2
Lustprinzip , Wiederholungszwang und Todestrieb
in Freuds „Jenseits des Lustprinzips“
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung 3
2. „Jenseits des Lustprinzips“ von Sigmund Freud 5
2.1 Das Lustprinzip und die Quellen der Unlust 5
2.2 Irritierende Beispiele: Die traumatische Neurose und ein Kinderspiel 7
2.3 Der Wiederholungszwang 8
2.4 Der Todestrieb 10
2.5 Libidotheorie und Herkunft der Sexualtriebe 12
2.6 Lustprinzip, Wiederholungszwang und Todestrieb 15
3. Schlussbetrachtung 15
4. Literatur 19
3
1. Einleitung
Das Jahr 1920 stellt einen Wendepunkt in der psychoanalytischen Theorie dar. Zwei Jahre nach dem Ersten Weltkrieg veröffentlicht Freud seine Schrift Jenseits des Lustprinzips, eine „völlige Revision“ 1 (Nagera) seiner Triebtheorie, „von deren Schärfe und radikaler Wucht sich die psychoanalytische Welt eigentlich nie erholen sollte“ 2 (Lohmann). Freuds Werk steht bis dahin weitgehend im Zeichen der Libido, die aus ihren kulturell-moralisch auferlegten Fesseln befreit werden müsse, was seiner Theorie einen durchaus aufklärerischoptimistischen Charakter verleiht. Die Wende kündigt sich spätestens 1915 in Zeitgemäßes über Krieg und Tod an, einem Aufsatz, in dem der Mensch als Abgestammter einer „langen Generationsreihe von Mördern“ erscheint, „denen die Mordlust, wie vielleicht noch uns selbst, im Blute lag“. 3 Der Krieg offenbart hier die primitive Natur des Menschen und die Zerbrechlichkeit kultureller und ethischer Errungenschaften. 1920 trägt Freud dieser Erfahrung Rechnung, indem er in sein Konzept der Metapsychologie einen ursprünglichen Todestrieb einbaut, der - jedem Lebewesen zukommend - den anorganischen Zustand anstrebt und sich, nach außen gewandt, als Aggressions- oder Destruktionstrieb äußert. Damit ist eine neue „fundamentale Kategorie der Triebe“ 4 (Laplanche/Pontalis) begründet, die Freud bis zu seinem Lebensende beibehalten und ausarbeiten wird. Sein hier zuerst erarbeitetes Konzept ist deshalb auch als die „definitive Fassung der Triebtheorie“ bezeichnet worden. 5
Über die Gründe für diesen Wandel ist viel spekuliert worden. Unübersehbar ist die Enttäuschung über den Krieg, die sich in mehreren Schriften bis zu einem regelrechten Kulturpessimismus im Unbehagen (1930), steigert. Freud war zudem persönlich in die Gefahren des Krieges involviert, in den seine beiden Söhne als Soldaten eingezogen wurden. Berufliche Schwierigkeiten äußerten sich in Streitigkeiten mit ehemaligen Anhängern, die nun Kriegsgegner Deutschlands und Österreichs waren, das Projekt der Psychoanalyse überhaupt schien durch die Ereignisse stark gefährdet. 6 Anfang 1920 stirbt Freuds Tochter Sophie, zu einem Zeitpunkt, an dem die Entwicklung der Todestriebshypothese nach
1 Nagera:1969, 56.
2 Lohmann:1998, 76.
3 Freud:1915, 157.
4 Laplanche/Pontalis:1967, 494.
5 Schmidt-Hellerau:1995, 277.
6 Vgl. Lohmann:1998, 69.
4
Freuds eigenen Angaben jedoch schon abgeschlossen ist. 7 Nicht zu vernachlässigen ist, dass der 63jährige Freud altert: Anfang der 20er Jahre wird ihm Kieferkrebs diagnostiziert, 1923 kommt es zu einer ersten Operation. 8 Politische, persönliche und berufliche Aspekte seiner Biographie verdeutlichen so die Umstände, die Freud zu einer dunkleren Weltbetrachtung veranlassten.
Die theoretische Wende kann auch aus dem energetischen Dispositiv heraus verstanden werden, das etwa Lacan in seiner Interpretation der Freudschen Ichpsychologie hervorhebt. 9 Die mechanistische Terminologie Freuds - man denke nur an den „psychischen Apparat“ - ist ein Zeugnis seines Bestrebens, die Psychoanalyse naturwissenschaftlich zu untermauern. 10 Von besonderer Relevanz dürfte dabei die Thermodynamik gewesen sein, dessen erster Hauptsatz der Energieerhaltung „seit den 80er Jahren des 19.Jh.s […] als das wichtigste Naturgesetz, Höhepunkt und Schlussstein der Physik betrachtet wurde“ 11 . Die Erfindung der Dampfmaschine, die maßgeblich zu den thermodynamischen Erkenntnissen beigetragen hat, 12 findet nach Lacan ihren Widerhall auch in Freuds energetischer Konzeption des Begehrens. 13 Das Lustprinzip, das den Spannungsausgleich durch Entladung anstrebt und in Anlehnung an den Physiker Fechner von Freud auch als „Konstanzprinzip“ bezeichnet wird, liest sich so wie eine Übertragung des Energieerhaltungssatzes von der Dampfmaschine auf den „psychischen Apparat“. In Jenseits sieht sich Freud nun mit Vorgängen konfrontiert, die mit dem Lustprinzip, dem „Optimalwertregler“ 14 psychischer Spannungen, unvereinbar scheinen. Diese Irritation ist für Lacan die Essenz des umstrittenen Aufsatzes:
„Dieses System hat etwas Verwirrendes. Es ist dissymmetrisch, es klappt nicht. Etwas entgeht da dem System
der Gleichungen und Evidenzen, die Denkformen des Registers der Energetik entlehnt sind, wie sie Mitte des 19. Jahrhunderts begründet worden sind. […] Nun, er bemerkt, dass es etwas gibt, das da drin nicht funktio-
niert. Eben das ist Jenseits des Lustprinzips, nicht mehr, nicht weniger.“ 15
7 Freud hat sich gegen die Meinung gewehrt, er habe beim Verfassen von Jenseits unter dem Eindruck des Todes seiner Tochter gestanden. Vgl. Gay:1987, 443f.
8 Vgl. Lohmann:1998, 76.
9 Vgl. Lacan:1978, Seminar II, 72-102.
10 „Im Ansatz, das ‚Seelische’ als technisches ‚Medium’ zu begreifen, steht die Psychoanalyse ganz auf dem Boden von Psychophysik und N europhysiologie, deren Diskurs Energie- und/ oder Informationsübertragungen und die entsprechenden Speicherfunktionen beschreibt.“ Bacher:1989, 669.
11 Lexikon Geschichte der Physik A-Z, Hermann:1987, 145.
12 Vgl. Hermann:1987, 372 und Gerlach:1960, 356.
13 „Zwischen Hegel und Freud liegt die Heraufkunft einer Welt der Maschine.“ Lacan:1978, Seminar II, 100.
14 Bitsch:2001, 86. 15 Lacan:1978, Seminar II, 82.
5
In dieser Arbeit werde ich den Argumentationsgang Freuds, der ihn zur Todestriebshypothese führt, darstellen und kritisch hinterfragen. Der eingeführte politische und wissen-schaftshistorische Hintergrund soll dann in einer Schlussbetrachtung wieder aufgegriffen werden, um Freuds Konzept im Kontext seiner Zeit verständlich zu machen, aber auch zu hinterfragen. Dabei soll es ferner um die Frage gehen, ob seine Gedankenstruktur die These eines Aggressions- oder Destruktionstriebes rechtfertigt, den er später aus dem Todestrieb ableitet.
2. „Jenseits des Lustprinzips“ von Sigmund Freud
Die folgende Darstellung orientiert sich weitgehend an der Abfolge der Kapitel des Textes, wobei natürlich bestimmte Aspekte akzentuiert, andere dagegen vernachlässigt werden müssen. Freud erläutert zunächst das Lustprinzip und wie dieses das Phänomen der Unlust erklären kann (2.1), um daraufhin mit der traumatischen Neurose und einem beobachteten Kinderspiel Beispiele zu geben, für die diese Erklärung nicht auszureichen scheint (2.2). Es folgt eine Darlegung des Wiederholungszwangs als ein vom Luststreben unabhängiges Prinzip und eine Spekulation darüber, wie sich dieses Prinzip in einem Bewusstseinsmodell erklären ließe (2.3). Der Schwerpunkt meiner Darstellung liegt jedoch in der nun folgenden Entwicklung der Todestriebshypothese und der Gegenüberstellung von „Todestrieben“ und „Lebenstrieben“ (2.4). Die daraus resultierende Problematik für die Libidotheorie und der Herkunft von Sexualtrieben (2.5) wird erläutert, bevor resümierend Lustprinzip, Wiederholungszwang und Todestrieb in einen systematisch-hierarchischen Zusammenhang gestellt werden (2.6).
2.1 Das Lustprinzip und die Quellen der Unlust
Die psychoanalytische Ausgangsbasis, die Freud in seinem Aufsatz in Frage stellt, ist die „Herrschaft des Lustprinzips“, die eingangs als die Annahme beschrieben wird, „dass der Ablauf der seelischen Vorgänge automatisch durch das Lustprinzip reguliert wird“. 16 Diese Einrichtung des „psychischen Apparats“ hat eine ökonomische Funktion: Erregung ist eine unlustvolle Spannung, deren Herabsetzung Lust verschafft. Da alle seelischen Vorgänge eine lustgewinnende oder unlustvermeidende Funktion haben, geht es also wesentlich um die Verminderung oder Konstanterhaltung der Erregungsquantität (Konstanzprinzip). 17
16 Freud:1920, 193.
17 Vgl. Freud:1920, 193.
6
Hier zeigt sich jedoch schon eine erste Einschränkung des Lustprinzips: Es sind nicht die meisten psychischen Erfahrungen von Lust begleitet, die Annahme ihrer „Herrschaft“ ist also unplausibel. Stattdessen spricht Freud von einer „Tendenz zum Lustprinzip“, die sich gegen andere Kräfte erst durchsetzen muss. Nur so ist erklärbar, dass psychische Abläufe am Ende nicht immer der Lusttendenz entsprechen müssen. 18 Es stellt sich nun die Frage, wie die Gegentendenzen zum Lustprinzip aufgefasst werden müssen und wie dadurch die Herkunft der Unlust erklärt werden kann.
Die erste von Freud genannte Quelle der Unlust ist dem psychoanalytischen Diskurs spätestens seit der Veröffentlichung seiner Formulierungen über die zwei Prinzipien des psychischen Geschehens (1911) bekannt. Dort erläutert er die bereits in der Traumdeutung (1900) wichtig gewordene Unterscheidung von einem Lust- und einem Realitätsprinzip: Der primäre seelische Vorgang erstrebt Lust, von unlusterzeugenden Akten zieht er sich durch Verdrängung zurück und projiziert das Gewünschte auf die Realität. Erst die Enttäuschung über die entfallenden Triebbefriedigungen regt einen Sekundärvorgang an, der die halluzi-natorischen Vorstellungen zugunsten realistischer Vorstellungen aufgibt, um die Befriedigungen besser erreichen zu können:
„Damit war ein neues Prinzip der seelischen Tätigkeit eingeführt; es wurde nicht mehr vorgestellt, was ange-
nehm, sondern was real war, auch wenn es unangenehm sein sollte.“ 19
Da das alleinige Lustprinzip unter den Umständen der Außenwelt unbrauchbar ist, wird es vom Realitätsprinzip abgelöst, welches von den Selbsterhaltungstrieben des Ich eingesetzt wird. Dieses bewirkt jedoch Triebaufschub, Triebverzicht und die „zeitweilige Duldung der Unlust auf dem langen Umwege zur Lust“. 20 Es bleibt festzuhalten, dass diese erste Quelle der Unlust ganz im Zeichen des Lustprinzips steht, insofern sie „keine Absetzung […], sondern nur eine Sicherung desselben“ 21 bedeutet, also im Sinne langfristiger, mit der Außenwelt abgestimmter Lust agiert.
Eine zweite Erklärung ergibt sich für Freud aus den inneren Konflikten und Spaltungen der Psyche. In den verschiedenen Entwicklungsphasen des Ich werden die mitgebrachten Triebregungen verschieden zurückgehalten oder durch Verdrängung abgespalten und auf Ersatzwegen befriedigt. Obwohl darin ursprünglich eine „Lustmöglichkeit“ be-
18 Freud:1920,195. 19 Freud:1911, 32.
20 Freud:1920, 196.
21 Freud:1911, 36.
Arbeit zitieren:
2003, Lustprinzip, Wiederholungszwang und Todestrieb in Freuds "Jenseits des Lustprinzips", München, GRIN Verlag GmbH
Dieser Text kann über folgende URL aufgerufen und zitiert werden:
Einbetten
DOI
Caryl Phillips’ The Final Passage zwischen Postkolonialismus und Postm...
Hausarbeit, 23 Seiten
Das literarische Feld aus Sicht der Bourdieuschen Feldtheorie
Seminararbeit, 13 Seiten
Performanz der Bild-Assoziation im Poetry Slam
Ansätze zu einer intermedialen...
Germanistik - Neuere Deutsche Literatur
Magisterarbeit, 90 Seiten
Das Verhältnis von Tod und Geschlecht in Max Frischs Roman -Homo faber...
Germanistik - Neuere Deutsche Literatur
Hausarbeit (Hauptseminar), 28 Seiten
Frauensprache - Männersprache Unterschiedliche Stilelemente im Gespräc...
Seminararbeit, 21 Seiten
Erinnerung und Gedächtnis: Die Konzepte von Halbwachs, Assmann & C...
Hausarbeit, 29 Seiten
Die Ereigniskultur nach Gerhard Schulze
Kulturwissenschaften - Allgemeines und Begriffe
Hausarbeit (Hauptseminar), 14 Seiten
Krise und Chance - Herleitung eines neuen Tragikbegriffs
Seminararbeit, 24 Seiten
David Foster Wallace - Eine Einführung zu Autor und Werk
Ausarbeitung, 29 Seiten
Zwischen Allmacht und Ohnmacht - Kommandant in Auschwitz
Hausarbeit (Hauptseminar), 21 Seiten
Rollentheorie und Erving Goffman
Soziologie - Klassiker und Theorierichtungen
Seminararbeit, 14 Seiten
Defizite im Gesundheitswesen - Die Soziale Regression
Politik - Politische Systeme - Politisches System Deutschlands
Wissenschaftlicher Aufsatz, 51 Seiten
Das Konzentrationslagersystem am Beispiel des KZ Auschwitz
Geschichte Europa - Deutschland - Nationalsozialismus, II. Weltkrieg
Seminararbeit, 14 Seiten
Psychoanalytisches Angstkonzept nach Sigmund Freud - ein kurzer Überbl...
Psychologie - Sozialpsychologie
Referat (Ausarbeitung), 21 Seiten
Anonym hat den Text Lustprinzip, Wiederholungszwang und Todestrieb in Freuds "Jenseits des Lustprinzips" veröffentlicht
Reading Seminars I & II: Lacan's Return to Freud
Richard Feldstein, Maire Jaanus, Bruce Fink
The Seminar of Jacques Lacan: Freud's Papers on Technique
Jacques Alain-Miller, Jacques Lacan, Jacques-Alain Miller
Freud's Library / Freuds Bibliothek
A Comprehensive Catalogue / Vo...
Sigmund Freud, J. Keith Davies, Gerhard Fichtner
Die Geschichte der Psychoanaly...
Eli Zaretsky, Klaus Binder, Bernd Leineweber
0 Kommentare