Vorwort
Vorwort
An dieser Stelle möchte ich erklären, warum ich meine Diplomarbeit den Geschwistern unheilbar erkrankter Kinder gewidmet habe.
Die Motivation über Geschwisterkinder von unheilbar erkrankten Kindern zu schreiben, ist nicht nur dadurch begründet, dass bisher wenig über ihre Situation berichtet wurde, sondern hauptsächlich dadurch, dass ich selbst ein betroffenes Geschwisterkind bin.
Mein großer Bruder erkrankte mit 14 Jahren an Knochenkrebs und starb zwei Jahre später. Zu diesem Zeitpunkt war ich gerade elf Jahre alt. Ich hatte zum Glück wundervolle Verwandte die sich um mich gekümmert haben und immer für mich da waren. Auch mein christlicher Glaube hat mir geholfen, den Tod meines Bruders zu akzeptieren. Das Schreiben dieser Arbeit ist für mich, 11 Jahre nach seinem Tod, ein wichtiger Meilenstein meines Trauerprozesses, für den ich sehr dankbar bin. So habe ich es z.B. nach einem sehr intensiven Interview, endlich geschafft ein Tonband anzuhören, auf dem mein Bruder kurz vor seinem Tod eine Nachricht für mich hinterlassen hatte.
Rückblickend kann ich heute sagen, dass dieses tragische Erlebnis mein Leben und meine Persönlichkeit stark bereichert haben. Ich bin ein bewusst lebender und feinfühliger Mensch geworden, der gelernt hat, sich auch über die kleinen Dinge des Lebens von Herzen zu freuen.
Doch wie erging und ergeht es Geschwisterkindern, die ähnliches erlebt haben/erleben wie ich? Hatten/Haben auch sie Freunde und Verwandte, die in dieser schwierigen Zeit für sie da waren/sind und sie in ihrer Trauer verstehen und begleiten? Mich interessiert, als angehende Sozialpädagogin, in wie weit man diesen Kindern, die viel zu oft auf sich allein gestellt sind, professionelle Hilfe anbieten kann oder gar muss.
Zu guter letzt möchte ich mich ganz besonders bei allen Interviewpartnern bedanken. Alle haben sich freiwillig bei mir gemeldet und waren bereit, mir von ihren schweren Erfahrungen mit ihrem bereits verstorbenen unheilbar erkrankten Geschwister zu berichten. Ich
Vorwort
bedanke mich für ihr Vertrauen und ihre Offenheit. Sie haben mich
bestärkt dieses Thema eingehender zu erforschen. Die einzelnen
Schicksale und der in den Erzählungen versteckte oder gar offene
Hilferuf, haben mich motiviert und bestärkt die Situation von
Geschwisterkindern unheilbar und lebensbedrohlich erkrankter Kinder
aus einer wissenschaftlich und lebensweltlichen Perspektive genauer
zu betrachten.
Ich hoffe, dass in Zukunft, diese Zielgruppe mehr Beachtung und
Verständnis findet und darüber hinaus endlich auch mehr Hilfe und
Unterstützung erhält.
1 Winkelheide, Marlies (1992). S.21 Plädoyer für eine Arbeit mit Geschwistern behinderter Kinder
Inhaltsverzeichnis Seite 4
INHALTSVERZEICHNIS
Abkürzungsverzeichnis 8
Abbildungs- und Tabellenverzeichnis 9
Einleitung 10
1 Fallbeispiele 13
1.1 Ein Beispiel für eine schwere akute Erkrankung 13
1.2 Ein Beispiel für eine schwere chronische Erkrankung 14
2 Geschwister wie sie unser Leben beeinflussen und
bereichern 16
2.1 Die Geschwisterbeziehung 16
2.1.1 Gründe für die Entstehung einer Geschwisterbeziehung 18
2.2 Auswirkungen der Geschwisterbeziehung auf die
Persönlichkeitsentwicklung……………………………………………..19
2.2.1 Identifikationsmuster 19 Identifikationsmuster…………………………..................................19
2.2.2 Der die Erstgeborene 21
2.2.3 Der die Mittlere 22
2.2.4 Der die Letztgeborene 23
2.3 Die Entwicklung der Geschwisterbeziehung im Laufe des
Lebens…………………………………………………………………….24
2.4 Die etwas anderen Geschwisterbeziehungen 27
3 Das unheilbar erkrankte Kind in der Familie 30
3.1 Das unheilbar erkrankte Kind 30
3.2 Die Situation der Eltern 31
3.3 Das soziale Umfeld 34
Inhaltsverzeichnis Seite 5
4 Zur psychosozialen Situation von Geschwistern unheilbar
erkrankter Kinder 36
4.1 Geschwister behinderter Kinder vs Geschwister unheilbar
erkrankter Kinder 37
4.1.1 Waltraud Hackenbergs Die psychosoziale Situation von
Geschwistern behinderter Kinder 38
4.2 Geschwister unheilbar erkrankter Kinder 42
4.2.1 Immer ist die Mama weg Verunsicherung und
Rücksichtnahme………………………………………………………………42
4.2.2 Ich will auch Bescheid wissen Offenheit und Einbezug 43
4.2.3 Ich habe Angst Einsamkeit und Trennungsangst 44
4.2.4 Ich kann nicht einfach normal weiterleben Normalität und die
Erlaubnis zur Krise 45
4.2.5 Ich will auch krank sein Reaktionen und Gefühle 47
4.2.6 Ich will auch Geschenke Neid und Umfeld 48
4.2.7 Ist irgendwann mal wieder alles gut Hoffnung und Trauer 48
4.3 Der Wunschzettel 50
5 Sterben und Tod eines Geschwisters 51
5.1 Die besondere Situation des sterbenden Kindes 51
5.1.1 Sterbephasen 52
5.2 Zum Todesverständnis von Kindern 54
5.3 Kindliche Trauerreaktionen 56
5.3.1 Trauerphasen 58
5.3.2 Kinder trauern anders 60
5.4 Geschwistertrauer Was es bedeutet ohne Schwester oder
Bruder weiter zu leben 60
5.4.1 Was Geschwistern das Trauern so schwer macht 62
5.4.2 Wie Eltern ihr trauerndes Kind unterstützen können 65
Inhaltsverzeichnis Seite 6
6 Zur Entwicklung des Geschwisters nach dem Tod des
erkrankten Kindes 67
6.1 Bewältigung kritischer Lebensereignisse im Kindesalter 67
6.2 Entwicklungschancen 68
6.2.1 Faktoren die eine positive Entwicklung unterstützen 70
6.2.2 Positive Entwicklungsschritte während der Erkrankung des
Geschwisters 72
6.2.3 Heilsame Trauerbewältigung 73
7 Interviews mit Geschwistern unheilbar erkrankter Kinder 74
7.1 Qualitative Sozialforschung 75
7.2 Das Interview……………………………………………………...75
7.3 Hypothesen 76
7.4 Forschungsablauf 78
7.4.1 Gewinnung der Untersuchungsgruppe 78
7.4.2 Untersuchungsdesign 79
7.4.3 Inhalte und Konzeption des Interviews: Geschwister von unheilbar
erkrankten Kindern 80
7.4.4 Inhalte und Konzeption des Interviews: Geschwister von unheilbar
erkrankten und bereits verstorbenen Kindern 80
7.4.5 Durchführung der Interviews…………………………………………81
7.5 Datenauswertung 83
7.6 Ergebnisse 86
8 Exkurs: Betreuung und Sterbebegleitung in einem
Kinderhospiz 92
8.1 Die Hospizbewegung 92
8.2 Kinderhospize 94
8.2.1 Die Begleitung des sterbenden Kindes und seiner Familie 95
8.2.2 Die Rolle der Sozialarbeiter Sozialpädagogen 96
8.2.3 Die Rolle des christlichen Glaubens in der Begleitung Sterbender
und ihrer Angehörigen 99
Inhaltsverzeichnis Seite 7
9 Hilfen zur kindgerechten Verarbeitung 101
9.1 Experteninterview 101
9.2 Betreuung und Einbindung des Geschwisterkindes während
der Krankheitsphase 102
9.3 Betreuung und Einbindung des Geschwisterkindes über den
Tod des erkrankten Kindes hinaus 106
9.4 Bezug auf die Fallbeispiele aus Kapitel 1: Konkretes
Hilfeangebot……………………………………………………………..108
10 Diskussion und Ausblick 110
Nachwort 112
Literaturverzeichnis 113
Anhang.............................................................................................. 123 NA
Abkürzungsverzeichnis Seite 8
Abkürzungsverzeichnis
Abb. Abbildung
A.a.O. An angegebenem Ort
bes. besonders
bspw. beispielsweise
de Länderkürzel im World Wide Web für Deutschland
d.h. das heißt
ebd. ebenda
etc. et cetera
et al. et alii
f. folgende Seite
ff. fortfolgende Seiten
Hg. Herausgeber
insbes. insbesondere
Jg. Jahrgang
o.g. oben genannten
S. Seite(n)
s.o. siehe oben
Tab. Tabelle
u.a. unter anderem
u.v.m und viele mehr
usw. und so weiter
vgl. vergleiche
www World Wide Web
vs. versus
z.B. zum Beispiel
z.Z. zur Zeit
Abbildungsverzeichnis Seite 9
Abbildungs- und Tabellenverzeichnis
Abbildungen
Abb 1: Rollenveränderungen im Familiensystem nach Erkrankung
eines Kindes S 33
Abb 2: Geschwister krebskranker Kinder S 36
Tabellen
Tab 1: Faktoren welche die Anpassung des
nichtbehinderten Geschwisters beeinflussen S 70
Tab 2: Themenmatrix S 86
Einleitung Seite 10
Einleitung
„Und um Dich kümmert sich (k)einer.“
Der bewusst gewählte ambivalente Titel dieser Arbeit soll die zweiseitige Herangehensweise an das Themengebiet verdeutlichen. Es werden zum einen die leidvolle Situation von Geschwistern unheilbar erkrankter Kinder beschrieben und zum anderen zielgruppenspezifische Hilfsmöglichkeiten zur Situationsverbesserung gegeben. Es wird Hoffnung gemacht, dass sich um das Wohlbefinden des gesunden Kindes gekümmert, es in seiner besonderen Situation und Rolle wahrgenommen und ihm Hilfe angeboten werden kann.
Die Betrachtung der Geschwister unheilbar und lebensbedrohlich erkrankter Kinder ist insofern interessant und notwendig, weil sie im Vergleich zu Gleichaltrigen, zahlreichen zusätzlichen Belastungen praktischer, emotionaler und kognitiver Art ausgesetzt sind, die sie bereits im frühen Alter zwangsläufig verantwortungsbewusster und reifer werden lassen.
Diese Arbeit hat das Ziel die Geschwisterkinder als Menschen zu erkennen, die in einer außergewöhnlichen Lebenssituation stehen, ihre Sorgen und Nöte zu begreifen und gezielte Handlungsmöglichkeiten aufzuzeigen.
Die Situation der erkrankten Kinder und ihrer Eltern ist in die Ausarbeitung miteinbezogen, da nur so die Lage der gesunden Geschwister aus einer ganzheitlichen Perspektive verstanden werden kann.
Im Einzelnen gliedert sich die Arbeit wie folgt:
Zu Beginn werden zwei Fallbeispiele gegeben, die den Leser in das Thema einführen sollen. Das zweite Kapitel beinhaltet wichtige Informationen und grundlegende Erkenntnisse über Geschwister- beziehungen im Allgemeinen. Die Frage nach dem Einfluss eines unheilbar und lebensbedrohlich erkrankten Kindes auf die Entwicklung
Einleitung Seite 11
seiner Geschwister impliziert den Vergleich mit der „normalen“ Geschwisterbeziehung und ihren Persönlichkeitsentwicklung. Es folgt eine Erörterung über die Auswirkungen eines unheilbar erkrankten Kindes auf die gesamte Familie. Anschließend wird im Besonderen die psychosoziale 2 Situation des Geschwisterkindes ausführlich betrachtet. Dabei wird überwiegend auf Studien zurückgegriffen, die sich mit Geschwistern behinderter Kinder befassen. Fachbücher und Untersuchungen speziell über Geschwister unheilbar und lebensbedrohlich erkrankter Kinder wurden bisher nicht veröffentlicht. Inwiefern eine Übertragung dieser Erkenntnisse möglich ist, wird zunächst in Kapitel 3 herausgearbeitet.
Da unheilbar erkrankte Kinder meist innerhalb der ersten zwei Lebensjahrzehnte versterben, nimmt der Bereich Sterben und Tod eines Geschwisters einen wesentlichen Teil dieser Arbeit ein. Anschließend werden Prognosen für die weitere Entwicklung des hinterbliebenen Kindes gegeben.
Um spezifische Aussagen zur psychosozialen Situation von Geschwistern unheilbar erkrankter Kinder machen zu können wurden Interviews mit betroffenen Geschwistern Forschungsmethode, Angaben zur Stichprobe, der Ablauf der Untersuchung, die inhaltlichen Auswertung und die Ergebnisse werden in Kapitel 6 vorgestellt.
Anschließend wird über die Hospizbewegung mit dem besonderen Fokus der Kinderhospize berichtet, um darauf folgend spezifische Hilfsmöglichkeiten für Geschwister von unheilbar erkrankten Kindern zu benennen.
„…ein „psychosoziales Modell“…, in dem neben gesellschaftlichen
Verursachungszusammenhängen auch persönliche Biographie und Sozialisation sowie die
Wechselwirkungen von sozialer Umwelt und Persönlichkeit von Betroffenen zu
Problemerklärungen herangezogen werden.“ Otto, Hans Uwe & Thiersch, Hans (2001). S.142
Einleitung Seite 12 Zum Schluss soll der Leser einen fundierten Einblick, in das bisher noch wenig erforschte Gebiet der situativen Bedingungen und Verarbeitungsformen von Geschwistern unheilbar erkrankter Kinder gewinnen.
Mit dieser Ausarbeitung verbindet sich die Intention, die Zusammenarbeit mit Familien unheilbar erkrankter Kinder und professionellen Helfern auf eine solide Basis zu stellen.
1 Fallbeispiele Seite 13
1 Fallbeispiele
Die folgenden Fallbeispiele geben einen Einblick über die Situation, mit der Geschwister unheilbar und lebensbedrohlich erkrankter Kinder täglich konfrontiert sind. Es sind authentische Erfahrungsberichte, die aus unterschiedlichen Perspektiven erzählt werden.
1.1 Ein Beispiel für eine schwere akute Erkrankung
Peter, 14 Jahre, dessen 4-jähriger Bruder an Leukämie erkrankte, schreibt über seine Gefühle, Gedanken und Eindrücke beim Erleben der Erkrankung 3 :
"Mein Bruder Michael ist an Leukämie erkrankt. An diesen Tag erinnere ich mich sehr genau, denn diesen Tag werde ich nicht so schnell vergessen. Meine Mutti bat mich, sie mit ins Krankenhaus zu begleiten. Ich bemerkte, dass sie sehr aufgeregt und innerlich aufgewühlt war. Als der Arzt sagte, dass Michael im Krankenhaus bleiben musste, bekam ich ein mulmiges Gefühl im Bauch. Wir informierten unseren Vati, dass er sofort in das Krankenhaus kam. Danach bin ich mit meiner Mutti nach Hause gefahren. Während dieser Fahrt sprachen wir kaum miteinander, denn jeder fühlte in diesem Augenblick etwas anderes. Als wir wieder in das Krankenhaus kamen, saß Michael ganz traurig in der Fensterecke. Ich war sehr traurig und die Tränen standen mir in den Augen. Meine Eltern waren sehr durcheinander, und ich wusste nicht, was mit Michael geschehen würde. Ich dachte, warum nur Michael. Warum musste es ausgerechnet Michael sein, es gibt doch viele Kinder auf dieser Welt. Schreckliche Gedanken schossen mir durch den Kopf. Es könnte alle von uns treffen.
Meine Mutti ging jeden Tag ins Krankenhaus. Ich konnte nicht jeden Tag zu Michael ins Krankenhaus, weil ich in die Schule musste. Die nächsten Tage waren schrecklich. Ich vermisste meinen Bruder, sein Plappern, sein fröhliches Lachen, einfach alles.
3 Beispiel aus www.onkokids.de/Eltern/haeb.htm (12.12.03)
1 Fallbeispiele Seite 14
Meine Eltern kamen jeden Tag sehr gestresst vom Krankenhaus nach Hause, deshalb fragte ich nicht so oft nach Michaels Gesundheit. Ständige Traurigkeit stand meiner Mutti in den Augen.
Inzwischen sind viele Monate vergangen und vieles hat sich in unserer Familie geändert. Gerade in dieser schweren Zeit wollte ich meinen Eltern eine große Unterstützung sein. Ich versuchte, meinen Eltern an täglichen Sachen einiges abzunehmen. Mir kam die Behandlungsdauer wie eine Ewigkeit vor. Wir sind alle so glücklich, dass Michael wieder zu Hause ist. Es ist das schönste Weihnachtsgeschenk für mich, denn heute weiß ich, dass Gesundheit nicht käuflich ist."
1.2 Ein Beispiel für eine schwere chronische Erkrankung
Das Beispiel wurde beschrieben von einer ehrenamtlich tätigen Mitarbeiterin des Fördervereins Kinderhospiz Regenbogenland. Sie besucht die Familie bereits seit einem Jahr kontinuierlich einmal in der Woche.
„Die Familie die ich betreue hat zwei erkrankte Kinder. Der älteste Junge ist 16 Jahre alt, das zweitgeborene Mädchen ist 14 Jahre alt. Beide Kinder sind an der Stoffwechselerkrankung erkrankt und diese Erkrankung ist lebensverkürzend. Beide Kinder sind als geistig und körperlich behinderte Kinder in der Familie. Der Junge sehr stark körperlich behindert und in der körperlichen Entwicklung auf dem Stand eines Achtjährigen. Das Mädchen ist in ihrer körperlichen Entwicklung etwas weiter und auch etwas reifer als der Junge, vielleicht auf dem Stand einer Zwölfjährigen. Beide Kinder leiden häufiger unter starken Krampfanfällen, häufig auch über mehrere Stunden, dann auch nachts und werden im Moment ausschließlich von der Mutter bzw. den Eltern betreut. Die Kinder haben bis zum letzten Jahr eine Schule für geistig- und körperlich behinderte Kinder besucht. Dieser Schulalltag wurde abgebrochen und die Kinder sind jetzt eigentlich nur noch zu Hause. Bis Anfang des Jahres gab es auch einen Zivildienstleistenden der die Familie unterstützt hat, dieser Dienst ist beendet und im Moment hat sich ein junges Mädchen bereit erklärt die Familie zu unterstützen, die
1 Fallbeispiele Seite 15
ihr Soziales Jahr absolviert. Außer den zwei erkrankten Kindern gibt es auch noch ein gesundes Kind von sieben Jahren.
Die gesunde Tochter besucht die Grundschule im zweiten Schuljahr und bereitet auf andere Art der Familie Schwierigkeiten. Sie ist auffällig in ihrem sozialen Verhalten, nicht sehr konfliktbereit, nicht bereit in der Schule mitzuarbeiten, obwohl es ein sehr intelligentes Mädchen ist. Und stellt einfach, vielleicht auch zum ersten Mal, Anforderung an erzieherische Kompetenz der Eltern, was bei den anderen erkrankten Kindern gar nicht der Fall ist. Hier treten Grenzen und neue Herausforderungen für die Eltern auf und da ist wenig Bereitschaft und wenig Kraft da, das noch durchzusetzen. Das ist im Moment glaube ich die größte Belastung der Familie.
Weil sich die Belastung mit den kranken Kindern, über den langen Zeitraum von 13 Jahren schon fast normalisiert hat. Aufgrund des Bewusstseins der Eltern, das gesunde Geschwisterkinder in so einer Familie in der erkrankte Kinder sind, immer benachteiligt sind, haben die Eltern ganz bewusst in der Fürsorge und auch in der pflegerischen Verantwortung für die betroffenen Kinder, das gesunde Kind außen vor gelassen. Ja und das zeigt sich einfach, dass scheinbar keine hohe emotionale Bindung zu den erkrankten Kindern vorhanden ist.“
2 Geschwister - wie sie unser Leben beeinflussen u. bereichern Seite 16
2 Geschwister – wie sie unser Leben beeinflussen und
bereichern
In der Diskussion über Geschwister werden oft nur ihre negativen Gefühlsanteile beschrieben. 4 Die folgende Darstellung stellt dagegen vor allem die tragenden und positiven Kräfte der Geschwister- beziehung heraus.
Im folgenden Kapitel wird näher auf Intensität und Entwicklung bzw. die Bedeutung der Geschwisterbeziehung eingegangen. Auf die Unterschiede zwischen gleich- und nichtgleichgeschlechtlichen Geschwistern wird im Rahmen dieser Ausarbeitung verzichtet, da dieser Bereich für den weiteren Teil der Arbeit nicht von wesentlicher Bedeutung ist.
2.1 Die Geschwisterbeziehung
Um die Geschwisterbeziehung näher betrachten zu können, bedarf es zunächst einiger begrifflicher Erläuterungen.
Mit dem Begriff Geschwister bezeichnet man in den meisten Kulturen Individuen, die „über eine (zumindest) teilweise identische genetische Ausstattung verfügen, weil sie dieselbe Mutter/denselben Vater/dieselben Eltern haben“. 5 Nach Bank & Kahn bedeutet „Geschwisterbeziehung“, dass zwischen Geschwistern ein, wie auch immer geartetes zwischenmenschliches Verhältnis besteht. Ihrer Meinung nach existiert nicht die Geschwisterbeziehung an sich, sondern eine Vielzahl von Geschwister- bindungen. Die Geschwisterbindung wiederum ist eine intime als auch öffentliche Beziehung zwischen dem Selbst von zwei Geschwistern. „Die Bindung, kann ein Band, das vereinigt, eine Verpflichtung oder Übereinkunft und eine Beziehung oder ein Beziehungssystem, bedeuten.“ 6
4 Vgl. Petri, Horst (1996). S. 1078 ff.
5 Kasten, Hartmut (1993). Band I. S. 8
6 Bank, Stephen P. & Kahn, Michael D. (1989). S. 21
2 Geschwister - wie sie unser Leben beeinflussen u. bereichern Seite 17
Charakteristisches Merkmal für Geschwisterbeziehungen ist ihre tiefwurzelnde emotionale Ambivalenz, d.h. das gleichzeitige
Vorhandensein von intensiven Unterstützung) und negativen Gefühlen Geschwisterliche Rivalität beruht einerseits auf dem Wettstreit um elterliche Anerkennung und Zuwendung, andererseits auf dem Bestreben, innerhalb der Geschwisterbeziehung einen erwünschten Status zu erreichen. Das Verhältnis zwischen Geschwistern ist aber auch meist liebevoll, da aufgrund des verwandtschaftlichen Bundes in der Regel eine tiefgehende Bindung aufgebaut wird, die garantiert, dass man über Zeit und Raum hinweg einander vertraut bleibt und sich umeinander sorgt.
Geschwister haben sich nicht gesucht und gefunden, sondern wurden sozusagen ohne Wahlfreiheit in dieselbe Familie hineingeboren. Sie teilen dieselben Eltern, dieselbe Wohnung, Spielsachen, Möbel u.v.m. Diese Besonderheiten machen die Geschwisterbeziehung aus und tragen dazu bei, dass sie sich von allen anderen sozialen Beziehungen, wie Freundschaft, Bekanntschaft und von Liebesbeziehungen unterscheidet und somit einzigartig ist. Eine Beziehung unter Geschwistern verläuft meist automatischer, unreflektierter und erweist sich als urwüchsiger, enger, tiefer und spontaner. Durch das "Aufwachsen in einem Nest" können Geschwisterbeziehungen durch ein Höchstmaß an Intimität charakterisiert sein, das in keiner anderen Sozialbeziehung erreicht wird.
Der Mediziner und Psychoanalytiker Horst Petri bezeichnet die Geschwisterbeziehung als „die längste Beziehung unseres Lebens“. 7 Sie erstreckt sich über den Zeitraum von der Geburt bis zum Tod eines Geschwisters. Geschwisterbeziehungen können nicht beendet werden, sie wirken fort, auch wenn sich die Geschwister getrennt haben oder keine Kontakte mehr stattfinden.
7 Petri, Horst (1994). S. 35
2 Geschwister - wie sie unser Leben beeinflussen u. bereichern Seite 18
2.1.1 Gründe für die Entstehung einer Geschwisterbeziehung
Nach Bank & Kahn kann sich eine besonders starke Geschwister- beziehung nur entwickeln, wenn ein hoher Zugang 8 und Kontakt zwischen den Geschwistern, das Bedürfnis nach persönlicher Identität und unzureichender Einfluss der Eltern besteht. 9 Je weniger gemeinsame Anknüpfungspunkte Geschwister im täglichen Leben haben (kleiner Altersunterschied, gleiche Geschlechter, ähnliche Interessen etc.), desto geringer ist ihr Zugang zueinander und desto weniger beeinflussen sie sich gegenseitig auf emotionale Weise. Die Autoren betonen hierbei auch die Bedeutung äußerer Umstände, wie z.B. elterliche Einflüsse oder der Gesundheitszustand der Geschwister. Sie können den Zugang zueinander fördern oder auch erschweren. 10 Wichtige Voraussetzungen für ein positives Geschwisterverhältnis sind jedoch, dass die Geschwister zu Beginn ihres Lebens gute Erfahrungen mit einer ihnen zugewandten Elternfigur gemacht haben und dass sie nicht gegeneinander ausgespielt wurden.
Um zu verstehen, welche Befriedigungsmöglichkeiten die Geschwister- beziehung bietet, muss geklärt werden wie das Verhalten und das Selbstbild eines Geschwisters zu denen des anderen passt. So lässt sich z.B. eines der Geschwister vom anderen dominieren, weil es sich gerne versorgt fühlt, während das andere die ihm gegebenen Machtgefühle schätzt.
Entsteht unter den Geschwistern eine besonders starke emotionale Bindung, so steigt die Wahrscheinlichkeit, dass eine Trennung der Geschwister als traumatisch empfunden wird. 11
8 Nach Bank & Kahn meint dieser Begriff den intimen Grad an gemeinsam Durchlebtem, was
als Basis geschwisterlicher Beziehung zu verstehen ist. Vgl. S. 15 f.
9 Vgl. Bank, Stephen P. & Kahn, Michael D. (1989). S. 24 f.
10 Vgl. A.a.O. S. 15 f.
11 Vgl. Wright, Norman (1999). S. 21 ff.
2 Geschwister - wie sie unser Leben beeinflussen u. bereichern Seite 19
2.2 Auswirkungen der Geschwisterbeziehung Persönlichkeitsentwicklung In diesem Kapitel werden Geschwisterrollen und –positionen näher betrachtet. Ausgangspunkt ist die Grundannahme, dass mit einer bestimmten Position in der Geschwisterreihe typische Erziehungs- und Sozialisationseinflüsse verbunden sind, welche die Persönlichkeit des Kindes entscheidend formen. 12
2.2.1 Identifikationsmuster
Bei der Frage nach der eigenen Identität werden Geschwister in ganz besonderer Weise füreinander bedeutsam. Sie sind sich gegenseitig ein wichtiger Spiegel zur Bestätigung oder Ablehnung ihres Selbstwertes und ihrer Selbstachtung. 13 Ein Kind wird ca. ab dem vierten Lebensjahr, nachdem es gelernt hat, dass es anders ist als Mutter/Vater oder Schwester/Bruder, zum Objekt für bewusste Vergleiche und Identifikation.
Stephen Bank & Michael Kahn haben drei verschiedene Identifikationsmuster von Geschwistern beobachten können. 14 Sie unterscheiden die enge Identifikation, die Teilidentifikation und die distanzierte Identifikation.
Die enge Identifikation beinhaltet viel Ähnlichkeits- und wenig Differenzgefühle zwischen den Geschwistern. Zumindest eins der Geschwister fühlt sich dem anderen sehr ähnlich oder möchte unbedingt so sein wie der Andere. Einige Geschwister identifizieren sich so stark miteinander, dass kaum noch ein individuelles Selbst erkennbar ist.
Die Teilidentifikation „(…)ist flexibler und günstiger, weil sie Geschwistern emotionalen Zugang zu anderen Menschen möglich macht und sie nicht starr auf den Vorrang der Geschwisterbeziehung
12 Vgl. Kasten, Hartmut (1998). S. 46
13 Vgl. Bank, Stephen P. & Kahn, Michael D. (1989). S. 53 ff.
14 Vgl. A.a.O. S. 85 f.
2 Geschwister - wie sie unser Leben beeinflussen u. bereichern Seite 20 festlegt.“ 15 Die Geschwister spüren, dass sie sich in manchen Dingen ähnlich sind, stellen jedoch klar ihre persönlichen Fähigkeiten und Besonderheiten heraus. Durch gewisse Ähnlichkeiten und Nähe werden die Geschwister gestärkt, können aber auch durch das Gefühl von Distanz und Differenzierung ihr Leben selbst bestimmen.
Die geringe Identifikation betrifft einander entfremdete Geschwister mit geringen Ähnlichkeiten. Die Entfremdung zwischen den Geschwistern ist so groß, dass sie ihre Probleme nicht selbst lösen können. „Keiner möchte dem anderen ähnlich sein, und beide lehnen die Eigenschaften des anderen total ab.“ 16 Meist gibt es in diesen Geschwister- beziehungen ein dominierendes Kind und ein schwächeres Kind.
Die Autoren sprechen von De-Identifikation der Geschwister, wenn eine bewusste Betonung der Andersartigkeit und eine Entwicklung entgegengesetzter Persönlichkeitszüge, insbesondere bei gleichgeschlechtlichen Geschwistern auftreten. Dies kann als Versuch verstanden werden geschwisterliche Rivalität zu vermindern und das familiäre Gleichgewicht aufrecht zu erhalten. In diesem Sinne ist auch die aufgespaltene Eltern-Identifikation zu verstehen die besagt, dass sich jeweils ein Kind mit der Mutter und das andere mit dem Vater identifiziert. 17 Familienmitglieder halten Unterschiede in Charakter, Persönlichkeit, Fähigkeiten und Begabungen von Kindern, unabhängig vom Temperament, in der Regel für wünschenswert. 18 Eltern schreiben ihrem Kind oft bestimmte Rollen und Eigenschaften zu, wie z.B. still, intelligent u.v.m. Eine solche Rolle kann immer nur von einem Kind besetzt werden, so dass nachfolgende Kinder diese Rolle bzw. diese Eigenschaften nicht mehr übernehmen können und ein anderes Gebiet besetzen müssen. „Eine für Eltern immer wieder von neuem
15 A.a.O. S. 85
16 Bank, Stephen P. & Kahn, Michael D. (1989). S. 103
17 Vgl. Kasten, Hartmut (1998). S. 35
18 Vgl. Bank, Stephen P. & Kahn, Michael D. (1989). S. 29
2 Geschwister - wie sie unser Leben beeinflussen u. bereichern Seite 21
erstaunliche Beobachtung ist die Unterschiedlichkeit ihrer Kinder, obwohl diese doch – wie viele Eltern meinen – unter so ähnlichen Bedingungen aufwachsen und ein hohes Maß an Gleichbehandlung erfahren.“ 19 Die Forschung belegt diese elterliche Überzeugung jedoch nicht. Obwohl die Gene von Geschwistern im Schnitt sogar zu 50% identisch sind, belegen Untersuchungen, dass für die Unter- schiedlichkeit von Geschwisterpaaren vor allem die ungleiche Behandlung durch die Eltern, sowie die Konfrontation mit unterschiedlichen Umwelten und die Qualität der Geschwister- beziehung selbst verantwortlich sind. 20 Festzuhalten ist, dass jedes Kind danach strebt, seine eigene Identität zu entwickeln. Diese Identität sollte sich möglichst von denen der Geschwister unterscheiden und gleichzeitig stabil genug sein, um die Bindung zueinander ohne störende Neidgefühle oder Sehnsucht nach der Identität der Geschwister aufrecht erhalten zu können. 21
2.2.2 Der/die Erstgeborene
Erstgeborene kommen zunächst allein in den vollen Genuss von Liebe und Zuwendung ihrer Eltern. Wird das zweite Kind geboren ändert sich die Situation schlagartig.
Kasten zitiert in diesem Zusammenhang, dass von Alfred Adler erstmalig erwähnte Entthronungstrauma des Erstgeborenen 22 . Durch die Geburt des zweiten Kindes erleidet das Erstgeborene einen Schock, mit dessen Verarbeitung es auch als Erwachsener noch beschäftigt ist. 23 Horst Petri hält dagegen, dass die Geburt des zweiten Kindes vom Erstgeborenen ersehnt wird und es sich mit der Mutter auf den Nachwuchs freut. Bedingung ist, dass das Kind sich von den Eltern
19 Schneewind, Klaus A. (1999). S. 152
20 Vgl. Schneewind, Klaus A. (1999). S. 152
21 Vgl. Klagsbrun, Francine (1992). S. 39
22 Der Einfachheit halber wird im Folgenden nur die neutrale Form geschrieben, die weibliche
und männliche wird mitgedacht.
23 Vgl. Kasten, Hartmut (1998). S. 47
2 Geschwister - wie sie unser Leben beeinflussen u. bereichern Seite 22
geliebt fühlt. Später empfindet das ältere Kind, es ebenfalls als positiv, dem jüngeren Geschwister vieles beibringen zu können. 24 „Sie lernen die Geschwister zum Lachen zu bringen und Zärtlichkeit zu äußern, sie zu imitieren und umgekehrt von ihnen imitiert zu werden.“ 25 Durch häufige Ermahnungen der Eltern, dem kleinen Geschwister nicht weh zu tun, lernen die älteren die jüngeren zu beschützen und Verantwortung für sie zu übernehmen. Dieses innere Verantwortungs- gefühl kann zu einem so wichtigen Bestandteil des Selbstbildes werden, dass die älteren Kinder ständig versuchen, die Abhängigkeit der jüngeren zu fördern. Sie sind froh, wenn das jüngere Geschwister ihrer Hilfe bedarf. Erstgeborene wissen ihre geistige und körperliche Überlegenheit machtvoll einzusetzen um ihre jüngeren Geschwister zu beeinflussen. 26 „Die älteren Kinder einer Familie stehen den jüngeren mit Empathie, aber auch mit Groll gegenüber. Sie beschützen sie und putzen sie herunter, nehmen sie an die Hand und stoßen sie weg.“ 27 Aus dieser Machtposition entsteht aber auch ein gewisser Leistungs- druck, nämlich ein vorbildliches Verhalten und z.B. gute Noten den jüngeren Geschwistern zu präsentieren. Auch die Eltern haben meist sehr hohe Erwartungen an ihr Erstgeborenes und übertragen ihm viel Verantwortung gegenüber seinen Geschwistern. Diesem Druck stand zu halten, ist wohl die schwierigste Aufgabe des Erstgeborenen. Doch viele von ihnen neigen auch im späteren Leben noch zu Führungs- und Verantwortungspositionen.
2.2.3 Der/die Mittlere
„Viele Autoren sind sich einig, dass mittlere Kinder (besonders in Drei- Kinder-Familien) die schlechtesten Ausgangsbedingungen vorfinden (…).“ 28 Sie gelten dennoch als kreativ und tolerant, sowie wenig an Leistung orientiert. Sie müssen niemandem etwas beweisen und geben sich mit
24 Vgl. Petri, Horst (1996). S. 1078 ff.
25 Klagsbrun, Francine (1992). S. 58 26 Vgl. Klagsbrun, Francine (1992). S. 58 ff.
27 A..a.O. S. 60 28 Kasten, Hartmut (1998). S. 53
2 Geschwister - wie sie unser Leben beeinflussen u. bereichern Seite 23
wenig Aufmerksamkeit zufrieden, vielleicht auch weil sie es nie anders erlebt haben. 29 Erstgeborene als auch Letztgeborene haben ihre Eltern für einen gewissen Zeitraum für sich allein (die Letztgeborenen, wenn die älteren Geschwister das Elternhaus verlassen haben). Mittlere Kinder jedoch, sind weder Thronfolger noch Nesthäkchen und erleben sich zeitweise als zurückgesetzt und vernachlässigt. Sie tragen gleichzeitig zwei Rollen, die sie alleine bewältigen müssen. Zum einen sind sie ein jüngeres und zum anderen ein älteres Geschwister. Diese Position kann seine Vor- und Nachteile haben. Negativ ist sicher zu bemerken, dass das Kind es wohl nie schaffen wird seine wirkliche Position zu bestimmen. Oft kommt es zu einem Bündnis zwischen dem ältesten und dem jüngsten Geschwister, was das mittlere zusätzlich belastet. Es muss ein besonderes Interessenfeld finden, um die Aufmerksamkeit auf sich zu lenken, sonst kann es sein, dass es sich ganz zurückzieht und eine negative Entwicklung, in Form von Resignation, Depression, Trauer und Verzweiflung ihren Lauf nimmt. 30
2.2.4 Der/die Letztgeborene
Francine Klagsbrun beschreibt jüngere Geschwister als freundlich und diplomatisch. Diese Eigenschaften entwickeln sie zwangsläufig um mit ihren älteren, meist dominierenden Geschwistern (s.o.) zurechtzu- kommen. 31 Sie sammeln Erfahrungen im Widerstand gegen ihre älteren Geschwister und rebellieren auch häufiger gegen Regeln.
Jüngere Geschwister wehren sich im Gegensatz zu ihren älteren mit eher schwachen Machtmitteln, wie z.B. weinen, schmollen oder sie nerven so lange bis sie ihren Willen durchgesetzt haben. 32 Sie haben eine besonders starke Bindung zu ihren älteren Geschwistern, weil sie sich von ihnen beschützt und umsorgt fühlen. Eine Welt ohne ihre älteren Geschwister haben sie nie kennen gelernt. Sie sind für sie Orientierung und Identifikationsobjekt. 33 „Von der
29 Vgl. Rehn, Eva (1991). S. 50 ff.
30 Vgl. Kasten, Hartmut (1998). S. 53 31 Vgl. Klagsbrun, Francine (1992). S. 79 32 Vgl. A.a.O. S. 58 ff.
33 Vgl. A.a.O. S. 80 ff.
2 Geschwister - wie sie unser Leben beeinflussen u. bereichern Seite 24
frühesten Kindheit an, sehen die jüngeren Geschwister in den Älteren eine Art Halbgötter, die dicht hinter den Göttern, also Vater und Mutter, rangieren.“ 34 Sie leiden aber auch an Minderwertigkeitsgefühlen, weil sie fast immer erleben müssen, dass ihre älteren Geschwister vieles besser können als sie. Sie sehnen sich nach Anerkennung und wollen so sein wie der große Bruder/die große Schwester, bzw. bemühen sich, sie einzuholen und noch besser zu sein. Die Macht ist den Älteren jedoch meist sicher, die Jüngeren müssen schwer darum kämpfen. Schaffen sie es nicht sich durchzusetzen, beschweren sie sich meist weinend bei ihren Eltern über die großen „ungerechten“ Geschwister, in der Hoffnung von ihnen die gewünschte Anerkennung zu bekommen. Da die „Nesthäkchen“ meist auf ganz besondere Art und Weise von ihren Eltern verwöhnt und umsorgt werden, erhalten sie diese Aufmerksamkeit meist auch. Mit zunehmendem Alter werden diese Kämpfe seltener, und hören in der Regel ganz auf, wenn die Geschwister ihren Platz gefunden haben und mit sich und ihren Fähigkeiten zufrieden sind.
In der Beziehung zu den Eltern haben die jüngsten Kinder den schwierigsten Ablöseprozess. Sie sind die Letzten die das Elternhaus verlassen und haben hauptsächlich mit den Bedürfnissen und Forderungen der Eltern zu kämpfen. 35
2.3 Die Entwicklung der Geschwisterbeziehung im Laufe des
Lebens Im Folgenden wird der Verlauf der Geschwisterbeziehung von der Geburt des zweiten Kindes bis ins hohe Alter der Geschwister dargestellt.
Je nach Entwicklungsstand des Geschwisters gibt es Zeiten der Ruhe und Zeiten besonderer Aktivitäten und Entwicklungsaufgaben.
34 . A.a.O. S. 83
35 Vgl. Klagsbrun, Francine (1992). S. 92
2 Geschwister - wie sie unser Leben beeinflussen u. bereichern Seite 25
Die Geschwisterbeziehung in der Kindheit und Jugend
Die Geschwisterbeziehung beginnt mit der Geburt des zweiten Kindes, die weniger eine Umstellung der Eltern erfordert, als eine Anpassung des ersten, bisher einzigen Kindes an die neue und ungewohnte Lebenssituation (s.o.). Zentrales Problem in dieser Phase ist das Vertrautwerden des erstgeborenen Kindes mit der Rolle des älteren Geschwisters. Deshalb ist es vor allem Aufgabe der Eltern Kontakt zwischen den beiden Kindern herzustellen und den Aufbau einer Beziehung zwischen ihnen einzuleiten. Während der gesamten Kindheitsjahre hängt es ganz entscheidend von den Eltern ab, ob sich zwischen den Geschwistern eine positive, nahe, von Rivalität weitgehend ungetrübte Beziehung aufbaut und aufrechterhält.
In der ersten Zeit, besonders wenn das Neugeborene noch sehr viel Aufmerksamkeit bedarf, kann das Erstgeborene Gefühle der Eifersucht und sogar Hass empfinden. 36 Der Säugling hingegen nimmt sein Geschwister als ein besonderes Bindungsobjekt wahr, dass ihm Schutz und Sicherheit bietet, wenn die Mutter nicht anwesend ist.
Später genießt auch das ältere Geschwister, seine neu erworbene Machtposition (s.o.). In den Kindergarten- und Grundschuljahren nimmt das Konfliktpotential wieder ein wenig zu, da sich während dieser Zeit ihre Interessen und Beschäftigungsvorlieben – auch geschlechts- spezifisch – deutlich auseinander entwickeln. Im Kindergarten spielen die meisten Jungen in der Bauecke, während die Mädchen unter sich in der Puppenecke bleiben oder die Älteren dürfen am Nachmittag schon auf den Spielplatz, während die Jüngeren einen Mittagsschlaf machen müssen.
Die deutlichste Ausprägung der Geschwisterbeziehung zeigt sich in der späten Kindheit und Jugend. Es sind in erster Linie wechselseitige emotionale Unterstützung und Aufbau von Freundschaft die diese Beziehung besonders ausmachen. Die älteren Geschwister helfen den jüngeren, man erweist sich kleine Gefälligkeiten und steht einander bei,
36 Vgl. Kasten, Hartmut (1993). Band I. S. 19
2 Geschwister - wie sie unser Leben beeinflussen u. bereichern Seite 26
solidarisiert sich und bezieht z.B. gemeinsam Front gegen Dritte (gelegentlich auch gegen die eigenen Eltern).
In der Jugend kann es aber auch zu einer Entfremdung unter den Geschwistern kommen. Für Jugendliche und junge Erwachsene ist es besonders wichtig, mehr Unabhängigkeit und Selbstständigkeit für sich zu gewinnen und das bedeutet eine allmähliche innere und äußere Abgrenzung und Distanz zu den Geschwistern und anderen Familienmitgliedern.
Die Geschwisterbeziehung im frühen und mittleren Erwachsenenalter Während der Adoleszenz und frühen Erwachsenenjahre stehen folgende Entwicklungsaufgaben an. Zum einen reift die eigene Identität, möglichst unabhängig von den familiären Bezugspersonen. Zum anderen werden enge und intensive Beziehungen eingegangen und aufrechterhalten. Dies hat zur Folge, dass sich die Geschwister häufig geographisch voneinander entfernen und die emotionale Nähe sich zwischen ihnen reduziert. Im mittleren Erwachsenenalter, wenn der Beruf und die Karriere, die Partnerbeziehung und die Kindererziehung im Vordergrund stehen, rücken die Geschwister (und meist auch die eigenen Eltern) etwas in den Hintergrund. Nicht selten reduzieren sich während dieser Altersphase die geschwisterlichen Kontakte auf regelmäßige, fast ritualisierte Treffen zu besonderen Anlässen, wie Feiertage, Geburtstage oder Jubiläen. Wenn Geschwister – untypischerweise – auch in dieser Zeit engere Kontakte beibehalten, hängt dies mit besonderen Konstellationen und Variablen zusammen. Der Kontakt wird jedoch so gut wie nie ganz eingestellt. 37 In Fällen von unerwarteten kritischen Lebensereignissen, z.B. Arbeitslosigkeit, lebensbedrohenden Erkrankungen, Tod eines nahen Angehörigen, werden Geschwisterbeziehungen sehr schnell wieder intensiviert und stellen ein Bewältigungspotential zur Verfügung, auf dessen Basis Schwierigkeiten und Sorgen ertragen und gemindert
37 Vgl. Kasten, Hartmut (1998). S. 50 ff.
2 Geschwister - wie sie unser Leben beeinflussen u. bereichern Seite 27 werden können. „Die schwankende Beziehung zwischen Geschwistern hat ihren Höhepunkt in Zeiten von Stress und Veränderung.“ 38 Während des frühen und mittleren Erwachsenenalters zählen Kameradschaft und gegenseitige emotionale Unterstützung; man übernimmt gemeinsam die Pflicht des Sich-Kümmerns um die älter werdenden Eltern.
Die Geschwisterbeziehung im späten Erwachsenenalter und hohen Alter Im späteren Erwachsenenalter und höheren Alter erhalten Kameradschaft und wechselseitige, gefühlsmäßige Unterstützung besonderes Gewicht. Nur Geschwister unter sich, können vergangene, konflikthafte Ereignisse aufklären und z.B. Rivalitätsprobleme endgültig aufarbeiten. In Notsituationen hilft man sich und ist füreinander da, erweist sich Gefälligkeiten und vermittelt einander das Gefühl, sich auf den anderen verlassen zu können. Wenn die erwachsen gewordenen Kinder das Haus verlassen haben, beginnen für die Geschwister gemeinsame Entwicklungsaufgaben, in deren Mittelpunkt die Betreuung der alt gewordenen Eltern stehen. 39 Die Geschwister rücken dabei in der Regel wieder näher zusammen.
2.4 Die etwas anderen Geschwisterbeziehungen
Geschwisterbeziehungen verlaufen anders als oben genannt, wenn eines der Kinder unheilbar erkrankt ist oder an einer Behinderung leidet.
Für Bank & Kahn sind drei Faktoren entscheidend für den Umgang zwischen gesunden und kranken Geschwistern: 40
- Alter und Entwicklungsstand des gesunden Kindes beim manifesten Auftreten der Störung 41
38 Bank, Stephen P. & Kahn, Michael D. (1989). S.22
39 Vgl. Kasten, Hartmut (1998). S. 55 ff.
40 Vgl. Bank, Stephen P. & Kahn, Michael D. (1989). S. 211
2 Geschwister - wie sie unser Leben beeinflussen u. bereichern Seite 28
Es ist ein Unterschied ob die Krankheit von Anfang Bestandteil des Lebens ist oder ob sie in der Adoleszenz oder im frühen Erwachsenen- alter ausbricht. Kleinere Kinder können ihre Ängste nur schwer ausdrücken, ältere Kinder hingegen können sich eher mitteilen und die Erklärungen ihrer Eltern verstehen.
- Art des Ausbruchs und die Dauer der Krankheit.
Es ist ein Unterschied ob das Kind akut oder chronisch erkrankt. Bei chronischen, prozesshaften Erkrankungen wird dem Geschwister die Veränderung einer bis dahin guten Beziehung erst langsam bewusst. Das Geschwister fühlt sich hilflos und die Geschwisterbeziehung wird gelähmt von Hoffnungslosigkeit, Pessimismus und Zynismus.
- Stigma und Ausmaß an Peinlichkeit.
Es kommt auf die Reaktionen des sozialen Umfeldes und auf die Einstellung der Familie an, ob die gesunden Geschwister sich wegen ihrer Verbindung zu dem kranken Kind schuldig fühlen oder es akzeptieren.
Diese drei Faktoren werden von weiteren typischen Verhaltensweisen der gesunden Geschwister begleitet.
In den vorhergehenden Abschnitten wurde beschrieben, dass Geschwister nicht immer nur ein liebevolles Verhältnis zueinander haben, sondern dass ihre Beziehung auch von gegenseitiger Rivalität bestimmt wird. Jeder kämpft um die Gunst der Eltern und die Position in der Geschwisterreihe, nicht zuletzt um sich seiner Identität bewusst zu werden. Ist eines der Geschwister jedoch schwer erkrankt, können die Geschwister nicht offen gegeneinander antreten. Vom gesunden Kind wird vor allem Rücksichtnahme erwartet, Rivalität ist verboten. Eigene
41 Bank & Kahn definieren eine Störung durch drei Merkmale: (1) Die Probleme eines der Kinder verlangen von der Familie jahrelange, außergewöhnliche Aufmerksamkeit; (2) diese Probleme werden von der Familie für ernster und wichtiger gehalten als die der gesunden Geschwister; (3) das kranke Kind hat aufgrund seiner Störung mehr Hilfe z.B. von Ärzten, Psychiatern bzw. Sozialarbeitern oder auch Justizangehörigen in Anspruch nehmen müssen. S. 209 f.
2 Geschwister - wie sie unser Leben beeinflussen u. bereichern Seite 29
Bedürfnisse müssen zugunsten des erkrankten Geschwisters zurückgestellt werden. Diese Anpassung führt unweigerlich zu Wut gegen das erkrankte Kind, die nicht ausgedrückt werden darf. Die Eltern hätten dafür kein Verständnis, weil das erkrankte Kind hilflos ist und besonderer Aufmerksamkeit und Rücksichtnahme bedarf. Wegen der unterdrückten Wut auf das erkrankte Kind entwickeln die Geschwisterkinder oft unbegründete Schuldgefühle. Sie schämen sich für ihre bösen Gedanken und empfinden sich selbst als einen schlechten Menschen.
Auch erleben das erkrankte und das gesunde Kind die Geschwister- folge anders. „Das jüngere Kind erlebt wie es allmählich das ältere überholt – und fühlt sich dadurch verunsichert. Die Hierarchie stimmt nicht mehr, die Positionen im Familiensystem werden neu verteilt.“ 42 Inwiefern sich Art und Ausmaß der Behinderung auf die Geschwister- beziehung auswirken, wurde von Kasten durch Vergleich mehrerer Studien festgestellt. Mit wachsendem Ausmaß der Behinderung etablieren sich immer ungleichere, Rollenbeziehungen zwischen den Geschwistern. Die nichtbehinderten Kinder nehmen fast nur noch die Rolle von Helfern, Lehrern und Versorgern ein. Gleichberechtigte Aktivitäten wie z.B. kooperatives Spielen finden demgegenüber kaum noch statt. 43
42 Achilles, Ilse (2002). S. 47
43 Vgl. A.a.O. S. 183
3 Das unheilbar erkrankte Kind in der Familie Seite 30
3 Das unheilbar erkrankte Kind in der Familie
Unheilbar erkrankte Kinder sind im Kontext dieser Arbeit Kinder, die entweder seit ihrer Geburt an einer unheilbaren und lebensverkürzenden Krankheit leiden, wie z.B. Stoffwechsel- erkrankungen oder im Laufe ihrer Kindheit z.B. an einer akuten oder chronischen unheilbar und lebensverkürzenden Krankheit erkranken. Auf die Darstellung einzelner Krankheiten wird im Rahmen dieser Arbeit nicht genauer eingegangen. Im Anhang findet sich eine Kurzbeschreibung der häufigsten unheilbaren Erkrankungen im Kindesalter.
Die Betrachtung der Geschwister unheilbar erkrankter Kinder bedarf zunächst der Darstellung der Situation des erkrankten Kindes und der der betroffenen Eltern. Nur durch diese Informationen kann die besondere Lage des Geschwisterkindes umfassend veranschaulicht und verstanden werden.
3.1 Das unheilbar erkrankte Kind
Ein unheilbar erkranktes Kind leidet an einer schweren Krankheit, die chronisch oder akut verläuft und lebensverkürzend ist. Dabei kann es zu einer physischen und/oder geistigen Behinderung kommen. Wenn die Kinder noch bei klarem Verstand sind, leiden sie nicht nur unter ihren körperlichen Schmerzen, sondern sind auch tagtäglich mit dem Gedanken konfrontiert, dass sie früher oder später an dieser Erkrankung sterben werden. Diese schwere psychische Belastung ist für die Kinder kaum zu ertragen, vor allem wenn sie mit niemandem über ihre Ängste reden können. Deshalb brauchen und fordern sie die vermehrte Zuwendung ihrer Eltern. „Die Angst vor der unheimlichen Krankheit, die für das Kind nicht intellektuell fassbar aber fühlbar ist, verstärkt seinen Wunsch nach mütterlichem Schutz.“ 44
44 Klingler, Rolf (1984). S. 164
3 Das unheilbar erkrankte Kind in der Familie Seite 31
Auch aus medizinischen und psychologischen Gründen ist es unbedingt erforderlich, dass eine Bezugsperson das Kind begleitet. 45 Dies gilt vor allem für längere stationäre Aufenthalte.
Ein Mangel an Reizen und eine zu lange Abwesenheit der Mutter kann beim Kind Anzeichen von Hospitalismus hervorrufen. D. h., dass es zu Entwicklungsstörungen und -rückständen kommen kann. Der personale Kontakt gilt auch für erkrankte Kinder als wichtigste Grundlage für ihre Entwicklung. Aufgrund ihrer besonderen Situation bedarf es für eine halbwegs normale Entwicklung eher noch mehr Zuwendung. 46 Das erkrankte Kind spürt aber auch die mögliche Angst seiner Mutter, sich offen und ehrlich mit der Erkrankung auseinanderzusetzen. Dadurch fühlt es sich unsicher bzw. verlassen und entwickelt zu seinem eigenen Schutz, Aggressivität gegen die Mutter.
Je nach Krankheits- und einhergehendem Behinderungszustand tritt eine soziale Vereinsamung des erkrankten Kindes auf, wenn bspw. ein Schulbesuch nicht mehr möglich ist und Freunde Angst haben das erkrankte Kind zu besuchen, weil sie nicht wissen wie sie ihm gegenüber treten sollen. Es gilt jedoch möglichst zu verhindern, dass das Kind sich von der Gesellschaft verlassen fühlt und sein gewohntes Maß an menschlichen Interaktionen verliert. Eine Teilnahme am sozialen und kulturellen Leben ist unbedingt zu fördern. Je nach Krankheitsverlauf ist die Frage nach der Zukunftsperspektive schulischen Lernens weniger bedeutsam, als die Frage nach Möglichkeiten der Lebensgestaltung im Hier und Jetzt und nach der Befriedigung aktueller Bedürfnisse.
3.2 Die Situation der Eltern
Die unheilbare Erkrankung eines Kindes ist eine Belastung für die ganze Familie. Wie der Einzelne auf diese Diagnosestellung reagiert, ist abhängig von früheren Erlebnissen und Erfahrungen mit Krankheit und
45 Vgl. Steiner, A. et al. (2003). S. 21
46 vgl. Kasteel, Ludwig (1986). S. 34 f.
3 Das unheilbar erkrankte Kind in der Familie Seite 32
Tod bzw. von der Art und Weise wie familiäre Konflikte in der Vergangenheit gelöst worden sind.
In den ersten Tagen nach der Diagnosestellung oder nach der Geburt eines unheilbar kranken und/oder behinderten Kindes vernachlässigen manche Eltern, vor allem Mütter ihre anderen Kinder und auch sich selbst. 47 Sie befinden sich in einer absoluten Schocksituation und sind konfrontiert mit der Tatsache, dass ihr Kind, dem das Leben eigentlich noch bevorsteht, von einer unheilbaren Krankheit betroffen ist. Meist wird die Erkrankung zunächst verleugnet. „Die Eltern werden (…) in eine existentielle Krise gestürzt. Sie fühlen sich zentral getroffen in ihrer Lebensplanung und ihrem Selbstverständnis.“ 48 Zukunftspläne müssen überdacht oder gar umgeworfen werden. Viele Eltern suchen die Ursache der Erkrankung bei sich selbst und fühlen sich schuldig gegenüber dem erkrankten Kind. Über dies und viele andere Fragen vergessen die Eltern manchmal, dass auch ihr gesundes Kind an Zuwendung, Anerkennung und Hilfe bedarf. Die Hauptfürsorge konzentriert sich auf das erkrankte Kind und ob es auch die richtigen Therapien bekommt. Die Eltern wollen nichts unversucht lassen, es vielleicht doch noch zu retten.
Je nach Art und Dauer der Erkrankung bleibt ein Elternteil in akuten Zeiten meist bei dem erkrankten Kind und ist für den „Rest“ der Familie nicht greifbar, z.B. während eines Klinikaufenthaltes. Aber auch zuhause benötigt das kranke Kind intensive Pflege und Zuwendung. Meist ist es notwendig, dass ein Elternteil die Arbeit aufgibt, was nicht selten auch noch zu einer finanziellen Krise führt.
Erst wenn die Krankheit möglicherweise etwas in den Hintergrund treten darf, weil sich eine gewisse „Normalität“ und „Routine“ eingestellt hat, sind die Eltern in der Lage, auch wieder auf ihre eigenen Bedürfnisse zu achten.
47 Es ist meistens die Mutter, die ihren Job aufgibt und sich ganz der Pflege des Kindes widmet. Der Belastung der Väter wurde bisher in wissenschaftlichen Untersuchungen kaum
Beachtung geschenkt.
48 Hackenberg, Waltraud (1995). S.209
3 Das unheilbar erkrankte Kind in der Familie Seite 33
Heide Häberle präsentiert eine Abbildung die deutlich zeigt, wie sich die Rollen innerhalb der Familie verändern, wenn ein Kind schwer erkrankt.
Abb.1: Rollenveränderungen im Familiensystem nach Erkrankung eines Kindes49
Aus dieser Darstellung geht hervor, wie die Erkrankung eines Kindes, die Rollen im familiären System verändert. Mutter und Vater (große Kreise) bilden mit dem betroffenen Kind eine Einheit (mittleres Bild). Das kranke Kind rückt in den Mittelpunkt, die Geschwisterkinder (kleine Kreise) bleiben außen vor und werden nicht integriert. Im weiteren Verlauf der Erkrankung, kann sich die familiäre Situation normalisieren, allerdings kann die familiäre Ausgangssituation (erstes Bild) nie mehr erreicht werden, auch wenn das erkrankte Kind verstirbt. Es gibt einige Variablen, die die Bewältigung der unheilbaren Erkrankung eines Kindes für die Familie zusätzlich erschweren. Dies wären z.B.:
- ein sozialer Rückzug von der erweiterten Familie, Nachbarschaft, Kollegen, Arbeitgeber etc.
- eine Trennung der Eltern, so dass die Situation in Zukunft alleine bewältigt werden muss
- viele junge Geschwister bzw. Geschwister im Säuglingsalter
- unklare Rollen innerhalb der Familie bzw. geringe Flexibilität bei ihrer Neudefinition
- psychische, psychiatrische oder Schwierigkeiten bei einem oder beiden Elternteilen u.v.m. 50
49 Häberle, Heide. Der Kindliche Krebspatient und seine Familie. Auf: www.onkokids.de/Eltern/haeb.htm (12.02.2004) 50 Vgl. Petermann, Franz et al. (1988). S.32 ff.
3 Das unheilbar erkrankte Kind in der Familie Seite 34
Auf der anderen Seite gibt es aber auch Faktoren, die sich positiv auf die Bewältigung der aktuellen Lebenssituation auswirken können. Dies wären z.B. ein guter familiärer Zusammenhalt, gute Kommunikation untereinander, emotionales Ausdrucksverhalten, gutes Problemlöse- verhalten, Selbstsicherheit u.v.m. 51 So hängt die Art der Krankheitsbewältigung wesentlich von der Familiengröße und dem familiären Zusammenhalt ab. Gerade unvollständige Familien haben verstärkt Schwierigkeiten sich auf die Bedürfnisse kranker Familienmitglieder einzustellen.
Festzuhalten ist, dass Eltern oft unter der dreifachen Belastung stehen, mit ihrer eigenen Betroffenheit fertig zu werden, in erster Linie dem kranken Kind in seiner lebensbedrohten körperlichen und seelischen Entwicklung beizustehen und gleichzeitig für die Sorgen der gesunden Geschwister offen zu sein.
3.3 Das soziale Umfeld
Ein gutes soziales Umfeld ist für alle Beteiligten eine stützende Hilfe. Es kommt nicht nur auf die Art und Schwere der Belastung an, um sie gut verarbeiten zu können sondern auch auf die eigene subjektive Bewertung der Situation. Die Art der Auseinandersetzung wird im wesentlichen von persönlichkeitsspezifischen (emotionale Stabilität, kognitiver Entwicklungsstand) und sozialen Variablen (soziale Unterstützung) beeinflusst. 52 Im besten Fall ist die betroffene Familie in ein unterstützendes soziales Umfeld eingebettet, d.h. Verwandte oder Freunde kümmern sich um die Geschwisterkinder/um das erkrankte Kind oder helfen im Haushalt und Arbeitgeber und Vorgesetzte zeigen Verständnis gegenüber der besonderen familiären Situation. Viele Familien bekommen aber weder von Verwandten noch von Freunden Hilfe angeboten bzw. das gesamte soziale Umfeld zeigt kein Verständnis für ihre Situation. Durch die enorme Überforderung der gesamten Familie und die eingeschränkten
51 Vgl. Petermann, Franz et al. (1988). S. 43 f.
52 Vgl. A.a.O. S.29
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Melanie Stacha, 2004, "Und um Dich kümmert sich (k)einer!" Zur psychosozialen Situation von Geschwistern unheilbar erkrankter Kinder - Leiderfahrungen und Entwicklungschancen, Munich, GRIN Publishing GmbH
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