1. Anmerkungen zur Methodik Durkheims
Bevor ich im Rahmen dieser Arbeit auf die Folgen der Anomie für das Individuum eingehen werde, möchte ich erklären, warum diese auch im Sinne Durkheims „von Interesse für den Soziologen“ (Durkheim 1983, 30) sind.
Man könnte dem Trugschluss unterliegen, dass Durkheim, der in seiner Selbstmordstudie Suizid ausdrücklich als ein rein soziales und nicht etwa als ein individuelles Phänomen bezeichnet (vgl. Münch 2002, 75), es ablehnen würde, sich mit den individuellen Folgen der Anomie beschäftigt. Aber diese Argumentation greift zu kurz: ich werde nämlich nicht versuchen den Selbstmord anhand von „individuellen Faktoren“ (Durkheim 1983, 30) zu erklären, sondern vielmehr den Einfluss von gesamtgesellschaftlichen Phänomenen auf den Einzelnen untersuchen. Ich beschäftige mich also zwar mit individuellen Folgen der Anomie, betrachte dabei aber Anomie als „soziale Ursache“ (Münch 2002, 75). Das folgende Schema soll dies veranschaulichen:
2. Anomie und Individuum
Um verständlich zu machen wie das Phänomen Anomie auf den Einzelnen wirkt, werde ich zunächst Durkheims Begriff der Anomie ausführlicher erklären, um anschließend anhand zweier aktueller Werke die Folgen der „Abwesenheit von sozialer Ordnung“ (ebenda, 291) für das Individuum in modernen Gesellschaften zu umreißen.
2.1 Anomie bei Durkheim 1
Bevor ich den Begriff der Anomie eingehender erklären werde, möchte ich der Vollständigkeit halber erwähnen, dass ich einen ihrer Teilaspekte, namentlich die sexuelle Anomie im Rahmen dieser Arbeit nicht berücksichtigen werde. Vielmehr soll der Fokus auf der Anomie im Allgemeinen bzw. auf jener in der Welt der Industrie und des Handels gerichtet sein.
1 Die folgenden Ausführungen basieren, soweit nicht anders vermerkt, auf: Durkheim 1983, 278-296
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Prinzipiell kann man Anomie als ein vorübergehendes pathologisches Problem bezeichnen. Der Begriff Pathologie verdeutlicht dabei Durkheims Ansicht, dass Anomie ein kurierbares krankhaftes Phänomen ist (vgl. Ritzer 1992, 85). Doch durch was zeichnet sich dieser Zustand nun eigentlich genau aus? Eine Gesellschaft befindet sich genau dann im anomischen Zustand, wenn sie nicht mehr in der Lage ist den Begierden ihrer Mitglieder Grenzen zu setzen. Um zu verdeutlichen warum eine Gesellschaft überhaupt solche Maßstäbe setzen muss, erklärt Durkheim, dass der Mensch im Gegensatz zum Tier nicht allein dazu befähigt ist, seine Wünsche zu begrenzen. Das also, was bei den Tieren bereits instinktiv reguliert ist, muss bei uns die Gesellschaft übernehmen. Damit diese in der Lage ist ihre maßlosen Mitglieder wieder zur Vernunft zu bringen, muss sie für den Großteil der Individuen eine normative Autorität darstellen – sie muss also in der Lage sein Regeln aufzustellen, die von den Meisten als gerecht und verbindlich anerkannt werden. Besitzt die Gesellschaft diese Autorität nicht, so kann sie die normative Integration (vgl. Giddens 1983, 99) ihrer Mitglieder nicht gewährleisten und die Individuen bleiben bezüglich ihrer Bedürfnisbefriedigung sich selbst überlassen. Was bedeuten muss, dass der Einzelne Opfer seiner eigenen Maßlosigkeit bzw. seiner grenzlosen „Aufnahmefähigkeit“ (Durkheim 1983, 281) wird; er wird ein „unerreichbares Ziel verfolgen“ (ebenda, 281) und die Mittel, die ihm zur Verfügung stehen, können letztlich nie ausreichen, dieses zu erreichen. Welche Folgen das für die Individuen hat, werde ich noch aufzeigen, zunächst soll aber geklärt werden, wann sich eine Gesellschaft im anomischen Zustand befindet und wann dieses vorübergehende Phänomen wieder sein Ende findet.
Eine anomische Gesellschaft hinterlässt, wie bereits erwähnt, ziel- und führungslose Menschen, weil sie nicht mehr in der Lage ist die „sozialen Normen“ (Münch 2002, 80) aufrechtzuerhalten. Doch wie kommt es dazu, dass die Normen nicht mehr als verbindlich anerkannt werden? Durkheims Antwort lautet, dass „infolge schmerzhafter Krisen oder auch infolge g ünstiger aber allzu plötzlicher Wandlungen“ (Durkheim 1983, 287) Störungen auftreten, welche die Gesellschaft ihrer moralischen Autorität berauben. Die alte (Bedürfnis-) Hierarchie wird über den Haufen geworfen und eine neue kann noch nicht etabliert werden. Verallgemeinernd lässt sich also sagen, dass sich Gesellschaften in Zeiten starken Wandels in einer vorübergehenden Transformationsphase befinden (vgl. Münch 2002, 79), in der sie nicht mehr in der Lage sind Maßstäbe für die von Natur aus grenzenlosen Begierden ihrer Mitglieder zu setzen – das Individuum ist folglich auf sich alleingestellt. Der Begriff Transformation verdeutlicht dabei bereits den Prozesscharakter dieses Zustands, ein Ende bleibt also immer absehbar und Anomie somit die „Ausnahme“ (Durkheim 1983, 287); neue
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Hierarchien werden sich entwickeln, die Gesellschaft wird erneut zur normativen Autorität und kann für ihre Mitglieder wieder als Regulativ dienen, sofern sie von allen als gerecht anerkannt wird.
Anomie ist also wie bereits erwähnt ursprünglich ein temporäres Phänomen, doch gemäß der Wendung: „Keine Regel ohne Ausnahme“ konstatiert Durkheim, dass Anomie in der „Welt des Handels und der Industrie“ (ebenda, 290) zum Dauerzustand geworden ist. Hier nämlich wurde es sich zum Ziel gemacht sich „von jeder Reglementierung zu befreien“ (ebenda, 291). Da diese Vorhaben sehr erfolgreich verfolgt wurde, ist es nur die logische Konsequenz, dass es der Wirtschaft – überspitzt formuliert – gelungen ist Anomie zu institutionalisieren und somit dauerhaft zu konservieren.
2.1.2 Folgen der Anomie für das Individuum
Doch worin liegt eigentlich das Problem, welches mit der Anomie, wie sie gerade beschrieben wurde, einhergeht? Welche Folgen hat sie für das Empfinden und das Handeln des Individuums?
Am geläufigsten ist den Meisten die extremste Folge, die Anomie für den Menschen haben kann, der Selbstmord – dieser gab ja auch Durkheims Studie ihren Namen. Doch es wäre töricht anzunehmen, dass der Selbstmord aus dem Nichts kommt, vielmehr kündigt er sich durch einige weniger extreme Erscheinungen an.
Anomie führt bekanntermaßen zunächst einmal zu maßlosen Menschen. Und schon an dieser Stelle setzt Durkheim an, wenn er erwähnt, dass „Unersättlichkeit [an sich bereits] als ein Krankheitssymptom angesehen“ (ebenda, 281) wird – Anomie erzeugt also kranke Menschen. Zudem hinterlässt sie verwirrte Menschen, die nicht mehr wissen, was richtig und was falsch ist, da sie es der Gesellschaft nicht erlaubt verbindliche Regeln zu etablieren an denen sich die Individuen orientieren können. Da diese Regellosigkeit dazu führen wird, dass die Menschen mit naiver „Zukunftsversessenheit“ (ebenda, 293) und „fieberhafte[r] Ungeduld“ (ebenda, 294) fortwährend nach mehr streben, werden zwangsläufig „Niedergeschlagenheit“ (ebenda, 288) und „Enttäuschung“ (ebenda, 329) Einzug halten. Schließlich sind – trotz einer unbegrenzten Vielzahl an Wünschen – die Mittel zur Bedürfnisbefriedigung immer begrenzt und nicht alle Mitglieder der Gesellschaft sind in der Lage dieses Steigerungsspiel 2 unendlich lange mitzuspielen. Die Menschen in einer
2 Der Begriff Steigerungsspiel wird hier nicht im Sinne von Gerhard Schulze gebraucht: Schulze meint ganz
entgegengesetzt zu Durkheims Ausführungen zur Anomie, dass das (kollektive) Bewusstwerden des Mangels
etwas Positives ist, etwas das Fortschritt ermöglicht, ein Ansporn zu innovativen Leistungen. Das
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Marcel Raab, 2004, Anomie und Individuum - Die Folgen der Anomie für den Einzelnen, Munich, GRIN Publishing GmbH
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