jungen Demokratien vor dem Zweiten Weltkrieg, also vor allem der Kollaps der Weimarer Republik und der Übergang zur totalitären NS-Diktatur in Deutschland. Und zum anderen die Dekolonialisierungswelle in den Ländern der Dritten Welt in den ausgehenden 50er Jahren des 20. Jahrhunderts, die die Fragestellung aufwarf, ob der demokratische Systemtypus in ehemalige Kolonien ohne demokratische Tradition exportierbar sei. Vor allem aber hatte die Zwischenkriegszeit gezeigt, dass weder eine moderne demokratische Verfassung mit einem fortschrittlichen Institutionengefüge noch ein hohes wirtschaftliches und gesellschaftliches Entwicklungsniveau den Bestand einer Demokratie zu garantieren vermochte. 2 Es musste demnach einen weiteren Faktor geben, der über die Stabilität und Performanz eines demokratischen Systems entscheidet: die politische Kultur.
2. Die Definition der politischen Kultur
Doch was bedeutet der Begriff der „politischen Kultur“ nun überhaupt? Almond und Verba definieren politische Kultur als „the particular distribution of patterns of orientation towards political objects among the members of the nation“ (die Verteilung von individuellen Einstellungen zu politischen Objekten unter den Mitgliedern des Kollektivs). 3 D.h., dass der Begriff „politische Kultur“ ausschließlich nicht beobachtbare Dinge wie Orientierungen, Einstellungen, Haltungen, Glaubens- und Wertvorstellungen von Individuen umfasstwobei ein politischer Bezug vorliegen muss (bspw. Einstellungen zu politischen Institutionen oder zur Sozial- und Zuwanderungspolitik). Dagegen fallen tatsächliches Handeln und Verhalten als Manifestation einer Einstellung (damit üben Einstellungen gleichwohl Einfluss auf das politische System aus) nicht unter das Konzept der politischen Kultur. Handlungs- und Verhaltensweisen sind vielmehr Gegenstand der politischen Partizipationsforschung, zu der z.B. auch die Wahlforschung gehört. Die Summe aller individuellen Einstellungen und Orientierungen bezüglich politischer Objekte, insbesondere Einstellungen zur generellen Ordnung und Organisation des politischen Systems, macht letztlich die politische Kultur eines Landes aus. Dieser politischen Kultur kommt dann eine besondere Relevanz zu, wenn es um die Stabilität (einschließlich der Anpassungs- und Wandlungsfähigkeit) und die Performanz (Leistungsfähigkeit) eines demokratischen Systems geht.
2 Vgl. Westle, Bettina 2002: S. 320.
3 Gabriel, Oscar W. 1996: S. 24.
3. Die Dimensionen der politischen Kultur
Almond und Verba ordnen in „The Civic Culture“, in Anlehnung an Eastons Systemtheorie,
politische Objekte den Inputs, dem System im Allgemeinen oder den Outputs zu. Politische Einstellungen beziehen sich auf diese drei Dimensionen, also auf die Input-, die System- und die Output-Dimension. 3.1. Input-Dimension
Unter Input fassen Almond und Verba die Institutionen, mittels derer die Bevölkerung Forderungen an die Politik herantragen kann, wie bspw. Parteien, Behörden und Interessengruppen. Input-Einstellungen sind dementsprechend politische Einstellungen zu diesen Institutionen der Input-Seite. Es gibt drei zentrale Konzepte der empirischen Sozialforschung bezüglich der Input-Dimension: (1) Das Konzept der politischen Kompetenz, das auf das Selbstverständnis der Bürger als Teilnehmer am politischen Prozess abzielt. Hierunter fallen also politische Einstellungen zur eigenen Rolle im Rahmen des politischen Prozesses. (2) Das Konzept der externen politischen Effektivität, das untersucht, inwieweit die gegebenen Strukturen die Einflussnahme seitens der Bürger, und damit die Realisation ihrer Einstellungen, am politischen Prozess ermöglichen. (3) Das Konzept der Parteienidentifikation, das die Einstellungen der Bevölkerung zu den politischen Parteien in den Mittelpunkt rückt. 4 3.2. System-Dimension
Die System-Dimension umfasst die politischen Einstellungen der Bevölkerung zum politischen Regime und zur politischen Gemeinschaft. Mit dem Begriff „politisches Regime“ werden die grundlegenden Merkmale der institutionellen Ordnung wie die Grundrechte, die Volkssouveränität, die Gewaltenteilung und das Rechtsstaatprinzip bezeichnet. Das politische Regime bildet folglich die maßgebenden Werte, Normen und Autoritätsstrukturen für das politische Zusammenleben, die wiederum die Identität eines politischen Systems als Demokratie ausmachen und es von autoritären und totalitären Regimen abgrenzen. Eine politische Gemeinschaft ist diejenige Einheit, der sich die Individuen zugehörig fühlen und der sie ihre Loyalität entgegenbringen. In modernen Gesellschaften und ethnisch homogenen Staaten wie etwa der Bundesrepublik übernimmt in der Regel die Nation diese Rolle, möglicherweise aber auch eine enger definierte Gruppe, die durch Ethnie oder Territorialgebiet näher bestimmt wird, wie bspw. die Bevölkerung des Baskenlandes die sich eher als Basken begreift, denn als Spanier oder Franzosen. 5
4 Vgl. Westle, Bettina 2002: S. 321.
5 Vgl. Gabriel, Oscar W. 1994: S. 99.
Arbeit zitieren:
Claudia Wößner, 2005, Grundlagen politischer Kultur(forschung), München, GRIN Verlag GmbH
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