Inhaltsverzeichnis
Seite
Einleitung - „La douleur“ als Phantombegriff? 3
Schmerz und Allegorie. 6
Schmerz und Indifferenz. 10
Schmerz und Drogen. 12
Schmerz und Lust. 17
Schmerz und Inspiration. 20
Schmerz und Melancholie. 24
Schluss - Auflösung in „mélancolie“? 26
Literaturangaben. 28
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Einleitung - „La Douleur“ als Phantombegriff?
Baudelaires poetischer Kosmos wird von zahlreichen terminologischen ‚Himmelskörpern‘ bevölkert, die sein Denken und somit seine Schriften zentral bestimmen. Durch die ausgiebige Rezeption seiner Werke sind einige davon regelrecht zu ‚Fixsternen‘ geworden. Begriffe wie „Spleen“ oder „Ennui“ - um nur zwei wichtige zu nennen - scheinen mehr als nur häufig wiederkehrende Motive zu sein. Sie beleuchten in ihrer flirrenden Vielschichtigkeit jede Zeile Baudelaires und laden sie mit zusätzlicher, über ihre eigentliche Aussage hinausweisender Bedeutung auf. Diese Bedeutungsaufladung scheint vom Dichter selbst sogar implizit angelegt, was man an der für seinen Stil charakteristischen, an allegorische Verwendung anmutende Großschreibung mancher dieser Begriffe sehen kann. Wenn Kurt Kloocke in seinem Nachwort zu der zweisprachigen Reclam-Ausgabe der Fleurs du Mal die übergreifenden thematischen Strukturen 1 dieses Lyrikbandes als „subtiles Spiel von Leitmotiven“, als „Netz von Bezügen“ 2 beschreibt, kann man dies auch auf Baudelaires Gesamtwerk übertragen. Es handelt sich hierbei um - wenn man Baudelaires Begriff hier wörtlich als ‚Verbindungen‘ oder ‚Entsprechungen‘ versteht - die „correspondances“ in seinem eigenen Werk.
Ein Begriff, der so konsequent das Gesamtwerk durchsetzt und von den poetischen über die theoretischen Schriften bis in die Tagebuchnotizen äußerst häufig auftaucht, ist „la douleur“. Interessanterweise begegnet man ihm sowohl in üblicher Kleinschreibung als auch in der schon erwähnten hervorhebenden Großschreibung. Diese unterschiedliche formale Verwendung deutet schon auf die immense Vielgestaltigkeit hin, in der auch dieser Begriff dem Leser begegnet. Bei der Literaturrecherche für diese Arbeit habe ich vergeblich nach Aufsätzen gesucht, die sich direkt mit dem Thema Schmerz bei Baudelaire beschäftigen. Im Gegensatz zu anderen Begriffen scheint dieser kaum wissenschaftlich erschlossen zu sein. Dafür muss es sicher einen Grund geben, vor allem bei einem für die Geisteswissenschaften dermaßen wichtigen Dichter wie Baudelaire. Wo sich hier doch auch der Bezug zur Biografie auf nahezu ‚unverschämte‘ Weise aufdrängt. Schließlich litt er selbst an starken körperlichen Schmerzen, die er mit Laudanum zu
1 Vgl. Kloocke, Kurt: Nachwort. In: Baudelaire, Charles: Les Fleurs du Mal. Stuttgart: Reclam, 1998,
S. 490.
2 Kloocke: Nachwort, S. 491.
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bekämpfen versuchte; ein Mittel, das er dann auch immer mehr missbrauchte und schließlich davon abhängig wurde. Er entdeckte darin auch eine Möglichkeit, seine immensen seelischen Schmerzen zu lindern. Sicher werden in verschiedenen wissenschaftlichen Arbeiten immer wieder unterschiedliche Aspekte von „la douleur“ angesprochen, doch habe ich eben keine entdeckt, die sich speziell darauf konzentrieren.
Eventuell macht das auch gar keinen Sinn, ist dieses Unternehmen vielleicht gar nicht möglich? Hat Baudelaire zu ‚wild‘ mit dem Begriff gespielt, um ihn wirklich hermeneutisch festlegen zu können? Vielleicht gibt es ja gar keine einheitliche Schmerzkonzeption in seinem Werk? Dies herauszufinden, ist der Ansatz dieser Arbeit. Mich hat nicht nur interessiert, die Frage zu stellen: Was heißt „douleur“ eigentlich?, sondern auch: Wie geht Baudelaire mit dem Begriff um? Wie verwendet er ihn und wie verhält er sich zum Phänomen des Schmerzes? Und was impliziert diese Verwendung und dieses Verhalten dann in Bezug auf eine Interpretation des Terminus?
So möchte ich auch die Unterscheidung von physischem und psychischem Schmerz zurückstellen, da sie meinem Eindruck nach bei Baudelaire keine vordergründige Stellung einnimmt. Sie wird - wie sich noch zeigen wird - eher sogar vermieden. Beide Bereiche scheinen sich für ihn in ihrer Phänomenologie, in der Beschreibung ihrer Wirkungen, zu ähneln: „Car les douleurs morales produisent des effets analogues à ceux des souffrances physiques,...“. 3 Das soll heißen, seelische Verletzungen oder Leiden rufen ähnliche (körperlich) schmerzliche Symptome hervor wie Krankheiten oder körperliche Verletzungen selbst. Auch Freud spricht allgemein von einer Analogität des seelischen zum körperlichen Schmerz. 4 Doch kann man auch nur selten von der Verwendung des Begriffes her auf ein konkretes Gefühl dahinter schließen, auf seinen jeweiligen Inhalt, auf das, worin der Schmerz denn von Fall zu Fall besteht. Die einzige wirklich anschauliche Beschreibung eines Schmerzgefühls, die ich gefunden habe, befindet sich in den Paradis artificiels, an der schon oben zitierten Stelle. Er beschreibt hier die Schmerzgefühle, die Hunger auslösen kann. 5 Als Konkretisierung eines seelisch-geistigen Schmerzes kann man das Gedicht Le cygne lesen: hier wird der melancholisch-nostalgische Schmerz beschrieben, den das
3 Baudelaire, Charles: Les Paradis artificiels, S. 139.
4 Vgl. Freud, Sigmund: Trauer und Melancholie, S. 446.
5 Vgl. Baudelaire: Les Paradis artificiels, S. 139.
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lyrische Ich angesichts der Veränderung des alten Pariser Stadtbildes empfindet. Sonst bleibt der Schmerz eine geheimnisvolle, eigentümlich abstrakte, aber doch scheinbar so konkret spürbare Größe. „La douleur“ geistert durch Baudelaires Werke in der typischen „semantischen Instabilität“ 6 des Terminus. Es handelt sich sozusagen um einen ‚Phantombegriff‘ mit einer Nicht-Festlegbarkeit und möglichen Vielgestaltigkeit, in der aber genau sein poetisches, metaphorisches und damit auch allegorisches Potential liegt, was für Baudelaires Verwendung des Terminus sehr wichtig ist. 7 Bei der Verwendung des Begriffes ‚Schmerz‘ in dieser Arbeit, kann also zunächst immer erst einmal beides gemeint sein, physischer oder psychischer Schmerz. Bei einer Festlegung für einen der Bereiche werde ich dies kenntlich machen.
Wie beschreibt Baudelaire dann aber den Schmerz? Wie sich zeigen wird, sind vielmehr die Verhaltensweisen, die Haltungen, die das Ich zu seinem Schmerzgefühl einnimmt, entscheidend für ein Verständnis von Baudelaires Umgang mit sowohl dem Begriff als auch dem Phänomen selbst. So taucht „La Douleur“ auch in verschiedenen allegorischen Rollen in den Fleurs du Mal und im Spleen de Paris auf. Sowohl Widersprüche zwischen den einzelnen Rollenbildern als auch den Allegorien immanente Paradoxien sind hierbei bestimmend. Für das Verhalten gegenüber Schmerzgefühlen spielen auch die irgendwo zwischen Kultursoziologie, Philosophie und Psychologie anzusiedelnden Aufsätze über Rauschmittel und Drogenerfahrung eine wichtige Rolle: die kurze Vorstufe Du vin et du hachish und schließlich die zweiteiligen Paradis artificiels. Die Beziehungen des Ichs zu seinem eigenen als auch zu fremdem Schmerz werden immer wieder anders aufgebaut und geschildert. Die Verhaltensformen gegenüber dem Schmerz scheinen sich permanent zu ändern. Und doch soll hier der Versuch unternommen sein, eine bestimmte Bewegungsrichtung in Baudelaires Schmerzauffassung finden zu können. Im folgenden möchte ich somit die vielgestaltige Verwendung des Schmerzbegriffes in den oben genannten Werken in seinen verschiedenen Aspekten untersuchen. Ich habe versucht, diese Untersuchung nach den verschiedenen Haltungen zum Schmerz zu gliedern und in jeweilige Themenkreise zusammen zu fassen; eine Ordnung, die aber sehr offen betrachtet werden muss, da sich nur lose Zusammenhänge zwischen den einzelnen Aspekten herstellen lassen. Trotzdem kann so eventuell aber der
6 Koppenfels, Martin von: Schmerz. Lessing, Duras und die Grenzen der Empathie, S. 133.
7 Vgl. ebd., S. 133.
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Kleinteiligkeit einer sammelnden Untersuchung doch ein gewisser, orientierender Überblick verliehen werden, auch wenn sich die einzelnen Abschnitte sicherlich häufig überschneiden werden.
Schmerz und Allegorie
Es liegt eine gewisse Paradoxie in diesem Zitat aus den Fleurs du Mal. Wenn etwas ‚allen bekannt‘ ist, wie soll es dann noch ein ‚Geheimnis‘ sein. Aber durch diese Widersprüchlichkeit wird der Schmerz bestimmt: Er ist alltäglich, semper eadem, ‚immer das gleiche‘. Er wird einfach, konkret und direkt empfunden, und ist doch schwer zu fassen, kaum zu definieren, und schon gar nicht zu verstehen. Auch wenn es sich um einen ständigen Begleiter handelt, der „très simple“ ist, so bleibt er dochentgegen dieser Aussage hier - „mystérieuse“.
Wo der Wunsch auftritt, diesen Begleiter doch auf irgendeine Weise fassen zu können, ihm eine Form zu geben, ja um mit ihm in Dialog treten zu können, vollzieht sich der Versuch diese Paradoxie in eine Dialektik zu verwandeln. Psychoanalytisch könnte man dies als Versuch einer Ich-Spaltung beschreiben. Ein Teil des Ichs soll abgespalten werden, um wie ein Objekt behandelt werden zu können. 8 Hier tritt bei Baudelaire die Technik der Allegorisierung auf den Plan. Der Schmerz soll tatsächlich zur ‚Figur‘ dieses ständigen Begleiters gemacht werden. Doch angesichts seiner „radikalen Subjektivität“ 9 ist eine Abspaltung gar nicht wirklich möglich. Es ist keine stabile Objekt-Beziehung zum Schmerz herstellbar. Doch trotzdem oder gerade deswegen wird innerhalb der Sprache und Bildhaftigkeit eines Gedichts versucht, das
8 Vgl. hierzu auch Freud: Trauer und Melancholie, S. 433.
9 Scarry, Elaine: Der Körper im Schmerz, S. 77. (Unterstreichung von mir.)
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Gefühl durch die Projektion in die Allegorie zum Gegenüber, sogar zum Dialogpartner zu machen, und ihn somit zumindest poetisch zum Objekt zu machen und dieser Erfahrung entgegen zu wirken. 10
Um zu erfahren, ob dieses Vorgehen wirklich funktionieren kann, will ich einen Blick auf die allegorische Figur des Schmerzes bei Baudelaire werfen, die meist durch Großschreibung des Wortes „Douleur“ eben auch als solche hervorgehoben wird. Wie viele unterschiedliche Rollenbilder diese Allegorie annehmen kann, zeigt sich schon in dem Sonett Recueillement, wo die Figur des Schmerzes im Mittelpunkt steht, aber in ihrer Rolle nie genau konkretisiert wird. Deswegen lässt sie wohl eine vielgestaltige Deutung zu. Martin von Koppenfels spricht der Schmerzfigur hier eine weibliche Komponente zu und schlägt die Interpretation einer „unheimliche[n] Geliebte[n]“ 11 vor. Die Aufforderungen „Sois sage, ô ma Douleur“ 12 und „Ma Douleur, donne-moi la main“ 13 können, wenn man „sage“ in der Bedeutung von ‚folgsam‘ oder ‚artig‘ liest, auch an ein kleines, unruhiges Kind denken lassen. Dafür würde auch die starke Lautmalerei des Sonetts mit seinen vielen ‚rimes riches‘ und Binnenreimen sprechen. Sie assoziieren eine Bewegung des Einwiegens, erinnern an ein Schlaflied. Wenn man einen Vers aus Le crépuscule du soir hinzunimmt, wo es heißt: „Les esprits que dévore une douleur sauvage“, 14 kann man im Schmerz auch ein ‚wildes‘ Tier sehen, das den Geist des Menschen ‚auffrisst‘ und hier in Recueillement zu beruhigen und zu bändigen versucht wird.
In einer parasitären Metaphorik taucht der Schmerz, der den menschlichen Geist oder die menschliche Seele zerfrisst und sich davon nährt, auch im Sonett L‘ennemi auf: „Ô douleur! ô douleur! Le Temps mange la vie,/ Et l‘obscur Ennemi qui nous ronge le coeur/ Du sang que nous perdons croît et se fortifie!“ 15 Wobei hier nicht eindeutig klar ist, um wen es sich beim parasitären „obscur Ennemi“ handelt. Nicht unbedingt der Schmerz selbst muss hiermit gemeint sein. Man könnte darunter auch die Zeit verstehen, denn schließlich ist der Schmerz für Baudelaire auch ein Begleiter der Zeit, wie zum Beispiel die erste Strophe von L‘horloge impliziert. 16 Oder es verbirgt sich der Baudelaire‘sche „Ennui“ dahinter, wie er schon im Eingangsgedicht Au lecteur
10 Vgl. diesen gesamten Komplex bei Koppenfels: Schmerz, S. 120.
11 Koppenfels: Schmerz, S. 121.
12 Baudelaire, Charles: Les Fleurs du Mal, Recueillement, S. 292, Z. 1.
13 Ebd., Z. 8.
14 Ebd., Le crépuscule du soir, S. 196, Z. 8.
15 Ebd., L‘ennemi, S. 30, Z. 12- 14.
16 Vgl. ebd., L‘horloge, S. 164, Z. 1- 4.
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Arbeit zitieren:
Andreas Gründel, 2004, "Blüten des Leidens". Aspekte des Schmerzbegriffes und Haltungen zum Schmerzgefühl in Baudelaires Werken, München, GRIN Verlag GmbH
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