Gliederung
1. Einleitung (S 3)
2. Betrachtungen eines Unpolitischen (S 3)
3. Nietzsches Philosophie im Lichte unserer Erfahrungen (S 5)
4. Der Zauberberg (S 6)
4.1 Grundkonstellation und Personalarchitektur des Romans (S 6)
4.2 Todesverfallenheit und Instinkt für den Rang (S 7)
4.3 Rangordnung von Krankheit (S 8)
4.4 Schnee (S 9)
5. Résumé (S 11)
6. Literatur (S 11)
2 NA
„Wer Nietzsche glaubt, ist verloren“
Thomas Manns Nietzsche-Rezeption und ihre Verarbeitung im Zauberberg
1. Einleitung
Bereits mit 19 Jahren hat Thomas Mann Nietzsches Wagner-Kritik gelesen. Aus den hand- schriftlichen Besitzvermerken Manns geht hervor, dass er bereits 1901 über eine „intime Kennt- nis“ 1 der Schriften Friedrich Nietzsches verfügt.
Diese Arbeit unternimmt den Versuch anhand zweier Aufsätze von Thomas Mann – Betrachtungen eines Unpolitischen (1918) und Nietzsches Philosophie im Lichte unserer Erfahrung (1947) – die ambivalente Nietzsche-Rezeption des Schriftstellers herauszuarbeiten und in Zusammenhang mit den Nietzsche-Anspielungen im Zauberberg (1924) zu bringen. Dabei wird zu klären sein, in- wiefern sich sowohl die Begeisterung für den „Künstlerphilosophen“ als auch die Kritik an Nietzsches inhaltlichen Aussagen in dem Roman wiederfinden lassen.
2. „Betrachtungen eines Unpolitischen“
In dem umstrittenen Aufsatz, in dem Thomas Mann seinen Beitrag zum Ersten Weltkrieg, seinen „Gedankendienst mit der Waffe“ 2 , leistet, spielt Nietzsche eine große Rolle. Schon der Titel erinnert an Nietzsches Unzeitgemäße Betrachtungen. Wie Hermann Kurzke nachweist, besteht das Buch zu etwa 90 Prozent aus „Zitaten oder von Zitaten abhängigen Passagen“ 3 . Um die Quellenlage wenig bemüht, bedient sich Mann bei seinen selbsternannten „Eideshelfern“ in „schwelgender Dankbarkeit für empfangene Wohltat“ 4 : „Er selektiert nach rein persönlichen, nicht nach sachlichen Prinzipien und oft gegen die erklärte Absicht der Quelle“ 5 , so Kurzke. Diesen Umstand gilt es im Hinterkopf zu behalten, wenn Mann Nietzsche immer wieder als „Erlebnis“ bezeichnet. In dem Kapitel Einkehr, in dem Mann seine eigenen geistigen Grundlagen Revue passieren lässt, zeigt er sich ganz im Bann der Trias Schopenhauer-Nietzsche-Wagner, dem „Dreigestirn ewig verbundener Geister“, die für ihn „Fundament meiner geistig-künstlerischen 1 Erkme: 1996, S.1.
2 Mann: 1918, S.31.
3 Kurzke: 1987, S.291.
4 Mann: 1918, S.33.
5 Kurzke: 1987, S.303.
3
Bildung“ sind. 6 Der Schriftsteller ist dabei „ehrfürchtiger Schüler“ 7 der Dreieinigkeit von „ethi- scher Luft, faustischem Duft und Kreuz, Tod und Gruft“ 8 . Nietzsche wird vor allem als Verfalls- psychologe gekennzeichnet, als „zeitbeherrschendes Erlebnis, das alles geistige Erleben der Epo- che bis in seine letzten Zerteilungen beeinflusst, und das auf eine unerhört neue, moderne Art Erlebnis war“ 9 .
Trotz dieser gefühlsintensiven Rezeption behält sich Mann seine epische Distanz zum dithy- rambischen Lyriker und Propheten: „denn nicht so sehr der Prophet irgend eines unanschauli- chen ‚Übermenschen‘ war er mir von Anfang an [...], als vielmehr der unvergleichlich größte und erfahrenste Psychologe der Dekadenz“ 10 . Diese „Spaltung des Nietzsche-Bildes“ 11 (Kurzke) in einen „Nietzsche der Früh- und Reifezeit“ und einen „späten, grotesk und fanatisch gewordenen Nietzsche“ (Mann) 12 , ist zwar in der Nietzsche-Rezeption nicht unüblich (Hirschberger etwa sieht „drei Perioden“ 13 ), nur steht sie bei Mann nicht im Einklang mit der Werkchronologie: Das viel- zitierte „psychologische“ Jenseits von Gut und Böse (1886) etwa entstand nach dem verworfenen „prophetischen“ Also sprach Zarathustra (1883-1885). An anderer Stelle wird der Wille zur Macht (1887, von Nietzsche selbst nie veröffentlicht) als Nietzsches „Hauptwerk“ 14 bezeichnet, obwohl es unbestritten dem Spätwerk zuzurechnen ist. Mann bedient sich also bei Nietzsche recht will- kürlich. Auch wenn ihn der Verfallspsychologe und Künstlerphilosoph als Erlebnis stark beein- druckt hat, so bleibt doch die von Mann angestrebte Vereinigung von Bürgerlichkeit und Kunst mit dem dionysischen Lebensbegriff Nietzsches letztlich unvereinbar, wie Theo Meyer ausführt:
„Aus Manns Äußerungen spricht die apollinisch -epische Existenz, die zwar fasziniert ist vom dionysi- schen Leben, aber letztlich Abstand zu ihm hält und es als ästhetisches Phänomen mehr betrachtet als erlebt.“ 15 6 Mann: 1918, S.91.
7 Mann: 1918, S.98.
8 Nietzsche über Wagner und Schopenhauer. Dieses Zitat wird von Mann mehrfach verwandt, um die Stimmung des Dreigestirns zu kennzeichnen. Mann: 1918, S. 98 und S.163.
9 Mann: 1918, S. 163.
10 Mann: 1918, S.98.
11 Kurzke: 1993, S.195.
12 Mann: 1918, S.356f.
13 Hirschberger: 1952, S.502-505.
14 Mann: 1918, S.401.
15 Meyer: 1993, S.346.
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2002, "Wer Nietzsche glaubt, ist verloren". Thomas Manns Nietzsche-Rezeption und ihre Verarbeitung im "Zauberberg", Munich, GRIN Publishing GmbH
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