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Inhaltsverzeichnis
1. Biographische Angaben über Isaacs und der historisch-soziale Hintergrund
von María. 3
2. Erzählsituation und Zeitstruktur in Jorge Isaacs’ María. 6
2.1 Erzählsituation 6
2.2 Zeitstruktur. 7
3. Dualistische Elemente in Jorge Isaacs’ María 9
3.1 Dualismus bei der Darstellung von Figuren 9
3.1.1 Romantische Darstellung von María und Efraín’s Mutter 9
3.1.2 Realistische Darstellung von Efraín’s Vater und Don Jerónimo. 13
3.2 Dualismus der Paarbeziehungen. 16
3.2.1 Efrain - María vs. Braulio - Tránsito. 16
3.2.2 Efraín - María vs. Nay - Sinar 18
3.3 Dualismus bei der Darstellung der Natur 20
3.3.1 Die Natur als lo edénico 20
3.3.2 Die Natur als lo infernal 21
4. Schlussbetrachtung. 24
5. Literaturverzeichnis 25
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1. Biographische Angaben über Isaacs und der historischsoziale Hintergrund von María
Hört man heute das Schlagwort „Lateinamerikanische Literatur,“ so fallen einem sofort Namen wie Octavio Paz oder Paulo Coelho ein, die mit ihren Romanen die Welt im Sturm erobert haben. Zweifelsohne kann der Kolumbianer Jorge Isaacs als einer der Wegbereiter für den Erfolg lateinamerikanischer Romanliteratur auf internationaler Ebene betrachtet werden. Sein Roman María wurde kurz nach dessen Erscheinen im Jahre 1867 in alle wichtigen europäischen Sprachen übersetzt und noch zu Lebzeiten des Autors in Argentinien (1870), Mexiko (1871) und Chile (1877) nachgedruckt. 1 Jorge Ricardo Isaacs kam am 1. April 1837 im kolumbianischen Cali auf die Welt. Sein Vater George Henry Isaacs, ein aus Jamaika eingewanderter Jude, der zum Zwecke einer Heirat (mit Manuela Ferrer Scarpetta) zum Katholizismus konvertiert war, hatte sich in der Nähe von Cali niedergelassen, wo er eine Zuckerhacienda erwarb. Im Jahre 1848 wird Isaacs von seinem Vater nach Bogotá geschickt, um ein Medizinstudium aufzunehmen, jedoch bricht er 1852 aufgrund finanzieller Schwierigkeiten, in die sein Vater geraten war, sein Studium ab um nach Cali zurückzukehren und seinem Vater zur Seite zu stehen.
Schon in jungen Jahren unterstützt er die Konservative Partei und beteiligt sich 1854 unter der Führung General Tejada’s an den Kämpfen gegen den Diktator Melo, um sechs Jahre später gegen die Diktatur Mosquera’s zu kämpfen. Nach dem Tod seines Vaters im Jahre 1861 muss er die geschäftlichen Aufgaben des Familienbesitzes übernehmen, doch die zu jener Zeit anbrechende wirtschaftliche Krise führte schließlich dazu, dass bereits zwei Jahre später der finanzielle Niedergang des Familienbesitzes besiegelt war. 1864 - im Jahr der öffentlichen Versteigerung der hacienda seines Vaters - wird Isaacs zum Straßenbauinspektor ernannt und er lernt in Bogotá José María Vergara y Vergara kennen, der ihn in die Intellektuellengruppe El Mosaíco einführt. Frucht dieser Bekanntschaft sollten seine Poesías (1864, 1877, 1879) werden.
1 Bremer, Thomas: „Jorge Isaacs: María“, in: Roloff, V. & Wentzlaff-Eggebert, H. (Hrsg.): Der Hispanoamerikanische Roman. Band I. Darmstadt: Wissenschaftliche Buchgesellschaft, 1992, S. 64.
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Bis 1866 lebt er dann relativ abgeschottet von der Außenwelt, um an seinem Roman María zu arbeiten.
1866 wurde er zum Kongressabgeordneten der Konservativen Partei gewählt, wobei sich seine persönlichen Überzeugungen sich dem Liberalismus näherten. Nachdem im Jahr darauf sein Roman María veröffentlicht wird, tritt er 1868 der Radikalen Partei bei. Für den Rest seines Lebens bleibt er dem Liberalismus treu und fungiert unter anderem als Diplomat in Chile (1870-1872) und als Kodirektor der Zeitung El Programa Liberal (1876). 1876 nimmt er an der Seite der liberalen Regierung am Bürgerkrieg teil und setzt im Jahre 1880 in einem Staatsstreich den Präsidenten ab, wobei er auch für kurze Zeit als Abgeordneter einen Sitz im Parlament hatte. Seine letzten Lebensjahre verbringt Isaacs zurückgezogen in Ibagué, wo er am 17. April 1895 stirbt. Zu seinen lyrischen Werken zählt Poesías, und Saulo (1881); politisch hat er sich mit La revolución radical en Antioquia (1880) Ruhm verschafft sowie eine ethnographische Studie namens Estudios sobre las tribus indígenas del Magdalena veröffentlicht. Auch hat er an zwei Romanen, Camilo und Fania, gearbeitet, die er jedoch nicht mehr vollenden konnte. Fast hundert Jahre nach seinem Tod wurde das Manuskript Canciones y coplas populares entdeckt, welches 1985 veröffentlicht wurde. 2
Was den historisch-sozialen Kontext von María angeht, so ist der Roman eng mit den tiefgreifenden sozialen Umbrüchen verbunden, die ab Mitte des 19. Jahrhunderts mit der Machtübernahme der Liberalen einhergingen. Zur Modernisierung der Wirtschaft wurden Reformen eingeführt, die den „Weg vom Merkantilismus spanischer zum Freihandel britischer Prägung“ 3 ebnen und die Kolonialwirtschaft ablösen sollten. In diesem Zusammenhang spielte vor allem die endgültige Sklavenbefreiung im Jahre 1852 eine elementare Rolle, denn sie wirkte sich verheerend auf die Schicht der sogenannten latifundista-esclavista aus. Gerade im Cauca-Tal, wo die meisten Sklaven beschäftigt waren, war der Widerstand gegen die Reformen von Seiten der Großgrundbesitzer, die ihren Wohlstand durch Haltung von Sklaven bekanntermaßen über Generationen hinweg gesichert hatten, am größten. Jene
2 Die biographischen Angaben sind entnommen aus: Williams, R. L.: The Colombian Novel, 1844-1987, Austin: University of Texas Press, 1991, S. 151f. 3 Bremer, Thomas: op. cit., S. 72.
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Großgrundbesitzer, die den Neuerungen nicht durch Kapitaleinsatz, Anschaffung von Maschinen oder Absatzorganisation ihrer Produkte mithalten konnten, gerieten schnell ins finanzielle Abseits. Somit stellte die Sklavenbefreiung - so menschlich, zeitgemäß und wirtschaftlich notwendig sie auch war - einen schweren Schlag gegen Isaacs’ Familie dar, die immer mehr in finanzielle Nöte geriet und schließlich der öffentlichen Versteigerung der hacienda hilflos zusehen musste. 4
In seinem Roman wird die Gesellschaft mit ihren unterschiedlichen sozialen wie auch ethnischen Schichten so dargestellt, wie Isaacs sie zu der Zeit kurz vor diesem drastischen Wandel gekannt hat. Die Spitze der Pyramide nimmt die Familie Efraín’s ein - Großgrundbesitzer, die Sklaven, Kindermädchen wie auch Dienstboten halten. Andererseits gibt es Eigentümer kleinerer Ländereien, die in der mittleren Gesellschaftsschicht anzusiedeln sind, beispielsweise arme Weiße wie die Familie José’s. Weiterhin finden aber auch peónes (Tagelöhner, z.B. Tiburcio), agregados (Pächter) oder freie Mulatten (z.B. Custodio) wie auch freigelassene Sklaven ihren Stellenwert im Roman. Trotz der unterschiedlichen sozialen und ethnischen Hintergründe führen alle ein harmonisches Zusammenleben ohne größere Konflikte.
4 Mejía, Gustavo: „Prólogo“, in: Isaacs, Jorge: María, Caracas: Biblioteca Ayacucho, 1988, S. XXXIf.
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2. Erzählsituation und Zeitstruktur in Jorge Isaacs’ María
2.1 Erzählsituation
In der Ich-Erzählung, die aus 65 Kapiteln unterschiedlicher Länge besteht, berichtet Efraín in einer Rückschau von seiner tragischen Liebe zu seiner Cousine María, die im Kindesalter als Adoptivkind in die Familie aufgenommen wurde und an einer vererbungsbedingten Epilepsie leidet. Nach einem kurzen Liebesglück im elterlichen Haus im Cauca-Tal reist Efraín auf Anordnung seines Vaters nach London, um Medizin zu studieren. Seine Pläne, María nach seiner Rückkehr zu heiraten, werden von einem Unglück überschattet, denn als Efrain über María’s schlechten gesundheitlichen Zustand erhält und Hals über Kopf zurückreist, ist María bereits tot. Voller Trauer und Nostalgie sucht der Protagonist noch ein letztes Mal die Orte ihres vergangenen Liebesglücks auf, um die heimatliche Erde, deren Natur ihm nicht mehr edénico, sondern infernal erscheint, schließlich auf ewig zu verlassen. Der Roman wird ähnlich wie in Cervantes’ Don Quijote durch einen Prolog den eingeleitet, dessen Erzähler sich offenbar vom eigentlichen Ich-Erzähler unterscheidet. Der „Herausgeber“ des libro de recuerdos wendet sich an die „hermanos de Efraín“:
He aquí, caros amigos m íos, la historia de la adolescencia de aquel a quien tanto amasteis y que ya no existe. [...]¡Dulce y triste misión! Leedlas, pues, y si suspendéis la lectura para llorar, ese llanto me probará que la he cumplido fielmente. 5
Die Menschen, die mit dieser Widmung direkt angesprochen werden, zeichnen sich durch ihre Einfühlsamkeit aus und sind daher „hermanos de Efraín,“ dem ein Liebesglück nicht gewährt wurde. Die „caros amigos,“ die dieses Buch in den Händen halten, stellen die idealen Leser dar, denn sie haben Mitgefühl und sind fähig, das Leid des Erzählers nachzuvollziehen. Dieser ideale Leser besitzt die Gabe, sich in den Erzähler hineinzuversetzen und sich somit mit ihm zu identifizieren. Von Anfang an wird dem Leser das Pathos der Erzählung bewusst: obgleich der Roman den Namen seiner großen Liebe María trägt, geht es einzig und allein um Efraín, seine Erinnerungen und Gefühle, wobei der Leser die Welt durch die Augen des Erzählers sieht.
5 Isaacs, Jorge: María, 8. Auflage, Madrid: Ediciones Catédra, 2001, S. 51.
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Auch lässt Isaacs zahlreiche autobiographische Elemente in sein Werk einfließen. Die Handlung spielt in der Heimat des Autors, im Cauca-Tal in Cali, der Autor hat ebenfalls auf dem oben genannten Colegio in Bogotá studiert, die Herkunft der Väter sowie die Konversion vom Judentum zum Christentum ist eine Gemeinsamkeit zwischen Autor und Erzähler, Efraín ist wie sein Erschaffer Sohn eines Großgrundbesitzers, und wird wie der Autor zum Zwecke eines Studiums nach Europa geschickt. Isaacs macht Gebrauch von eingeschobenen Geschichten, novelas intercaladas, beispielsweise die Geschichte von María und ihren Eltern oder die Geschichte von Nay und Sinar. Diese Episoden stehen in direktem Zusammenhang mit der Haupthandlung - der tragischen Liebesgeschichte von María und Efraín - und ergänzen oder erweitern diese. 6 Die Erzählsituation ist jedoch nicht durchgehend konsequent konzipiert, denn die Wiedergabe der vergangenen Ereignisse wird hin und wieder durch Ausrufe oder Kommentare durchbrochen, mit welchen der Erzähler sich emotional aus der Gegenwart meldet:
Ya no volveré a admirar aquellos cantos, a respirar aquellos aromas, a contemplar aquellos paisajes llenos de luz, como en los días alegres de mi infancia y en los hermosos de mi adolescencia: ¡extraños habitan hoy la casa de mis padres! 7
Mit dieser Stimme aus dem Hier und Jetzt wird die Identifikation des Lesers mit Efraín verstärkt. Den Erzähler schmerzen heute die Erinnerungen an die glücklichen Tage in Harmonie mit sich selbst und der Natur, denn mit seiner Jugend gehört nicht nur die wunderbare Natur, die ihn eingehüllt hat, endgültig der Vergangenheit an; auch sein Elternhaus wird er nie wieder betreten können, denn sie wird heute von Fremden bewohnt.
2.2 Zeitstruktur
Was den Handlungszeitraum betrifft, so findet die im Roman dargestellte Handlung vor dem Eintritt des wirtschaftlichen und somit gesellschaftlichen Wandels statt. Die Spanne des Handlungszeitraumes kann aufgrund zahlreicher Hinweise recht genau festgelegt werden. Im Roman existiert die Sklaverei,
6 Bremer, Thomas: op. cit., S. 65.
7 Isaacs, Jorge: María, S. 178.
Arbeit zitieren:
Emel Elbek, 2005, Dualismus in Jorge Isaacs' María, München, GRIN Verlag GmbH
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