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Wissen und Wahrnehmung in Platons Theätet
Dieser Essay beschäftigt sich mit der These des Theätet, nach der „Wissen nichts anderes als Wahrnehmung“ [151e] sei. Hierfür werden die wichtigsten Argumente Platons gegen die Identifikation beider Begriffe herausgearbeitet, auf ihre Überzeugungskraft hin untersucht und mögliche andere Argumentationsstrategien diskutiert. Der Essay gliedert sich (I) in eine Vorbemerkung über den Aufbau der Argumentation, in Darstellung und Kritik zunächst (II) der Gegenargumente, die sich allein auf die behauptete Wortübereinkunft beziehen, und (III) der Widerlegung des protagoreischen Relativismus, den Platon als äquivalente Theorie zu der Behauptung Theätets auffasst (siehe I). In (IV) werden die Ergebnisse zusammengetragen. (I) Zum Aufbau der Argumentation
Zur Strategie des Sokrates gehört es in diesem Dialog, die These des Theätet zunächst so stark wie möglich zu mache n (mit Sokrates ist hier wie im gesamten Essay nicht der historische Sokrates, sondern die Dialogfigur Platons gemeint). Diese Heransgehensweise, bei der ausführlich Argumente und Theorien herangezogen werden, die für die These sprechen, wird umgekehrt dann auch die Widerlegung der These evidenter erscheinen lassen, weil eben keine Argumente für die These ausgelassen wurden. Dieser Anspruch wird besonders in der fiktiven Gegenrede Protagoras‘ deutlich, wenn Sokrates ihn sagen lässt: „wenn du eine meiner Behauptungen durch Fragen prüfst und wenn der Gefragte mit einer Antwort, die auch ich gegeben hätte, zu Fall kommt, dann werde auch ich widerlegt; wenn aber mit einer anderen, dann nur er, der Gefragte.“ [166ab] Eine These gilt erst dann als widerlegt, wenn nicht nur ein Argument, sondern die stärkste Argumentation für die These widerlegt ist. Diese Strategie erklärt nun, warum Sokrates den ersten Vorschlag zu einer Bestimmung des Wissens von Theätet mit allerlei Theorien anreichert, die nicht zwingend in einen Zusammenhang mit der Ausgangsthese gebracht werden müssen: insbesondere der Homo-Mensura-Satz des Protagoras [Vgl.152a], die Flussontologie Heraklits [Vgl.152df.] und die Theorie der Wahrnehmung nach Demokrit, nach der etwa das Sehen nicht im wahrnehmenden oder wahrgenommenen Objekt anzusiedeln ist, sondern durch Zusammenstoß zustandekommt [Vgl.153d - 154a]. Sokrates reicht es nicht, Theätet seine Behauptung auszureden: Er bringt sie in einen Gesamtzusammenhang epistemologischer und ontologischer Theorien, um damit seine Widerlegung der These zu verstärken. Kennzeichnung und Interpretation dieser zusätzlichen Thesen ist nicht Gegenstand dieses Aufsatzes. Es sei jedoch hiermit darauf hingewiesen, dass für Platon diese Theorien mit der These des Theätet zusammenfallen („Und
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es kommt auf dasselbe hinaus, wenn nach [...] Heraklit [...] alles sich wie Flüsse bewegt, nach Protagoras [...] der Mensch der Maßstab aller Dinge ist, und wenn nach Theätet auf Grund dieser Lehren Wahrnehmung Wissen wird.“, 160df.) Wenn also im Folgenden die Argumente Platons gegen die These des Theätet untersucht werden, so kommt man nicht umhin, zumindest den protagoreischen Relativismus mitzuthematisieren. (II) Konsequenzen aus der Gleichsetzung von Wissen und Wahrnehmung
Um zu überprüfen, ob Wissen und Wahrnehmung dasselbe sind, bringt Sokrates das Beispiel einer fremden Sprache und einer fremden Schrift. Beides könnten wir durch Hören bzw. Sehen wahrnehmen, jedoch folge daraus nicht, dass wir zugleich wüßten, „was sie sagen“ [163b] oder verstünden, was ein wahrgenommener fremder Schriftzug bedeutet [Vgl. ebd.]. Theätet entgegnet, dass genau das an ihnen verstanden werde, was auch wahrgenommen werden könne: „Gestalt und Farbe“ bzw. „Höhe und Tiefe“ [163b]. „Was aber die Schreiblehrer und Dolmetscher darüber lehren“ [163c], werde weder wahrgenommen, noch verstanden. Diese geschickte Unterscheidung von sinnlich wahrnehmbaren Signifikant und der Bedeutungsebene, dem Signifikat, hilft ihm hier vorerst aus der aporetischen Klemme. Sokrates gibt sich auch großzügig, und zieht die Ansicht Theätets nicht weiter in Zweifel, weil dieser schließlich an „Selbstvertrauen gewinnen“ soll [163c]. Meiner Meinung nach wäre an dieser Stelle jedoch weiter nachzufragen gewesen: Worin besteht denn der Unterschied zwischen demjenigen, der einer Fremdsprache nicht kundig ist und einem Dolmetscher, wenn sie doch beide Höhen und Tiefen wahrnehmen, der zweitere jedoch darüberhinaus die Bedeutung einer Äußerung verstehen kann? Hier scheint mir doch ein möglicher Beweis dafür vorzuliegen, dass es einen Unterschied zwischen Wahrnehmung und Wissen geben muss.
Sokrates konstruiert stattdessen ein anderes Beispiel: Jemand erinnert sich an etwas, das er gelernt hat, hat aber kein Wissen davon. Theätet stimmt Sokrates zu, dass dies nicht möglich sei [Vgl. 163d]. Dieser Jemand sieht etwas, weiß es demzufolge auch (weil Wissen Wahrnehmung ist), schließt die Augen und erinnert sich daran. Da er es aber nun nicht mehr sieht (wahrnimmt), hat er auch kein Wissen mehr davon [Vgl.163d-164b]. Das konstruierte Beispiel, das als abwegig bezeichnet wurde, ist logische Folge der von Theätet vertretenen These. Die Argumentation Sokrates‘ beruht auf der folgenden Struktur: Ein bestimmter Sachverhalt wird übereinstimmend für falsch befunden. Genau dieser Sachverhalt wird nun aber schlüssig aus der Anfangsthese abgeleitet, daraus folgt, dass die These ebenfalls falsch sein muss: „Offensichtlich kommt also etwas Unmögliches heraus, wenn man Wissen und
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2002, Wissen und Wahrnehmung in Platons "Theätet", München, GRIN Verlag GmbH
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