GLIEDERUNG
1. Einleitung
2. Biografie
2.1. Vor und während seiner Exilzeit
2.2. In der DDR
2.3. Nach dem Mauerfall
3. Heyms Werke
3.1. „Fünf Tage im Juni
3.1.1. Der Arbeiteraufstand am 17. Juni 1953 und die Entstehung von „5 Tage in Juni
3.1.2. „5 Tage im Juni“ stilistisch betrachtet
3.1.3. „5 Tage im Juni“ inhaltlich betrachtet
3.2. „Einmischung - Gespräche, Reden, Essays
3.2.1. „Einmischung“ - Themen
3.2.2. Judentum, Antisemitismus und „das Superauschwitz“
3.2.3. Die zwei Deutschland
4. Fazit
5. Literaturverzeichnis
3
1. Einleitung
Stefan Heym gilt als einer der bedeutendsten deutschen Schriftsteller. Er war sein Leben lang ein unbequemer Bürger - ein „ Rebell aus Gewissenszwang“ 1 - der den Konflikt mit den Mächtigen seiner Zeit, ganz gleich welchen Landes, nicht scheute. Damit war er Zeit seines Lebens ein Außenseiter, da seine Haltung ihn immer wieder ins Exil führte, zu den Abweichlern am Rande der Gesellschaft. 2
Heym glaubte an Veränderung, an die Veränderbarkeit, auch an die des Menschen, welche er besonders in seinem Roman „Ahasver“ thematisierte. 3 Dieser Glaube steht in Zusammenhang mit dem ihm des öfteren gemachten Vorwurf ein Utopist zu sein, wozu Heym meinte: „Utopie ist ein Traum. Die Menschheit muß ihre Träume haben. Ich habe meinen Traum.“ 4 Er verknüpfte in seinen Romanen das Dokumentarische, die politische und historische Realität mit dem Fiktiven. Seine Utopien waren somit nicht absurd - einige wurden sogar zur Realität. In seinem Ursprung ist Heym Journalist, diese Wurzeln lassen sich in seinen Romanen erkennen, da er den Kriterien der Verständlichkeit und Zugänglichkeit mehr Bedeutung zuzumessen scheint, als der Reflexion der literarischen Form, welche für ihn lediglich Transportmittel kritischer Inhalte zu sein scheint. Es ging ihm darum unmittelbar Stellung zu beziehen, sich einzumischen um zu verändern, zudem folgte er der jounalistischen Absicht auf ein möglichst breites Leserpublikum Einfluß zu nehmen - was ihm zweifellos gelungen ist. 5
In der vorliegenden Hausarbeit wird zunächst anhand Heyms Biographie sein politisches Leben, seine schriftstellerische Arbeit und sein Dasein als Dissident auf Lebenszeit darstellt. Dabei wird auf die Darstellung in seinen Werken vor verschiedenen politischen Hintergründen eingegangen - wie sie sich gewandelt und verschärft hat. Darauf folgt die nä here Betrachtung zwei seiner Publikationen: „5 Tage im Juni“, ein Roman, welcher zu jahrelangen Diskussionen führte und in Form von Stundenprotokollen über die 5 Tage (13.06.-17.06.) vor dem Arbeiteraufstand am 17. Juni 1953 berichtet und „Einmischung“, eine Sammlung von Essays, Reden, Interviews und Gespächen aus den Jahren 1982 - 1989 von und mit Stefan Heym.
1 Vgl. KLG S.2
2 Vgl. ebd
3 Vgl. Heym „Einmischung“ S. 93
4 Vgl. ebd. S.92
5 Vgl. KLG S.2
4
2. Biographie
2.1. Vor und während seiner Exilzeit
Stefan Heym (alias Helmut Flieg) ist am 10. April 1913 in Chemnitz als Sohn eines jüdischen Kaufmannes geboren. In seinem 18. Lebensjahr veröffentlichte er sein erstes Gedicht mit dem Titel „Exportgeschäft“ in der sozialdemokratischen Zeitung „Volksstimme”. Bereits hier lassen sich Spuren von der idealistischen Seite seines Charakters und seine nonkonformistische Einstellung erkennen. Die Veröffentlichung dieses antimilitaristischen Gedichtes verursachte unter den Nationalsozialisten in Chemnitz eine Unruhe, weswegen er vom Staatsgymnasium Chemnitz relegiert wurde. Dieser Vorfall sollte der eigentliche Anlaß für seine zwei Jahre später folgende Vertreibung aus Deutschland sein. 6 Er holte sein Abitur 1932 in Berlin nach und schrieb seine ersten Beiträge für verschiedene Berliner Zeitschriften und Zeitungen, was als Anfang seiner journalistischen Karriere betrachtet werden kann. 7 Sein erster Artikel erschien am 24. Juli 1932 in der Zeitung „Berlin am Morgen” unter dem Titel „Berliner Hofmusik: Erlebnis eines musizierenden Erwerbslosentrupps”. 8 Im selben Jahr fing Heym in Berlin mit dem Studium von Philosophie, Germanistik und Zeitungswissenschaften an. 1933 konnte er den Verhaftungsplänen der Nazis entfliehe n und beschloß, nach Prag überzusiedeln, wohin bereits andere deutsche Kommunisten vor ihm geflohen waren. 9 Um seine Eltern, die immer noch in Deutschland waren, vor der faschistischen Regierung zu schützen, nahm er dort das Pseudonym „Stefan Heym” an. 10 So arbeitete er als Journalist für deutschsprachige und tschechische Zeitungen, und sammelte seine ersten Auslandserfahrungen.
Anfang 1935 wurde Heym ein Stipendium der jüdisch-amerikanischen Faternity Phi Sigma Delta angeboten, welches speziell für jüdische Stundenten gedacht war, die ihr Studium wegen der aktuellen politischen Situation nicht fortsetzen konnten. Trotz finanzieller Schwierigkeiten siedelte er im gleichen Jahr, das als Anfang seiner Exilzeit gilt, in die USA über und setzte im Herbst 1935 sein Studium der deutschen Literatur an der University of Chicago fort. Dieses schloß er mit einer Magister-Arbeit über Heinrich Heine ab. Er war ebenso wie Heym ein jüdischer Exilant, der sowohl die Tätigkeit eines Dichters als auch die eines Journalisten ausübte und seine politischen und gesellschaftlichen Kämpfe mit seinen
6 Vgl. http://www.spd-osland.de/dissen/heymbio.htm und Zachau S.8 - 9
7 Vgl. http://www.spd-os -land.de/dissen/heymbio.htm
8 Vgl. Hutchinson S.13
9 Vgl. Zachau S.9 und Hutchinson S.15
10 Weitere Pseudonyme waren u.a. „Melchior Douglas“ und „Gregor Holm“.
5
Schriften unterstützte. In ihm fand Heym sein literarisches Modell. 11 1937 übernahm Heym in der antifaschistischen New Yorker Wochenzeitung „Deutsches Volksecho“ die Tä tigkeit des Chefsredakteurs und Chefschreibers. „DVE”, von den sozialistischen Exilanten Goldschmidt und Rosenfeld gegründet, verfolgte das Ziel, „eine breite Anti-Nazi-Front unter den deutschen Exilanten in Amerika” 12 aufzubauen, ohne sich jedoch dabei offen zum Kommunismus zu bekennen. Heym wurde sich über seine Funktion als Journalist immer klarer, daß er als eine Person der Öffentlichkeit in einem politischen Kampf stand, dem sich wenige bereit waren anzuschließen. 13
Nachdem 1939 die Zeitung aufgrund finanzieller Schwierigkeiten eingestellt wurde, mußte Heym nach neuen Mitteln suchen, um seinen Kampf gegen den Faschismus weiterzuführen. Von seinem Agenten wurde er ermutigt, anstatt wie anfänglich erfolglos Theaterstücke zu schreiben, einen antifaschistischen Roman zu verfassen. So veröffentlichte er 1942 seinen ersten Roman „Hostages” (in Deutschland unter dem Titel „Der Fall Glasenapp” 1958 veröffentlicht). Das Buch wurde ein großer Erfolg der deutschen Exilliteratur. 14 1943 wurde Heym in die US Armee einberufen, womit sich sein literarischer Kampf in die Realität verlagerte. So begann auch seine Amerikanisierung; er wurde amerikanischer Staatsbürger und heiratete die amerikanische Journalistin Gertrude Gelbin. 15 In der Armee bestand seine Aufgabe darin, die offizielle amerikanische Kriegspolitik während des Europa-Einsatzes in verschiedenen Medien (u.a. Rundfunksendungen über Radio Luxemburg, Texte für Armeeflugblätter usw.) zu erklären. 1944 landete er in der Normandie, wo er als Sergeant für psychologische Kriegsführung an der Invasion beteiligt war. 16 Ende des Krieges verlagerte sich das Interesse der Besatzungsmächte von der psychologischen Kriegsführung auf den „geistigen Wiederaufbau” 17 . Es bestand Bedarf an Informationsquellen, die die Verbrechen der Nazis glaubwürdig dokumentieren würden und somit zum „Wiederaufbau einer zestörten Gesellschaft” 18 beitragen. So wurden deutschsprachige Zeitungen benötigt, welche diese Funktionen erfüllen würden. Heym war prädestiniert für diese Tätigkeit und wurde zum politischen Redakteur der Münchner „Neuen Zeitung”, bis er 1945 nach einem Konflikt mit seinem Vorgesetzten in die USA zurückkehrte.
11 Vgl. Zachau S.10-11 und Hutchinson S.18
12 Siehe: Hutchinson S. 22
13 Vgl. Zachau S.12-13
14 Vgl. Zachau S.14 und Hutchinson S.27
15 Vgl. Zachau S.14
16 Vgl. ebd. S.14-15
17 Siehe Hutchinson S.41
18 Siehe ebd. S.41
6
Er bat um seine Entlassung aus der amerikanischen Armee. 19 Zur gleichen Zeit befürchtete er, die literarische Darstellung von sozialen Konflikten werde durch Senator McCharthy nicht mehr möglich. Seine gedankliche Abkehr von Amerika kann man auch in den drei aufeinanderfolgenden Romanen „Crusaders” (1948; Ostausgabe: „Kreuzfahrer von heute” 1950; Westausgabe: „Der bittere Lorbeer” 1950), „The Eyes of Reason” (1951; „Die Augen von Vernunft” 1955) und „Goldsborough” (1953) erkennen, wo Heym seine Erfahrungen aus seiner Exilzeit und dem amerikanischen Kriegseinsatz ausarbeitete. Der Kriegsroman „Crusaders”, der zu den ehrlichsten und analytischsten Ro manen über den Zweiten Weltkrieg zählt, wurde zum Weltbestseller. 20
Seine Zweifel am amerikanischen System u.a. wegen Rassismus, Wirtschaftsfaschismus, und Kommunistenhetze wurden durch den Koreakrieg verstärkt, woraufhin er sämtliche Auszeichnungen an die US-Regierung zurückgab und 1952 mit seiner Frau in die DDR übersiedelte. Die DDR reizte ihn, da sie der erste sozialistische Staat auf deutschen Boden war. 21
2.2. In der DDR
Heym wurde aufgrund seiner amerikanischen Vergangenheit von der DDR-Regierung mit Mißtrauen begegnet, welches ihn sein ganzen Leben lang begleitete. Trotzdem genoß er als sozialistischer Schriftsteller hohes Ansehen und wurde zu einer der Hauptfiguren bei der Neugestaltung des Denkens in der DDR. Den DDR-Literaten wurde zu dieser Zeit die Aufgabe zuteil, Helden zu schaffen, die Vorbild-Funktionen für die Gesellschaft bei dem sozialistischen Wiederaufbau des Landes übernehmen würden. Somit vertraten sie ein politisches Amt und waren in vieler Hinsicht priviligiert. 22 1953 erhielt er den Heinrich-Mann-Preis der Deutschen Akademie der Künste. Der Arbeiteraufstand vom 17. Juni 1953 enttäuschte Heym in seinem Glauben an den sozialistischen Staat DDR. Dieses einschneidende Ereignis veranlaßte ihn dazu, in die Öffentlichkeit zu treten und so verfaßte er mehrere Beiträge für die „Berliner Zeitung”, bei welcher er bis 1957 mit seiner Kolumne „Offen gesagt” t ätig war. 23 Er begann die Auseinandersetzung mit dem DDR-Regime zu suchen und zog wegen seinen Kampfartikeln
19 Vgl. Hutchinson S.41
20 Vgl. Zachau S.16 und KLG S.4-5
21 Vgl. Hutchinson S.60 und KLG S.6
22 Vgl. Hutchinson S. 68
23 Vgl. http://dhm.de/lemo/html/biografien/heymstefan
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Arbeit zitieren:
Bige Ergez, Katrin Pietsch, 2002, Der sozialistische Nonkonformist Stefan Heym, München, GRIN Verlag GmbH
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