1. Einleitung
Die vorliegende Hausarbeit befasst sich thematisch mit der Problematik der ungewollten Schwangerschaft in der Adoleszenz im Hinblick auf mögliche Ursachen, den Auswirkungen auf die Sozialisation und der pädagogischen und psychosozialen Betreuung schwangerer Mädchen und „Teenie - Mütter“ in so genannten Mutter - Kind Heimen. Laut statistischem Bundesamt haben im Jahr 1998 knapp 5000 Mädchen zwischen 12 und 17 Jahren ein Baby bekommen und diese Z ahl bleibt relativ konstant, während bei den Schwangerschaftsabbrüchen in dieser Altergruppe dagegen eine steigende Tendenz zu beobachten ist. 1
Von Real - Life Stories in Jugendzeitschriften über Nachmittags - Talkshows mit Themen wie „Schwanger mit 15 - Können Teenies gute Eltern sein?“ bis hin zu Infotainementmagazinen wie Taff, die exemplarisch den Alltag einer 13jährigen und ihrer kleinen Tochter zeigten: Die Medien haben in den vergangenen Jahren die Problematik verstärkt aufgegriffen und zuschauergerecht vermarktet, doch woran es jedoch mangelt, sind wissenschaftlich fundierte Erkenntnisse und Informationen und somit entsprechende Literatur für (angehende) Pädagogen und Psychologen.
Ich möchte mit meiner Hausarbeit darauf aufmerksam machen, dass die Ursachen für eine zu frühe Schwangerschaft nicht ausschließlich, wie oft angenommen wird, im jugendlichen Leichtsinn begründet liegen, sondern wesentlich vielschichtiger sind.
2. Die ungewollte Schwangerschaft - Ausdruck einer Sozialisationsstörung?
Vo n einigen möglichen Erklärungsansätzen zur Entstehung ungewollter Schwangerschaften im Jugendalter habe ich die des Psychoanalytikers Markus Merz gewählt. Er war zwei Jahre lang an der Psychiatrischen Poliklinik für Kinder und Jugendliche in Basel tätig und hat dort minderjährige Schwangere psychiatrisch untersucht, welche eine Indikation für einen Schwangerschaftsabbruch wünschten. Ich möchte seine Erkenntnisse im Folgenden kurz darstellen und im Hinblick auf die Frage nach gelungener oder nicht gelungener Sozialisation ver- und bewerten
1 Vgl. Laue, Evelyn / Heilmann, Hans - Jürgen: Geburten und Schwangerschaftsabbrüche junger Frauen in
Deutschland. Die Daten des statistischen Bundesamtes. In: Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung
Forum Sexualaufklärung und Familienplanung , Köln 1 / 2001, S. 3-6
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Nach Merz sind die drei grundlegenden Konflikte jeder adoleszenten Entwicklung - nämlich der Loslösungskonflikt, die Bedrohung der narzisstischen Homöostase und die Auseinandersetzung mit der Realität des Todes - bei den von ihm untersuchten Mädchen verschärft gewesen. 2
Die 33 jugendlichen Schwangeren, die er mit Hilfe tiefenpsychologisch orientierter Interviews begutachtete, stammten aus allen sozialen Schichten, d.h sowohl aus der Arbeiterklasse als auch aus der Mittel - und Oberschicht, aber fast ausnahmslos aus zerrütteten Familien. Der Großteil der Mädchen war bedingt durch Scheidung oder Tod ohne Vater aufgewachsen, zur Mutter bestand ein konflikthaftes Abhängigkeitsverhältnis, oft litt ein Elternteil an einer psychischen oder somatischen Erkrankung, die Mädchen zeigten bereits vor Eintreten der Schwangerschaft Verhaltensauffälligkeiten in Form von Depressionen, einer extrem geringen Selbstachtung, sozialen Rückzugstendenzen oder sogar Suizidgedanken bzw. Versuchen. Einige der Mädchen wurden zudem kurz vor Eintreten der Schwangerschaft mit dem drohenden oder realen Tod einer nahen Bezugsperson konfrontiert. Der (primären) Sozialisation in der Familie wird eine große Bedeutung beigemessen und sie spielt natürlich auch hier eine Rolle: „In der frühen Eltern - Kind Beziehung werden die Grundqualifikationen zur Ich - Identität gelegt. Dies geschieht durch das Urvertrauen in die Eltern, welches über Autonomie und Initiative zur Ich - Identität führen soll. Kinder brauchen für ihre Persönlichkeitsentwicklung zuverlässige, stabile und berechenbare Beziehungen.“ 3 Betrachtet man die familiären Bedingungen, unter denen Merz’ Patientinnen aufwuchsen, so ist es nicht verwunderlich, dass Merz die Schwangerschaften als misslungene Bewältigungsversuche betrachtete, durch die biographische Defizite ausgeglichen werden sollten. 4
Das eventuell vorhandene Wissen um korrekte Empfängnisverhütung wird deshalb blockiert, weil der Wunsch der Mädchen ihre eigenen narzisstischen Bedürfnisse zu befriedigen zu groß ist. Den Mädchen gelingt es jedoch nicht im Zuge des Adoleszenzentwickung ein stabiles Selbstbild aufzubauen, das auf die Neuorganisation der narzisstischen Homöostase folgen
2 Vgl. Merz, Markus: Unerwünschte Schwangerschaften und Schwangerschaftsabbruch in der Adoleszenz, Bern
1979, S. 31
3 Bacher, J./Beham, M./ Wilk, L.: Familienstruktur, kindliches Wohlbefinden und Persönlichkeitsentwicklung -
Eine empirische Analyse am Beispiel zehnjähriger Kinder. In: ZSE Heft 3 (1996), S. 246 - 265
4 Vgl. Osthoff, Ralf: „Schwanger werd’ ich nicht allein“. Ursachen und Folgen ungewollter
Teenagerschwangerschaften, Landau 1999, S. 125
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soll. Für Merz besteht folglich die Vermutung, dass die n ach außen hin ungewollte Schwangerschaft in Wahrheit unbewusst beabsichtigt war, um negative Gefühle der Leere, der Einsamkeit und Unvollständigkeit im Sinne eines „Selbstheilungsversuches“ entgegenzuwirken. 5
Der letzte Punkt, den Merz bei seiner psychoanalytischen Untersuchung adoleszenter Schwangerer betrachtete, ist der des Zusammenhanges zwischen bewussten oder unbewussten Todeserfahrungen und der Schwangerschaft. Es scheint, als versuchten die Mädchen unbewusst aus der Unfähigkeit mit den unbewussten oder real erlebten Todeserfahrungen umzugehen ihnen ein neues Leben entgegenzusetzen. Durch den Abbruch der Schwangerschaft, den sie durch ihre sozialen Umstände zu rechtfertigen versuchten, erlebten die Mädchen dann allerdings [...] „einen schwerwiegenden Eingriff in ihre psychische Ökonomie“ 6 , es kommt zur Wiederholung eines traumatischen Erlebnisses statt zur Verarbeitung des vorherigen.
Zusammenfassend und aufbauend auf den dargestellten psychoanalytisch fundierten Erkenntnissen lässt sich sagen, dass die Sozialisation der Betroffenen insofern als nicht gelungen angesehen werden kann, als dass die zu frühe Schwangerschaft [...] „nicht Ursache, sondern Folge massiver psychosozialer Probleme“ 7 [...] ist, für deren Entstehung bereits in der frühen Kindheit Grundlagen geschaffen wurden. Den Jugendlichen mangelt es an Orientierung, Geborgenheit und verlässlichen Objektbeziehungen innerhalb der Familie, die Schule kann als Sozialisationsinstanz zwar Sachwissen über korrekte Empfängnisverhütung transportieren, nicht aber vorhandene emotionale Defizite ausgleichen, Gleichaltrigen in der Peer - Group mangelt es an der notwendigen Kompetenz, um in einer solch prekären Situation unterstützend einzugreifen.
Die meisten jungen Mädchen können sich zudem im Falle einer ungewollten Schwangerschaft auch nicht auf den (vielleicht ebenso jungen) Freund verlassen, viele werden noch vor der Geburt des Kindes von ihm verlassen, da sich dieser der Verantwortung für ein Kind nicht stellen möchte und / oder kann.
5 Merz, a.a.O, S. 37
6 ebd., S. 40
7 Osthoff, a.a.O, S. 121
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Arbeit zitieren:
2004, Ungewollte Schwangerschaften im Jugendalter, München, GRIN Verlag GmbH
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