Inhaltsverzeichnis:
1. Einleitung Seite 3
2. Stichworte zum Entstehungskontext Seite 4
3. Die Psychologie von 1850 bis 1950 Seite 6
3.1. Auf dem Weg zur Humanwissenschaft
3.2. Theorienlandschaft des 20.Jahrhunderts
3.3. Widersprüche
4. Die wissenschaftliche Forschung und die Psychologie Seite 12
4.1. Zum Problem der Wahl
4.2. Zum Problem des Fortschritts
4.3. Zum Problem der Praxis
4.4. Zum Problem des Menschen
4.5. Panorama der Krise
5. Schluss Seite 22
Literaturverzeichnis Seite 23
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1. Einleitung
Im Gegensatz zu „weiten Bereichen der Geistes- und Sozialwissenschaften“ (Honneth & Saar 2003, 9), in denen die Texte Foucaults „den Modus (…) der wissenschaftlichen Reflexion (…) affiziert und umgelenkt“ haben, ist die akademische Psychologie - zumindest i m deutschsprachigen Raum - für dessen Veröffentlichungen taub geblieben. Lediglich an den Rändern der fachlichen Aufmerksamkeit taucht Foucault vereinzelt auf: man entdeckt ihn beispielsweise in Untersuchungen, die sich organisationspsychologische Verfahren unter dem Aspekt zeitgenössischer Regierungskünste vornehmen (Bröckling 2001; 2003) oder die auf der Suche nach Wegbereitern einer historischen (Treusch-Dieter 1995) oder postmodernen (Jandl 1999, 358ff) Psychologie sind - und nicht zuletzt in Holzkamps Genealogie der Schule (Holzkamp 1995, 349ff), die im Kreis seiner marxistischen Schüler zu vielen Irritationen und einem Kolloquium geführt hat (Markard 2003). Es wird nun im Folgenden nicht darum gehen, in diesem Versäumnis Platz zu nehmen und mögliche Konstellationen zu erproben - sei es, dass man Foucault für die Psychologie fruchtbar macht, sei es, dass man sich in seinen „Werkzeugkisten“ (Foucault 1976, 53) bedient, um die Psychologie „kurzzuschließen“. Die vorliegende Arbeit verfolgt eine bescheidene re, eher aufarbeitende Absicht: Ziel ist es, an die „ersten, unbekümmerten Schritte[]“ (Dembowski 2002, 201) zu erinnern, die Foucault auf der unsicheren Grenze zwischen Psychologie und Philosophie unternimmt - vielleicht in der Hoffnung, den Augenblick einzufangen, in dem das Denken Foucaults aus den Bahnen seines Faches ausschert. Hierzu bietet es sich an, auf zwei bisher kaum beachtete Artikel zurückzugreifen, die Foucault 1953 verfasst hat (Eribon 1999, 78; 89) und die vier Jahre später an unterschiedlichen Orten veröffentlicht worden sind - namentlich ›Die Psychologie von 1850 bis 1950‹ und ›Die wissenschaftliche Forschung und die Psychologie‹. Im systematischen Durcharbeiten dieser Texte, das der Darstellung gegenüber dem Kommentar den Vorzug g ibt, ent faltet sich einerseits die psychologische Theorien- und Forschungslandschaft der Nachkriegszeit, andererseits das Panorama einer scharfen Krisendiagnose. Der Ort, von dem aus Foucault seine Kritik vorträgt, bleibt dabei seltsam unbestimmt: er ist mit einer „häretischen Psychologie“ (Saar 2003, 435), die „entfremdungstheoretische[], phänomenologische[] und existenzphilosophische[] Motive“ kombiniert, nur vage angedeutet. Mag sein, dass sich hier die Unschärfe rächt, die Foucaults Schlüsselbegriffen der Forschung und des Widerspruchs anhaftet. Aber eher möchte man glauben, dass Foucault an einer elaborierten Position kein Interesse hat: er experimentiert mit der Weigerung, Psychologe zu sein - nicht zuletzt, um ins „Labyrinth“ (Foucault 1973b, 30) zu entwische n, das er sich „mit etwas fiebriger Hand“ bereiten wird.
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2. Stichworte zum Entstehungskontext
Foucault hat gelegentlich darauf aufmerksam gemacht, dass jedes seiner Bücher „aus einer unmittelbaren persönlichen Erfahrung heraus“ (Foucault 1996, 32) entstanden sei. Man hat große Lust, diesen Hinweis aufzugreifen und den biographischen Nährboden unter die Lupe zu nehmen, der den ersten Veröffentlichungen zugrunde liegt. Freilich nicht, um Foucaults Aussagen biographisch zu erklären - eine sichere Methode, ihren Geltungsanspruch zu untergraben und sich eine inhaltliche Diskussion zu ersparen -, sondern um zu bemerken, wie sich „ein intellektuelles Abenteuer in den Auseinandersetzungen des individuellen und gesellschaftlichen Lebens »erfunden«“ (Eribon 1999, 57) hat.
Wer diese dramatischen Prozesse überblicken will, sollte sich an die Textpassage n Eribons erinnern, die Foucaults Studentenzeit gewidmet sind: an das „pathogene Milieu“ (53) der École normale supérieure, an Foucaults Auftritt als „ungebärdiger Einzelgänger“, an seine „Megalomanie “ (54), seine Selbstmordversuche, seine „schlecht ausgelebte und verarbeitete Homosexualität“ (55). Im Gedächtnis der Zeitzeugen hat ein Foucault überlebt, „der sich in unsicherem Gleichgewicht auf jener Linie forttastete, die jederzeit in den Wahnsinn umschlagen kann“ (56). Es ist kaum verwunderlich, dass sich alle „ auf diese Weise sein obsessives Interesse für Psychologie, Psychoanalyse und Psychiatrie erklärt“ haben. Und tatsächlich: „in den Anfängen des Philosophen Foucault“ (Seitter 1996, 48) kann man „das starke Gewicht der Psychologie“ nicht übersehen. „Wissen, was die anderen denken - das ist das dominierende Erkenntnisinteresse beim jungen Foucault“.
Auch die ersten Stationen seiner universitären Karriere bleiben diesem Interesse verpflichtet: Foucault arbeitet ab Oktober 1951 als Repetitor für Psychologie an der Ècole n ormale supérieure, übernimmt ein Jahr später eine Assistentenstelle für Psychologie an der Faculté des lettres in Lille (Defert 2001, 21ff). Parallel dazu macht er ein Praktikum am Hôspital Sainte-Anne, wo er im Labor für Elektroenzephalographie bei Tests und Experimenten hilft (Eribon 1999, 85f). Hier taucht er erstmals in die „berufliche Atmosphäre der experimentellen Psychologie“ (87) ein: „er ist selbst auf seiten derer, die »beobachten«, »prüfen«, »konstatieren«, selbst wenn sein unsicherer und nur vage definierter Status ihm eine gewisse Distanz zum Beruf des Psychologen auferlegt, den er ausüben lernt“ (88). Zur selben Zeit steht er bereits „in engem Kontakt zu den Reformbewegungen in der Psychiatrie“ (76), die „im Umkreis der Gruppe und Zeitschrift Évolution psychiatrique“ stattfinden. Und schließlich sollte man nicht „die mehrfache Begegnung mit Binswanger“ (84) vergessen, die „eine sehr bedeutsame Rolle für Foucault spielen“ wird.
Wenn man sich die intellektuelle Landschaft der Nachkriegszeit vergegenwärtigt, muss man feststellen, dass „der Marxismus und der Eintritt in die Kommunistische Partei (…) die Fragen [sind], die das Bewußtsein der französischen Akademiker“ (64f) beherrschen. Und um die Schlüsseltheorien dieser Epoche gleich hinzuzufügen: es sind Phänomenologie,
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Existentialismus u nd die Wiederentdeckung Hegels, in deren Zeichen die philosophische Universitätsausbildung steht (Foucault 1996, 35). Neben Sartre - dem „Lehrmeister“ (Deleuze 2003, 115), der die ganze Generation beeindruckt und in dessen Schriften sich die Themen der Zeit verdichten - gibt es einige Persönlichkeiten, von denen man annehmen darf, dass sie auf den jungen Foucault eine bedeutsame Wirkung aus ge üb t haben: Merleau-Ponty, der im Vergleich zu Sartre „akademischer im eigentlichen Sinne, strenger, weniger »mondän« und vor allem kühner ist mit seinem Versuch, die Philosophie für die Beiträge der Wissenschaften vom Menschen zu öffnen“ (Eribon 1999, 62); Hyppolite, Übersetzer der ›Phäno menologie des Geistes‹ und „Galionsfigur“ (46) des Hegelianismus ; und schließlich Althusser, unter dessen Einfluss Foucault 1950 in die Kommunistische Partei eintritt (Foucault 1996, 42). Man sollte allerdings hinzufügen, dass Foucault die Partei schon nach weniger als drei Jahren wieder verlässt und wohl „kein sehr glühender Anhänger“ (Eribon 1999, 94) gewesen ist. Schließlich ist auf zwei deutsche Autoren hinzuweisen, deren Schriften Foucault zu dieser Zeit besonders in Bann ziehen: einerseits Heidegger, von dem er am Ende seines Lebens sagen wird, er sei für ihn „immer der wesentliche Philosoph gewesen“ (Foucault 1990, 140), und andererseits Freud, der „einer seiner Hauptgesprächsgegenstände“ (Eribon 1999, 60) und „wichtigsten Interessenschwerpunkte“ darstellt - ein Hinweis, der sich im Lauf dieser Arbeit bestätigen wird.
Auch wenn das hier Zusammengetragene über seinen stichwortartigen Charakter nicht hinwegtäuschen kann: es erlaubt, sich von den existentiellen, beruflichen und philosophiegeschichtlichen Rahmenbedingungen, die den ersten Veröffentlichungen Foucaults zugrunde liegen, ein ungefähres Bild zu machen. Bleibt anzumerken, dass der Entstehungszeitraum dieser Texte mit einer Serie von Ereignissen zusammenfällt, die das Denken Foucaults erschüttern und beflügeln: die „Nietzsche-Entdeckung“ (92), die Leidenschaft für zeitgenössische Autoren wie Bataille und Blanchot (100ff), der „kulturelle[] Choc durch französische Vertreter der seriellen und Zwölftonmusik “ (Foucault 1987, 19). Dass sich diese Erfahrungen schon in den hier verhandelten Texten eingenistet haben, ist unwahrscheinlich: sie verweisen auf die Herausforderungen der kommenden Jahre und verkörpern den verheißungsvollen Sprengstoff, der fähig ist, das „dialektische Universum“ aufzubrechen. Der Foucault, dem man im Folgenden begegnen wird, ist den existenzphilosophischen und marxistischen Diskursen noch nicht entwischt. Im Gegenteil: gerade sie geben ihm die theoretischen Mittel an die Hand, um das Feld der Psychologie zu durchqueren und zu überschreiten.
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3. ›Die Psychologie von 1850 bis 1950‹
Es bietet sich an, Foucault zunächst in die historische Tiefe der Psychologie zu folgen: seine Darstellung der Psychologie von 1850 bis 1950 entfaltet eine ganze Landschaft wissenschaftlicher Traditionen und gibt den Blick frei auf den psychologischen Problemhorizont der Nachkriegszeit. Wenn man sich den Anlass dieses Textes vergegenwärtigt, erscheint sein zurückhaltender Charakter nicht weiter verwunderlich: er ist geschrieben „auf Bitten von Denis Huisman, der die Geschichte der Philosophie von Alfred Weber auf den neuesten Stand bringen möchte“ (Eribon 1999, 89). Nirgendwo sonst versenkt sich Foucault so tief in den mainstream der Psychologie ; nie wieder wird er mit dieser Ausführlichkeit und in solch respektvoller Nähe die psychologischen Theorien Revue passieren lassen. Freilich erschöpft sich sein Artikel nicht in bloßer Aufzählung: er ist durchaus mit polemischen Passagen ausge stattet. Er entwirft Entwicklungslinien, entlang derer sich die Theorien in ihren Brüchen und Kontinuitäten abzeichnen; er findet den Ursprung der Psychologie in Widersprüchen der menschlichen Praxis; er inszeniert ein geschichtliches Drama, bei dem die Zukunft der Psychologie auf dem Spiel steht.
3.1. Auf dem Weg zur Humanwissenschaft
Die Entwicklung, die die wissenschaftliche Psychologie seit Mitte des 19.Jahrhunderts vollzogen hat, besteht nach Foucault „in einem allmählichen Verlassen des »Positivismus«“ (Foucault 2001a, 195) in Richtung „ Humanwissenschaft“ (176). Man darf den normative n Gehalt dieser These nicht unterschätzen: die „radikale Erneuerung der Psychologie“ ist „nicht einfach nur ein historisches Faktum“, sondern „eine unabgeschlossene, zu erfüllende Aufgabe und steht insofern weiterhin auf der Tagesordnung“. Im Kern dieses Prozesses vermutet Foucault „das Anliegen einer Treue zum Gegenstand“ (175), das die philosophischen Postulate einer naturwissenschaftlich ambitionierten Psychologie untergräbt: weder erschöpft sich „die Wahrheit des Menschen i n seinem natürlichen Sein“, noch muss „der Weg jeder wissenschaftlichen Erkenntnis die Bestimmung quantitativer Verhältnisse, die Konstruktion von Hypothesen und die experimentelle Verifizierung durchlaufen“. Mit „der Entdeckung eines neuen Status des Menschen“ (176) beginnt das Abenteuer einer Wissenschaft, die sich auf der Suche nach „neuen Grundsätzen“ und „anderen Methoden“ vorantastet. Die dominierenden Theorien des 19.Jahrhunderts, die allesamt physikalisch-chemischen oder organischen Modellen verpflichtet sind, bilden Foucault zufolge den Ausgangspunkt der Entwicklung: namentlich Mills Assoziationspsyc hologie, Fechners Psychophysik und Wundts Physiologische Psychologie. Besondere Bedeutung kommt dem Evolutio nismus zu, der für Foucault mit den Schriften Spencers, Jacksons und Ribots verbunden ist: hier wird erstmals gezeigt, „dass die psychologische Tatsache nur im Verhältnis zu einer Zukunft und zu einer
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Arbeit zitieren:
Dipl.-Psych. Johannes Zimmermann, 2004, Foucaults frühe Schriften zur Psychologie, München, GRIN Verlag GmbH
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