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Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung 4
2. Historischer Hintergrund der Humoralpathologie 5
2.1 Hippokrates 6
2.2 Platon und Aristoteles 8
2.3 Galen. 9
2.4 Dr. Juan Huarte de San Juan. 11
3. Der Einfluss des Examen de Ingenios auf Cervantes am Beispiel des
Ingenioso Hidalgo Don Quijote de La Mancha 14
3.1 Don Quijote als colérico 14
3.2 Don Quijote als melancólico 19
4. Zusammenfassung. 23
5. Literaturverzeichnis 24
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1. Einleitung
Es gibt wohl kaum ein anderes literarisches Werk, das so viel Diskussions- wie auch Interpretationsstoff bietet wie El Ingenioso Hidalgo Don Quijote de la Mancha von Miguel de Cervantes Saavedra. Sei es der satirische Gehalt, der Humor, die Erzähltechnik oder der Stil - dieser Meilenstein der Weltliteratur bietet wahrscheinlich so viele Wege, die Abenteuer des fahrenden Ritters Don Quijote auszulegen, wie er Seiten hat. So haben sich nicht nur Literaturkritiker, Historiker oder Soziologen ausgiebig mit der Welt des selbsternannten Ritters von der Traurigen Gestalt beschäftigt, sondern vor allem Mediziner und Psychologen fanden in Don Quijote’s Verhaltensweisen und Wahrnehmungen zahlreiche Ansatzpunkte für ihre Arbeit.
Wenn man sich die Frage stellt, warum eines Tages ein alter Mann seinen noch älteren Gaul sattelt, um sich als Ritter kostümiert auf den Weg nach Abenteuern zu machen, kommt der eine oder andere sicherlich zum Schluss, dass wir es hier mit einem Verrückten zu tun haben. Doch ist dieser selbsternannte fahrende Ritter, der einen erbitterten Kampf gegen Windmühlen führt, eigenmächtig Sträflinge befreit oder in den Kampf gegen eine Schafherde zieht, wirklich ein Fall für den Psychiater? Auf den ersten Blick vielleicht. Tatsächlich gibt es jedoch eine medizinische Erklärung für den „Fall“ Don Quijote.
Zahlreiche Elemente, von denen Cervantes zur Beschreibung seiner Hauptfigur Gebrauch macht, lassen darauf schließen, dass er sehr vertraut war mit dem 1575 erschienen Examen de Ingenios para las Ciencias des Mediziners Juan Huarte de San Juan, wonach die Hauptfigur in humoralpathologischer Hinsicht sowohl als Choleriker als auch Melancholiker eingestuft werden muss. Diese Arbeit wird versuchen, den „Fall“ Don Quijote aus humoralpathologischer Sicht näher zu betrachten, wobei von Belang sein wird, inwiefern sich Cervantes bei der Beschreibung seines Caballero de la Triste Figura von Huarte beeinflussen ließ. Zum Verständnis des Krankheitsbildes wird zunächst ein Einblick in den medizinisch-geschichtlichen Hintergrund der Temperamentenlehre geschaffen, um im Anschluss Don Quijote’s Geisteszustand unter Huarte’schen Gesichtspunkten zu analysieren.
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2. Historischer Hintergrund der Humoralpathologie
Die Tatsache, dass die Hauptfigur Don Quijote Sinneseindrücke erfährt, die sich von denen eines Lesers „mit gesundem Menschenverstand“ unterscheiden und dass daraus Aktionen resultieren, die für eben diesen Leser auf den ersten Blick befremdlich oder amüsant erscheinen, verdient eine tiefergehende Betrachtungsweise.
Seit Beginn des 20. Jahrhunderts wurden sowohl die Wahrnehmungen als auch die Taten des Don Quijote v on zahlreichen Kritikern untersucht. Man kam hierbei mehr oder weniger einstimmig zum Schluss, dass der Ingenioso Hidalgo ein sowohl melancholisches als auch cholerisches Temperament zu Tage legt. Das Verständnis dieses Charakters setzt eine fundierte Kenntnis der Geschichte der Humoralpathologie voraus, die ihre Ursprünge bereits in der griechischen Antike hat.
Die Ursprünge des Viererschemas an sich kann man bereits bei den sogenannten Vorsokratikern finden. Die Mitglieder der um 525 v. Chr. entstandenen naturphilosophischen Schule strebten danach, Grundelemente zu suchen, die Makro- sowie Mikrokosmos einschließen und versuchten, einen zahlenmäßigen Ausdruck für körperliches und geistiges Dasein zu finden. Sie maßen der Zahl vier eine solch große Bedeutung zu, weil sie in ihren Augen sowohl Wurzel als auch Quelle der ewigen Natur darstellte. Auch die Natur des Menschen unterliegt der Vierzahl, sowohl physisch (im Herz, Nabel, Gehirn und Schamglied), als auch psychisch (im Intellekt, Verstand, Urteil und in der Wahrnehmung). So wurde das Fundament für das Viererschema der Körpersäfte geschaffen. 1
Empedokles (um 494 - 434 v. Chr.) erweiterte das Postulat der Pythagoräer, indem er eine Doktrin schuf, die uns heute noch geläufig ist, und zwar jene der vier Elemente Feuer, Wasser, Luft und Erde. Zwar waren die Elemente, die Empedokles als Götter bezeichnete und deren Mischung, die er mit dem Kosmos verglich, 2 alle gleichwertig, jedoch besaß jedes Element seine eigene Aufgabe und seinen eigenen Charakter. Empedokles war der Überzeugung,
1 Klibansky, R.; Panofsky, E.; Saxl, F.: Saturn and Melancholy. Studies in the History of
Natural Philosophy, Religion and Art. Cambridge: Nelson, 1964, S. 4.
2 Schöner, Erich: Das Viererschema in der Antiken Humoralpathologie, Wiesbaden, Franz
Steiner Verlag GmbH, 1964, S. 9.
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dass Lebewesen, d.h. deren Körper und Organe aus einer Mischung der vier Elemente bestehen:
Das Fleisch entsteht aus der gleichmäßigen Mischung der vier Elemente, die
Sehnen aus Feuer, Erde und zwei Teilen Wasser, die Knochen aus zwei Teilen
Wasser und Erde und vier Teilen Feuer. Im Blut sind die Elemente am besten
vermischt. 3
Auch war er der Überzeugung, dass Menschen durch die Kombination der Elemente ihren Charakter erwerben. Die der körperlichen wie auch geistigen Gesundheit des Menschen zuträglichste Mischung sei jene, in welcher alle Elemente im Gleichgewicht sind. In diesem Fall war der Mensch ausgestattet mit einer großen Auffassungs gabe und einem wachen Geist, wohingegen ein geistig beschränkter Mensch Opfer eines Ungleichgewichtes der Elemente in seinem Körper ist. 4
Empedokles war somit der Erste, der eine direkte Verbindung zwischen der psychischen und physischen Konstitution herstellte und legte so den Grundstein für die Lehre der vier Körpersäfte.
2.1 Hippokrates
Hippokrates von Kos (460 - 370 v. Chr.) beschäftigte sich im Anschluß eingehend mit Krankheitsbildern in Analogie mit den von seinen Vorgängern aufgestellten Konzepten und Theorien. So stellte er im Corpus Hippocraticum die Behauptung auf, dass sowohl der Gemütszustand als auch Krankheiten eines Menschen von im Körper befindlichen Säften abhängen. Jegliches Ungleichgewicht, das heißt, ein Überschuss oder Mangel eines dieser sogenannten Körper- oder Kardinalsäfte, resultiere in einer Störung der Persönlichkeitsstruktur und im schlimmsten Fall in einer Krankheit. Empedokles’ Postulat des Viererschemas der Urelemente Feuer, Wasser, Luft und Erde folgend wurden dem menschlichen Körper die Säfte Blut, Schleim, gelbe und schwarze Galle zugeordnet, denn „diese machen die Natur des Körpers aus, und wegen dieser (Säfte) ist er krank bzw. gesund.“ 5 Mit dieser These widersprach er Ärzten, die der Überzeugung waren, der
3 Ibid., S. 10f.
4 Klibansky, R.; Panofsky, E.; Saxl, F.: op. cit., S. 6.
5 Zitiert in Schöner, Erich: op. cit., S. 18.
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menschliche Körper bestehe grundsätzlich nur aus einem der vier Säfte. Wäre dem nämlich so - so Hippokrates - würde der Mensch niemals erkranken, und wenn doch, dann müsste es für alle nur ein einziges Heilmittel geben. 6 In Kapitel 7 weist Hippokrates - seinen Beobachtungen entsprechendjedem der vier Körpersäfte eine Qualität und die jeweilige Jahreszeit zu:
Die daraus resultierenden vier Temperamente cholerisch (Überschuss an Gelber Galle), phlegmatisch (Überschuss an Schleim), melancholisch (Überschuss an Schwarzer Galle) und sanguinisch (Überschuß an Blut) konnten zweierlei bedeuten: entweder beschrieben sie den pathologischen Zustand, verursacht durch Überschuss des jeweiligen Körpersaftes oder eine anlagebedingte Begabung. Im Gegensatz zu den anderen Temperamenten waren die Symptome eines Melancholikers größtenteils mit mentalen Veränderungen verbunden, „ranging from fear, misanthropy, and depression, to madness in ist most frightful forms.“ 8 Dies führte schließlich auch zu einer Veränderung des Melancholie-Verständnisses, welches sich nun sowohl auf Psychologie als auch Physiologie bezog. Die Doktrin der vier Körpersäftelehre wandelte sich und wurde zur „theory of character and mental types.“ 9 Hippokrates’ Doktrin der vier Kardinalsäfte sollte nicht nur die so genannten „großen Philosophen“ beeinflussen - sie blieb über zwei Jahrtausende lang grundlegend bei der Untersuchung von Krankheiten.
6 Ibid., S. 17f.
7 Vgl. ibid., S. 18f.
8 Klibansky, R.; Panofsky, E.; Saxl, F.: op. cit., S. 14.
9 Ibid., S. 15.
Arbeit zitieren:
Emel Elbek, 2004, Der Einfluss des Examen de Ingenios auf Cervantes am Beispiel des Ingenioso Hidalgo Don Quijote de La Mancha, München, GRIN Verlag GmbH
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