
2.4 Kritik: Probleme und Grenzen einer an Isotopie orientierten Text-theorie
3. Isotopie und Textsorte
3.1 Texttheorie und Textsorte
3.2 Anwendung der Isotopie auf Textsorten
3.3 Kritik: Die Unzulänglichkeit der Isotopie als Textsortentheorie
4. Literaturverzeichnis
1. Einleitung
Ausgangspunkt der Textlinguistik ist die Frage, was einen Text zu einem Text macht, d. h. sie beschäftigt sich mit der Definition von "Textualität", mit Abgrenzung und Klassifizierung von Texten und ihrer Struktur. Innerhalb der Textlinguistik wird einerseits an einem einheitlichen Textbegriff geforscht, andererseits an der Bestimmung von Textsorten und, soweit sie pragmatisch orientiert ist, an der Bestimmung von Textfunktionen. Dafür stehen verschiedene linguistische Zugänge bereit, die je nach Perspektive andere Aspekte von Textualität hervorheben. Grob zur unterscheiden sind dabei: ein syntaktisch-systemlinguistischer Ansatz, der auf "Oberflächenphänomene" Bezug nimmt, wie z. B. syntaktische Verknüpfungen etc.; ein semantisch-inhaltlicher Ansatz, der auf "Tiefenphänomene" Bezug nimmt, wie z. B. Inhalt, Thema und Bedeutungszusammenhang; schließlich ein pragmatischer Ansatz , der sich auf Sprachverwendung und die kommunikativen und funktionalen Aspekte von Sprache konzentriert. Dementsprechend gibt es unter-schiedliche Möglichkeiten zur Bestimmung von Textualität (syntaktisch, semantisch oder funktional) und zur Textklassifizierung, z. B. nach Textgegenstand/Textinhalt oder Textfunktion. Schließlich ergeben sich aus den Definitionen von Textualität unterschiedliche Arten von Text- und Textsortenanalyse, nämlich eine kohäsions- und kohärenzorientierte. Kohäsion bezeichnet die Texthaftigkeit einer "Oberflächenstruktur", d. h. die Verknüpfung durch Syntax, Kohäsionsmittel (Rekurrenz und Substitution, Pronomina, Artikel, Konjunk-tionen) und durch die Abfolge von Textbausteinen. Diese Form von Texthaftigkeit ist un-mittelbar an das Sprachmaterial gebunden und damit direkt auf der Textoberfläche sichtbar. Demgegenüber bezeichnet Kohärenz Verknüpfung innerhalb der "Tiefenstruktur" eines Textes, d. h. eine semantische oder inhaltlich-konzeptuelle Beziehung. Kohäsion wie Kohärenz können als textinterne Kriterien betrachtet werden, da sie sich am Text selbst ablesen lassen, während sich die pragmatische Texttheorie an textexternen Kriterien orientiert, z. B. der Verwendung oder Intention von Texten.
Der Begriff der "Isotopie" als Kennzeichen von Textualität, von dem im folgenden die Rede sein soll, bezieht sich auf textinterne Kriterien der "Tiefenstruktur" eines Textes und wurde von Greimas in seinem 1966 erschienen Werk "Sémantique structurale. Recherche de méthode." (dt. "Strukturale Semantik") geprägt. Unter dem Begriff der Isotopie beschreibt Greimas Text als ein System verschiedener kompatibler semantischer Merkmale, die in seinen lexikalischen Einheiten wiederholt auftreten. Greimas betrachtet Textverknüpfung also zum einen unter semantischen Gesichtspunkten; die Gemeinsamkeit semantischer Merkmale, die Äquivalenz und Rekurrenz von semantischen Merkmalen in einem Text erzeugt eine Verknüpfung, die als Isotopiekette oder Isotopienetz bezeichnet wird. Indem sie zum einen Phänomene der Texttiefenstruktur, d. h. der Semantik, untersucht, zum anderen mit dem Begriff der "Rekurrenz" arbeitet, der das wiederholte Auftreten von Textbausteinen auf der "Textoberfläche" und somit ein Kohäsionsmittel beschreibt, stellt sie eine Mischung aus kohäsions- und kohärenzorientierter Textanalyse dar; Textverknüpfung entsteht hier durch rekurrente semantische Merkmale, sog. Seme. Isotopie bezieht sich allerdings auf semantische Merkmale "unterhalb" der Wortebene, während Rekurrenz als Mittel der Kohäsion gewöhnlich wiederholt auftretende Lexeme meint. Sie bezieht sich dabei auf die sog. Sem-Analyse der Komponentialsemantik, die Wortbedeutungen in semantische Merkmale zerlegt.
Daraus ergibt sich die Frage, inwiefern Isotopie Textualität erklären kann und Textsorten zu definieren und zu klassifizieren hilft. Da die Theorie der "Isotopie" mit Begriffen der Semantik und insbesondere der Komponentialsemantik arbeitet, werde ich zuerst die Begriffe und Vorgehensweise der Komponentialsemantik behandeln. Ausgehend davon wird der Begriff der "Isotopie" und das Textkonzept, das aus ihr folgt, näher erläutert und mehrere Beispiele für Isotopie innerhalb von Texten gegeben. Dabei soll aufgezeigt werden, inwiefern dies die Texttheorie bestimmt, die aus der Erklärung von Textualität durch "Isotopie" folgt, und deutlich werden, daß die strukturellen Mängel der Komponentialsemantik auch die einer auf Isotopie beruhenden Texttheorie sind. Anhand von Beispieltexten werde ich die Grenzen und die Probleme einer Texttheorie aufzeigen, die Isotopie als bestimmendes Kennzeichen von Text begreift. Schließlich soll auf grundlegende Texttheorien eingegangen werden und auf die Möglichkeiten, Textsorten zu klassifizieren und zu definieren; meine Absicht ist dabei, Isotopie zur Klassifikation von Textsorten heranzuziehen und die Tauglichkeit ihrer Erklärung für Textualität zu prüfen. Im abschließenden Resümee beabsichtige ich, zum einen Isotopie als Texttheorie, zum anderen als Textsortentheorie kritisch zu betrachten und der Frage nachzugehen, ob unter dem Gesichtspunkt der Isotopie die Kulturspezifik von Textsorten aufgezeigt werden kann.
2. Isotopie
2.1 Einführung in die Komponentialsemantik
Der Begriff der "Komponentialsemantik" bezeichnet eine strukturalistische Semantik, die Wortbedeutung als aus elementaren semantischen Einheiten zusammengesetzt ansieht. Die denotative Wortbedeutung wird in grundlegende semantische Merkmale zerlegt, die in ihrer Kombination die Gesamtheit eines Begriffes ausmachen; d. h. eine Bedeutungsdekomposition soll zu grundlegenden semantischen Einheiten, sog. Semen, führen, die unterhalb der Wortebene bzw. unterhalb der Lexemebene anzusiedeln sind. Die Komponentialsemantik betrachtet also nicht Lexeme als grundlegende semantische Bausteine eines Textes, sondern semantische Merkmale, die den "internen" Aufbau von Textkonstituenten (Lexemen) bestimmen. Jedes Lexem ist in selbständige Komponenten aufzuteilen, die allgemeiner als es sind und durch eine Hierarchie strukturiert werden. Semantische Merkmale sind somit als theoretische Konstrukte anzusehen, die den Anspruch erheben, nicht einer natürlichen Sprache anzugehören, sondern eine Metasprache zu bilden (Schmidt 1973, 62). Schmidt (ebd., 60f.) führt hierzu aus:
Diese semantischen Merkmale [...] werden aufgefaßt als (metasprachlich formulierte) selbständige Komponenten, die weniger zahlreich (also allgemeiner) sind, als die Lexeme (= Aspekt des begrenzten Inventars) und aus denen durch hierarchische Kombination die Lexembedeutung aufgebaut werden kann (=Aspekt der "Generativität") [...] Die Schwierigkeiten dieses strukturalistischen Konzepts, das versucht, die Bedeutung eines Lexems nicht durch synonyme Substitutionen, sondern durch geordnete Stränge semantischer Merkmale zu charakterisieren, liegt nun aber darin, daß den semantischen Merkmalen in der Oberflächenstruktur (in der Regel) kein eigenes Element entspricht, sie also hypothetisch-konstruktiv oder abstraktiv-denominativ eingeführt werden müssen und ihre empirische (bzw. ontologische) Begründung sowie die empirische Bestätigung ihrer Formulierung erhebliche Probleme aufwirft.
Grundlage der Isotopie ist Greimas Ansicht von Sprache als einem Verband von Bedeutungsstrukturen. Die Gesamtheit der semantischen Merkmale, die Greimas als "Seme" bezeichnet, decken das gesamte Bedeutungsuniversum einer Gesellschaft ab, sie bilden die semiologische Ebene einer Sprache bzw. deren Sem-System. Hiermit stößt Isotopie auf das grundlegende Problem der Semantik, nämlich daß ihre Untersuchungen selbst im Kreis der untersuchten Sprache eingeschlossen ist, d. h. Objektsprache und Untersuchungssprache sind identisch. Die Komponentialsemantik versucht, dieses Problem zu umgehen, indem sie Bedeutung als Relation begreift. Sie erfordert die Anwesenheit von zwei Termen und eine Relation zwischen ihnen, so daß sich die Bedeutung eines Sems letztlich aus einer Relation ergibt und durch Identität oder Differenz erfaßt werden kann. Die grundlegende Annahme ist, daß sich semantisch distinktive Merkmale dadurch gewinnen lassen, daß man semantisch ähnliche Begriffe einander gegenüberstellt. Das bedeutet auch, daß sich Lexikonbestandteile in bestimmbaren Elementen voneinander unterscheiden müssen.
[...]
Arbeit zitieren:
Jochen Müller, 1998, Isotopie, Text und Textsorte, München, GRIN Verlag GmbH
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