Inhalt:
1. Einleitung 1
2. Erotische Liebe 1
2.1. Wendla und Melchior 2
2.2. Ilse und die Männer 5
2.3. Ernst und Hänschen 6
3. Mutterliebe 8
3.1. Frau Bergmann 8
3.2. Frau Gabor 11
4. Nächstenliebe 14
4.1. Frau Gabor und Moritz 14
4.2. Die Lehrer 16
4.3. Der vermummte Herr 19
5. Neue Liebe 20
Literaturverzeichnis 22
II
1. Einleitung
Die vorliegende Arbeit möchte Frank Wedekinds Drama Frühlings Erwachen. Eine Kindertragödie unter dem Aspekt der Liebe betrachten. Der Autorin ist bei der Lektüre diverser Sekundärliteratur zu Frühlings Erwachen aufgefallen, dass sich die meisten AutorInnen überwiegend mit sexuellen Betrachtungen befassten 1 . Der Aspekt der Liebe scheint für die meisten von untergeordneter Bedeutung zu sein. Dass eine nähere Betrachtung der Liebe lohnenswert und interessant sein kann, soll im Folgenden zu zeigen versucht werden. Liebe wird im Allgemeinen als Gleichzeitigkeit von Geben und Nehmen verstanden. Idealisiert gesehen geht sie einher mit Selbstlosigkeit und der Bereitschaft zur Aufopferung. Die verschiedenen Formen - die erotische Liebe, die Liebe zwischen Mutter und Kind und die Nächstenliebe - haben diese Ideale als gemeinsames Merkmal.
Die Beziehungen der Figuren in Frühlings Erwachen sind nur partiell von Liebe getragen. An die Stelle von Liebe treten Egoismus und Selbsttäuschung. Sexualität wird als von der Liebe autark praktizierbar gezeigt 2 . Frühlings Erwachen zeigt Beispiele der Liebe und Nicht- Liebe in der modernen, industrialisierten Gesellschaft.
2. Erotische Liebe
Liebe ist ein Gefühl. Am Anfang steht das sich Verlieben, welches spontan und ungesteuert ist und sich nach einiger Zeit zur Liebe manifestiert. Hier kommt es zu einem gleichzeitigen Geben und Nehmen, einem Teilen von Gedanken und
1 Vgl. Boa, Elisabeth: The sexual circus: Wedekind´s theatre of subversion. Oxford 1987. S. 26 ff.,
Bogard, Angelika B: Eros und Sexualität im Werk Frank Wedekinds: Eine psychoanalytische
Untersuchung. 1991. S. 22 ff., Diethe, Carol: Aspects of Distorted Sexual Attitudes in German
Expressionist Drama: With Particular Reference to Wedekind, Kokoschka and Kaiser. New York
(u. a.) 1988. S. 54 ff.
2 Vgl. Die Kopulation von Wendla und Melchior in der Heubodenszene, in: Wedekind, Frank:
Frühlings Erwachen. Düsseldorf 2001. S. 37.
1
Erlebnissen, zu einer Verschmelzung. Begleitend zur emotionalen Beziehung kommt auch eine sexuelle Beziehung zustande. Dies ist, was im Allgemeinen unter Liebe verstanden wird.
Sexuelle Beziehungen können aber sehr wohl auch ohne Liebe zustande kommen. Was heute alltäglich ist, war i m ausgehenden 19. Jahrhundert wenngleich nicht unmöglich, so doch nicht gesellschaftlich toleriert. Im folgenden sollen drei verschiedene Beziehungsformen - mit und ohne Beteiligung von Liebe - untersucht werden.
2.1. Wendla und Melchior
Die beiden Jugendlichen Wendla und Melchior kennen sich vermutlich schon seit einigen Jahren und haben einen gemeinsamen Freundeskreis. Dies lässt jedenfalls Ilse vermuten, wenn sie sagt: „Weißt du noch, wie wir Räuber spielten? - Wendla Bergmann und du und ich und die anderen [...].“ 3 . Bei der vierzehnjährigen Wendla hat die Entwicklung zur Frau sowohl physisch als auch psychisch eingesetzt. Die ist für das „Prinzeßkleidchen“ [5] zu alt. Gemäß der Kleiderkonvention des ausgehenden 19. Jahrhunderts, ist dies zu kurz für eine junge Frau und zeigt zu viel von deren weiblichen Reizen. So will Frau Bergmann ihr ein langgemachtes Kleid geben. Wendla ist das gar nicht recht und deshalb bittet sie ihre Mutter auf ihre naiv- niedliche Weise das alte Kleid noch ein Jahr tragen zu dürfen, da „[...] man als Kind keine Diphtheritis [bekommt]!“ [6]. Schließlich setzt Wendla sich durch. Wie die meisten Frauen im Wilhelminstischen Deutschland ist Wendla nicht aufgeklärt. Sexualität ist schließlich tabuisiert. Auch ihres Potentials ist sie sich nicht bewusst. Möchte sie in der bürgerlichen Gesellschaft, in der sie lebt, integriert bleiben, steht ihr als Frau nur eine Zukunft als Ehefrau und Mutter offen. Ihr Selbstwertgefühl ist gering. Sie sagt zwar: „Ich freue mich jeden Tag,
3 Wedekind, Frank: Frühlings Erwachen. Düsseldorf 2001. S. 44. Alle nachfolgenden Zahlen in Klammern sind Seitenverweise und beziehen sich auf diese Ausgabe.
2
daß ich Mädchen bin.“ [17] relativiert dies aber umgehend mit den Worten: „[E]s muß doch tausendmal erhabender sein, von einem Manne geliebt zu werden, als von einer Frau!“ [17].
Wendlas Neigung zum Masochismus entspricht dem Bild der Frau als empfangendes und passives Wesen, während dem Mann der aktive Teil der Sexualität obliegt 4 . Masochistische Gedanken bereiten ihr Freude. Die akute Gefahr, die die Schläge von Marthas Vaters auf deren körperliche und seelische Unversehrtheit darstellen, sind für Wendla Anlass f ür neue Phantasien und animieren sie nach Details zu fragen [14 f.]. Für sie ist die Bedrohung nicht real.
Pleasure is associated with pain, sexual arousal with dominance and servility, guilt and
punishment. 5
Wendlas masochistische Phantasien als Substitution des sexuellen Aktes 6 zu sehen erscheint als unwahrscheinlich. Eher ist dies als Wendlas persönliche Vorliebe zu begreifen.
Melchior ist im Gegensatz zu Wendla etwas liberaler erzogen. Er ist eine nüchterne, rationale und wenig emotionale Person. In seinen Aussagen erscheint er so abgeklärt wie man es ihm in seinem Alter und ohne große Lebenserfahrung nicht unbedingt zutraut. Als er Wendla im Wald trifft, kommen sie auf Wendlas soziales Engagement zu sprechen. Hier sagt er: „Es gibt keine Aufopferung! Es gibt keine Selbstlosigkeit!“ [21 f.]. Zu vermuten ist, dass er sich seine Meinung zu einem nicht unbedeutenden Teil aus Büchern zusammengesetzt hat, ebenso wie er sich zu sexueller Aufklärung verholfen hat. Er hat es „teils aus Büchern, teils aus Illus trationen, teils aus Beobachtungen in der Natur“ [11]. In Entsprechung zu seiner nihilistischen Lebenshaltung ist Melchior ein egoistischer und dominanter Mensch. „Seine Beziehungen zu anderen sind gekennzeichnet von dem Bestreben sie zu beherrschen und z u demütigen, zumindest solange es sich um Altersgenossen handelt, denen er sich geistig überlegen fühlt und die diese scheinbare Superiorität akzeptieren.“ 7
4 Boa, a. a. O., S. 41 ff.
5 Ebd.
6 Diethe, a.a.O., S. 83.
7 Noob, Joachim: Der Schülerselbstmord in der deutschen Literatur um die Jahrhundertwende. Heidelberg 1998. S. 128.
3
Für Wendla mit ihrer Neigung zum Masochismus ist Melchior mit seiner Neigung zur Dominanz das passende Gegenstück. Was sie verbindet ist keinesfalls Liebe. „[D]as Verlangen nach vollkommener Vereinigung, nach der Einheit mit der anderen Person“ 8 ist nicht gegeben. Melchior löst bei Wendla, wie auch bei ihren Freundinnen Thea und Martha, Interesse aus. Besonders fasziniert sind sie von seinem „wundervollen Kopf“[16] sowie seinem schulischen Erfolg. Auch seine Antihaltung scheint Wendla zu faszinieren. Sie gibt eine Sensation preis, wenn sie anmerkt: „Denk dir, Melchi Gabor sagte mir damals, er glaube an nichts - nicht an Gott, nicht an ein Jenseits - an gar nichts mehr in dieser Welt.“ [17]. Später treffen sich die beiden zufällig im Wald wieder, wo Wendla Melchior ihre masochistischen Phantasien enthüllt und ihn bittet sie zu schlagen. Diese Bitte verwirrt ihn und er lehnt es kategorisch ab, da sie ein Mädchen ist. Trotzdem beginnt er sie zu schlagen und steigert dabei die Intensität. Die nun schreiende Wendla ignoriert er und „[...] drischt wie wütend auf sie los, während ihm die dicken Tränen über die Wangen rinnen“ [24]. Melchior ist gleichermaßen angetan wie abgestoßen von der Situation. Er kann nicht aufhören, als es notwendig wird. Seine Tränen sind wohl Ausdruck der Abscheu und des Entsetzens über das, was er getan hat.
Wenig später in der Heubodenszene kommt es zur Kopulation der beiden. Diese Szene wird des Öfteren als Vergewaltigung Wendlas durch Melchior interpretiert. 9 Eine solche Deutung ist angesichts der Szene in Bergmanns Garten nicht korrekt. In diesem Selbstgespräch schwärmt Wendla: „Der Weg ist wie ein Plücheteppich - kein Stein, kein Dorn. - Meine Füße berühren den Boden nicht. -Oh, wie ich die Nacht geschlummert habe! [...] Ach Gott, wenn jemand käme, dem ich um den Hals fallen und erzählen könnte.“ [40]. Die Ereignisse hat sie ganz offensichtlich als schön erlebt. Sie kann das Geschehene nicht richtig einordnen, [66] ahnt jedoch, dass es nicht toleriert werden würde und teilt folglich ihre Freude niemanden mit. Weit eher ist es als ein „instinktives Zusammenfinden der Geschlechter“ 10 zu begreifen.
8 Fromm, Erich: Die Kunst des Liebens. München 2001. S. 66.
9 Vgl. Bogard, a.a.O., S. 164. “[Er laesst] Wendla durch Melchior unfreiwillig sexuell misshandeln
und schwaengern“.
10 Schlör, Irene: Pubertät und Poesie. Das Problem der Erziehung in den literarischen Beispielen
von Wedekind, Musil und Siegfried Lenz. Konstanz 1992. S.52.
4
Arbeit zitieren:
Carolin Fleischer, 2004, What's love? Typologie der Liebe in Frank Wedekinds "Frühlings Erwachen", München, GRIN Verlag GmbH
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