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Inhaltsverzeichnis
A) Einleitung 3
B) 1. Die Tradition des Frauenlobes in der italienischen Lyrik 4
a) Die Sizilianische Schule 4
b) Der Dolce Stil Novo. 6
2. Der Einfluss Dante’s auf Petrarca am Beispiel des Canzoniere 9
a) Laura und Beatrice - Die symbolische Namensgebung. 11
b) Marienkanzone vs. „Santa Orazione“ 13
c) Zahlensymbolik. 17
)C Zusammenfassung 21
D) Literaturverzeichnis 22
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A) Einleitung
Flüchtig ist die Erinnerung der Menschen, die Bilder zerfließen, die Statuen verfallen. - Unter den Erfindungen der Menschen gibt es nichts Beständigeres als die Literatur. 1
Wirft man hier und heute einen Blick auf dieses Zitat von Francesco Petrarca, so muss man eingestehen, dass er damals in den Epistolae Familiares, seinen „Vertraulichen Briefen,“ nicht nur eine subjektive Wahrheit ausgesprochen, sondern auch gewissermaßen seine eigene Bedeutung für die italienische Literatur der kommenden Jahrhunderte prophezeit hat.
Mit seinen zahlreichen Schriften hat er nicht nur den Weg zur Renaissance geebnet und einen großen Beitrag zur praktischen Umsetzung des Humanismus geleistet. Seine Lyriksammlung, der Canzoniere (oder auch Rerum Vulgarium Fragmenta) - das erste durchkomponierte Buch in Europa seit der Antikemachte ihn auch noch zum Wegbereiter der italienischen Liebeslyrik. Bei der Lobpreisung seiner Laura im Canzoniere hat sich Petrarca einer Tradition des Frauenlobes bedient, die ihre Wurzeln in der provenzalischen Trobadourdichtung hat. Sie war Vorbild der Sizilianischen Schule und wurde im darauf folgenden sogenannten Dolce Stil Novo, dessen berühmtester Vertreter Dante Alighieri ist, fortgesetzt.
Inwieweit ließ sich Petrarca - bewusst oder unbewusst - von Dante’s Vita Nova und dem Versepos La Divina Commedia beeinflussen? Gegenstand dieser Arbeit wird es sein, die Entwicklung des Frauenlobs von der Sizilianischen Schule zum Dolce Stil Novo zu betrachten, mit dem Ziel, anschließend näher auf den Canzoniere einzugehen. Hierbei wird ein Vergleich zwischen der symbolischen Namensgebung der beiden weiblichen Hauptfiguren Laura und Beatrice im Canzoniere und der Vita Nova, bzw. der Divina Commedia angestellt. Auch werden Übereinstimmungen zwischen Petrarca’s berühmter Marienkanzone und Dante’s „Santa Orazione“ erörtert werden, um abschließend die Ähnlichkeiten bei der Verwendung der Zahlensymbolik der beiden Dichter zu analysieren.
1 zitiert nach: Neumann, Florian: Francesco Petrarca. Hamburg: Rowohlt 1998, S. 135.
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B) 1. Die Tradition des Frauenlobes in der italienischen Lyrik
a) Die Sizilianische Schule
Die sizilianische Dichterschule, die die frühesten Vertreter der italienischen Lyrik umfasst, hat ihre Ursprünge im Kulturboden Siziliens des frühen 13. Jahrhunderts, wo sich Kaiser Friedrich II. -ein Liebhaber der Trobadourlyriknach seiner Kaiserkrönung im Jahre niedergelassen 1220 hatte. Die Mitglieder des von ihm geschaffenen Beamtenapparates sollten schließlich die Begründer der sogenannten Sizilianischen Dichterschule werden. 2
Neben dem aktiven dichterischen Anteil des Kaisers bestand die Sizilianische Schule aus hohen Würdenträgern wie Richtern oder Notaren. Die Tatsache, dass gerade Beamte eine so große Rolle für die Entwicklung der Lyrik Italiens spielen, mag heute sehr befremdlich klingen, jedoch hat dies eine durchaus simple Erklärung. Angehende Anwälte, Richter und Notare erwarben nämlich bei ihrem Studium der Jurisprudenz nicht nur dem späteren Beruf dienliches Wissen, sondern sie wurden auch literarisch geschult, um zum Gelehrten im wahrsten Sinne des Wortes erzogen zu werden. Man bediente sich beim Studium in lateinischer Sprache abgefasster Lehrbücher kunstvollen Schreibens, der artes dictaminis, die nicht nur stilistisch-kompositorische Unterweisungen enthielten, sondern den Juristen auch in der Sprachkunst (Prosa wie auch Vers) schulten, indem Modellbeispiele aus der antiken Lateinliteratur angeführt wurden. Ab 1230 tauchten erstmals auch Lehrbücher auf, die eine italienische Sprachkunst unterrichteten und Muster für Briefe an Frauen im Huldigungsstil der provenzalischen Lyrik enthielten. 3 So kommt es nicht von ungefähr, dass die älteste italienische Kunstlyrik, die der Sizilianischen Dichterschule entsprungen ist, gerade die Liebeslyrik ist.
Was die Tradition des Frauenlobes angeht, so zeigt die Sizilianische Lyrik eine große Übereinstimmung mit den Liebesdichtungen der Trobadours, wenn es um jene der hohen Liebe, dem fino amore geht. Wie bei der höfischen Liebe, die die Trobadours besingen, handelt es sich bei der sizilianischen Liebeslyrik um die
2 Bautier, Robert-Henri; Auty, Robert (Hrsg.). Lexikon des Mittelalters. Band III. München/Zürich: Artemis 1986, S. 1946 f.
3 Friedrich, Hugo: Epochen der Italienischen Lyrik . Frankfurt/Main: Klostermann 1964, S. 21 f.
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Liebe zu einer Frau, die unerreichbar ist - eine Lyrik also, die in ihrer Gänze unsinnlich ist und vom Klagen des Liebenden erzählt. Es geht nicht um die Zusammenkunft oder Vereinigung der beiden Liebenden, sondern um den Weg, der zugleich das Ziel ist: sie spricht „über die Ferne oder die Kühle der Herrin und findet in der Niederlage die Größe der Seele.“ 4
Jedoch unterschied sich die Trobadourlyrik von der Sizilianischen Lyrik in einem wichtigen Punkt. Auf dem Hof Friedrichs II. waren die zur Konvention gewordenen Bräuche zwischen Liebendem und dessen Angebeteter praktisch nicht bekannt, „so daß die siz. Dichtung sich weniger als Liebeslied versteht denn als Reflexion über die Idee der Liebe.“ 5 Es geht somit nicht um das lyrische Ich, welches das geliebte „Du“ direkt anspricht, um ihr von seinem Liebesleid zu berichten, sondern vielmehr um eine von der Intellektualität der sizilianischen Dichterschule beeinflussten Sinndeutung der Liebe - eine Vorliebe, die ebenfalls auf die vorgenannten artes dictaminis zurückzuführen ist. 6 Die Beschreibung der donna oder madonna selbst wird auf vage, engelhafte Silhouetten beschränkt, während Gegenstand der Dichtung die Wirkungen sind, die sie im Liebenden hervorruft. Wohl deshalb geht es in der sizilianischen Lyrik - im Gegensatz zur Trobadourdichtung - primär um Schmerz, den Friedrich als „die Heimat der verwandelnden Liebe“ 7 bezeichnet.
Es wird schließlich die Liebe zu einer Frau erkannt, und zwar „in einem die Frau übersteigenden Sinn, wo es nicht mehr um die Frau geht, sondern um die Verwandlung und Veredelung des Liebenden selber.“ 8 In den folgenden Jahrzehnten vollzog sich eine Entwicklung des Frauenlobes in der italienischen Liebeslyrik, was schließlich die nächste literarische Epoche des Dolce Stil Novo einleitete.
4 Ebda., S. 35.
5 Bautier, Robert-Henri; Auty, Robert (Hrsg.): op. cit. S. 1947 f. 6 Ebda., S. 1948. 7 Friedrich, Hugo: op. cit. S. 36. 8 Ebda., S. 39.
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b) Der Dolce Stil Novo
Der der Sizilianischen Dichterschule auf den Fuße folgendende Dolce Stil Novo, ist zeitlich zwischen den letzten Jahrzehnten des 13. Jahrhunderts und den ersten Jahrzehnten des 14. Jahrhunderts anzusiedeln. 9 Auch in diesem Fall sind die Anfänge auf königliche (Mit-)Wirkung zurückzuführen: Als der Sohn Friedrichs II. Enzo - ein passionierter Lyriker von Rang und Namen - im Jahre 1249 in Bologna in Gefangenschaft genommen wurde, wurde mit ihm auch die sizilianische Dichtung in die Toskana transportiert. Hier traf sie auf die provenzalische Tradition, die in Bologna mit großem Interesse studiert und nachgeahmt wurde. 10
Der literaturhistorische Begriff des Dolce Stil Novo wurde im 19. Jahrhundert aus den Versen des Purgatorio in Dante’s Divina Commedia abgeleitet: Der wandernde Dante begegnet auf dem Läuterungsberg dem toskanischen Lyriker Bonagiunta da Lucca, der im Stil der Provenzalen und Sizilianer geschrieben hatte. Der Dialog zwischen diesen beiden Dichtern lässt vielerlei Rückschlüsse auf den Unterschied zwischen den Vertretern der Sizilianischen Schule und den sogenannten Stilnovisten ziehen:
E io a lui: «I’mi sono un che, quando
Amor mi spira, noto, e a quel modo ch’e ditta dentro vo significando.» «O frate, issa vegg’io», diss’elli, «il nodo che ‘l Notaro e Guittone e me ritenne di qua dal dolce stil novo ch’i’ odo! […]» 11
Die Dichtung des wichtigsten Vertreters des Dolce Stil Novo Dante ist gewissermaßen beseelt von der Inspiration durch Amor, denn Liebe wird „verstanden als eine sakrale Macht, gesammelt in der mythosähnlichen Gestalt Amors.“ 12 Diese Methode, sich des Amor-Myt hos zu bedienen, stellt zwar kein Novum im Vergleich zur Sizilianischen Schule dar, doch wurde sie von den Stilnovisten verstärkt genutzt.
9 Bautier, Robert-Henri; Auty, Robert (Hrsg.): op. cit. S. 1169.
10 Friedrich, Hugo: op. cit. S. 49.
11 De Selliers, Diane (Hrsg.): La Divina Commedia - Dante Alighieri, Illustrazioni Sandro Botticelli. Paris: Casa Editrice Le Lettere 1996, S. 289. 12 Friedrich, Hugo: op. cit. S. 56.
Arbeit zitieren:
Emel Elbek, 2004, Der Einfluss Dante's auf Petrarca am Beispiel des Canzoniere, München, GRIN Verlag GmbH
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