INHALT
Vorwort. 3
1. Zur Autorin. 4
2. Indo-englische Literatur. 5
3. Indische Kultur. 7
4. Anita Desais Fasting, Feasting. 11
4.1 Handlung. 11
4.2 Funktionen vom Motiv „Essen“ für den Text. 13
4.3 Sprachliche Vermittlung. 17
5. Zusammenfassung. 18
Literatur 20
Soweit sich die Menschheit zurückbesinnen kann, findet sie in der Literatur immer wieder das Motiv „Essen“ in seinen unterschiedlichsten literarischen Präsentationsweisen vor. Die Formen reichen vom Abendmahl über das Geschäftsessen bis hin zur Henkersmahlzeit und dem Leichenschmaus, aber auch Festtagsbräuche, diverse Eßstörungen, verschieden bedingte Eßverweigerungen und die Verbindung von Essen und Erotik haben immer wieder Eingang in die Literatur gefunden. Entweder als zentrale Stelle für die Handlungsfortschreitung oder nur als beiläufige Episode und Ausschmückung verwendet, verfolgt der Autor dennoch in beiden Fällen eine bestimmte Intention mit der Einflechtung einer Essensszene, sei sie auch noch so unscheinbar.
Gerade dadurch, daß jedes Land seine spezifischen Eßgewohnheiten hat, kann das Motiv als Teil eines kulturellen Zeichensystems verstanden werden, welches dem Autor zum Beispiel Charakterisierung von Personen, Auseinandersetzung mit Kulturen, symbolische Verwendung und dergleichen ermöglicht, ohne ausschweifende Erklärungen machen zu müssen, wenn ein entsprechendes Basiswissen beim Leser vorausgesetzt werden kann. Durch diese Beschaffenheit hat das Motiv „Essen“ insbesondere für nach Amerika emigrierte Schriftsteller an Bedeutung gewonnen, da sie es in dem sogenannten „Melting-Pot“ nutzen können, um ein Stück ihrer individuellen Kultur sowohl an andere zu vermitteln als auch für sich zu bewahren, was zwangsläufig mit einer Abgrenzung verbunden ist. In diesem Kontext ist auch der Roman Fasting, Feasting der nach Amerika emigrierten Inderin Anita Desai zu sehen, welcher Untersuchungsgegenstand vorliegender Arbeit ist. An ihm soll exemplarisch analysiert werden, wie das Motiv „Essen“ im Text aufgegriffen wird, welche Funktion es erfüllt und welche Intention Desai damit verfolgt, nachdem zwecks besserer Einordnung ein grober Überblick über die Autorin und ihr Werk, Kennzeichen der indo-englischen Literatur im Allgemeinen sowie Charakteristika der indischen Kultur aufgezeigt worden sind. Wie sich herausstellen wird, nutzt auch Desai das Motiv „Essen“ zur Abgrenzung zweier verschiedener Kulturen, doch liegt ihre Absicht allein in der neutralen Darstellung kultureller Differenzen oder übt die Autorin eventuell versteckt Kritik? Diesen Fragen soll in der abschließenden Zusammenfassung der Analyseergebnisse auf den Grund gegangen werden.
-4- 1.Zur Autorin
Anita Desai wurde am 24. Juni 1937 in Mussoorie / Indien als Kind des Bengalen Toni Nimé und der deutschstämmigen D. N. Mazumbar geboren. Ihre Schulausbildung erhielt sie an der Queen Mary`s School in Delhi, wo früh ihr literarisches Talent erkannt wurde, so daß sie bereits im Alter von neun Jahren eine Kurzgeschichte veröffentlichen ließ. Ihren Bachelor of Arts bestand sie an der Universität von Delhi mit Auszeichnung und heiratete kurz darauf, im Jahre 1958, Ashvin Desai, mit dem sie jeweils zwei Söhne und Töchter hat. Seit 1963 ist sie als Schriftstellerin und Buchrezensentin tätig sowie Mitglied der Royal Society of Literature, woraufhin diverse Ehrenmitgliedschaften folgten. Dozententätigkeiten für kreatives Schreiben und Anglistik führten sie in der Zeit zwischen 1987 und 1991 an die Universität von Cambridge sowie verschiedene Colleges und Universitäten in den USA, wie zum Beispiel das Smith College, das Mount Holyoke College oder aber das Massachusetts Institute of Technology. Heute lebt sie mit ihrer Familie wieder in Indien. Trotz der zeitaufwendigen Lehrstühle im Ausland hat Desai nie ihre schriftstellerische Tätigkeit aufgegeben, so daß ihr Werk mittlerweile zwölf veröffentlichte Bücher umfaßt (Cry, The Peacock (1963), Voices in the City (1965), Bye-Bye Blackbird (1971), Where Shall We Go This Summer? (1973), Fire on the Mountain (1978), Games at Twilight (1979), Clear Light of Day (1980), The Village by the Sea (1983), In Custody (1984), Baumgartner`s Bombay (1988), Journey to Ithaca (1995) und Fasting, Feasting (1999)). Zu ihrem Repertoire zählen vor allem Kinderbücher, Kurzgeschichten und Romane. Den größten Erfolg hatte sie bislang mit Fire on the Mountain, für das sie 1978 den Winfred Holtby Award der Royal Society of Literature entgegennehmen konnte, The Village by the Sea, für das sie 1983 den Guardian Prize for Children`s Fiction bekam und das 1992 auch verfilmt wurde sowie dem 1989 mit dem Hadassah Prize des gleichnamigen New Yorker Magazins ausgezeichneten Buch Baumgartner`s Bombay. 1 Auch ihre jüngste Publikation Fasting, Feasting, die Untersuchungsgegenstand vorliegender Arbeit ist, ist Finalist des Booker Prizes.
1 Vgl. Artikel „Desai, Anita“. In: Who`s Who 2000, S. 543.
-5- 2.Indo-englische Literatur
Anita Desais Werke werden zu der indo-englischen Literatur zählt, da es sich bei ihr um eine Autorin indischer Herkunft handelt, die jedoch in Englisch statt der eigenen Landessprache schreibt. Dies ist insofern von Bedeutung, als daß sich diese Art von der rein indischen Literatur abhebt, sei es bezüglich der Zielgruppe oder aber, daraus resultierend, der spezifischen Inhalte. Aus diesem Grund soll im Folgenden ein kurzer Überblick über die Entstehung, Ursachen, Charakteristika und Ziele indo-englischer Literatur gegeben werden.
Die Ursache für die Entstehung von verschiedensprachiger Literatur indischer Autoren liegt darin begründet, daß dort mehr als 179 Sprachen zuzüglich 545 Dialekte im Umlauf sind. In der Literatur beschränkte man sich schon auf die 15 wichtigsten, 1 doch da Literatur von Indern aufgrund des hohen Analphabetentums 2 nur wenig konsumiert wurde, gingen einige Autoren dazu über, in der offiziellen Landessprache Englisch zu schreiben, um sich so eine größere Zielgruppe zu verschaffen. Da nur 2 % der Inder des Englischen mächtig sind, 3 wurde ihre Literatur zum Exportprodukt und änderte seine Inhalte dahingehend, daß man nicht mehr den Bedürfnissen der Landsleute Rechnung trug, sondern dem Westen die Kultur des Ostens nahebringen wollte. 4 Die Entwicklung ging dabei folgendermaßen von statten:
Nachdem 1827 erstmals Literatur (Gedichtband) von Indern in englischer Sprache verfaßt worden war, folgte in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts eine systematische Verbreitung des Englischen durch Schulen, Presse und Bücher. Eine substantielle Produktion indo-englischer Literatur setzte aber erst in den 1930er Jahren ein, die sich verstärkt nach der Unabhängigkeitserlangung im Jahre 1947 zeigte. Heute hat die indo-englische Literatur sogar eigene Verlage, Lehrstühle, Zeitschriften und Tagungen, und weist einen hohen Anteil an Autorinnen auf, da die englische Sprache vor allem in den höheren Gesellschaftsschichten beherrscht wird, in denen auch Frauen eine Schulbildung und Berufstätigkeit gewährt wird. Hinzu kommt, daß sich diese Frauen nicht primär um Haus und Kinder kümmern müssen,
1
Vgl. Singh: Indische Kultur, S. 200.
2 1991 waren laut Untersuchung des Statistischen Bundesamtes 47,8 % aller Inder Analphabeten. Siehe hierzu Statistisches Bundesamt: Länderbericht Indien, Tabelle S. 18.
3 Dabei handelt es sich in erster Linie um Angehörige der gehobenen Mittelklasse und der Oberschicht Indiens.
Siehe hierzu Winterberg: Frauen in Indien, S. 245.
4 Vgl. Rothermund: Indien, S. 225.
-6-und somit die nötige Zeit für literarische Produktion haben. 1 Neben den typischen „Frauen-Themen“ wie die Problematik der unverheirateten oder kinderlosen Frau sowie Emanzipa-tion und Selbstfindung im Beruf 2 finden sich in der indo-englischen Prosaliteratur vor allem drei Themenschwerpunkte, die zeitlich in Form nachfolgender Auflistung in die Literatur Eingang fanden und heutzutage auch parallel bestehend anzutreffen sind: 1. Sozialproblematik unterprivilegierter Bevölkerungsschichten 2. Kampf um Unabhängigkeit / Teilung des Landes / nationale Bewegung 3. Kulturkonflikt zwischen Ost und West / Suche nach neuer persönlicher und nationaler Identität 3 (seit Unabhängigkeit im Jahre 1947)
Generell ist die indische Romanliteratur seit dem 1. Weltkrieg durch den Realismus geprägt, 4 und versucht den Erfahrungshorizont der Autoren an die Leserschaft weiterzureichen. Dies trifft auch auf Anita Desais Roman Fasting, Feasting zu, der zwar keine direkten autobiographischen Bezüge sichtbar werden läßt, jedoch die indische Kultur in Abgrenzung zu der amerikanischen Lebensweise thematisiert, die beide zum Erfahrungsschatz der Autorin zählen, zumal sie in Indien aufgewachsen ist und aufgrund ihrer Dozententätigkeit auch jahrelang in Amerika lebte. Bevor wir aber zu der Analyse dieses Romans kommen, sei der besseren Verständlichkeit wegen ein kleiner Exkurs zur indischen Kultur unternommen.
1
Vgl. Winterberg: Frauen in Indien, S. 246.
2 Ebd. S. 248.
3 Ebd. S. 247.
4 Vgl. Stilz: Grundlagen zur Literatur in englischer Sprache, S. 19.
Arbeit zitieren:
Wencke Wallbaum - v. Kloeden, 2000, Essen als Ausdruck kultureller Differenz in Anita Desais "Fasting, Feasting", München, GRIN Verlag GmbH
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