Inhaltsverzeichnis
1 Problemstellung und Gang der Arbeit 1
2 Propädeutische Anmerkungen zu Kant. 1
2.1 Immanuel Kant - eine Kurzbiographie. 2
2.2 Kants historische Ausgangspunkte. 3
3 Der Radikale Konstruktivismus kurz skizziert 4
3.1 Der Radikale Konstruktivismus als Erkenntnistheorie. 4
3.2 Konstruktivismus als interdisziplinäres Paradigma und sein naturwissen-
schaftlicher Ausgangspunkt 5
3.3 Konstruktivismus - tatsächlich eine neuartige Epistemologie? 5
4 Erkenntnis und Wirklichkeit bei Kant 7
4.1 „Gleichberechtigte“ Quellen der Erkenntnis. 7
4.2 Kants Systematisierung der Erkenntnisgewinnung. 8
4.3 Der Erkenntnisprozess: subjektive Bedingungen der Möglichkeit von
Erkennis 10
4.3.1 Der Weg zur empirischen Anschauung - die transzendentale Ästhetik. 10
4.3.2 Reine Verstandesbegriffe (die transzendentale Logik) als Pendant der
sinnlichen Anschauung 11
4.4 Kants postulierte Form der Welterzeugung und die kant’sche
Erkenntnistheorie 13
5 Kant versus Konstruktivismus: Versuch einer kurzen Gegenüberstel-
lung und Dokumentation ausgewählter Gemeinsamkeiten und
Unterschiede 15
5.1 Ausgewählte Gemeinsamkeiten 16
5.2 Ausgewählte Unterschiede 18
6 Fazit und Schlussbetrachtung 20
Literaturverzeichnis 21
Ehrenw örtliche Erklärung 23
1 Problemstellung und Gang der Arbeit
Diese Arbeit ist Bestandteil des Leistungsnachweises für das wirtschaftspädagogische Hauptseminar „Die Spielarten des Konstruktivismus in ihrer Bedeutung für die Wirtschaftspädagogik“ und dient unter anderem der Einführung in diesen Themenkomplex. Sie behandelt „die Bedeutung der Kant’schen Philosophie für den Konstruktivismus“ ausführlich. Insbesondere vor dem Hintergrund des Kant-Jahres 2004, in welchem der 200. Todes- und der 280. Geburtstag des großen deutschen Denkers zelebriert wird, scheint eine Auseinandersetzung mit dessen Philosophien zum gegenwärtigen Zeitpunkt nicht nur geboten, sondern vor dem Hintergrund konstruktivistischer Ideen äußerst lohnenswert. Diesen Ausgangspunkt zum Anlass nehmend, ist es eine fokussierte Zielsetzung der vorliegenden Arbeit, aufzuzeigen, dass der institutionalisierte Konstruktivismus als Epistemologie zwar verhältnismäßig neu 1 ist, die philosophischen Wurzeln jedoch viel weiter zurückliegen und Immanuel Kant als ein Wegbereiter für diese Erkenntnistheorie erachtet werden kann. Diese Vermutung manifestiert sich auch darin, dass zahlreiche aktuelle Vertreter konstruktivistischen Denkens in ihren Arbeiten regelmäßig auf Aspekte von Kants Werk zurüc kgreifen. 2 Intention wird es daher sein, die oben aufgeführte These mit fundierten Argumenten zu zementieren. Sofern diese Abhandlung überzeugend darlegen kann, dass der Konstruktivismus nicht als hypermoderne Erscheinung zu erachten ist, sondern dass dessen Wurzeln vielmehr in elementaren Ideen von Kant zu suchen sind, so wird diese Seminararbeit ihrer Intention, selbst bei kritischer Würdigung, voll gerecht.
Die Vorgehensweise hierfür ist folgende: zunächst wird in einer Art Propädeutikum eine Kurzbiographie über Kants Leben und Wirken vorgestellt, bevor seine philosophisch-historischen Ausgangspunkte thematisiert werden. In einem nächsten Schritt erfolgt eine rudimentäre Skizzierung des Radikalen Konstruktivismus, die bewusst kurz gehalten wurde. Ein zentrales Kapitel wird „Erkenntnis und Wirklichkeit bei Kant“ sein, das im Anschluss folgt. Eine Gegenüberstellung der kant’schen Philosophie mit dem Konstruktivismus, in welcher versucht wird ausgewählte Gemeinsamkeiten und Unterschiede der beiden Denkkonzepte zu extrapolieren, bildet vor der notwendigen Schlussbetrachtung ebenfalls einen bedeutsamen Abschnitt des vorliegenden Beitrags.
2 Propädeutische Anmerkungen zu Kant
Will man sich mit „Kant und Konstruktivismus“ auseinandersetzen, im Übrigen eine sehr geeignete Alliteration, so darf dies keinesfalls aus dem Vakuum heraus erfolgen. Vielmehr ist es erforderlich, eine kurze Darstellung der biographischen Daten Kants vorzulegen und wei-
1 Dieslässt sich vor allem daraus erschließen, dass eine intensivierte theoriegeleitete und wissenschaftsorientier-
te Auseinandersetzung mit diesem Denkkonzept erst seit den letzten drei Jahrzehnten erfolgt und ein nicht unwe-
sentlicher Teil relevanter Literatur zu diesem Thema aktuelleren Datums ist.
2 Unter anderem greifen so namhafte Wissenschaftler wie Ernst von Glasersfeld, Heinz von Foerster, Peter Watz-
lawick und Gerhard Roth Ideen und Konzepte von Kant auf, was im späteren Verlauf der Arbeit noch zu zeigen
sein wird.
1
terhin zu beschreiben, vor welchem epochalen und geschichtlichen Hintergrund sich das Gedankenwerk des aus Königsberg stammenden Philosophen niederschlägt. Ersteres, die Anfertigung einer biographischen Skizze, ist Gegenstand des nun folgenden Kapitels.
Kurzbiographie zu Immanuel Kant 3 2.1
Immanuel Kant wurde am 22. April 1724 in Königsberg, dem heutigen Kaliningrad, geboren und starb ebendort am 12. Februar 1804. Was aus Sicht des Verfassers wichtig erscheint, ist, dass Kants Wirken zu einem erheblichen Teil in die Regierungszeit von Friedrich dem Großen fällt. Dass Kant nämlich seine, für damalige Verhältnisse, unorthodoxen Theorien veröffentlichen konnte, war keine naturgegebene Selbstverständlichkeit, sondern meines Erachtens Ausdruck der preußischen - und damit friderizianischen - Toleranzpolitik, „die sich ins Überpersönliche erhob und zu einem Prinzip der Staatsraison verdichtete.“ 4 Kant selbst sah nämlich das Zeitalter der Aufklärung, welches durch ihn eine wesentliche Prägung erfahren hatte 5 , eng mit dem „Jahrhundert Friederichs“ 6 verknüpft; denn schließlich war Friedrich der II. einer der tolerantesten und fortschrittlichsten Monarchen seiner Zeit. Kant stammt als viertes von neun Kindern eines Riemermeisters aus einfachen Verhältnissen und genoss eine „pietistisch gefärbte Erziehung, die seine Lebensweise und auch seine ethischen Schriften beeinflusste“ 7 . Er besuchte das Collegium Friderianicum, war stets Klassenbester und absolvierte sein Abitur mit Auszeichnung. Kant immatrikulierte sich im Anschluss darauf an der Universität seiner Heimatstadt. Obwohl er 16-jährig für Theologie eingeschrieben war, interessierte sich Kant sehr stark für Naturwissenschaften, für Logik und Metaphysik und beendete das Studium mit einer philosophischen Ausrichtung bzw. Schwerpunktsetzung. 8 Nach Abschluss des Studiums agierte er bis 1755 als Hauslehrer bei verschiedenen Landadligen, bevor er zum Magister der Philosophie promovierte, kurz darauf seine Lehrbefugnis mit der zweiten eingereichten Dissertation erhielt und zehn Jahre später eine dritte Arbeit zur Disputation einreichte, welche eine Professur ermöglichte. Trotz zahlreicher Lehrangebote renommierter Universitäten, so zum Beispiel der Hochschulen in Erlangen und Jena, verließ Kant seine Heimatstadt nicht, lehnte 1762 ebendort eine angebotene Professur für Dichtkunst ab und übernahm - für damalige Verhältnisse ziemlich spät -1770, also 46-jährig, den Lehrstuhl für Logik und Metaphysik an der Königsberger Hochschule.
Kant galt gemeinhin als pedantisch und lebte asketisch. Seine außerordentliche Pünktlichkeit, sein Fleiß und sein Junggesellentum wurden ebenso sprichwörtlich wie die später für seine Philosophenfreunde abgehaltenen Essen, bei denen über alles, nur nicht über Philo-
3 Sofernnichts anderes angegeben bezieht sich dieses Kapitel auf Döring 2004, S. 19-27.
4 Graf von Krockow 2001, S. 45.
5 Vgl. Döring 2004, S. 57.
6 Kant 1968a, S.59.
7 Russel 1962, S. 239.
8 Vgl. ebd.
2
sophie, gesprochen werden durfte. Seine Akkuratheit wirkte sich auch in seinen philosophischen Werken aus. Analytisch hervorragend und sinnadäquat führte Kant mit der Triade der Kritiken (Kritik der reinen Vernunft im Jahr 1781, Kritik der praktischen Vernunft, veröffentlicht 1788, und Kritik der Urteilskraft aus dem Jahre 1790) seine komplexe Transzendentalphilosophie aus, die noch heute Gegenstand kontroverser Diskussionen ist und das philosophische Denken vieler Generationen entscheidend geprägt hatte.
2.2 Kants historische Ausgangspunkte
Nachdem dem Leser ein grober Überblick über das Leben Immanuel Kants verschafft wurde, wollen wir uns, diese Daten im Hinterkopf behaltend, nunmehr näher mit den seinerzeit herrschenden philosophischen Ideen bezüglich der Erkenntnisgewinnung beschäftigen; denn schließlich zog er diese als Ausgangspunkte seiner Überlegungen heran. Weshalb Kants Konzept hinsichtlich einer neuen Epistemologie im Vergleich zu den Ergebnissen vorangegangener Denker revolutionär wirkt, wird daher in diesem Kapitel auch abgehandelt. Ein wichtiger Baustein dieser Arbeit ist die Fragestellung wie Kant das Phänomen „Erkenntnis“ thematisiert. Vor diesem Hintergrund ist freilich zu erwähnen, dass kein Philosoph ab ovo zu denken begonnen hat und es i nsofern einleuchtend ist, dass die Vorstellungen des großen deutschen Denkers über Erkenntnis keinesfalls aus dem „Nichts geboren“ wurden, sondern konkret aus der Kritik der damals vorherrschenden - und divergenten - Ansichten zu den Bedingungen der Möglichkeit von Erkenntnis entstanden sind. Die beiden konträr gegenüberstehenden Epistemologien Rationalismus und Empirismus sind hierbei zu nennen. Dass Kant es geschafft hat, diese beiden sich unversöhnlich gegenüberstehenden Strömungen zu harmonisieren und diese zu einer eigenen Erkenntnistheorie zusammenzuführen, wird jedoch erst in Kapitel 4.2 dieser Abhandlung weiter vertieft. Prinzipiell geht es bei den vorgenannten Konzepten jedoch in erster Linie um die Fragestellung, worin der Ursprung der Erkenntnis zu verorten ist. Gemäß der Vorstellung des Rationalismus, welche „die Quelle unserer Erkenntnis in der Vernunft zu lokalisieren“ 9 versucht, also eine Rückführung der Erkenntnis allein und ausschließlich auf den reinen Verstand ohne sinnliche Anschauung zum Inhalt hat, steht der Empirismus dem diametral gegenüber, der als „einzige Erkenntnisquelle die Sinneserfahrung, die Beobachtung, das Experiment gelten lässt.“ 10 Kant versuchte mittels seiner Transzendentalen Philosophie die beiden genannten, ziemlich einseitig ausgeprägten, Erkenntnistheorien zu kombinieren und quasi ein Gleichgewicht zwischen den Konzepten zu erarbeiten. So beschreibt er in seinem Werk „Kritik der reinen Vernunft“ ausdrücklich, dass er bewusst „das Rationale dem Empirischen entgegen“ 11 setzt. Es war ihm möglich eine synthetisierende Vermittlung dieser Denkparadigmen zu erzielen und beantwortete nicht nur die Frage, was denn Erkenntnis ist, sondern thematisierte - quasi auf einer Metaebene - 9 Döring2004, S. 36.
10 Drosdowski, Scholze-Stubenrecht, Wermke 1997, S. 223, Stichwort: „Empirismus“.
11 Kant 1998, S. 863.
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welche Voraussetzungen für Erkenntnis gelten müssen und unter welchen Bedingungen Erkenntnis überhaupt möglich ist.
Bevor dies jedoch Gegenstand weiterer Ausführungen sein wird, muss zunächst, ebenfalls vor dem übergreifenden Hintergrund dieser Arbeit, der Radikale Konstruktivismus in seinen groben Zügen skizziert werden, um die nachstehenden Kapitel sinnadäquat zu verstehen. Die Auseinandersetzung mit dem Konstruktivismus steht daher im Mittelpunkt der folgenden Ausführungen.
Der Radikale Konstruktivismus kurz skizziert 12 3.
Bevor eine Darstellung des Konstruktivismus 13 als erkenntnistheoretisches Paradigma erfolgt, ist beabsichtigt, darauf hinzuweisen, dass diese Wortschöpfung mehrfache Bedeutungen haben kann. So versteht man unter Konstruktivismus neben dem hier zu erschließenden Konzept der „Wirklichkeitsforschung“ 14 unter anderem auch eine Bewegung der architektonischen und bildenden Kunst 15 , deren Betrachtung vor dem Hintergrund dieser Arbeit jedoch ausgeblendet wird.
3.1 Der Radikale Konstruktivismus als Erkenntnistheorie
Als erkenntnistheoretische Position steht der Konstruktivismus für die Auffassung, dass Individuen die Wirklichkeit subjektiv „erfinden“, konstruieren, und nicht objektiv „entdecken“. Das Subjekt als lebendes System wird somit als Erzeuger von Wissen gesehen. Der Konstruktivismus stellt somit eine „unkonventionelle Denkweise“ 16 dar, ist also eine „innovative er-kenntnistheoretische Position; durch einen Perspektivwechsel in der Fragestellung, die nicht mehr auf die Bedingungen der Möglichkeit der Erkenntnis, sondern auf den empirischen Vorgang des Erkennens selbst abzielt, will er als neues Paradigma der Erkenntnistheorie auftreten.“ 17 Im konstruktivistischen Ideal wird nicht etwa geleugnet, dass es eine Wirklichkeit „dort draußen“, also außerhalb des einzelnen Individuums und dessen kognitiven Prozessen, gibt. 18 Vielmehr wird betont, dass uns diese Welt nur via Beobachtung zugänglich ist, d. h. immer schon eine interpretierte Welt, eine „Erfahrungswirklichkeit“ 19 , ist. Erkennen ist also nicht eine bloße Repräsentation einer möglichen „Welt dort draußen“, sondern vielmehr ein permanentes Hervorbringen einer Welt durch den Prozess des Lebens selbst. 20 Trotz dieser subjektiven Wirklichkeitserzeugung ist es dennoch möglich, dass sich Individuen mit anderen
12 Die Ausführungen zu diesem Kapitel müssen aufgrund der limitierten Seitenzahl auf die wesentlichen Aussa-
gen beschränkt bleiben. Eine intensivere Auseinandersetzung, insbesondere auch mit unterschiedlichen Ausprä-
gungen des Konstruktivismus, wird sicherlich im weiteren Verlauf des Hauptseminars dargeboten.
13 Die Begriffe „Konstruktivismus“ und „Radikaler Konstruktivismus“ werden, obwohl nicht ganz richtig, aus Ver-
einfachungsgründen in dieser Arbeit als Synonyme verwendet.
14 Watzlawick 1985, S. 10 (Vorwort).
15 Vgl. ebd.
16 Von Glasersfeld 1985, S. 16.
17 Flacke 1994, S. 40.
18 Vgl. Schmidt 1987, S. 35.
19 A.a.O., S. 7.
20 Maturana & Varela 1987, S. 7.
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Marc Elstner, 2004, Die Bedeutung der Kant'schen Philosophie für den Konstruktivismus, München, GRIN Verlag GmbH
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