1. Die Problematik der motormanuellen Erst- und Zweitdurchforstung
Die motormanuelle Erst- und Zweitdurchforstung in großen schwachen Laub- und Nadelholzbeständen ist schon seit längerem finanziell nicht mehr tragbar. Der niedrige Holzpreis vor allem für Schwachholz steht in keiner Beziehung zu den stark gestiegenen Kosten dieser zeitaufwändigen und deshalb kostspieligen Methode. Dieser Engpass hat zur Suche nach neuen Methoden zur effektiven und kostengünstigen Erst- und Zweitdurchforstung geführt. Kleine und wendige Maschinen sind für die Forstunternehmer dabei ebenso interessant, wie Maschinen, die mehrere Arbeitsvorgänge kombinieren. Als weiteres betriebliches Risiko kommt die hohe Unfallgefahr durch die schwere Zugänglichkeit und Dichte des Bestandes bei motormanueller Aufarbeitung hinzu. Die früher übliche Zweimannrotte bei Schwachholzdurchforstungen mit Motorsäge und Fällhebel fällt meistens schon aus Kostengründen und der gesunkenen Waldarbeiterzahl aus. Auch der Einsatz von normalen Harvestern ist in diesen Beständen nicht die beste Lösung. Diese Maschinen sind oft zu groß und sind bei größeren Abständen der Rückegassen nicht geeignet. Die Suche nach Alternativen hat zu interessanten und unterschiedlichen Ergebnissen geführt. Das Stückmassegesetz steht hier bei besonders im Vordergrund. Die Schwierigkeit besteht darin die richtige Balance des Stückmassegesetztes zu finden. Eine hohe Stückzahl an dünnen Stämmen zwingt zur starken Rationalisierung um zusätzliche Kosten zu sparen. Manche Konzepte führen aber auch in Sackgassen. Im folgenden werden die Vor- und Nachteile unterschiedlicher Verfahren besprochen. Einige Verfahren sind bei einer Weiterentwicklung sehr erfolgsversprechend.
2. Das Multitree-Aggregat
2.1 Aufbau, Funktion und Arbeitsweise des Multitree-Aggregats
Unter einem Multitree-Aggregat versteht man einen speziellen Harvesterkopf, der zur gleichzeitigen Aufarbeitung mehrerer Stämme im Schwachholz ausgelegt ist. Der Unterschied zu einem normalen Aggregat besteht in folgenden Merkmalen: zwischen dem Rotator und dem Aggregatrahmen befindet sich ein spezieller Aufsatz mit Greifarmen, der die bereits gefällten Stämme festhält und bündelt. Nach jedem Fällvorgang klappen diese zusätzlichen Greifarme auf und nehmen den nächsten Stamm auf. Die Einzugswalzen sind besonders breit, aus Stahl gefertigt und haben Finger. Zusätzlich befinden sich zwei weitere Einzugsrollen im Aggregatrahmen. Die zusätzlichen Walzen ermöglichen die bestmöglichste Vorschubgeschwindigkeit beim Aufarbeiten
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mehrerer Stämme. Die Messgenauigkeit soll durch ein breiteres Länge nmessrad optimiert werden. Angeboten werden die Multitree-Aggregate von den Firmen „Timberjack“ und „Waratah“. (2)
Der Harvesterkopf Timberjack 745 in der Multitree-Ausführung: Beim linken Bild ist der zusätzliche Aufsatz mit den Greiferarmen deutlich sichtbar. (2)
2.2 Vorteile des Multitree-Aggregats
Laut „Forst und Technik“ und „Skogforsk“ lässt sich die Produktivität in dichten Schwachholzbeständen mit Multitree-Aggregaten eindeutig steigern. Interessant ist hierbei die große Abweichung für die Prozentzahl der Produktivität. Forst und Technik schreibt: „Bei einem Versuchseinsatz im Jahre 1998 ermittelten Timberjack, Metsäliitto und die Universität Helsinki in einem 35-jährigen sehr homogenen und unterwuchsfreien Kie fernbestand einen Anstieg um 28% von 6,7 m³/Std. mit einem normalen Aggregat auf 8,6 m³/Std. mit dem Multitree-Aggregat.“(2) Hierbei wurde das Aggregat Timberjack 745 auf einem Timberjack Harvester TJ 1270 B ausprobiert. Dieses Aggregat kann Bäume bis zu einem Fälldurchmesser von 56 cm durchschneiden. „Der Fahrer hatte keine Erfahrung mit dem MTH-Aufsatz.“ (2) MTH wird als Abkürzung für Multi- Tree-Handling, also Multitree-Aggregat verwendet. Das Multitree-Aggregat TJ 745 wurde 1999 ebenfalls von FERIC (Forest Engineering Research Institut of Canada) ge testet, allerdings auf dem Raupenharvester TJ 608 B. Hierbei konnte bei einer Stückmasse von 0,0517 m³ und einer Arbeitsleistung von 11,06 m³/Std. 29% Effizienzsteigerung festgestellt werden. Bei einer höheren Stückmasse der Stämme von 0,11468 m³, einer Arbeitsleistung von 14,11 m³/Std. wurden nur 9% Produktivitätssteigerung im Gegensatz zu herkömlichen Aggregaten festgestellt. „Eingesetzt wurde die Technik von einem erfahrenen Fahrer in einem borealen
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Schwarzfichtenbestand mit viel Unterstand und Zwischenstand, einer 1m starken Schneedecke und Hangneigungen bis 40%.“ (2) In einer weiteren Studie von FERIC aus dem Jahr 2001 wurde die Produktivität mit dem größten Multitree-Aggregat Waratah 470 getestet. Dieses kann Bäume bis zu 71 cm Durchmesser vom Stock trennen. Der MTH-Aufsatz war hier ebenfalls auf einem Timberjack 1270 B montiert. „In einem Tannen- und Fichtenbestand erreichte der Fahrer bei durchschnittlichen Stammstärken von 0,102 m³ eine Ernteleistung von 16 m³/Std.“ (2) Dabei konnte eine Produktivitätssteigerung von 39% erzielt werden. Bei einem der Stammstärke vergleichenden Fichten-Kiefernbestand konnte bei einer Leistung von 15,1 m³ nur eine Steigerung von 25% gegenüber normalen Aggregaten erreicht werden. Über die Erfahrung des Fahrers wird leider nicht berichtet. In einer letztjährlichen Veröffentlichung von Skogforsk wurde noch einmal das Aggregat Timberjack 745 MTH getestet, wieder auf einem Harvester TJ 1270 montiert. Bei der Durchforstung von zwei Kiefernschwachholzbeständen mit 0,067 Fm sowie 0,058 Fm Stammstärke konnte die Produktivität von 7,9 Fm/Std. auf 9,3 Fm/Std., also um 18% im Vergleich zu normalen Aggregaten gesteigert werden. Aus allen diesen Studien wird jedenfalls ersichtlich, dass die Produktivität von der Erfahrenheit des Fahrers abhängt. Außerdem von der Dichte des Bestandes, der Verteilung der zu entnehmenden Bäume und dem durchschnittlichen Stammvolumen. Interessant ist allerdings die Umkehrung des Stückmassegesetztes: es nimmt nämlich mit dem Anstieg des BHD im Bestand der Produktivitätsvorteil wieder ab. Ab einem BHD von 20 cm geht dieser Vorteil sogar gegen Null, verglichen mit einem herkömmlichen Aggregat. Dies liegt daran, dass dickere Stämme nicht mehr so schnell und leicht zusammen im Aggregat aufgearbeitet werden können. (2) (12) (15) (16)
2.3 Nachteile des Multitree-Aggregats
„In Deutschland werden Multitree-Aggregate bisher nicht eingesetzt, auch nicht in Norddeutschland, wo sich ausgedehnte Kiefernwälder durchaus für diese Technik anbieten würden.“ (2) In Kanada sind die MTH-Aufsätze hingegen schon weit verbreitet. Hier sind bereits etwa 20% aller Harvesteraggregate Multitree-Aggreagate. (11) Bei den ersten Versuchen mit Multitree-Aggregaten vor 10 Jahren durch den Hersteller Silvatec aus Dänemark und die norwegische Firma FMT wurde die schlechte Entastungsqualität bemängelt. Damals waren die Aggregate allerdings nur mit zwei Vorschubwalzen ausgestattet. Auch bei den heutigen Aggregaten der Firma Timberjack und Waratah ist die Entastungsqualität noch verbesserungswürdig. Laut SkogForsk mussten im holzverarbeitenden Werk 6% des Holzes wegen mangelhafter Entastung aussortiert werden. Bei herkömmlichen Aggregaten sind es durchschnittlich nur 3%. „Die FERIC-Studie von Jean-Francois Gringas […] stellt bei der Entastungsqualität dagegen keine Unterschiede
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fest - ebenso wie die finnische Studie von Timberjack, Metsäliitto und der Universität Helsinki […].“ (2) Möglicherweise sind die Ansprüche für die Entastungsqualität hierbei etwas niedriger gewesen. Weitere Probleme tauc hen bei der Längenvermessung auf, besonders wenn die Stämme Unterschiede im Durchmesser über 4 cm zeigen, d a hier der Mindestzopfbereich bei unterschiedlicher Länge liegt. Laut SkogForsk Mitarbeiterin Isabelle Bergkvist rutschen die dünnsten Stämme dann auch aus dem Aggregat heraus. (2) (12) (15) (16)
2.4 Multitree-Aggregate in Deutschland und abschließende Beurteilung
Die Zurückhaltung in Deutschland hat ihre Gründe in einer höheren Anforderung an die Entastungsqualität von Industrieholz. Spannplattenwerke können zwar noch Holz mit Aststummeln verarbeiten, aber noch vorhandene Grünäste werden auch hier zum Problem. Spätestens die Zellstoff- und Schleifholzindustrie toleriert keine Aststummel mehr. Die Aststummel verhindern eine saubere maschinelle Entrindung, sind bei dem mechanischen und chemischen Aufschluss störend und sperrig bei der weiteren Aufarbeitung und Einlagerung. Möglichkeiten bieten sich in Deutschland nur bei der Nutzung als Hackschnitzel zur energetischen Verwendung, sowie bei „Zuliefern vo n MDF- oder Spannplattenwerken“. (2) In Finnland werden Multitree-Aggregate dafür schon verwendet. Hierbei wird bei Erstdurchforstungen das Stammstück als Faserholz verwendet und das Kronenteil für die Energieholzproduktion. Grundsätzlich wird die Technik in Deutschland nicht verneint, weitere Tests der Zellstoff- und Schleifholzindustrie werden nicht ausgeschlossen. Der kanadische Wissenschaftler Jean-Francois-Gringas sieht die Multitree-Aggregate als effiziente Maschine für die Durchforstung oder den Kahlschlag in borealen Nadelwäldern. Isabell Bergkvist vertritt dieselbe Meinung und ist von dem Konzept derart überzeugt, dass sie die Entwicklung für dichtere und gröber beastete Fichtenbestände sowie die Endnutzung fordert. Bei Verbesserung der Entastungsqualität bestehen gute Chancen, dass das MTH-Konzept auch in Deutschland einen guten Anklang findet, da die Technik dann auch für die Herstellung von Industrieholz verwendet werden kann. Eine gleichmäßige Entastung von allen Seiten könnten z.B. durch zusätzliche
Drehbewegungen des Bündels im Aggregat erzielt werden. Dies könnte durch einen weitern Aufsatz erreicht werden. Für den Einsatz in Laubhölzern ist das Multitree-Aggregat jedefalls bis jetzt weniger geeignet, die stärkeren Äste werden hier schnell zum Problem. (2) (12) (15) (16)
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Arbeit zitieren:
Matthias Jantsch, 2004, Spezielle Verfahren für Erst- und Zweitdurchforstung, München, GRIN Verlag GmbH
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