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Paradoxien der falschen Meinung in Platons Theätet
Inhalt dieses Essays ist die Möglichkeit von falschen Meinungen. Es mag zunächst evident
erscheinen , dass es falsche Meinungen gibt, in Platons Dialog Theätet jedoch führt jeder
Erkl ärungsversuch für ihre Möglichkeit in eine Paradoxie. Nachdem bereits die These
verworfen wurde, dass „Wissen nichts anderes als Wahrnehmung“ 151e sei, wird das
Wissen nun nicht mehr in den Einzelsinnen, sondern in einer zentralen Instanz, der „Seele
selbst für sich genommen“ 185d , verortet. Die Beschäftigung der Seele mit dem, was ist,
wird Theätet zufolge als Meinen bezeichnet Vgl. 187a Da Wissen aber unmöglich „Meinung
insgesamt“ sein kann, „da es auch falsche Meinung gibt“, vertritt er nun die These, Wissen
sei gleichbedeutend mit wahrer Meinung Vgl. 187b Dies wirft für Sokrates die Frage auf, wie
überhaupt falsche Meinungen möglich sind Vgl. 187d
Um diese Frage zu beantworten, unternehmen die beiden Philosophen fünf
Erkl ärungsversuche, die ich im Folgenden zu kennzeichnen versuche: (I) aus dem Wissen
und Nichtwissen von den Dingen, (II) aus dem Sein und Nichtsein der Dinge, (III) aus der
M öglichkeit, etwas anderes zu meinen, (IV)?als falsche Verknüpfung von Gedanke und
Wahrnehmung (Wachsblockmodell), (V) aus dem Unterschied von Besitzen und Haben
(Taubenschlagmodell) In der Beschreibung werde ich jeweils auch auf die Gründe eingehen,
warum die Erklärungsversuche scheitern. In (VI) versuche ich, die Paradoxien in einen
Gesamtzusammenhang zu stellen und ihre Funktion zu erläutern.
(I) Wissen und Nichtwissen
F ür den ersten Anlauf, die Existenz falscher Meinungen zu erklären, werden Wissen und
Nichtwissen kontradiktorisch einander gegenübergestellt: Für „alles und jedes“ gilt, „dass wir
es entweder wissen oder nicht wissen“ 188a Hilfreich zum Verständnis dieses Arguments
(wie auch der folgenden) ist sicherlich der Hinweis, dass das hier verwendete griechische
„epistathai“ sowohl wissen als auch kennen bedeuten kann. Dasselbe zu wissen und nicht zu
wissen ist unmöglich, wenn von den Zwischenbereichen des Lernens und Vergessens
abgesehen wird Vgl.188a-b Meinungen beziehen sich folglich ebenfalls auf etwas, was man
wei ß oder nicht weiß Vgl. 188a Es ergeben sich vier Möglichkeiten der falschen Meinung:
(i)?Man kennt etwas und hält es für etwas anderes, das man ebenfalls kennt. (ii)?Man kennt
etwas nicht, und hält es für etwas anderes, was man ebenfalls nicht kennt. Vgl. 188b
(iii)?Man kennt etwas, hält es aber für etwas, das man nicht kennt. (iv)?Man kennt etwas
nicht und hält es für etwas, das man kennt. Vgl. 188c All diese Möglichkeiten sind jedoch
schon durch die Prämisse ausgeschlossen, dass man nicht etwas wissen und gleichzeitig nicht
wissen kann: Kennt man etwas (i) und (iii) , so kann man es nicht für etwas anderes halten,
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da man es kennt. Kennt man etwas nicht [(ii) und (iv)], so kann man es schwerlich für irgend etwas halten, da man es schließlich nicht kennt. Der Anlauf zeigt also, dass der Ausschluss einer dritten Möglichkeit - etwas zu wissen und doch nicht zu wissen - falsche Meinungen unmöglich macht [„außer diesen Fällen ist kein Meinen möglich, wenn wir jedenfalls alles entweder wissen oder nicht wissen“, 188c].
Offenbar greift der Ansatz zu kurz, weil etwa die Möglichkeit, dasselbe in einer bestimmten Hinsicht zu kennen, in einer anderen Hinsicht jedoch nicht, hier keinen Platz findet. Platon wird diese Unterscheidung selbst wieder aufgreifen (siehe IV).
(II) Sein und Nichtsein
Die Möglichkeit einer falschen Meinung wird nun im zweiten Anlauf nicht mehr im meinenden Subjekt, sondern im Gegenstand der Meinung verortet, indem Sokrates und Theätet nicht „auf das Wissen und Nichtwissen achten, sondern auf das Sein und Nichtsein“ [188c-d]. So ließe sich eine falsche Meinung als eine Behauptung von etwas erklären, „was nicht ist“ [188d]. Durch eine Analogie zur Wahrnehmung versucht Sokrates nun aber, auch diese Möglichkeit zu verwerfen: Wer etwas sieht, hört oder berührt, der bezieht sich in seiner Wahrnehmung notwendig auf etwas, das ist [Vgl. 188e-189a]. Folglich müsse auch der Meinende sich auf etwas beziehen, das ist. Eine Meinung von etwas, das nicht ist, ist also keine Meinung. [Vgl. 189a].
Offensichtlich führt die behauptete Korrespondenz von Meinung und Wahrnehmung zu einer Disanalogie. Das Argument ist eleatisch, weil es Sachverhalte wie Gegenstände behandelt. Wahrnehmung bezieht sich auf ein Objekt, eine Meinung bezieht sich auf einen meist komplexeren Sachverhalt. Durch die Gleichsetzung der beiden Ebenen kommt es zu dem Fehlschluss, dass falsche Meinungen nicht möglich sind. Natürlich muss der Meinung selbst - als performativer Akt - eine Existenz zugesprochen werden, ihr propositionaler Gehalt kann jedoch unabhängig davon wahr oder falsch sein. Er muss also nur in dem Sinne „sein“, dass der Meinende weiß, worauf er sich bezieht.
(III) Anderes Meinen
Im dritten Anlauf wird nun, weil sich Meinung nicht auf Nichtseiendes beziehen darf, Verschiedenes fälschlicherweise füreinander gehalten. Falsche Meinung ist für Sokrates jetzt „etwas anderes meinen“, zwei Entitäten, die beide sind, werden „in Gedanken miteinander verwechselt“ [189b-c]. Eine rein bewußtseinsimmanente Verwechslung ist aber gar nicht möglich: Niemand sage zu sich selbst, der Ochse sei ein Pferd, gerade sei ungerade oder schön sei häßlich [Vgl. 190b-c]. Folglich ist falsche Meinung auch so nicht erklärbar.
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Diese innergedankliche Verwechslung hat mit Gegenständen oder Sachverhalten nichts mehr zu tun. Sie stellt vielmehr eine Verwechslung von Ausdrücken dar, die in der Tat absurd erscheint. Der Erklärungsversuch erfährt im Folgenden eine Präzision, wenn die Verwechslung durch eine falsche Verknüpfung von Gedanke und Wahrnehmung zustandekommt.
(IV) Das Wachsblockmodell
Für den vierten Anlauf wird zunächst zugestanden, dass es doch möglich sei, etwas zu kennen und es für etwas anderes zu halten, das man nicht kennt. Die umgekehrte Behauptung (iii) aus dem ersten Anlauf (I) wird nun dahingehend präzisiert, dass sie eben „in gewisser Hinsicht“ [191b] doch zutreffe. Zu diesem Zweck werden auch diejenigen Prozesse, die Sokrates am Anfang unbeachtet lassen wollte, zur Erklärung herangezogen: lernen und vergessen.
Unser Gedächtnis wird hierfür als ein Wachsblock dargestellt, in den Wahrnehmungen und Gedanken als „Abdrücke“ eingehen und so als Erinnerungen fungieren [Vgl.191c-d]. In einer nicht unbeachtlichen Reihung werden nun siebzehn mögliche Meinungskombinationen durchgespielt, derart, dass man jemanden kennt/ nicht kennt und wahrnimmt/nicht wahrnimmt und ihn für jemanden hält, den man kennt/ nicht kennt und wahrnimmt/ nicht wahrnimmt, auf deren einzelne Darstellung an dieser Stelle leider verzichtet werden muss [Vgl. 192a-d]. Die falsche Meinung wird nun dort verortet, wo Wissen und Wahrnehmung zusammenspielen: „Dort, wo man weder etwas weiß, noch es jemals wahrnimmt, kann man sich offensichtlich weder irren, noch gibt es eine falsche Meinung hiervon [...]. Dort aber, wo wir etwas wissen und auch wahrnehmen, dreht und windet sich die wahre und falsche Meinung hin und her.“ [194a-b].
Das Wachsblockmodell hat einen entscheidenden Vorteil: Durch die Differenzierung von abgespeichertem Wissen und aktuellem Sinneseindruck wird es möglich, in zwei verschiedenen Hinsichten sich auf dieselbe bekannte Sache zu beziehen. Falsche Meinung entsteht durch die falsche Zuordnung einer „Vorlage“ (Wahrnehmung) mit einem „Abdruck“ (Erinnerung) [Vgl. 194b].
Auch diese Erklärung wird aber wieder verworfen: Das Modell besagt, dass die falsche Meinung nicht innergedanklich, sondern durch die falsche Identifizierung von Gedanke und korrespondierendem Sinneseindruck entsteht. Folglich könne niemand (rein gedanklich) die Zahl Elf für die Zahl Zwölf halten, sondern nur durch „Sehen oder Berühren“ sei eine Verwechslung möglich [Vgl. 195e]. Beim Rechnen kann man sich aber auch innergedanklich irren, etwa, wenn die Zahlen Fünf und Sieben zusammengezählt die Zahl Elf ergeben [Vgl.
Arbeit zitieren:
2002, Paradoxien der falschen Meinung in Platons "Theätet", München, GRIN Verlag GmbH
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