1. Einleitung
Ziel dieser Arbeit ist es, die Bedeutung des Mauerbaus für die Konstituierung der nachexilischen Gemeinde zu untersuchen. Der Bau der Stadtmauer Jerusalems unter Nehemia ist, neben dem Bau des zweiten Tempels und der Einsetzung und Durchsetzung der Tora, eines der zentralen Themen innerhalb des Esra-Nehemiabuches. Dieses Buch schildert die Neukonstituierung des nachexilischen Juda unter persischer Herrschaft. Am Beginn des Esra-Nehemiabuches steht programmatisch das Kyros-Edikt, denn mit dem Sieg der Perser über die Babylonier beginnt eine neue Politik, die unter anderem den 597 und 587 deportierten Judäern die Möglichkeit eröffnet, in ihre alte Heimat zurückzukehren. Allerdings gibt es verschiedene Auffassungen in der Forschung, welche Folgen dieser Herrschaftswechsel für die Region Juda und die Geschichte der jüdischen Religion hatte. Diesem Problem will ich am Beginn der Arbeit nachgehen und sowohl die Zeit des Exils bis zum Beginn der persischen Herrschaft geschichtlich skizzieren (2.1), als auch ausgewählte Modelle zur nachexilischen Gemeinde (2.2) darstellen.
Die detaillierte Untersuchung von Neh 2 bildet den Hauptteil dieser Arbeit (3.). Dieses Kapitel ermöglicht es, einerseits die Thematik des Mauerbaues, andererseits auch die politischen Verhältnisse zur Zeit Nehemias zu untersuchen. Daran schließt sich die Einordnung von Neh 2 in den näheren Kontext des Nehemia-Berichtes (4.1) und in das gesamte Esra-Nehemiabuch (4.3) an, um jeweils auch dort die Bedeutung des Mauerbaus herauszuarbeiten (4.2; 4.4).
Abschließend erfolgt die Bündelung der Ergebnisse (5), die in Beziehung zu den anfangs dargestellten Forschungsmodellen gesetzt werden.
2. Juda unter persischer Herrschaft
2.1 Die Exilszeit als Vorgeschichte
Das Königreich Juda wurde durch die Eroberung und Exilierung 597/587 v.Chr. durch die Babylonier unter Nebukadnezzar II. zerstört. Damit hatte sich der Untergang des Nordreichs von 732/722 v.Chr. durch die Assyrer auch im Südreich wiederholt. Nun hatte ganz Israel die Eigenstaatlichkeit verloren und lebte entweder unter Fremdherrschaft im Land der Väter oder als Gola in der Fremde. Allerdings vollzog sich die Deportation der Oberschichten aus dem Nord- und Südreich sehr unterschiedlich. Während unter den Assyrern im Nordreich mit Hilfe einer fremden Oberschicht eine neue Provinz mit der Hauptstadt Samaria gebildet wurde
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und die alte Oberschicht nach der Deportation den Kontakt zur Heimat verlor 1 , kam es unter den Babyloniern in Juda nicht zu einem völligen Neubeginn unter einer fremden Oberschicht. Sowohl in Babylonien 2 als auch in Ägypten 3 lebten deportierte oder ausgewanderte Judäer. „Diese waren unterschiedlichen geschichtlichen Entwicklungen ausgesetzt, hatten unterschiedliche politische und religiöse Interessen und gerieten darüber nicht selten in Konflikt […], wobei zumindest für die babylonische Gola der Bezug auf das Land, aus dem sie vertrieben worden war, eine religiöse und emotionale Bedeutung behielt (Gebetsrichtung nach Jerusalem 1.Kön 8,48; Dan 6,11, später Wallfahrten).“ 4
Mit der Deportation der Oberschicht und der Revolte gegen den Statthalter Gedalja entstand in Juda ein Machtvakuum. „Im Unterschied zu anderen Herrschern setzten die Babylonier keine fremde Oberschicht im Land ein. Paradoxerweise verbesserten sich die Lebensbedingungen der armen Bauern und Landlosen sogar: sie erhielten Land zugeteilt. […] Das Machtvakuum nützten vor allem die umliegenden Kleinstaaten zur Eroberung und Plünderung.“ 5 Es sind jedoch nicht nur negative Kontakte zu den Nachbarn anzunehmen, denn politische und wirtschaftliche Zusammenarbeit war notwendig und auch auf der Ebene der Religion gab es Gemeinsamkeiten, „schließlich lebten von der Zeit des Nordreiches Israel her in der engeren und weiteren Nachbarschaft Judas zahlreiche Menschen, die sich nach wie vor als Israeliten betrachteten, und andere, die zugezogen waren bzw. angesiedelt worden sind, haben sich der Landesreligion mehr oder minder angepaßt.“ 6 Die genaue Organisation Judas unter den Babyloniern kann nicht rekonstruiert werden: es gab anscheinend eine beschränkte Selbstverwaltung durch Ältestengremien, doch war Juda keine selbstständige Provinz, sondern unterstand wohl der, schon seit der assyrischen Zeit bestehenden, Provinz Samaria und war den Babyloniern gegenüber Abgabenpflichtig. 7
1 Vgl. DONNER: Geschichte, 346.
2 „Die Oberschicht war nach Babylon deportiert, sozial entwurzelt und heimatlos. Aber sie lebte nicht in finsterer Gefangenschaft, sondern fand recht gute Lebensbedingungen vor. Alle wurden gemeinsam in einem Gebiet angesiedelt, pflegten ihre Tradition und lebten in relativen Wohlstand. Die meisten lebten vom Handwerk oder als Bauern oder Fischer. Andere stiegen auch in höhere Positionen auf, einige wenige machten mit der Zeit sogar in hohen politischen Ämtern Karriere.“ (STRUPPE: Exil, 111f.)
3 „Anders als die babylonische Gola entstand die ägyptische nicht durch erzwungene Deportation, sondern durch freiwillige Abwanderung. Aus Angst vor babylonischen Vergeltungsmaßnahmen nach der Ermordung Gedaljas entschloß sich ein Gruppe, die vornehmlich aus Soldaten bestand, […] lieber in Ägypten ihr Glück zu versuchen.“ (ALBERTZ: Religionsgeschichte, 381). 4 ALBERTZ: Exilszeit, 128. 5 STRUPPE: Exil, 112. 6 MAIER: Testamenten, 43. 7 Vgl. ALBERTZ: Religionsgeschichte, 378f.
3
Mit dem Sieg des Achämeniden 8 Kyros über die Babylonier 539 v.Chr. änderte sich die Situation für die babylonische Gola. Die Perser verfolgten eine andere Politik der Herrschaftssicherung, die mehr als 200 Jahre Erfolg haben sollte. 9 Diese Politik beinhaltete, dass besiegte und deportierte Volksgruppen wieder in ihre Heimatländer zurückkehren durften, eigenständige lokale Kulte gefördert wurden und die Perser sich eher als Befreier denn als Eroberer darzustellen versuchten. 10
Mit dem Kyros-Edikt 11 bot sich auch für die babylonischen Judäer sehr schnell die Möglichkeit in ihre alte Heimat zurückzukehren. „Für die Judäer in Babylonien und Palästina stellte sich damit die Entscheidungsfrage, ob sie diese recht begrenzte Chance zu einem gemeinsamen Neuanfang, die ihnen die persische Reichspolitik bot, annehmen wollten oder nicht. Und die 18 Jahre, die bis zur Aufnahme des Tempelbaus verstrichen, machen es wahrscheinlich, daß eine positive Antwort für die meisten keinesfalls auf der Hand lag.“ 12 Dieses lag vor allem an der neuen wirtschaftlichen Existenz, die die Judäer sich in der babylonischen Gola aufgebaut hatten. Dagegen war die wirtschaftliche Lage in der alten Heimat eher schwierig, außerdem war es zur Umverteilung von Eigentum und Land gekommen, sodass die Daheimgebliebenen fürchten mussten, dass die Rückkehrer alten Besitz zurückverlangten. 13
2.2 Forschungsmodelle zur nachexilischen Gemeinde
„Neuere Forschungen […] lassen immer deutlicher erkennen, daß die nachexilische, insbesondere die frühnachexilische Zeit (538-400) eine der produktivsten Epochen der Religionsgeschichte Israels gewesen ist. Herausgefordert von der Chance und den Problemen des Wiederaufbaus, wurden in dieser Zeit die Grundlagen gelegt, welche die spätere jüdische und christliche Religion maßgeblich prägen sollten.“ 14 Im Gegensatz dazu sind die Quellen zu dieser Zeit rar und aufgrund von konkurrierenden theologischen Gruppen
8 Die persische Dynastie der Achämeniden existierte ungefähr 220 Jahre (550-330 v.Chr). Eine Darstellung findet sich bei STERN (vgl. Persian Empire, 70-77).
9 Die Herrschaft der Achämeniden baute darauf, die jeweilige Eigenart und die ethnischen Unterschiede der beherrschten Völker nicht zu unterdrücken. Dieses gelang ihnen durch regionale Verwaltungsorgane, die zwar in eine strenge Hierarchie eingebunden waren, aber eine begrenzte Autonomie ausüben konnten. Solange es nicht zu Unabhängigkeitsbewegungen kam, lag somit ein Teil der politischen Entscheidungsbefugnis in der Hand lokaler Bevölkerungsgruppen und es waren keine langwierigen Entscheidungsprozesse durch regelmäßige Einbindung der persischen Zentralgewalt notwendig. (Vgl. AHN: ‚Toleranz’, 191f.). 10 Vgl. STERN: Persian Empire, 70. 11 Vgl. DONNER: Geschichte, 439-442. 12 ALBERTZ: Religionsgeschichte, 469f. 13 Vgl. a.a.O., 470. 14 A.a.O., 462.
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und Strömungen sind die Entwicklungen schwer nachzuvollziehen. 15 Das Esra-Nehemiabuch ist von hoher historischer Bedeutung, denn in diesem wurden ältere Quellen aufgenommen, aus denen teilweise Rückschlüsse auf die Entwicklung nach dem Exil gewonnen werden können. 16 Allerdings ist das Buch in seiner Gesamtkomposition auch eine bewusst gestaltete Geschichtsdarstellung 17 , die im Rückblick zeigen will, wie durch Gottes Führung nach dem Exil der Tempel sowie die Stadtmauer wiedererrichtet wurden und das Gesetz eingesetzt wurde.
In der theologischen Wissenschaft gibt es verschiedene Ansätze, wie sich die Judäer nach dem Exil organisierten, welche religiösen oder politischen Organisationen sich bildeten. Das Konzept der „Jerusalemer Kultgemeinde“ war lange Jahre besonders einflussreich. Es geht auf Julius Wellhausens „Prolegomena zur Geschichte Israels“ zurück. 18 Kernthese ist, dass sich nach der Rückkehr aus der babylonischen Gola eine konfessionelle Gemeinde als entpolitisierte Wahlgemeinschaft unter dem Gesetz bildete, die „im Inneren zunehmend theokratisch, genauer ,hierokratisch’, strukturiert (war), mit dem Hohenpriester an der Spitze.“ 19 Dieses Konzept wurde u.a. von Noth 20 und Donner 21 aufgenommen. Es führte zu einer verzerrten Wahrnehmung von Tempel, Kult und Selbstverständnis Judas im Esra-Nehemiabuch. Schon ein erster Blick auf das Esra-Nehemiabuch zeigt, dass Abstammung und nicht Wahlgemeinschaft von hoher Bedeutung für die Zugehörigkeit zur Gemeinschaft war, davon zeugen die vielen Genealogien und die Behandlung der „Mischehenfrage“, die nicht zum Übertritt, sondern zum Ausstoß fremder Frauen und ihrer Kinder führte. 22
15 DONNER bezeichnet diese Zeit aufgrund fehlender literarischer Quellen als „dunkel“ (vgl. Geschichte, 449). 16 Vgl. Anm. 232.
17 Vgl. zur Historizität des Nehemia-Berichtes und des Esra-Nehemiabuches die Abschnitte 4.1 und 4.3. 18 Vgl. WELLHAUSEN: Prolegomena, 409-424. 19 BLUM: Volk, 25.
20 Vgl. NOTH, der einen Paragraphen seiner „Geschichte Israels“ mit „Das Leben der Jerusalemer Kultgemeinde in persischer Zeit“ überschrieben hat (vgl. Geschichte, 304-312).
21 „Wir sind im Zeitalter der heiligen Schrift, in dem sich ‚Israel’ als theokratische Gemeinde unter dem Gesetz formierte. […] Das wesentliche Merkmale der Zugehörigkeit zu ‚Israel’ war nicht mehr der Beweis oder die Behauptung der Abstammung von Menschengruppen, die das alte Israel gebildet hatten, sondern die Unterwerfung unter das ‚Gesetz’ als Willenskundgebung Jahwes. […] Es ist mit dem ethnischen oder staatlichen oder religiösen Israel der 1. Hälfte des 1. Jahrtausende v.Chr. nur noch bedingt vergleichbar. Die Epoche der Restauration unter Nehemia und Esra war die Geburtsstunde des Judentums.“ (DONNER: Geschichte, 465).
22 Vgl. BLUM: Volk, 28. Blum selbst resümiert nach der Untersuchung von Quellenbefunden: „Abgrenzungskriterium zwischen Juden und Nicht-Juden in persischer Zeit ist nicht die Religion. Israel hat sich nicht als Bekenntnisgemeinschaft oder Kirche definiert, sondern als ‚Volk’ oder, um es mit einem antiken Begriff zu sagen, als ‚Ethnos’“. [A.a.O., 33 (Hervorhebung im Original)].
5
Von Weinberg stammt das Konzept der „Bürger-Tempel-Gemeinde“. 23 Er unterscheidet zwischen der Provinzbevölkerung, die auch während der babylonischen Herrschaft im Gebiet Judas gelebt hat, und den Rückkehrern aus der Gola. Die Rückkehrer siedelten sich in drei Regionen, als eigene Gemeinschaft gegliedert nach Väterhäusern, recht isoliert an, und sie waren nur mit kleinen Teilen der Provinzbevölkerung verbunden. 24 Diese Gemeinschaft lebte vor allem in selbstständigen Städten und war „mit dem Tempel und dessen Personal als zentraler Institution in religiöser, politischer und ökonomischer Hinsicht eng verbunden.“ 25 Nach Weinberg erlangte diese Bürger-Tempel-Gemeinde 458/57 v.Chr. durch das Edikt des Artaxerxes (Esr 7,11-26) eine relative Unabhängigkeit von der Provinz Samaria, die mit Nehemia und der Gründung der Provinz Jehud ausgeweitet wurde. 26 Allerdings nimmt er an, dass Nehemia „was not made PeHa of the province of Yehud, that is, as a head of the local, provincial branch of the Persian central administration, but only head of the selfadministration of the postexilic community in the province of Yehud, whose PeHa was another person.” 27
Wie Wellhausen wendet auch Weinberg den Gemeindebegriff zur Charakterisierung der nachexilischen Gesellschaft an. Zwar wird Gemeinde (lh'q') auch im Esra-Nehemiabuch verwendet 28 , allerdings darf dieses nicht dazu verleiten lh'q im Sinne von „Kirche“ oder
„religiöse Gemeinschaft“ zu lesen und ihm damit seine ethnische Dimension abzusprechen. 29
23 WEINBERG stellt seine Hypothese u.a. in „The Postexilic Citizen-Temple Community” dar (vgl. Community, 127-138).
24 Diese Annahmen WEINBERGS basieren hauptsächlich auf den Angaben der Rückkehrerlisten in Esr 2/Neh 7, er geht für das Jahr 458/57 v.Chr von 42360 Mitgliedern dieser neuen Gemeinschaft aus (ca. 13-15% der Gesamtbevölkerung), später aufgrund des Wachstums und Anschlusses anderer Bevölkerungsteile von ca. 150000 Mitgliedern (ca. 50-60%). (Vgl. a.a.O., 131-33). Doch geben diese Berechnungen auch Anlass zum Zweifel an der Herleitung WEINBERGS, da sie eine unwahrscheinlich hohe Bevölkerungsdichte für Juda voraussetzen [vgl. die Schätzung von insgesamt 17000 (!) Einwohnern in der Provinz Juda in der Mitte des 5.Jh. durch CARTER (vgl. Province, 108.135)]. Auch BLENKINSOPP führt diese Bedenken an (vgl. Temple, 42-44), er hält jedoch die Bürger-Tempel-Gemeinde als Hypothese trotzdem für akzeptabel. Indem die Perser loyale Mitglieder aus der babylonischen Gola als gesellschaftliche Elite in Juda ansiedelten und ihren Tempelbau unterstützten, entstand eine halb-autonome Tempel-Gemeinschaft, die für Stabilität in der Region sorgen sollte. (Vgl. a.a.O., 50-53). 25 KARRER: Ringen, 44. 26 Vgl. WEINBERG: Community, 136. 27 Ebd. (Hervorhebung im Original). 28 Vgl. Esr 10,1.8.12.14; Neh 5,13; 8,2.17; 13,1.
29 Vgl. CRÜSEMANN: Israel, 214f. Der Vorstellung der lokalen Kultgemeinde steht auch die zentrale Bedeutung der Diaspora entgegen, die durch das Esra-Nehemiabuch mit Juda verankert wird. „Das Buch stellt die berichteten Ereignisse von allem Anfang an in einen universalen wie gesamtisraelitischen Horizont. […] In Esr-Neh äußert sich somit ein Judentum, das sich zwar dankbar zu den mit der Provinz Jehud geschaffenen Möglichkeiten bekennt, sie aber gleichzeitig als Verpflichtung zur Verantwortung an Ganz-Israel wie an der Völkerwelt auffaßt.“ (WILLI: Juda, 45).
6
Dieses führt zu der wichtigen, aber auch kontrovers diskutierten Frage, in welchen Strukturen sich Juda politisch nach dem Exil organisiert hat. Albrecht Alt hat die lange Zeit vorherrschende These aufgebracht, dass sich die Lösung von der Provinz Samaria langsam vollzogen hat und Nehemia als erster Statthalter (hx'P,) der Provinz Juda durch den persischen König eingesetzt wurde. 30 Es ist zwar unumstritten, dass spätestens unter Nehemia Juda die Selbstständigkeit erlangt hat und es sind auch für die nachfolgende Zeit Statthalter namentlich nachweisbar 31 , aber Uneinigkeit herrscht über die vorhergegangenen Jahre 32 . Welche politische Funktion hatten Serubbabel und Scheschbazzar, die beide eine wichtige Rolle beim Tempelbau spielten? Zwar erhalten auch sie den Titel des hx'P, 33 ,
doch kann dieser innerhalb des persischen Verwaltungssystems abgestufte Bedeutungen haben und außerbiblische Zeugnisse geben keine sichere Gewissheit. 34 Die erste Annäherung an die nachexilische Zeit zeigt, dass sowohl zur inneren Struktur der judäischen Gesellschaft als auch zur politischen Organisation Judas innerhalb des persischen Reiches verschiedene Forschungsmodelle vorliegen.
Da für diese Arbeit das Thema des Mauerbaus den Schwerpunkt bildet, soll geprüft werden, ob aus der konkreten Untersuchung von Neh 2 hervorgeht, in welcher Funktion Nehemia nach Juda reiste, welche Gruppen mit ihm am Aufbau beteiligt waren bzw. diesen verhindern wollten und welchen genauen Zweck Nehemia mit dem Mauerbau verfolgte. Durch die Untersuchung von Neh 2 und der Einordnung dieser Ergebnis in den weiteren Kontext von Nehemia-Bericht und Esra-Nehemiabuch können aber auch Hinweise erwartet werden, wie die soziale und politische Organisation zur Zeit Nehemias war.
30 Vgl. ALT: Rolle, 332.
31 Vgl. KARRER: Ringen, 38f. und WILLI: Juda, 29. Als Quellen für die Zeit nach Nehemia können die Elephantine-Papyri und Josephus dienen, auf lokalen Münzen und Siegeln ist die Prägung Juda zu finden und Statthalter werden genannt.
32 Schon die Datierung epigraphischer Zeugnisse ist umstritten, während STERN (vgl. Persian Empire, 83) und KARRER (vgl. Ringen, 42) sie historisch nicht vor Nehemia einordnen wollen, nehmen LEMAIRE (vgl. Juda, 213-219) und MEINHOLD (vgl. Serubbabel, 196-200) an, dass sie Auskunft über Statthalter in der Zeit vor Nehemia geben können.
33 Vgl. für Scheschbazzar (Esr 5,14) und für Serubbabel (Hag 1,1.14; 2,2.21; auch Esr 6,7 als Rückblick für ihn lesbar).
7
3. Untersuchung von Neh 2
3.1 Übersetzung mit Textkritik
3.1.1 Übersetzung 35 K1 K2
1 Und es geschah im Monat Nisan, im zwanzigsten Jahr des Königs Artaxerxes, als a Wein vor ihm b (stand), da nahm ich den Wein und gab ihn dem König. Und ich hatte keinen schlechten Ruf c bei ihm. 2 Und der König sprach zu mir: Warum siehst du so schlecht aus? Du bist doch nicht krank? Das nicht, sondern vielleicht ist es ein unglückliches Herz. Da fürchtete ich mich sehr. 3 Und ich sprach zum König:
Der König lebe ewig! Warum sollte ich nicht schlecht aussehen, wo doch die Stadt, die Begräbnisstätte meiner Väter, verwüstet ist und ihre Tore vom Feuer verzehrt sind? 4 Und der König sprach zu mir: Was ist es, was du wünscht?
Da betete ich zum Gott des Himmels. 5 Und ich sprach zum König: Wenn es dem König gefällt und wenn dein Knecht vor dir Gefallen findet, so sende mich nach Juda, zur Stadt der Gräber meiner Väter, damit ich sie (wieder) aufbaue. 6 Und der König sprach zu mir, während (seine) Lieblingsfrau a neben ihm saß: Wie lange wird deine Reise dauern und wann wirst du zurückkehren? Und es war dem König genehm, sodass er mich sandte. Und ich nannte ihm eine Frist. 7 Und ich sprach zum König:
Wenn es dem König gefällt, so gebe man mir Briefe an die Statthalter von Transeuphratene a mit, damit sie mich durchlassen, bis ich nach Juda komme. 8 Und einen Brief an Asaf, den Aufseher des königlichen Forstes, damit er mir Holz gebe, um mit Balken die Tore der Tempelburg a zu belegen und für die Mauer der Stadt und für das Haus, in das ich kommen soll.
Und der König gewährte es mir, als die gütige Hand meines Gottes über mir war. 9 Und ich kam zu den Statthaltern von Transeuphratene und gab ihnen die Briefe des Königs. Und der König hatte Heerführer und Reiter mit mir gesandt. 10 Als das Sanballat, der Horoniter, und
34 Vgl. WILLI, der in ihnen noch keine eigenständigen Statthalter erkennen kann (vgl. Juda, 30) und MEINHOLD, der hingegen von Statthaltern in einer Provinz Juda vor Nehemia ausgeht (vgl. Serubbabel, 195f.199).
8
Tobija, der ammonitische Knecht, hörte(n), missfiel es ihnen sehr, dass ein Mensch gekommen war, um Gutes für die Kinder Israels zu suchen.
11 Und ich kam nach Jerusalem, und ich war dort drei Tage. 12 Da machte ich mich in der Nacht auf, ich und wenige Männer mit mir; und ich hatte keinem Menschen mitgeteilt, was mein Gott mir ins Herz gegeben hatte, für Jerusalem zu tun; und kein Tier war bei mir, außer dem Tier, auf dem ich ritt. 13 Und ich zog durch das Taltor in der Nacht hinaus bis vor die Drachenquelle und zum Misttor; und ich untersuchte a die Mauer b Jerusalems, wo Risse waren c , und seine Tore vom Feuer verzehrt waren. 14 Und ich zog hinüber zum Quelltor und zum Königsteich; und es war kein Platz für das Tier, um mit mir a durchzugehen. 15 Und ich stieg in der Nacht im Bachtal hinauf und untersuchte a die Mauer. Und ich kehrte um und ging durch das Taltor und kehrte zurück.
16 Und die Vorsteher wussten nicht, wohin ich gegangen war und was ich getan hatte, denn ich hatte den Judäern - weder den Priestern noch den Vornehmen noch den Vorstehern noch den Übrigen, die an dem Werk arbeiten sollten - bis jetzt nichts mitgeteilt. 17 Und ich sprach zu ihnen:
Ihr seht das Unglück, in dem wir sind, wie Jerusalem verwüstet ist und seine Tore im Feuer verbrannt sind. Kommt, lasst uns die Mauer Jerusalems (wieder) aufbauen, damit wir nicht weiter eine Schmach sind!
18 Und ich erzählte ihnen von der Hand meines Gottes, die gütig über mir war, und auch die Worte des Königs, die er zu mir gesagt hatte. Da sprachen sie: Wir wollen uns aufmachen und bauen! Und sie stärkten ihre Hände zum Guten.
19 Als Sanballat, der Horoniter, und Tobija, der ammonitische Knecht, und Geschem, der Araber, es hörte(n), spotteten sie über uns und verachteten uns a und sprachen: Was ist das, was ihr macht? Wollt ihr gegen den König euch auflehnen? 20 Und ich antwortete ihnen und sprach zu ihnen:
Der Gott des Himmels, er lässt es uns gelingen. Und wir, seine Knechte, machen uns auf und bauen. Ihr aber habt keinen Anteil noch Rechtsanspruch noch Gedenken in Jerusalem.
3.1.2 Textkritik
35 In der Wiedergabe meiner Übersetzung von Neh 2 mache ich die unterschiedlichen Kommunikationsebenen deutlich, indem ich die wörtliche Rede einrücke. So werden narrative Gliederungselemente sichtbar, allerdings
9
a) G und V setzen die Kopula !yIy:w> voraus. Dieses erscheint mir aus dem 1
Zusammenhang als bessere Lesart.
b) Mit G und S liest Rudolph yn"p'l. („unter Aufsicht von“) und übersetzt „als mir
die Besorgung des Weins oblag“. 36 Allerdings hat Williamson seine Belegstellen (Num 8,22; 1.Sam 3,1; 1.Chr 24,6) als unpassende Parallelen zurückweisen können 37 und auch M bietet eine plausible Lesart. 38 c) M widerspricht ganz offensichtlich dem folgenden Vers, wenn die gleiche Bedeutung von [r; wie in V.2 angenommen wird („ich war nicht schlecht vor ihm“).
Dementsprechend lassen G L und V al{ aus, dieses ist als spätere Anpassung
auszuschließen. Auch der Interpretation von [r; als e[teroj (entspricht [re; „es
war kein anderer anwesend“) durch G ist nicht zu folgen, da die Anwesenheit der Königin in V.6 diesen Sinn nicht zulässt. M ist jedoch zu folgen, wenn es nicht um das Aussehen Nehemias geht (V.2), sondern um sein Ansehen beim König. 39 Ein Indiz für dieses Verständnis ist V.5 und allgemein der Umstand, dass sich der König nach Nehemias Befinden erkundigt.
a) Die genaue Übersetzung von lg"ve macht den meisten Exegeten Probleme. 40 6
lg"ve bezeichnet nach Schunck die Lieblingsfrau des Königs, die mit der Königin
nicht identisch sein muss. 41 Die persische Königin wurde hingegen als aK'l.m;
bezeichnet (vgl. Est 1,9.11-18 und Dan 5,10).
a) rh'N"h; rb,[ ist die hebräische Bezeichnung für die persische Satrapie, die 7
noch in neuassyrische Zeit zurückreicht. Wird in Esra-Nehemia meistens in der aramäischen Form (hr'h]n: rb;[]) verwendet.
8 a) G nennt nur ta.j pu,laj, so wäre unklar welche Tore gemeint sind. Stilistisch erscheint die Erwähnung der Tempelburg in M als schlüssig und auch G
stehen aufgrund dieses Verfahrens die Versanfänge nicht immer am Zeilenanfang.
36 Vgl. RUDOLPH: Nehemia, 106. 37 Vgl. WILLIAMSON: Nehemiah, 177. 38 Vgl. GUNNEWEG: Nehemia, 51 und REINMUTH: Bericht, 58.
39 Vgl. GUNNEWEG: Nehemia, 51f. und REINMUTH: Bericht, 58. Gegen RUDOLPH, der sich [r; nicht in einem unabhängigen Sinn von V.2 vorstellen kann und deshalb ~ynip'l statt wyn"p'l liest (vgl. Nehemia, 106). Ebenfalls gegen WILLIAMSON (vgl. Nehemiah, 177) und dem folgend SCHUNCK (vgl. Nehemia, 8), die ~ynip'l als Auslassung neben wyn"p'l stellen. 40 Vgl. GUNNEWEG: Nehemia, 52 und RUDOLPH: Nehemia, 108
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Christoph Gerdes, 2004, Die Bedeutung des Mauerbaues für die Konstituierung der nachexilischen Gemeinde nach einer Exegese von Nehemia 2 und anderen ausgewählten Textstellen, München, GRIN Verlag GmbH
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