A) Überblick über die Feminismus-Debatte um Platons Politeia…………...………3
B) Platon - ein Feminist?
I. Begriff des Feminismus
II. Natur und Fähigkeiten der Frauen
III. Frauenfeindliche Äußerungen………………………………………………8
IV. Abschaffung der Familie
V. Integration der Frauen in die Wächterklasse
C) Die Frau in der Männerwelt…………………………………………………….15
Literaturverzeichnis……………………………………………..…………………16
3
A) Überblick über die Feminismus-Debatte um Platons Politeia
Platons Schüler Aristoteles sah Frauen als unvollständige Männer an, der englische Dichter und Philosoph John Milton bezeichnete die Frau als den annehmbarsten Naturfehler 1 und sogar Hannah Arendt war der Meinung, Frauen könnten nur durch den Fortschritt der Technik emanzipiert und dazu in die Lage versetzt werden, am öffentlichen Leben - dem eigentlichen Leben - teilzunehmen. Es ist daher nicht verwunderlich, dass Platon mit dem in Buch V seines staatsphilosophischen Hauptwerks Politeia festgeschriebenen Paradoxon, auch Frauen könnten Wächterinnen werden und sogar zu Philosophenköniginnen aufsteigen, eine Debatte ausgelöst hat, die bis heute akademische Gemüter erhitzt. Die Tatsache, dass Platon einerseits einigen wenigen Frauen Vernunft und große Fähigkeiten zugesteht, andererseits jedoch seine Dialoge von frauenfeindlichen Äußerungen durchzogen sind, macht die Beurteilung von Platons Frauenbild nicht gerade einfach. Viele Wissenschaftler bzw. dem Thema entsprechend vor allem Wissenschaftlerinnen haben sich der Herausforderung gestellt, die die Untersuchung von Pla tons Frauenbild bietet, und so sind in den letzten Jahrzehnten zahlreiche Abhandlungen über diesen Aspekt seiner Philosophie erschienen, eines der jüngsten davon Morag Buchans 1999 herausgegebenes Werk ‚Women in Plato’s Political Theory’. Ein Schwerpunkt, der sich bei diesen Untersuchungen herausgebildet hat, kann als Feminismus-Debatte bezeichnet werden. Gegenstand dieser Diskussion ist die Frage, ob Platon auf Grund seiner revolutionären Forderungen hinsichtlich der Abschaffung der Familie und der ‚Gleichstellung’ von Männern und Frauen im Wächterstand als früher Feminist gelten kann, oder ob er für seine Forderungen nicht doch alles andere als feministische Gründe hatte. Anhänger der ersten Position ist Gregory Vlastos, was die folgende Aussage aus seinem Essay ‚Was Plato a Feminist?’ bezeugt: „[…]Plato’s affirmation of feminism within the ruling class of the Republic is the strongest ever made by anyone in the classical period [...].” 2 Julia Annas 3 , Morag Buchan 4 und Arlene W. Saxonhouse 5 dagegen lehnen die Vorstellung von Platon als einem Feministen ab. Die Gründe, die die Platon-Interpreten
1 vgl. www.wodka-apfelsaft.de/Zitatef.htm (Stand: 22.03.04)
2 Vlastos, Gregory: Was Plato a Feminist? In Kraut, Richard (Hrsg.): Plato’s Republic: critical essays. Rowman & Littlefield Publishers Inc., Lanham 1997, S. 115-128
3 Annas, Julia : Plato’s Republic and Feminism. In Fine, Gail: Plato 2: ethics, politics, religion and the soul. Oxford University Press, Oxford 1999, S. 265-279
4 Buchan, Morag: Women in Plato’s Political Theory. MacMillan Press ltd, London 1999
5 Saxonhouse, Arlene W.: The Philosopher and the Female in the Political Thought of Plato. In Kraut, Richard (Hrsg.): Plato’s Republic: critical essays. Rowman & Littlefield Publishers Inc., Lanham 1997, S. 95-113
4
für ihre jeweiligen Auffassungen anführen, sollen im Folgenden erläutert werden und deutlich machen, dass Platon keinesfalls feministische Motive nachgesagt werden können.
I. Begriff des Feminismus
I.1 Allgemeine Begriffsdefinitionen
Um beurteilen zu können, ob Platon in seinem Werk Politeia von feministischen Vorstellungen geleitet wird, ist es sinnvoll, sich zunächst mit dem Begriff des Feminismus auseinanderzusetzen, da hier die Problematik der Feminismus-Debatte um Platons Politeia schon beginnt. Denn auf die Frage, was Feminismus denn eigentlich ist, gibt es viele verschiedene Antworten. Carol MacMillan argumentiert, dass im Mittelpunkt alles feministischen Denkens die Ansicht steht, jeder solle gleich behandelt werden, da wir alle vernunftbegabte Wesen seien und es deshalb keine moralische Rechtfertigung dafür gebe, Menschen wegen ihres Alters, Geschlechts, ihrer Intelligenz oder Hautfarbe unterschiedlich zu behandeln 6 . Jedoch gibt es zahlreiche FeministInnen, die anderer Meinung sind und z.B. beweisen wollen, dass Frauen Männer in jeder Hinsicht übertrumpfen. Es existieren unterschiedliche Strömungen innerhalb der Frauenbewegung, und jede dieser Strömungen versteht unter dem Wort ‚Feminismus’ etwas anderes. Radikalfeministinnen treten zum Beispiel „für die Aufhebung sämtlicher geschlechtsspezifische[r] gesellschaftliche[r] Unterschiede“ 7 ein, Differenzialistinnen hingegen „kämpfen für eine Aufwertung des weiblichen Anteils an der Gesellschaft, bestehen jedoch größtenteils auf der traditionellen Arbeitstrennung zwischen den Geschlechtern, da sie diese für biologisch gerechtfertigt halten.“ 8 Diese Vielzahl von Definitionsmöglichkeiten legt nahe, dass wohl kaum alle Wissenschaftler, die sich mit Platons Frauenbild beschäftigten, dieselbe Auffassung von Feminismus teilten, was wiederum zum Teil erklärt, weshalb Platon im Laufe der Debatte einerseits zu einem Feminist, andererseits zu einem Misogyn oder sogar zum Antifeminist schlechthin erklärt worden ist.
I.2 Vlastos’ Definition und seine Befunde
Die Definition von Feminismus, die Gregory Vlastos’ Untersuchung zu Grunde liegt, lautet folgendermaßen:
6 vgl. Buchan, a.a.O., S. 137
7 www.net-lexikon.de/Feminismus.html (Stand: 27.02.04)
8 ebd.
5
„Equality in the rights of persons shall not be denied or abridged on account of sex [and] Plato will qualify as a „feminist“ if his ideas, sentiments, and proposals for
social policy are in line with this norm.” 9
Ausgehend von dieser Basis kommt er zu vier Ergebnissen, nämlich dass die Stellung der Mehrheit der freien Frauen in der Kallipolis, die die industrielle und landwirtschaftliche Klasse bilden, unzweideutig antifeministisch sei, während die Stellung der Frauen in der Wächterklasse unzweideutig feministisch sei. Im zweitbesten Staat, den Platon in den Nomoi entwirft, sei die Stellung freier Frauen feministisch und antifeministisch zugleich und Platons eigene Einstellung gegenüber Frauen im zeitgenössischen Athen stellt Vlastos als auf bösartige Weise antifeministisch heraus. 10 Da den Frauen im Wächterstand der Kallipolis Rechte zugestanden werden, die den Frauen im damaligen Athen verwehrt geblieben sind und die Wächterinnen seiner Meinung nach ihren männlichen Kollegen vollkommen gleichgestellt werden, sieht Vlastos keinen Grund, weshalb es noch irgendwelche Zweifel an Platons feministischen Absichten geben könne.
I.3 Sinnhaftigkeit der Anwendung einer solchen Definition auf Platons Politeia 11 Morag Buchan hingegen hat große Zweifel. Zuallererst stellt sie fest, dass nur Anachronisten in Platon einen Feministen sehen könnten, da Definitionen von Feminismus auf Vorstellungen beruhen, die im politischen Denken erst Jahrhunderte nach Platon auftauchten und es unwahrscheinlich sei, dass sich Platon, dessen Hauptaugenmerk immer das Wohlergehen des Staates und der Gemeinschaft gewesen ist, auf das Individuum und individuelle Recht e berufen hätte. Weiterhin erkennt sie zwei Schwachstellen in Vlastos Argumentation. Erstens wäre diese nur gültig, wenn man seine Definition von Feminismus übernähme. Und das ist für sie nicht schlüssig, da Platon selbst sie nicht übernommen hätte.
Wenn man die Definition jedoch trotzdem übernähme, die ja eine Vorstellung von gleichen Rechten für Männer und Frauen beinhaltet, könne Platon nicht einerseits als feministisch, andererseits als antifeministisch gesehen werden, falls man Platon folgerichtiges Denken zugesteht. Vlastos erkennt an, dass sich Platons Einstellung gegenüber Frauen von Dialog zu Dialog und von Situation zu Situation innerhalb eines Dialogs verändert, was für Buchan ein Beweis dafür ist, dass Platon keine Vorstellung von (gleichen) Rechten für Frauen hatte.
9 Vlastos, a.a.O., S.115
10 vgl. ebd., S. 116
11 vgl. Buchan, a.a.O., S. 143f.
Arbeit zitieren:
Nicole Grün, 2004, War Platon der erste Feminist? Die Feminismus-Debatte um Buch V der Politeia, München, GRIN Verlag GmbH
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Platon?.
Hier zwar viele erklärt, doch wirklich zum Punkt kommt man nicht.
am Monday, October 06, 2008-