Inhalt
Einleitung 1
1 Family Devotions als Spiegel der amerikanischen Gesellschaft 3
1.1 Asian Americans Die Model Minority 3
1.1.1 Verdrängung der roots durch Materialismusstreben 3
1.1.2 Verdrängung der roots durch Gottesglauben 7
1.1.3 Rudimente des asiatischen Erbes 10
1.2 Heterogenität der Asian-American Community 13
2 Family Devotions ein Stück zwischen Humor und Tragik 17
2.1 Parodie des American Way of Life 17
2.2 Überschreitung der realistischen Darstellungsweise 21
2.2.1 Glassymbolik 21
2.2.2 Feuersymbolik 23
2.2.3 Das Symbol des racial shadow 26
3 Asian-Americans: Asiaten in Amerika vs Amerikaner aus Asien 28
Literaturverzeichnis 31
Einleitung
Der Aberglaub’, in dem wir aufgewachsen,
Betrachtet man Geschichte und gegenwärtige Situation der verschiedenen ethnischen Minoritäten in den USA, sei es der afrikanischen, der lateinamerikanischen oder der asiatischen, erkennt man zwangsläufig eine fundamentale Problematik, die alle diese Gruppen gemeinsam haben und die von Myrl Guy Jones in seinem Aufsatz „Rereading American Culture“ als „doubleness of vision“ (253) bezeichnet wird. Gemeint ist damit die hybride Position der sogenannten hyphenated Americans, die sich aus der Determiniertheit durch Rasse und damit verbundenem Ursprungsland einerseits und dem Einfluß des gegenwärtigen kulturellen Milieus andererseits konstituiert. 1 Um dieser Problematik zu begegnen bzw. um sich trotz der unausweichlichen Zerrissenheit zwischen zwei Kulturen im neuen Heimatland eine Identität aufzubauen, bleiben dem Immigranten in Amerika sowie seinen Nachkommen oberflächlich betrachtet scheinbar nur zwei Möglichkeiten. Entweder er versucht, allen Widerständen zum Trotz die Kultur, aus der er stammt, aufrecht zu erhalten und sich so seinen ethnischen Stolz zu bewahren, oder er gibt seine Wurzeln zugunsten einer möglichst vollständigen Assimilation an die Sitten und Gebräuche der neuen Kultur auf.
Obwohl nun aber die „doubleness of vision“ sowie die Frage ihrer Handhabung eine gemeinsame Basis aller ethnischen Minoritäten darstellt bzw. gerade im Hinblick auf diese Gemeinsamkeit, wird bei genauerer Betrachtung der Problematik deutlich, daß es eine Gruppierung gibt, die innerhalb dieser Thematik eine Sonderstellung einnimmt. Es handelt sich hierbei um die Gruppe der aus Japan, China und von den Philippinen
1 Zwar behandelt Jones unter dem Stichwort „doubleness of vision“ in erster Linie die Position immigrierter Schriftsteller und anderer Künstler in den USA, wobei das Moment des aktiven Sehens, also „vision“, den Prozeß der bewußten Reflexion der Umwelt hervorhebt. Dennoch erscheint diese Formulierung auch ganz allgemein auf die Mitglieder der ethnischen Minderheiten anwendbar zu sein, da sie sich der Diskriminierung und anderer Schwierigkeiten, die ihnen aufgrund ihrer Herkunft zwangsläufig begegnen, wohl nicht völlig entziehen können, weshalb sie geradezu gezwungen sind, die Unterschiede beider Kulturen, denen sie angehören, zu „sehen“. Auch wenn sie dies nicht aktiv anstreben, sondern es vielleicht sogar vermeiden wollen.
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stammenden Immigranten, kurz um die Asian-Americans. So unterscheiden sich diese nämlich nicht nur durch die Jahrtausende alte Kultur ihres Herkunftslandes von den meisten anderen ethnischen Minderheiten. Auch die Tatsache, daß sie den Angehörigen anderer immigrierter Gruppen zahlenmäßig überlegen sind, da in neuerer Zeit jeder zweite Einwanderer in die USA aus Asien kommt (vgl. Zinzius: 63), ist nicht als Hauptkriterium für die Sonderstellung der Asian-Americans zu sehen. Vielmehr stellen altüberlieferte Kultur und erhöhte Einwanderungszahlen hier vermutlich nur die Ursache bzw. das Ergebnis einer Entwicklung dar, die die asiatischen Einwanderer seit der ersten offiziellen chinesischen Immigration in die USA im Jahre 1820 (vgl. Gall: 41) in den Augen der breiten Öffentlichkeit durchgemacht haben: die Entwicklung zur Model Minority 2 , einer Minderheit also, die sich scheinbar der amerikanischen Kultur in vorbildlichem Maße angepaßt hat und gleichsam im Gegenzug dazu mit Akzeptanz und einem angenehmen Leben belohnt wird.
Impliziert nun aber der Begriff der Model Minority, daß alle Asiaten das Problem der „doubleness of vision“ für sich durch größtmögliche Anpassung an die amerikanische Kultur gelöst haben, so überrascht es wohl dennoch keinesfalls, daß durchaus nicht alle Asian-Americans den Weg der bedingungs- und lückenlosen Assimilation gegangen sind, sondern sich für die zweite Möglichkeit, also die Bewahrung ihrer Ursprungskultur entschieden haben. Einen wichtigen und anschaulichen Beleg dafür liefert nicht zuletzt die Entwicklung einer eigenen Theatertradition. Zwar setzte diese Form der Rückbesinnung auf die Wurzeln bei den Asian-Americans nicht so früh ein, wie es etwa bei den African-Americans der Fall war, und sie nahm und nimmt wohl hier auch nicht dieselben radikalen Ausmaße an. Dennoch sind bereits in der Zeit um 1970 erste Anfänge eines Theaters der asiatischen Minorität in den USA zu erkennen, die bald zur Gründung verschiedener nationaler Theatergruppierungen führten. Hier sind beispielsweise der Asian-American Theatre Workshop in San Francisco, die Northwest Asian Theatre Company in Seattle sowie das New Yorker Pan American Repertory zu nennen (vgl. Bigsby: 327).
Zu den bedeutendsten und erfolgreichsten Dramatikern dieses neuen Theaters zählt neben dem japanisch-amerikanischen Autor Philip Kan Gotanda und dem ursprünglich
2 Zur Entstehung des Bildes von der asiatisch-amerikanischen Bevölkerungsgruppe als Model Minority in den sechziger Jahren und seiner trotz gesellschaftlicher Veränderungen auch weiterhin fortbestehen- den Popularität vgl. Osajima, Keith. „Asian Americans as the Model Minority. An Analysis of the Popular Press Image in the 1960s and 1980s“. In: Gary Y. Okihiro et.al. (Hg.). Reflections on Shattered Windows. Promises and Prospects for Asian American Studies. Washington: Washington State UP, 1988. 165-174.
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aus China stammenden Frank Chin schließlich auch der chinesisch-amerikanische Dramatiker David Hwang (vgl. Grabes: 175ff.), dessen Stück über die Konflikte innerhalb einer chinesisch stämmigen Familie in den USA hier behandelt werden soll. Dabei wird zunächst die Frage im Mittelpunkt stehen, in welcher Weise sich die im Stück behandelte Thematik in die amerikanische Gegenwartskultur einfügt bzw. inwieweit das Drama die Kultur Amerikas im allgemeinen sowie die Situation der Asian-Americans im besonderen widerspiegelt. Im Anschluß daran soll untersucht werden, auf welche Art Thema und Inhalt des Stücks dramatisch dargestellt werden bzw. wie Hwang die Hand lung stilistisch umsetzt. Basierend darauf wird dann abschließend der Versuch unternommen, die Frage zu klären, welche Aussagen sich anhand des Inhalts und der Konzeption des Dramas über Hwangs persönliche Position bezüglich der konkreten Situation der asiatischen Einwanderer in den USA und damit auch der „doubleness of vision“ ganz allgemein machen lassen.
1 Family Devotions als Spiegel der amerikanischen Gesellschaft
1.1 Asian-Americans - Die Model Minority
1.1.1 Verdrängung der roots durch Materialismusstreben
Das weit verbreitete Bild der Asian-Americans als Model Minority gründet sich im wesentlichen auf die Tatsache, daß sich nicht nur viele Mitglieder dieser Bevölkerungsgruppe um größtmögliche Anpassung an die „ mainstream culture des angelsächsischen, weißen, protestantischen Amerikas“ (Doerries: 224) bemühen, sondern daß sie sich gerade durch diese Bemühungen nachweislich zur erfolgreichsten ethnischen Minderheit in den USA entwickelt haben. So glänzen Japaner und Chinesen nicht nur durch hervorragende Leistungen in Ausbildung und Erziehung sowie durch eine auffallend niedrige Kriminalitätsrate, sondern die Statistiken zeigen auch, daß nicht wenigen Asian-Americans der berufliche Aufstieg in hohe Positionen gelungen ist und die Einkommenszahlen in dieser Gruppe stetig ansteigen (vgl. Osajima: 166). Dies hat dazu geführt, daß man die asiatischen Immigranten heute als regelrechte „Verkörperung des American Dream“ (Zinzius: 207) ansieht.
Betrachtet man sich nun Hwangs Stück im Hinblick auf diese Entwicklung, erkennt man auch hier deutlich das stereotype Bild der Immigranten, die durch Distanzierung von ihrem kulturellen Erbe, ihren roots, und ausgeprägten Anpassungsbemühungen zu nicht unbeträchtlichem Reichtum gelangt sind. Dies zeigt sich schon zu Anfang ganz offensichtlich durch die Beschreibung des setting. Während nämlich Kalifornien im
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allgemeinen wegen niedriger Grundstückspreise und gesellschaftlicher Stabilität ein favorisiertes Ausreiseziel für chinesische Mittel- und Oberklassefamilien darstellt (vgl. Zinzius: 96), wird der Reichtum der Immigrantenfamilie im Stück noch dadurch besonders betont, daß sie in Bel Air, „the most elite, most pretentious, and most Caucasian of California communities“ (Street: 23), angesiedelt ist. Hier wohnt die Familie des wohlhabenden Computermanagers Wilbur, dessen Assimilations- bestrebungen durch Verdrängung seiner Wurzeln schon rein äußerlich durch sein dauergewelltes Haar symbolisiert wird (vgl. 93), da es in der Regel ein charakteristisches Merkmal der Asiaten ist, dunkle, glatte Haare zu haben.
Abgesehen von der Wohngegend wird die materialistische Einstellung der Familie dadurch betont, daß sie ein großes Haus mit Veranda und eigenem Tennisplatz inklusive Ballmaschine sowie einen Ferrari besitzt, daß Wilbur Mitglied eines exklusiven Clubs ist und man mit Mikrowelle, Cuisinart und Betamax über die neusten technischen Errungenschaften im Bereich Haushalts- und Unterhaltungselektronik verfügt. Besonders hevorzuheben ist, daß Wilbur von den Mitgliedern seines Clubs zum „Mr. Congeniality“ gewählt worden ist. Fühlt man sich hierdurch nämlich stark an den Protagonisten Mr. Antrobus aus Thornton Wilders epischem Drama The Skin of Our Teeth (1942) erinnert, der zum Präsidenten des „Ancient and Honourable Order of Mammals, Subdivision Humans“ (127) ernannt wird und nicht zuletzt dadurch als Allegorie auf den Menschen schlechthin zu verstehen ist, so steht Wilbur als „Mr. Congeniality“ hier exemplarisch für die gesamte asiatisch-amerikanische Bevölkerung. Versteht man die „Kongenialität“ nämlich im Sinne einer geistigen Ebenbürtigkeit mit den weißen Amerikanern, wird durch diesen Begriff die völlige Assimilation der Asian- Americans in besonderer Weise betont. Mit seiner Wahl stellt Wilbur also die perfekte Verkörperung eines Stereotyps dar, der trotz Zugehörigkeit zu einer Minorität durch kompromißlose Zurückdrängung seiner Wurzeln eine Gleichstellung mit den Mitgliedern der mainstream culture erreicht hat.
Auch bei Wilburs Tochter Jenny ist vom asiatischen Erbe nicht mehr viel zu erkennen. Vielmehr gibt sie einen prototypischen amerikanischen Teenager ab. Die wenigen chinesischen Sprachfetzen etwa, die sie noch beherrscht und die sie wohl kaum zu einer tiefergehenden Unterhaltung in der Sprache ihrer Vorfahren befähigen, wie beispielsweise „ gao sai“, was im Englischen „dog shit“ bedeutet, hat sie sich nicht bereits im Elternhaus angeeignet, sondern erst in einer chinesischen Schule erlernen müssen (vgl. 99f.). Anstatt ihre Schulaufgaben zu erledigen ist sie darüber hinaus damit
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beschäftigt, Vogue zu lesen (vgl. 112), den aus China zu Besuch kommenden Onkel bezeichnet sie eher respektlos, aber in typisch amerikanischer Manier als „cute“ (112), und ihre Zukunft sieht sie im Gegensatz zu ihrer Großmutter nicht als „dental technician“ 3 an der Seite eines „good man“, sondern träumt von einer Karriere als Tänzerin im amerikanischen Show Business (vgl. 100f.).
Während also bei Wilbur und Jenny als „ABCs“ 4 aufgrund ihrer Lebens- und Verhaltensweise erkennbar ist, daß sie keinerlei bewußte Beziehung mehr zu ihren Wurzeln haben, gibt sich der in Shanghai geborene Robert aktiv alle Mühe, um sich von seinem kommunistischen Heimatland zu distanzieren. Dies wird beispielsweise deutlich, wenn er wiederholt die chinesisch-kommunistischen Fluglinien kritisiert (vgl. 104/115) oder wenn er zu erkennen gibt, daß er von seinen ehemaligen Landsleuten ebenso stereotype Vorstellungen hat, wie sie im allgemeinen von den Weißen geäußert werden:
WILBUR: (To ROBERT) Still, you should’ ve been able to spot an old Chinese man.
ROBERT: Everyone on that plane was an old Chinese man ! […] ROBERT: We went up to all these old Chinese men at the airport, asked them, “Are you our Di-gou ?” They all said yes. What could we do ? They all looked drunk, bums. (108).
Zwar ist Robert nicht ganz so wohlhabend wie Wilbur, aber als erfolgreicher Banker ebenfalls bestens mit den Mechanismen des westlichen Kapitalismus vertraut. So mißbraucht er sogar die aufstrebende Karriere seines Musik begabten Sohnes Chester, der übrigens ebenfalls soweit von seinem kulturellen Erbe distanziert ist, daß er kein Wort Chinesisch spricht, um in einer chinesischen Zeitung indirekt für seine Bank zu werben (vgl. 105). Darüber hinaus weist Robert selbst implizit auf den mit der Zeit erlangten Status der Asian-Americans als Model Minority hin, indem er betont, daß die Ursache für seinen im Vergleich zu Wilbur geringeren Reichtum nicht darin besteht, daß er Chinese ist:
ROBERT: That was years ago. When we couldn’t even buy a house in a place like this.
HANNAH: We still can’t.
3 Neben dem Beruf des Lehrers stellten noch vor einiger Zeit vor allem medizinische Berufe wie etwa die Ausbildung zum Zahnarzt die populärsten Möglichkeiten für asiatische Immigranten dar, in den USA Fuß zu fassen (vgl. Kim: 135).
4 Das Akronym „ABC“ wurde von Hwang in seinem Erstlingswerk FOB aus dem Jahre 1979 geprägt. Es bezeichnet den Typus des „American-Born Chinese“, der dem „FOB“, also dem „Fresh-Off-the-Boat“ kommenden chinesischen Immigranten gegenübergestellt wird. Vgl. Bus: 462.
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Quote paper:
Eva-Christina Glaser, 2002, "Not a Chinaman's Chance" - Expliziter und impliziter Kulturenkampf in David Hwangs "Family Devotions", Munich, GRIN Publishing GmbH
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