Institut für Rehabilitation und Behindertensport
Ich versichere, dass ich diese Arbeit selbständig verfasst und keine anderen als die angegebenen Quellen und Hilfsmittel benutzt habe. Wörtlich wiedergegebene Textstellen, auch Einzelsätze oder Teile davon, sind als Zitat kenntlich gemacht.
________________________ Ruth Kleinagel
Inhaltsverzeichnis
1 Einleitung. 5
2 Psychiatrische Versorgung. 7
2.1 Psychische Erkrankung 7
2.1.1 Klassifikationssysteme. 8
2.1.2 Erklärungsmodelle 10
2.1.3 Psychische Erkrankung und ihre möglichen Folgen. 11
2.1.4 Therapeutische Vorgehensweisen. 12
2.1.5 Epidemiologische Daten 13
2.2 Strukturen psychiatrischer Versorgung im deutschsprachigen Raum 15
2.2.1 Stationäre und teilstationäre Versorgung. 16
2.2.2 Ambulante und komplementäre Psychiatrie 18
2.3 Versorgungsstrukturen in Österreich 18
2.3.1 Daten zum Land 18
2.3.2 Entwicklung der psychiatrischen Versorgung in Österreich. 20
2.3.3 Psychiatrische Versorgung in Österreich heute 20
2.4 Versorgungsstrukturen in der Schweiz 22
2.4.1 Daten zum Land 22
2.4.2 Entwicklung der psychiatrischen Versorgung in der Schweiz. 23
2.4.3 Psychiatrische Versorgung in der Schweiz heute 24
2.5 Zusammenfassung. 26
3 Bewegungs- und Sporttherapie. 27
3.1 Zum Begriffsgefüge Bewegungstherapie - Sporttherapie 27
3.2 Bewegungs- und Sporttherapie 30
3.2.1 Wissenschaftstheoretische Ansätze. 30
3.2.2 Merkmale, Inhalte, Methoden und Ziele der Bewegungs- und
Sporttherapie 34
3.3 Bewegungs- und Sporttherapie mit psychisch Kranken und
Suchtkranken. 37
3.3.1 Grundlagen. 39
3.3.2 Inhalte und Methoden 40
3.3.3 Ziele 41
3.4 Bewegungs- und Sporttherapie mit psychisch Kranken in der Schweiz
und in Österreich - Veröffentlichungslage 43
3.4.1 Zur Lage in der Schweiz 44
3.4.2 Zur Lage in Österreich 46
3.4.3 Vergleich der Veröffentlichungslage Österreich - Schweiz. 46
3.5 Ausbildungslage in Österreich und der Schweiz 49
3 5 1 Sportstudium 49
3.5.2 Andere Ausbildungsgänge 50
3.6 Zusammenfassung. 51
Empirischer Teil. 52
4 Darstellung der empirischen Untersuchung. 52
4.1 Fragestellung. 52
4.2 Untersuchungsmethodik. 53
4.2.1 Der Fragebogen als Untersuchungsmethode. 53
4.2.2 Befragte Institutionen. 55
4.2.3 Zeitlicher Ablauf der Untersuchung. 56
4.2.4 Rücklauf 56
5 Auswertung. 58
5.1 Angeschriebene Einrichtungen 60
5.2 Personelle Situation im Bewegungs- und Sporttherapie-bereich. 63
5.3 Bewegungs- und Sporttherapie 71
5.3.1 Inhaltliches Angebot und zeitlicher Umfang 71
5.3.2 Rahmenbedingungen. 78
5.4 Vernetzung 82
5.5 Zusammenfassung. 84
6 Diskussion 86
6.1 Angeschriebene Einrichtungen 86
6.2 Personelle Situation im Bewegungs- und Sporttherapie-bereich. 88
6.3 Bewegungs- und Sporttherapie 93
6.3.1 Inhaltliches Angebot und zeitlicher Umfang 94
6.3.2 Weitere Rahmenbedingungen 97
6.4 Vernetzung 99
6.5 Methodendiskussion. 100
6.6 Beantwortung der Leitfragen und Zusammenfassung 102
7 Zusammenfassung und Ausblick. 107
8 Literaturverzeichnis. 110
Abkürzungsverzeichnis
Abbildungsverzeichnis
Tabellenverzeichnis
Anhang
1 Einleitung
Bewegungs- und sporttherapeutische Maßnahmen nehmen im Rahmen aktueller Behandlungskonzepte in den Bereichen Psychiatrie, Psychosomatik und Suchtbehandlung einen zunehmend größeren Stellenwert ein (STAMMER & WERLE 1996, 370). Der ganzheitliche Ansatz der körperzentrierten Methoden, der sowohl die physisch-funktionale als auch die psycho-soziale Ebene des Menschen umfasst, fügt sich ein in das Gesamtkonzept der Rehabilitation und Resozialisation, wie es von der WHO gefordert wird (vgl. SCHUNTERMANN 2003). In Deutschland gehört die Bewegungs- und Sporttherapie seit den 70er Jahren zum therapeutischen Behandlungsspektrum in der Psychiatrie (MÜLLER-LÜTKEN 1989). Der Blick soll an dieser Stelle auf zwei Nachbarländer Deutschlands gerichtet werden. Wie ist es um die Bewegungs- und Sporttherapie in der Psychiatrie in Österreich und der Schweiz bestellt? Gibt es dort das Berufsfeld des Bewegungs-und Sporttherapeuten und welche Ausbildungsgänge führen dorthin? Untersuchungen zu Berufsfeldern und Ausbildungsgängen sind auch im Hinblick auf das Zusammenwachsen der einzelnen Länder innerhalb Europas von Interesse.
Ziel der Arbeit war es herauszufinden, ob Bewegungs- und Sporttherapie in psychiatrischen und suchttherapeutischen Einrichtungen in Österreich und der Schweiz zum therapeutischen Angebot gehört, welcher Stellenwert der Bewegungs- und Sporttherapie beigemessen wird, von welchen Berufsgruppen diese Therapieform durchgeführt wird, welche Methoden und Inhalte angewendet werden, wie sich die Arbeitssituation der Bewegungs- und Sporttherapeuten darstellt und inwieweit ein sportwissenschaftliches Studium in den beiden Ländern auf dieses Berufsfeld vorbereitet. Zusätzlich sollte die Situation in den beiden Ländern verglichen werden. Die Umsetzung erfolgte per Fragebogen, der an alle psychiatrischen und suchttherapeutischen Einrichtungen in Österreich und der Schweiz mit einer
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Mindestgröße von 30 Betten / Plätzen verschickt wurde. Mein Dank geht an dieser Stelle an die Einrichtungen, die an der Umfrage teilgenommen haben. Ebenfalls danken möchte ich den Dozenten und Informanten aus Österreich und der Schweiz, die durch ihre Auskünfte zum Gelingen der Arbeit beigetragen haben.
Die Arbeit ist in einen theoretischen und einen empirischen Teil gegliedert. Der theoretische Teil der Arbeit ist zweigeteilt. Im Kapitel „Psychiatrische Versorgung“ (Kap.2) werden die für diese Arbeit wichtigen Informationen zum Gegenstand psychischer Erkrankung gegeben. Des weiteren werden ausgehend von der Darstellung der Strukturen der psychiatrischen Versorgung im deutschsprachigen Raum die Ähnlichkeiten sowie die Besonderheiten der psychiatrischen Versorgung in Österreich und der Schweiz angeführt. Anschließend wird im Kapitel „Bewegungs- und Sporttherapie“ (Kap.3) auf die wissenschaftstheoretischen Begründungen, die Merkmale, Inhalte, Methoden und Ziele dieser Therapieform im Allgemeinen und mit psychiatrischen Patienten im Besonderen und die Veröffentlichungs- und Ausbildungslage zur Thematik in Österreich und der Schweiz eingegangen.
Daraufhin wird im empirischen Teil die durchgeführte Untersuchung vorgestellt. Dieser Teil beginnt mit der Darstellung der Methodik (Kap.4). Hier werden die Leitfragen der Untersuchung, methodische Überlegungen zum Instrumentarium und der Verlauf der Fragebogen-Aktion beschrieben. Anschließend werden die Ergebnisse der Befragung (Kap.5) präsentiert und im darauffolgenden Kapitel (Kap.6) diskutiert. Die Arbeit endet mit einer Zusammenfassung (Kap.7), in der gleichzeitig weiterführende Fragen formuliert werden.
Ich möchte betonen, dass die Arbeit nur einen kleinen Beitrag zur Darstellung der aktuellen Lage der Bewegungs- und Sporttherapie in psychiatrischen und suchttherapeutischen Einrichtungen in Österreich und der Schweiz leisten kann. Es wird weder mit der Auflistung der in den untersuchten Ländern vorhandenen Literatur noch mit der Liste der angeschriebenen Einrichtungen Anspruch auf Vollständigkeit erhoben. An den Stellen, an denen aus Gründen der flüssigen Lesbarkeit nur die männliche Form verwendet wurde, ist die weibliche Form miteingeschlossen.
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2 Psychiatrische Versorgung
Die Behandlung psychisch Kranker und Suchtkranker findet in verschiedenen institutionellen Formen, von psychiatrischen Kliniken bis hin zu therapeutischen Wohngemeinschaften, statt. Alle diese Orte sind mögliche Handlungsfelder der Bewegungs-und Sporttherapie. Um einen Zugang zur Thematik „Bewegungs- und Sporttherapie in psychiatrischen und suchttherapeutischen Einrichtungen in Österreich und der Schweiz“ zu bekommen, wird zunächst das Thema „Psychische Erkrankung“ aufgegriffen. Unter dieser Überschrift werden charakteristische Merkmale psychischer Krankheit, eine Auswahl der für die Bewegungs- und Sporttherapie relevanten Klassifikationssysteme, Erklärungsmodelle und Folgen psychischer Krankheit, Möglichkeiten der therapeutischen Herangehensweise und epidemiologische Daten vorgestellt. Es folgt eine Beschreibung der psychiatrischen Versorgungslage im deutschsprachigen Raum mit anschließender Herausstellung der Besonderheiten in den beiden untersuchten Ländern Österreich und Schweiz.
2.1 Psychische Erkrankung
„Psychische Krankheit ist kein einheitliches Konzept“ (KATSCHNIG, LADINSER, SCHERER, SONNECK & WANCATA 2001, 1). Die Bezeichnung „psychische Erkrankung“ steht vielmehr für ein großes Spektrum an unterschiedlichen Krankheitsbildern, deren Gemeinsamkeit die krankhaft veränderte Psyche ist (vgl. ebd.). Eine psychische Störung 1 ist nicht für sich allein zu fassen und zu betrachten, sondern nur im Rahmen der Gesamtpersönlichkeit des Erkrankten. (Dies gilt im Grunde auch für jede körperliche Störung.) Die Gesamtpersönlichkeit wiederum hat Einfluss auf die Störung und prägt diese mit (HUBER 1999, 29). Der beidseitige Zusammenhang erfordert eine ganzheitliche Betrachtungsweise (ebd.), die auch Grundlage der Bewegungs- und Sporttherapie ist (s. Kap. 3).
1 Der Begriff „Krankheit“ wird im psychiatrischen Kontext zunehmend durch den Begriff „Störung“ ersetzt (vgl. DILLING, MOMBOUR & SCHMIDT 2000).
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2.1.1 Klassifikationssysteme
Wie für körperliche Krankheiten wurden auch für psychische Krankheiten Krankheitssystematiken als Orientierungshilfe für Diagnostik und Behandlung entwickelt. Dies geschah, obwohl die Erstellung solcher Einteilungen für psychische Krankheiten beispielweise aufgrund nicht oder nur teilweise geklärter Krankheitsursachen und schwierig zu vereinheitlichender Krankheitsverläufe Probleme aufwirft. Krankheitssystematiken bieten dem Therapeuten einen Anknüpfungspunkt und geben einen Überblick über die Vielfalt der Krankheitsbilder. Auch in der Bewegungs- und
Sporttherapie ist es hilfreich, sich an Klassifikationssystemen zu orientieren. Im Fol- genden werden die für die Bewegungs- und Sporttherapie wichtigsten Klassifika- tionssysteme angeführt.
International Classification of Diseases (ICD)
Im praktischen Gebrauch spielt das von der Weltgesundheitsorganisation (WHO) herausgegebene und in der zehnten Überarbeitung vorliegende internationale Klassifikations- bzw. Diagnosesystem ICD-10 (International Classification of Diseases) eine wichtige Rolle. Im ICD werden Aussagen zu Gesundheitsstörung im Sinne von Ursache (Ätiologie), Entstehung (Pathogenese) und Ausprägung (Manifestation) gemacht (SCHÜLE & JOCHHEIM 2000, 50). Das Kapitel V des ICD-10 befasst sich mit den psychischen Störungen und unterteilt diese in Krankheitsgruppen. Es werden die wesentlichen klinischen Charakteristika für jede Störung und sogenannte „diagnostische Leitlinien“ aufgeführt.
Tab. 1 Hauptkategorien der Internationalen Klassifikation psychischer Störungen (ICD-10) (vgl. STAMMER & WERLE 1996, 371)
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Das Konzept des ICD-10 geht zwar auf Fragen der Ursache, Entstehung und Symptomatik der Krankheiten bzw. Störungen ein, darüber hinausführende rehabilitative Fragen werden jedoch nicht thematisiert.
International Classification of Impairments, Disabilities and Handicaps (ICIDH) Um diese Lücke zu füllen, entstand mit dem 1980 von der WHO veröffentlichten ICIDH (International Classification of Impairments, Disabilities and Handicaps) ein Konzept zur Klassifizierung der Krankheitsfolgezustände. Diese werden innerhalb der drei Ebenen Schädigung (Impairment), Fähigkeitsstörung (Disability) und soziale Beeinträchtigung (Handicap) betrachtet (SCHÜLE & JOCHHEIM 2000, 50).
International Classification of Functioning, Disability and Health (ICF) Nachfolger des ICIDH ist die von der WHO im Jahr 2001 veröffentlichte Internationale Klassifikation der Funktionsfähigkeit, Behinderung und Gesundheit ICF (International Classification of Functioning, Disability and Health). Sie dient als länder- und fachübergreifende einheitliche Sprache zur Beschreibung des funktionalen Gesundheitszustandes, der Behinderung, der sozialen Beeinträchtigung und der relevanten Umgebungsfaktoren einer Person (DIMDI 2004). „Das bio-psycho-soziale Modell, auf dem die ICF basiert, wurde gegenüber dem Krankheitsfolgemodell der ICIDH erheblich erweitert und damit der Lebenswirklichkeit Betroffener besser angepasst“ (SCHUNTERMANN 2003, 53). Die ICF betont insbesondere die weiterhin vorhandenen oder neu zu entwickelnden Ressourcen des Betroffenen. Statt von Impairment, Disability und Handicap wird im ICF von Impairment, Activity (Aktivität 2 ) und Participation (Partizipation im Sinne von Teilhabe an Lebensbereichen)
2 im Sinne von „berufliche Tätigkeit“, „Selbstversorgung“, „Kommunikation“, „Mobilität“
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gesprochen. Der Grad der funktionalen Gesundheit ist das Ergebnis der Wechselwirkung zwischen dem Gesundheitsproblem einer Person und ihren Kontextfaktoren (Umwelt- und personenbezogene Faktoren) 3 . Die Betonung von Aktivität und Partizipation entspricht der ganzheitlichen Sichtweise, die auch dem rehabilitativen Konzept der Bewegungs- und Sporttherapie zu Grunde liegt.
2.1.2 Erklärungsmodelle
Psychische Krankheiten werden von unterschiedlichen wissenschaftlichen Fachgebieten aus deren jeweiliger Perspektive betrachtet. Die verschiedenen Perspektiven führen zu unterschiedlichen Erklärungsmodellen psychischer Krankheit.
Biologischer Ansatz
Im naturwissenschaftlichen bzw. biologischen Ansatz wird von der Annahme ausgegangen, dass psychische Krankheiten körperlich begründbar sind, also eine organische Funktionsstörung vorliegt. Im Vordergrund steht die Klärung genetischer, neuropathologischer, neurophysiologischer und neurochemischer Fragen (MÖLLER, LAUX & DEISTER 2001). Die vorrangige Behandlung erfolgt medikamentös.
Psychodynamischer Ansatz
Eine psychodynamische Sichtweise entwickelte sich aus der FREUDschen Lehre von unbewussten und neurotischen Verarbeitungsprozessen als Erklärungsansatz neurotischer Störungen. Diese unter der Bezeichnung Psychoanalyse bekannt gewordene Lehre ist gleichzeitig eine Psychotherapieform.
Lerntheoretischer Ansatz
PAWLOW und SKINNER mit ihren Arbeiten über die Konditionierbarkeit bzw. das Erlernen von Verhaltensmustern waren die Wegbereiter der lerntheoretischen Psychologie, die psychische Störungen als Folge von Lernprozessen erklärt. Daraus ging die Verhaltenstherapie als Behandlungsmethode hervor.
3 Lebenshintergrund des Einzelnen
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Bei diesen psychologisch geprägten Ansätzen dient die medikamentöse Therapie als Hilfsmittel, um die unmittelbaren Symptome zu lindern und eine Psychotherapie zu ermöglichen. Neben den beiden genannten Psychotherapiemethoden gibt es weitere. Eine vollständige Aufzählung an dieser Stelle würde jedoch zu weit führen.
Soziologischer Ansatz
Auch aus soziologischer Sichtweise werden psychische Erkrankungen betrachtet. Hier wird der Ursprung einer psychischen Störung in einer gestörten Interaktion zwischen Individuum und Umwelt gesehen. Die Therapie ist soziotherapeutisch ausgerichtet und setzt in der Gestaltung der Umwelt des Patienten an (vgl. HORNBERGER 1997, HUBER 1988).
Integrativer Ansatz
Heute überwiegt die ganzheitliche Sichtweise psychischer Erkrankungen und deren Entstehungsbedingungen. Die verschiedenen Ansätze werden zu einer Gesamtsichtweise integriert. 4 Dies spiegelt sich in der therapeutischen Methodenvielfalt wider. Auch in der Bewegungs- und Sporttherapie bildet die ganzheitliche Sichtweise die therapeutische Grundlage.
2.1.3 Psychische Erkrankung und ihre möglichen Folgen
Krankheit als solche wirkt sich nie nur auf einen Aspekt des menschlichen Wesens aus. Sowohl die psychische als auch die physische und soziale Ebene sind in unterschiedlichem Ausmaß betroffen. Psychische Erkrankungen wirken sich als Veränderungen, Einschränkungen und Störungen der psychischen Funktionen aus. Nach SCHNEIDER (HUBER 1999, 21) lassen sich die einzelnen psychischen Funktionen und Zustände und ihre Störungen in drei Gruppen einteilen. In Arten des Erlebens (Empfinden, Wahrnehmen, Vorstellen, Denken, Fühlen, Werten, Streben und Wollen), in Grundeigenschaften des Erlebens (Ich-Erleben, Zeiterleben, Gedächtnis, seelische Reaktionsfähigkeit) und Umgreifungen (Hintergrund) des Erlebens (Aufmerksamkeit, Bewusstsein, Intelligenz, Persönlichkeit). Häufige, für bestimmte psychische Krankheiten charakteristische psychische Veränderungen bzw.
4 s.a. biopsychosoziales Modell als Grundlage der ICF in Kap. 2.1.1 (vgl. SCHUNTERMANN 2003)
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Störungen sind Bewusstseins- und Orientierungsstörungen, Störungen der Aufmerksamkeit und Konzentration, Auffassungs- und Gedächtnisstörungen, Störungen der Intelligenz, formale Denkstörungen, Wahn, Wahrnehmungsstörungen, Ich-Störungen, Störungen der Affektivität, Zwänge, Phobien, Ängste, hypochondrische Befürchtungen, Antriebsstörungen und Störungen der Psychomotorik (MÖLLER et al. 2001).
„Psychische Krankheiten beeinträchtigen die Fähigkeit der Betroffenen, am Leben in der Gemeinschaft teilzunehmen“ (SCHEID 1997, 188). Vorübergehend oder - bei chronischem Verlauf - dauerhaft kann (psychische) Krankheit folgende Auswirkungen haben: Auswirkungen persönlicher Genese (z.B. Einschränkungen der Unabhängigkeit, der wirtschaftlichen und beruflichen Möglichkeiten), Auswirkungen familiärer Genese (z.B. Pflegebedarf, gestörte soziale Beziehungen) und gesellschaftliche Auswirkungen (z.B. Produktivitätsverlust, gestörte soziale Eingliederung) (vgl. RIEDER 1996, 28). Das Ausmaß der Auswirkungen hängt von Art und Schwere der Erkrankung und den Kontextfaktoren 5 des Betroffenen ab.
Negativ-Image
Psychische Störungen werden häufig negativer bewertet als körperliche Erkrankungen. Das Bild des psychisch Kranken in der Öffentlichkeit ist geprägt durch Extremfälle pathologischer Gewalttätigkeit und abwegigen Verhaltens (ERNST 2001, 21). Dieses „negative Image psychisch Kranker“ (ebd.) erschwert für den Betroffenen den Umgang mit seiner Krankheit und beeinflusst auch das therapeutische Handeln. Eine Möglichkeit dem Negativ-Image entgegenzuwirken, bieten integrative Sportgruppen, in denen psychisch Kranke und psychisch Gesunde gemeinsam Sport treiben. Hier können Vorurteile abgebaut und ein natürlicher Umgang miteinander eingeübt werden.
2.1.4 Therapeutische Vorgehensweisen
Da man heute davon ausgeht, dass psychische Krankheiten multifaktoriell bedingt sind und sich, wie in Kap. 2.1.3 beschrieben, auf verschiedene Aspekte des menschlichen Wesens auswirken, setzt sich die Therapie aus unterschiedlichen
5 z.B. Bewältigungsstrategien
12
Disziplinen zusammen. „Inhalt und Ziel der psychiatrischen Therapie sind die Besserung, Heilung und Rückfallverhütung von psychischen Störungen“ (MÖLLER et al. 2001, 465). In der medizinischen Fachliteratur werden zu den Grundpfeilern der Therapie medikamentöse Behandlung, Psychotherapie und Soziotherapie gezählt (ebd.). Soziotherapie verstehen die Autoren als Behandlungsform, die „sich in erster Linie um die zwischenmenschlichen Beziehungen und die Umgebung eines psychisch Kranken bemüht“ (ebd., 539). Sie ordnen darunter auch kreative und künstlerische Angebote wie Ergo-, Tanz- und Bewegungs-, Musik- und Kunsttherapie ein. Hier wird deutlich, dass aus medizinischem Blickwinkel auch andere therapeutische Disziplinen Relevanz haben. So führen MÖLLER et al. (ebd., 98) auch die Bewegungs- und Sporttherapie an.
Therapeutische Arbeitsausrichtungen
Unabhängig von der Anwendung der einzelnen Therapieformen und Methoden können verschiedene Ausrichtungen der therapeutischen Arbeit angeführt werden. Zum einen eine auf das Erarbeiten von Bewältigungsstrategien ausgerichtete Therapie (vgl. BREHM 1996, 156ff). Dabei soll der Betroffene lernen, Symptome der Erkrankung frühzeitig zu erkennen und möglichst früh Hilfe aufzusuchen. Der zweite mögliche Ansatz basiert auf der „Ressourcenorientierung“ des Betroffenen. 6 Zum dritten kann der Schwerpunkt darauf liegen, den Betroffenen darin zu unterstützen, Einsicht in seine Problematik zu gewinnen (vgl. GRAWE, DONAT & BERNAUER 1994).
Die einzelnen therapeutischen Herangehensweisen bilden theoretische Ausgangspunkte. In der praktischen Anwendung findet insgesamt eine mehrperspektivische Ausrichtung statt.
2.1.5 Epidemiologische Daten
Die Betrachtung der Zahlen zur Verbreitung von psychischen Erkrankungen zeigt, welche Relevanz der Thematik im gesamtgesellschaftlichen Kontext zukommt und wie groß der Bedarf an psychiatrischer Behandlung ist. Psychiatrische Erkrankungen sind ein weltweit verbreitetes Phänomen. Wie viele Menschen davon betroffen sind,
6 s. Modell der Salutogenese von ANTONOVSKY (1997)
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lässt sich schwerlich anhand der veröffentlichten Zahlen begreifen. Laut WHO (WORLD HEALTH ORGANISATION 2003, 12) leiden beispielsweise weltweit 121 Mio. Menschen unter Depressionen, 70 Mio. unter den Folgen von Alkoholabhängigkeit, 24 Mio. sind an Schizophrenie und 37 Mio. an demenziellen Störungen erkrankt.
Damit machen psychische Erkrankungen 12 % der Erkrankungen weltweit aus. Im Jahr 2020 wird sich diese Zahl auf 15 % gesteigert haben. Gerade Menschen jungen und mittleren Lebensalters, deren Lebensarbeitszeit noch beträchtlich ist, sind von psychischen Krankheiten betroffen. Das hat weitreichende (finanzielle) Folgen für die Gesellschaft (ebd. 2003, 2). „Im Durchschnitt ist jeder vierte Mensch einmal in seinem Leben von einer massiven psychischen Beeinträchtigung betroffen, für deren positive Bewältigung er professionelle Hilfe in Anspruch nehmen muss“ (WHO zitiert in KATSCHNIG et al. 2001, Vorwort 1).
Österreich
“Epidemiologische Studien zu psychischen Krankheiten gibt es für Österreich nicht“ (KATSCHNIG et al. 2001, 4). Jedoch zeigten Ergebnisse einer Erhebung über psychische Beschwerden aus dem Jahr 1991, „dass etwa jeder sechste Österreicher über 14 Jahren innerhalb von vier [der Erhebung unmittelbar vorausgegangenen] Wochen Hinweise auf eine affektive, eine psychosomatische oder eine Angststörung zeigt. Diese Störungen sind bei Arbeitslosigkeit deutlich häufiger“ (ebd., 7). Die Zahl der Demenzkranken lag im Jahr 2000 bei rund 90.000. Bei einer Gesamtbevölkerung im Alter der über 60jährigen von 1,7 Mio. sind das etwa 5,3 %, und es wird erwartet, dass die Zahl bis 2050 auf 233.000 ansteigt (8,28 %) (ebd.). Psychiatrische Krankheiten sind die zweithäufigste Ursache für eine Pension aufgrund von Invalidität, wobei die Quote bei jüngeren Leuten erheblich höher ist. Die Häufigkeit von Krankenstandstagen aufgrund von psychischen Erkrankungen stieg in den letzten zehn Jahren um das 1,5-fache (ebd. 9, 13).
Nach Untersuchungen von UHL aus dem Jahr 1994 ergeben grobe Schätzungen der Anzahl “chronische Alkoholiker” im Sinne von ICD-9 eine Prävalenz von 5% unter den Österreichern ab dem 16. Geburtstag. So errechnen sich für das Jahr 2000 bei 6,65 Mio. Österreichern in dieser Altersgruppe rund 330.000 chronische Alkoholiker (UHL et al. 2002, 94).
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Schweiz
RUCKSTUHL, GREUSING, LANGHANS & WYSS (1984, 13) stellen fest, dass es bis Mitte der 80er Jahre in der Schweiz keine fundierten epidemiologischen Erhebungen zur Verbreitung psychischer Störungen gegeben hat. Die Autoren gehen allerdings davon aus, dass die psychische Morbidität in der Schweiz auf ähnliche Zahlen hinausläuft wie in den anderen europäischen Ländern. Auch ERNST (2001, 23) ist der Meinung, dass die übereinstimmenden Ergebnisse von Studien aus verschiedenen Ländern zeigen, dass die Zahlen zur Prävalenz und Inzidenz psychischer Erkrankungen übertragbar sind.
2.2 Strukturen psychiatrischer Versorgung im deutschsprachigen Raum
Es folgt ein Überblick über die Strukturen psychiatrischer Versorgung, um die Handlungsorte, an denen Bewegungs- und Sporttherapie mit psychiatrischen Patienten stattfinden kann, vorzustellen.
Die heutige psychiatrische Versorgungslandschaft ist Ergebnis einer Entwicklung, die in Europa mit dem Entstehen der Psychiatrie als wissenschaftlichem Fachgebiet der Medizin zu Beginn des 19. Jahrhunderts ihren Anfang nahm. In Folge der Psychiatrie-Reform Mitte der 50er Jahre des 20. Jahrhunderts entstand ein differenziertes, stufenweises Versorgungsangebot mit rehabilitativem Charakter. (Weiterführende Literatur zur Geschichte der Psychiatrie u.a. bei HUETER 2001 und zur Psychiatrie-Reform bei DÖRNER & PLOG 1994; KATSCHNIG, SCHÖNY & ETZERSDORFER 1991; LEXEL-GARTNER 1987; RÖSSLER & RIECHER-RÖSSLER 1991.)
Psychiatrische Versorgung in ihrer Gesamtheit findet an unterschiedlichen Orten statt. Dazu gehören stationäre, teilstationäre, ambulante und komplementäre Einrichtungen.
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2.2.1 Stationäre und teilstationäre Versorgung
Stationäre Psychiatrie
Zur Kliniktypologie im allgemein psychiatrischen Gebiet in Deutschland, Österreich und der Schweiz gehören nach ERNST (2001, 97): 1. Staatliche Fachkrankenhäuser 7
2. Universitätskliniken 3. Abteilungen an Allgemeinkrankenhäusern
4. Vertragskliniken: ehemalige Privatkliniken, die sich gegen staatliche Unterstützung zur Regionsversorgung verpflichten 5. Privatkliniken
(Vgl. SCHRÄDER, REHBERG & ZICH 2002, 139; HUBER 1999, 658f)
Die Fachkliniken haben auch heute noch - trotz Bettenreduktion - überwiegend eine höhere Bettenzahl als die Abteilungen an Allgemeinkrankenhäusern. Darüber hinaus sind derzeit immer noch schwerpunktmäßig die Fachkrankenhäuser in den meisten Regionen Österreichs und der Schweiz ähnlich wie in Deutschland für die stationäre psychiatrische Versorgung zuständig (vgl. HUETER 2001, 76). ERNST (2001, 107f) führt an, dass die Zahl der psychiatrischen Abteilungen an Allgemeinkrankenhäusern gestiegen ist; in Deutschland z. B. mittlerweile auf eine Anzahl von 162. In Relation dazu vergrößerte sich die Anzahl der psychiatrischen Abteilungen in Allgemeinkrankenhäusern in Österreich in geringerem Maß. In der Schweiz hat sich das System der psychiatrischen Abteilungen kaum entwickelt.
Gebiete der stationären Psychiatrie
Die stationäre Psychiatrie spaltet sich in die Fachbereiche Akutpsychiatrie, Langzeitpsychiatrie, Gerontopsychiatrie, Kinder- und Jugendpsychiatrie, Sucht, Psychosomatik und Psychotherapie und Krisenintervention.
7 Besondere Bezeichnung in der Schweiz: Kantonale Kliniken; in Österreich: Sonderkrankenanstalten.
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Eine andere Art der Einteilung nimmt das IGES (Institut für Gesundheits- und Sozialforschung) in Berlin vor (Abb.1).
Abb. 1 Gebiete und Teilgebiete der Psychiatrie (Quelle: IGES) (SCHRÄDER et al.2002, 63)
Stationäre Suchteinrichtungen
Die stationäre Versorgung von Suchtkranken findet in zwei Phasen statt. Die Phase der Entgiftung wird typischerweise an speziellen Abteilungen der psychiatrischen Krankenhäuser, die Entwöhnungsphase in Suchtfachkliniken oder ambulant durchgeführt (SCHRÄDER et al. 2002, 232).
Teilstationäre Psychiatrie
„Tages- und Nachtkliniken sind Verbindungsglieder zwischen dem stationären und dem komplementären bzw. ambulanten Bereich“ (WILHELMI 1991, 31). In den Tageskliniken werden die Patienten tagsüber betreut, die Nacht und das Wochenende verbringen sie in ihrer gewohnten häuslichen Umgebung. Das Behandlungsangebot entspricht dem einer stationären Versorgung. Das Besondere der teilstationären Behandlung ist die in größerem Umfang verbleibende Anbindung des Patienten an sein soziales Umfeld. Außerdem sind die Kosten geringer, da kein Bett zur Verfügung gestellt werden muss.
Die Nachtklinik als Ort, an dem die Patienten nur die Abend- und Nachtstunden und
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das Wochenende verbringen, während sie tagsüber ihrem (beruflichen) Alltag nachgehen können, hat schon wieder an Bedeutung verloren (ebd.).
2.2.2 Ambulante und komplementäre Psychiatrie
Niedergelassene Allgemeinmediziner, Nervenärzte und Psychotherapeuten, sowie institutsgebundene ambulante psychiatrische Dienste bilden den Kern der ambulanten Versorgung. Zu den institutsgebundenen psychiatrischen Diensten gehören sozialpsychiatrische Dienste, psychosoziale Kontakt- und Beratungsstellen und Institutsambulanzen (WILHELMI 1991, 36f).
Unter komplementäre Psychiatrie fallen alle Einrichtungen, die eine Ergänzungsaufgabe zu den bisher genannten übernehmen. Dazu gehören Tagesstätten, Werkstätten, Patientenclubs, betreute Wohngemeinschaften, Übergangsheime, Wohnheime etc.
2.3 Versorgungsstrukturen in Österreich
Zum besseren Verständnis und zum Vergleich der psychiatrischen Versorgungssituation wie auch der Ausbildungssituation (s. Kap. 3.5) und der Ergebnisse der Befragung (s. Empirischer Teil) in Österreich und der Schweiz werden an dieser Stelle für Österreich (und in der Einleitung von Kap. 2.4 für die Schweiz) einige grundlegende, landesspezifische Informationen, wie die Zahl der Einwohner und die geographischen Besonderheiten, gegeben.
2.3.1 Daten zum Land
Staatsform, Einwohnerzahl, Landesfläche, geographische Lage Die Bundesrepublik Österreich ist eine parlamentarisch-demokratische Republik und besteht aus neun Bundesländern. Die Gesamteinwohnerzahl beträgt 8,2 Mio. und die Landesfläche umfasst 83.858 km². Österreich grenzt im Norden an die Bundesrepublik Deutschland, die Tschechische Republik und die Slowakei, im Osten an Ungarn, im Süden an Slowenien und Italien und im Westen an die Schweiz und Liechtenstein (AUSWÄRTIGES AMT 2004). Es ist damit wie die Schweiz ein mitteleuropäischer Staat und direkter Nachbar Deutschlands.
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Europäische Bedeutung, Landessprache, Einwohnerdichte
Österreich ist im Unterschied zur Schweiz Mitgliedsland der EU. Im Hinblick auf die Osterweiterung der EU nimmt das Land eine geographisch und wirtschaftlich wichtige Position ein. Die Landessprache ist Deutsch und wird von 92 % der Bevölkerung gesprochen. Bezogen auf die Gesamtfläche ist Österreich mit ca. 96 Einwohnern pro km² im europäischen Vergleich relativ dünn besiedelt. Allerdings nimmt der beherrschende Landschaftstyp, das von den Alpen gebildete Gebirge, zwei Drittel der Landesfläche ein. Somit ergibt sich, dass nur knapp 40 % der Landesfläche dauerhaft besiedelt sind, was die Einwohnerdichte auf der besiedelbaren Fläche auf 256 Einwohner pro km² erhöht (LICHTENBERGER 2002, 207).
Bevölkerungsdichte und Siedlungsschwerpunkte
Die Bevölkerungsdichte variiert von Bundesland zu Bundesland. Wien, Salzburg, Vorarlberg und Tirol sind am dichtesten besiedelt, Niederösterreich und das Burgenland dagegen relativ dünn. In der Metropole Wien - Hauptstadt und Bundesland zugleich - leben rund 1,6 Mio. Einwohner. Weitere wichtige Siedlungsschwerpunkte sind das Donautal und der Südosten des Landes. Eine Besonderheit des Alpenstaates im Vergleich zu anderen westeuropäischen Ländern ist der hohe Anteil der in kleinen Gemeinden ansässigen Bevölkerung 8 (LICHTENBERGER 2002, 208).
Gesundheitswesen
Das Gesundheitswesen ist ein wichtiger Bestandteil des sozialen Wohlfahrtsstaates. Entsprechend seiner föderalistischen Struktur sind die Länder verantwortlich für die medizinische Versorgung. Ihnen obliegt sowohl die stationäre als auch die außerstationäre Versorgung. „Der Bund hat hier relativ wenig Einfluß, obwohl im Rahmen eines am Gesundheitsministerium installierten Psychohygiene-Fachbeirates [im Bereich der psychiatrischen Versorgung] ein beratendes Gremium zur Verfügung steht“ (SCHÖNY & KATSCHNIG 1991, 89).
8 46 % der Bevölkerung (3,7 Mio. Menschen) leben im ländlichen Raum.
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2.3.2 Entwicklung der psychiatrischen Versorgung in Österreich
Die Geschichte der österreichischen Psychiatrie verlief im wesentlichen ähnlich der in anderen westeuropäischen Ländern. Als namhafte Gestalten sollen J. WAGNER-JAUREGG 9 und Sigmund FREUD 10 Erwähnung finden.
Mitte der 70er Jahre setzte wie in Deutschland auch in Österreich eine umfangreiche Bestandsaufnahme der Situation der psychiatrischen Versorgung ein. Eine Analyse der psychiatrischen Versorgungssituation von KATSCHNIG, GRUMILLER & STROBL aus dem Jahr 1974 stellte den Ist-Zustand dar und war der Auslöser einer ausführlichen Diskussion über den Zustand der Anstalten (JANDL-JAGER & STROTZKA 1987, 25). Diese Diskussion zog auch in Österreich die Bemühungen um eine Psychiatriereform nach sich (LEXEL-GARTNER 1987, 89f).
90er Jahre
Zu Beginn der 90er Jahre konstatieren KATSCHNIG et al. (1991, 3ff) in einem Referat 11 , dass sich zwar die gemeindenahe Versorgung seit Mitte der 70er Jahre in den verschiedenen Bundesländern in unterschiedlichem Ausmaß verbessert habe, aber dennoch quantitativ und qualitativ ein großes Defizit bestehe. Sie prangern an, dass „psychisch Kranke und ihre Angehörigen, mit Ausnahme vielleicht der großen Städte, heute noch sehr weit reisen müssen, um adäquate psychiatrische Hilfe zu erhalten“ (KATSCHNIG et al. 1991, 9).
2.3.3 Psychiatrische Versorgung in Österreich heute
Der Österreichische Psychiatriebericht 2001 Teil I (KATSCHNIG et al. 2001)herausgegeben vom Bundesministerium für soziale Sicherheit und Generationenstellt die aktuelle psychiatrische Versorgung dar. In Folge der Entwicklung findet
9 Wagner-Jauregg gelang 1917 mit der Einführung der Malariatherapie zur Behandlung der fortschreitenden Paralyse eine wissenschaftliche Entdeckung, für die er später den Nobelpreis erhielt
(JANDL-JAGER & STROTZKA 1987, 23).
10 Freud ist der Begründer der Psychoanalyse. Mit ihr nahm er zwar keinen entscheidenden Einfluss auf die Entwicklung der Psychiatrie in Österreich - seine Theorien gingen vielmehr darüber hinaus.
11 gehalten im November 1990 auf der „Woche der psychischen Gesundheit“ anlässlich des 15jährigen Bestehens der Gesellschaft für Psychische Hygiene
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diese „heute in vielen institutionellen Settings, Organisations- und Finanzierungsformen statt“ (ebd., 50). Die Bettenzahl wurde deutlich reduziert, die Bettennutzungstage sanken, das stationäre Angebot blieb, was die Einrichtungen angeht, überwiegend gleich, die komplementäre Versorgung wurde weiterentwickelt. 1999 hat sich die absolute Zahl der psychiatrischen Betten auf 4.173 reduziert, die drei Universitätskliniken und zehn Sonderkrankenanstalten 12 , die in den 70er Jahren schon existierten, bestehen weiterhin, sind jedoch „heute viel kleiner, wurden umbenannt oder organisatorisch neu zugeordnet, und - das ist das Wesentliche an der Entwicklung - durch andere Einrichtungen ergänzt“ (ebd., 50).
Stationäre Psychiatrie
Die stationäre Psychiatrie umfasst derzeit etwa 30 Einrichtungen. Diese wurden im Rahmen der Untersuchung angeschrieben. Neben Sonderkrankenhäusern, psychiatrischen Abteilungen an Allgemeinkrankenhäusern, gemischt psychiatrischneurologischen Abteilungen an Allgemeinkrankenhäusern, spezielle gerontopsychiatrische sowie kinder/jugendpsychiatrische Einrichtungen, psychosomatische Abteilungen und solche für die Behandlung Alkohol- und Drogenabhängiger. „Nur langsam entwickeln sich in Österreich dezentrale stationäre psychiatrische Einrichtungen, wobei unterschiedliche Modelle vorherrschen“ (ebd., 52).
Tageskliniken und ambulante Behandlung
Teilstationäre Behandlung in Tageskliniken wurde in Österreich erst in jüngster Vergangenheit eingeführt. Dennoch bestehen zum Zeitpunkt der Veröffentlichung des Psychiatrieberichts 2001 bereits mehr als 16 solcher Einrichtungen, die administrativ an die versorgenden Kliniken angeschlossen sind. Die ambulante Behandlung wird größtenteils von niedergelassenen Fachärzten für Psychiatrie, Psychiatrie & Neurologie, Neurologie & Psychiatrie und Neurologie durchgeführt.
12 Universitätskliniken Wien, Graz und Innsbruck; Sonderkrankenanstalten: Wien (PKH Baumgartner Höhe, PKH der Stadt Wien Ybbs), Niederösterreich (Landesnervenklinik Gugging und Mauer),
Kärnten (LKH Klagenfurt), Oberösterreich (Wagner-Jauregg-Krankenhaus Linz), Salzburg (Landes- Salzburg), Steiermark (Landesnervenkrankenhaus Graz), Tirol (Landesnervenkranken- Hall), Vorarlberg (Landesnervenkrankenhaus Rankweil).
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Psychosoziale Dienste
Die Anzahl der psychosozialen Dienste ist in den letzten 10 Jahren erwartungsgemäß gestiegen. Nach einer Erhebung des ÖBIG (Österreichisches Bundesinstitut für Gesundheitswesen ) 1998 bei 60 Trägern psychosozialer Einrichtungen verfügte das Burgenland über sieben, Kärnten über 17, Niederösterreich über 24, Oberösterreich über 27, Salzburg über zwei, die Steiermark über 18, Tirol über 12 und Vorarlberg über neun Psychosoziale Dienste. Für Wien sind keine Zahlen genannt, da sie für die Erhebung entweder gar nicht oder nur unvollständig vorlagen (ebd., 89).
2.4 Versorgungsstrukturen in der Schweiz
2.4.1 Daten zum Land
Staatsform und Gesundheitssystem
Die Schweizerische Eidgenossenschaft - so der offizielle Name der Schweiz - ist ein republikanischer Bundesstaat (MEHLING 1981, 828), mit direktdemokratischem und föderalistischem Charakter. Stark ausgeprägte Befugnisse auf kantonaler Ebene spiegeln das nach wie vor vorhandene Freiheits- und Unabhängigkeitsbestreben seiner Bürger wider. Im Gesundheitssystem zeigt sich diese Struktur u.a. darin, dass jedes Kanton seine eigene Gesundheitsdirektion hat. Es gibt kein für die gesamte Schweiz zuständiges Gesundheitsministerium, sondern nur ein Bundesamt für Gesundheit (BAG), welches ergänzende Aufgaben übernimmt. Die Schweiz ist eines der reichsten Länder der Welt und unterhält weltweit eines der teuersten Gesundheitssysteme (RÖSSLER 2001, 40).
Geographische Lage, Landesfläche, Bevölkerungsdichte, Siedlungsdichte Die Schweiz, wie Österreich Alpenland und in Mitteleuropa gelegen, hat gemeinsame Grenzen mit Deutschland, Österreich, Liechtenstein, Italien und Frankreich. Die 26 Kantone und Halbkantone ergeben zusammen eine Landesfläche von 41. 285 km². Im Jahr 2001 lebten 7. 261. 200 Menschen in der Schweiz, was eine Bevölkerungsdichte von 176 / km² ergibt. Die Bevölkerungsdichte ist in den verschiedenen Landesteilen unterschiedlich hoch. Die Finanzmetropole Zürich ist mit
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rund 1,1 Mio. Einwohnern die größte Stadt. Die Hälfte der Landesfläche wird von den Alpen eingenommen und ist wenig bis gar nicht besiedelt.
Kulturelle Besonderheiten, Sprache
„Die Eidgenossenschaft ist nicht einheitlich ... sondern vielfältig ...: Ihre Bewohner leben in verschiedenen kulturellen, wirtschaftlichen und politischen Räumen miteinander, nebeneinander und manchmal gegeneinander - mit Verbindungen über die engen Grenzen hinaus in die weite Welt“ (SCHWANDER 1991, 27). Es gibt drei Amtssprachen, aber vier Nationalsprachen. Der Hauptteil der Wohnbevölkerung, nämlich 63,3 %, spricht deutsch (ca. 4.6 Mio.), 19,4 % sprechen französisch, 7,6 % italienisch und 0,6 % rätoromanisch (AUSWÄRTIGES AMT 2002).
2.4.2 Entwicklung der psychiatrischen Versorgung in der Schweiz
Bis in die Mitte des 19. Jahrhunderts hinein entwickelte sich die psychiatrische Versorgung in der Schweiz vergleichbar mit der in den anderen westeuropäischen Ländern. Ende des 19. Jahrhunderts begann die Schweiz mit der vergleichsweise frühen Trennung der Fachgebiete Neurologie und Psychiatrie zum einen und durch die von den Schweizer Psychiatern Auguste FOREL und Eugen BLEULER ausgehende Psychotherapietradition zum anderen einen besonderen Weg einzuschlagen. C.G. JUNG - ein Schüler Bleulers - und Ludwig BINSWANGER, sind mit ihren Beiträgen zur Weiterentwicklung der Theorien Freuds als Vertreter dieser Tradition ebenso zu nennen. Auf Grund dieses Sonderweges gab es in der Schweiz seitdem eine besonders hohe Anzahl an Psychiatern. 13 Als Folge dieser Entwicklung gibt es in der Schweiz zudem seit den 60er Jahren den Begriff der Psychotherapie im psychiatrischen Facharzttitel (vgl. ERNST 2000, 40; ERNST 2001, 64f).
80er Jahre
RUCKSTUHL et al. (1984, 163) schildern die Situation der psychiatrischen Versorgung Anfang der 80er Jahre in der Schweiz ähnlich wie KATSCHNIG et al. (1991, 3
- 16) diejenige in Österreich. Die Hauptversorgung psychisch Kranker werde von
13 Diese waren aufgrund der beschriebenen Verhältnisse überwiegend psychotherapeutisch ausgerichtet.
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den großen psychiatrischen Kliniken übernommen, der Bettenstand sei zwar reduziert worden, sei aber immer noch zu hoch. Insgesamt gesehen stellen sie fest: „Die Änderungen im stationären Bereich fügen sich in die Linie des internationalen Entwicklungstrends...“ (RUCKSTUHL et al. 1984, 163). Im ambulanten Bereich wird die Situation der sozialpsychiatrischen Einrichtungen als unterentwickelt beschrieben (ebd., 165).
Zahlen aus dem Jahr 1993 belegen für die Schweiz eine Bettenrate in der stationären Psychiatrie von 1,4 pro 1000 Einwohner. Die Klinikdichte ist dreimal so hoch wie in Österreich bei einer etwa doppelt so hoch liegenden Einwohnerdichte. Der Grund für die relativ hohe Klinikdichte ist die relativ schwierige Zugänglichkeit vieler kleiner Täler im Alpenraum und die Aufteilung des Landes in 26 Kantone mit je einer eigenen Gesundheitsdirektion (ERNST 2000, 41).
2.4.3 Psychiatrische Versorgung in der Schweiz heute
Anlässlich der Tagung „Die Schweizer Psychiatrieversorgung im internationalen Vergleich“ im November 2002 in Bern fasst LEHLE (2003, 27) die Ergebnisse folgendermaßen zusammen: Zentrales Anliegen in der Weiterentwicklung der Psychiatriereform ist „die bessere und effizientere Gestaltung der psychiatrischen Versorgung“ (ebd., 27). Nach wie vor fließen die Gelder vorrangig in den stationären Bereich. Die Sozialpsychiatrie soll in Zukunft verstärkt die Personen- oder Einzelfallförderung in der Gemeinde unterstützen. Im Vergleich zu anderen europäischen Ländern steht die Schweiz weder besonders gut noch besonders schlecht da. „Viele wünschenswerte Versorgungsangebote sind vorhanden und ein Mangel scheint eher im Bereich der Verknüpfung und Koordination dieser verschiedenen Bereiche auszumachen zu sein“ (ebd., 28).
Stationäre Psychiatrie
Im stationär-psychiatrischen Bereich besteht weiterhin eine im europäischen Vergleich überdurchschnittlich hohe Versorgungsdichte. RÖSSLER (2001, 40) spricht von 42 psychiatrischen Kliniken. Nach ERNST (2001, 103) sind das im einzelnen 20 kantonale Kliniken, fünf Universitätskliniken, neun regionsverpflichtete Vertragskliniken, acht größere und zehn kleinere allgemeinpsychiatrisch tätige
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Privatkliniken. 14 Davon liegen 31 in der deutschsprachigen Schweiz (HÜSSY 1991, 137). Bis auf die Kantone Uri, Schwyz und Nidwalden verfügt jedes Kanton über mindestens eine psychiatrische Klinik. In einigen für die allgemein-medizinische Versorgung zuständigen Kantonsspitälern wurde mittlerweile eine psychiatrische Abteilung eingerichtet. Die Bettendichte im psychiatrischen Bereich beträgt zu Beginn des 21. Jahrhunderts unverändert 1,4 Betten pro 1.000 Einwohner (BRENNER, RÖSSLER & FROMM 2003, 1778) 15 . BRENNER et al. führen im weiteren aus, dass sich die psychiatrische Versorgung in den letzten zehn Jahrenbezüglich der Forderungen nach Patienten- statt Institutszentrierung und nach Vernetzung des gesamten psychiatrischen Versorgungsbereichs (integrierte Behandlung) - in der Schweiz wenig weiterentwickelt hat.
Ambulante Versorgung
Die Versorgungssituation im ambulanten Bereich ist von Kanton zu Kanton unterschiedlich. Das gilt sowohl für die Psychiaterdichte als auch für die anderen ambulanten Angebote, wie Krankenhausambulanzen, Sozialpsychiatrische Dienste, Polikliniken und Tageszentren. Tageskliniken sind im Unterschied zu Deutschland und Österreich wenig vertreten. „Mit einem Psychiater auf 5.275 Einwohner weist die Schweiz eine der dichtesten fachbezogenen Strukturen auf“ (RÖSSLER 2001, 40).
Soteria
Eine Besonderheit im stationären Bereich stellen die sogenannten Soteria-Häuser dar. In diesen klinikunabhängigen, offen geführten Spezialeinrichtungen für Schizophreniekranke werden die Patienten in einer akuten Krankheitsphase, von vorwiegend nicht-medizinischen Personal im Sinne einer therapeutischen Gemeinschaft versorgt. Eine solche Einrichtung gibt es z. B. in Bern (ERNST 2001, 118f).
14 Die zehn kleineren Privatkliniken sind bei RÖSSLER nicht mitgerechnet.
15 Anzahl der Betten in psychiatrischen Kliniken im Jahr 1999: 8.125 (Bundesamt für Statistik 2002)
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Suchttherapie
Im suchttherapeutischen Bereich verbesserte sich in den letzten 20 Jahren das Angebot. „Gesamtschweizerisch stehen für die stationäre Drogenrehabilitation derzeit an die 2.000 Plätze in etwa 120 Institutionen zur Verfügung, im Bereich der Alkoholrehabilitation sind es rund 1.000 Plätze in 40 Einrichtungen“ (ECKMANN & SIMMEL 1999, Abschnitt 2). 16
2.5 Zusammenfassung
Psychische Erkrankungen sind ein komplexes, weltweit verbreitetes Phänomen mit hoher gesamtgesellschaftlicher Relevanz. Behandlung von psychisch Kranken und
Suchtkranken wird interdisziplinär und in unterschiedlichen Institutionsformen durchgeführt, wobei auch die rehabilitativ ausgerichtete Bewegungs- und Sport- therapie ihren Stellenwert hat.
Die heutige psychiatrische Versorgungslandschaft in Österreich und der Schweiz ist Ergebnis der medizinischen und (landes-)geschichtlichen Entwicklung. In der Schweiz ist die Anzahl der stationären psychiatrischen und suchttherapeutischen Einrichtungen deutlich höher als in Österreich.
In Kap. 3 folgt nun die Darstellung der Bewegungs- und Sporttherapie. Zunächst werden die allgemeinen Grundlagen der Bewegungs- und Sporttherapie vorgestellt. Daran anschließend wird auf die besonderen Gegebenheiten der Bewegungs- und Sporttherapie mit psychiatrischen Patienten eingegangen. Ein weiterer Themenschwerpunkt ist der Stand der Veröffentlichung zur Thematik in Österreich und der Schweiz.
16 Unter folgenden Internetadressen sind ausführliche Auflistungen bestehender suchttherapeutischer Einrichtungen zu finden: stationäre Drogeneinrichtungen unter http://www.koste.ch; stationäre
Alkoholeinrichtungen unter http://www.infoset.ch. Weiterführende Literatur zu Kernpunkten der
stationären Therapie ebenfalls unter http://www.koste.ch, z. B. SIMMEL 2001.
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3 Bewegungs- und Sporttherapie
Nach der Darlegung der psychiatrischen Versorgung im vorangegangenen Kap.2 wird nun der Blick auf die Bewegungs- und Sporttherapie gelenkt. Einleitend werden die begrifflichen Schwierigkeiten diskutiert. Darauf folgt die Darstellung der Bewegungs- und Sporttherapie mit Herausstellung der wissenschaftstheoretischen Ansätze. Von der Darstellung der allgemeinen Bewegungs- und Sporttherapie geht die Betrachtung über zu speziellen Aspekten der Bewegungs- und Sporttherapie in der Psychiatrie. Anschließend wird die Situation der Bewegungs- und Sporttherapie im psychiatrischen Bereich in Österreich und der Schweiz betrachtet. Das Kapitel wird abgeschlossen mit der Darstellung der bewegungs- und sporttherapeutischen Ausbildungslage in den beiden Ländern.
3.1 Zum Begriffsgefüge Bewegungstherapie - Sporttherapie
Je nach wissenschaftlicher Perspektive werden die Begriffe Bewegungstherapie und Sporttherapie unterschiedlich definiert. Im Universalwörterbuch BROCKHAUS (1996) wird Bewegungstherapie als Oberbegriff für alle Verfahren der Krankengymnastik verwendet. Der Begriff Sporttherapie ist nicht aufgeführt. 1 Die funktionale Ausrichtung der Bewegungstherapie liegt auch der Definition im medizinischen Wörterbuch zugrunde (vgl. ZETKIN & SCHALDACH 1999). Sporttherapie wird hier mit Sportphysiotherapie gleichgesetzt und definiert als „ärztlich verordnete Heilmaßnahme bei Verletzungen und Schäden als Fortsetzung und Ergänzung einer vorausgegangenen Krankengymnastik“ (ebd., 1892). Aus sportwissenschaftlicher Perspektive wird Bewegungstherapie als „Sammelbegriff für therapeutische Konzepte“ verwendet „mit denen versucht wird, durch aktive, muskuläre Beanspruchung Erkrankungen, Defizite, Fehlverhalten oder psychosoziale Störungen zu behandeln“ (RÖTHIG & PROHL 2003, 103). Die bei RÖTHIG & PROHL angeführte Erklärung
1 Im BROCKHAUS - LEXIKON DER GESUNDHEIT (2000, 1191) bezeichnet Sporttherapie „regelmäßiges körperliches Training als vorbeugende oder heilende Maßnahme bei Erkrankungen des
Bewegungsapparates oder des Herz-Kreislauf-Systems“. Ebenfalls angeführt wird ihre positive
Wirkungsweise auf die psychische Verfassung und ihr daraus begründeter Einsatz bei psychosoma- Erkrankungen.
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des Begriffs Sporttherapie bezieht sich auf die vom DEUTSCHEN VERBAND FÜR GESUNDHEITSSPORT UND SPORTTHERAPIE formulierte Definition:
Bewegungstherapie ist ärztlich indizierte und verordnete Bewegung, die vom Fachtherapeuten geplant und dosiert, gemeinsam mit dem Arzt kontrolliert und mit dem Patienten alleine oder in der Gruppe durchgeführt wird. Sporttherapie ist eine bewegungstherapeutische Maßnahme, die mit geeigneten Mitteln des Sports gestörte körperliche, psychische und soziale Funktionen kompensiert, regeneriert, Sekundärschäden vorbeugt und gesundheitlich orientiertes Verhalten fördert. Sie beruht auf biologischen Gesetzmäßigkeiten und bezieht besonders Elemente pädagogischer, psychologischer und soziotherapeutischer Verfahren ein und versucht, eine überdauernde Gesundheitskompetenz zu erzielen. (VANDEN-ABEELE & SCHÜLE 2000, 23)
Die Nebeneinanderstellung der unterschiedlichen Definitionen macht deutlich, dass das Verständnis von Bewegungs- und Sporttherapie in der Medizin naturwissenschaftlich geprägt ist, in den pädagogisch ausgerichteten Sportwissenschaften dagegen auch die pädagogisch-psychischen Elemente einbezogen werden.
Therapie
Schon bei der Betrachtung des Therapiebegriffs findet man Definitionsunterschiede, die durch die unterschiedlichen Wissenschaftsrichtungen begründet sind. Im Lexikon der Medizin (ZETKIN & SCHALDACH 1999) wird Therapie als Behandlung einer Krankheit bezeichnet. Da im psychiatrischen bzw. Suchtbereich die sonst in der Medizin eher aufeinanderfolgenden Phasen der Prävention, der Therapie im engeren Sinne sowie der Nachsorge und Rehabilitation untrennbar miteinander verbunden sind (vgl. HUBER 1999, 658; VETTER 1998, 333) und psychiatrische Erkrankungen zum Teil zu Chronifizierung und Rezidiven neigen bzw. mit Funktionseinbußen einhergehen (vgl. MÖLLER et al. 2001, 466), ist der Therapiebegriff hier weiter zu fassen. Inhalt und Ziel der psychiatrischen Therapie sind nicht nur die Besserung und Heilung von psychischen Störungen (Therapie i. e. S.), sondern auch Nachsorge bzw.
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Rehabilitation 2 (vgl. MÖLLER et al. 2001, 465f). JOCHHEIM (1988, 9) gibt zu bedenken, dass Therapie in der Rehabilitation als Anleitung zur Selbsthilfe zu verstehen ist.
Sport
Der Begriff Sport kommt vom Lateinischen „deportare“ (übersetzt: fortbringen), wurde im Mittel-Französischen zu „(se) de (s)porter“ = (sich) zerstreuen, (sich) vergnügen und verbreitete sich über England - dort bedeutet der Begriff „sport“ auch Zeitvertreib, Vergnügen, Spaß, Spiel - in die ganze Welt. Mittlerweile umgangssprachlich gebraucht lässt sich der Begriff nicht mehr eindeutig abgrenzen. Was landläufig mit dem Begriff Sport verbunden wird, hängt vom „alltagstheoretischen Gebrauch sowie von den historisch gewachsenen und tradierten Einbindungen in soziale, ökonomische, politische und rechtliche Gegebenheiten“ ab (RÖTHIG & PROHL 2003, 493).
Sport und Therapie
HUBER (1996) formuliert in seinen Ausführungen zur Sporttherapie, dass die Verbindung von Sport und Therapie erst mit der Arbeit RIEDERs „Sport als Therapie“ (1975) hergestellt wurde. RIEDER (1977) betont insbesondere den pädagogischen Aspekt der Sporttherapie. „[Die Sporttherapie] basiert auf Erlebnis, Erfahrung und Selbstbetätigung“ (ebd., 167). „Der Ausdruck „Sporttherapie“ sollte zum einen Überschneidungen mit bereits fixierten Begriffen vermeiden - etwa mit der Spieltherapie, Bewegungstherapie, Beschäftigungstherapie, psychomotorischen Übungsbehandlung oder Leibeserziehung -, zum anderen sollten die allgemein und speziell mit Sport bezeichneten Bewegungsformen, Tätigkeiten, Leistungen sowie deren Wesens-, Erziehungs- und Bildungsgehalte miteinbezogen werden“ (ebd., 135).
2 Rehabilitation allgemein bedeutet Wiederherstellung, Eingliederung; i. e. S. ist Rehabilitation die medizinische, berufliche und soziale Integration Behinderter oder von Behinderung bedrohter
Personen (vgl. Pschyrembel 1998). Rehabilitation im psychiatrischen Bereich bezeichnet den Vorgang
der Wiedereingliederung des Patienten in Gesellschaft, Familie und Beruf (VETTER 1998, 333).
Zugleich beinhaltet die Rehabilitation auch Rückfallverhütung (Sekundärprävention).
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Begriffsverwendung in dieser Arbeit
Die Sporttherapie ist eine eigenständige Therapieform, deren übergeordnetes Konstrukt die Bewegung ist. Da der Begriff Sporttherapie jedoch oft recht eng verstanden wird und unter den Patienten der Begriff „Sport“ häufig negativ besetzt ist, wird in dieser Arbeit - so nicht anders gekennzeichnet - die Bezeichnung Bewegungs- und Sporttherapie als ein Begriff verwendet. Inhaltlich wird darunter Bewegung, Spiel und Sport im therapeutischen Rahmen und mit therapeutischen Zielsetzungen verstanden.
3.2 Bewegungs- und Sporttherapie
Im folgenden werden theoretische Fundierung, Wirkungsweisen, Inhalte, Methoden und Ziele von Bewegungs- und Sporttherapie - Bewegung, Spiel und Sport im therapeutischen Kontext dargestellt.
3.2.1 Wissenschaftstheoretische Ansätze
Aus dem Spektrum der wissenschaftlichen Begründungen der Bewegungs- und Sporttherapie werden drei herausgegriffen, die im Besonderen in der Arbeit mit psychisch Kranken und Suchtkranken von Bedeutung sind. Theorien sind notwendig, um Handlungsweisen zu begründen. Oder wie NITSCH (2000, 45) es ausdrückt: „Theorien strukturieren den Forschungsprozess, systematisieren die Forschungsergebnisse, leiten praktisches Handeln und bilden nicht zuletzt eine wichtige Voraussetzung für die Kommunikation mit anderen.“
1. Begründung der Bewegungs- und Sporttherapie aus handlungstheoretischer (psychologischer) Sicht 3
Handlung und Verhalten
Handlung ist zentrale Komponente und Charakteristikum des Menschen. Handlungsfähigkeit eröffnet dem Menschen die Möglichkeit zu Selbstbestimmung und Selbstverantwortung (NITSCH 2000, 49). Handlung kann als eine gesonderte Form des Verhaltens und Handeln als konkreter Vollzug gesehen werden, wenn ein Verhalten
3 s. dazu auch Aufsatz von PASSOLT (1989, 61-68)
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unter subjektiven Absichten, d.h. intentional in aktiver Auseinandersetzung mit der Umwelt organisiert wird. Verhalten dagegen ist jede Form der Lebensäußerung, also alles, worin die Selbsttätigkeit des Organismus zum Ausdruck kommt und sich seine Beziehung zur Umwelt aktuell herstellt, stabilisiert und verändert (vgl. NITSCH 2000, 59). Handeln bedeutet Einfluss nehmen auf die Umwelt aus bestimmten Motiven heraus (Funktionsaspekt von Handlung) und ist immer situationsbezogen. Die Handlungsphasen gliedern sich in bewusste oder unbewusste Planung, Ausführung der Handlung und Überprüfung derselbigen. Handlung kann nicht ohne Energie ablaufen. Energie zeigt sich u. a. in (menschlicher) Bewegung.
Handlungstheorie
Nach NITSCH (ebd., 54) bietet die Handlungstheorie eine wissenschaftliche Perspektive zur Betrachtung menschlichen Verhaltens. Sie bildet einen Grundentwurf und zugleich eine Fundierung gerade auf dem Gebiet der Sportpsychologie als einem Teilbereich der angewandten Psychologie, in dem die praktische Tätigkeit den zentralen Gegenstand bildet (ebd. 53). Die Handlungstheorie ist zunächst einmal eine theoretische Perspektive und stellt gegenwärtig keine abgeschlossene Konzeption dar (ebd. 54).
Psychische Eigenschaften
Die psychischen Eigenschaften des Menschen sind zum einen handlungsregulierend und zum anderen entwickeln sie sich erst im und aus dem Handeln. Die folgende Tabelle gibt die Aspekte der Handlung und die dazugehörigen psychischen Eigenschaften bzw. Funktionen wider. In der Praxis greifen die einzelnen Handlungsaspekte und die psychischen Eigenschaften ineinander über.
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Arbeit zitieren:
Ruth Kleinagel, 2004, Zum Stand der Bewegungs- und Sporttherapie in psychiatrischen und suchttherapeutischen Einrichtungen in Österreich und der Schweiz, München, GRIN Verlag GmbH
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