Die Schule als sozialer Ort
INHALTSVERZEICHNIS
1. Mein Fall - beschreiben 4
2. Was meinen andere dazu? sammeln. 6
2.1. Interviews. 6
2.2. Erkenntnisse aus der Literatur 12
2.2.1. Mitarbeitereinführung - Vorbereitung von JunglehrerInnen 13
2.2.2. Gesetzliche Grundlagen - Ratgeber zum Schulalltag. 16
2.2.3. Allgemeine Bildungsziele, fachliche und fachübergreifende Ziele -
Zerrissenheit. 18
2.2.4. Interaktion / Disziplin - Spannungsfelder 20
2.2.5. Interessen und Lebenswelt - Bilder. 24
2.2.6. Schule als Ort für Beratung und Therapie? Eine Reflexion über den
„unmöglichen“ Beruf des Lehrers / der Lehrerin 26
3. Ich entwickle meine praktische Theorie - puzzeln. 28
4. Zurück in die Praxis - wachsam sein 29
5. Rück- und Ausblick - bündeln 30
6. Literaturverzeichnis 31
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Die Schule als sozialer Ort
1. Mein Fall - beschreiben
o Ausgangssituation:
„Ich war auf dem Weg zu meiner Praktikumsschule, als plötzlich ein SMS von meiner Betreuungslehrerin kam, dass sie krankheitshalber das Bett hüten muss und meine Praktikumskollegin und ich bitte die Unterrichtsstunden bestreiten sollten. Als ich in der Schule ankam, motivierten meine Kollegin und ich uns gegenseitig und gingen zielstrebig, aber mit einem gewissen bangen Gefühl, in den Unterricht. In der ersten Stunde kam eine Schülerin viel zu spät in die Klasse und wir begrüßten sie aus einem ersten Instinkt heraus mit einem patzigen ‚Grüß Gott’. Als ich aber bemerkte, dass sie gar nicht gut aussah, sprach ich sie darauf an und sie sagte, dass es ihr gar nicht gut gehe. Da ich im sozialen Bereich arbeite, wollte ich sofort zu ihr hin und mit ihr reden, aber ich stutzte sofort, denn wir hatten gerade den unvorbereiteten Unterricht ins Laufen gebracht und außerdem war ich gerade dabei, das Thema zu erklären. Umso glücklicher war ich, als eine Kollegin der Schülerin sich sofort anbot, mit ihr ein wenig in die Aula zu gehen und mit ihr zu reden. Wir stimmten diesem Angebot sofort zu und machten mit dem Unterricht weiter…“
o Ausgangsinteresse und -motivation:
Nach der Unterrichtsstunde fing es an in mir zu rumoren: Gedanken, Gefühle und Situationen meiner eigenen Schulzeit kamen mir in den Sinn, wo auftauchende Probleme der SchülerInnen mehr oder weniger ignoriert wurden. Ich bemerkte damals schon, dass viele Lehrpersonen mit Problemen von uns SchülerInnen nichts zu tun haben wollten bzw. sich überfordert fühlten - aber Ignoranz war damals und ist auch heute noch keine Lösung für mich. Dabei hatte ich mir damals so geschworen, dass mir das nie passieren würde! Ich begann langsam zu ahnen, dass diese Situation sehr viel mit mir zu tun hatte und da es mich Tage danach noch beschäftigte, wie man in solchen Situationen agieren könnte, beschloss ich: Das wird mein Fall / mein Anliegen im Schulpraktikum! Nach dem Entschluss war mir sofort leichter zumute, da ich mich besser auf den Unterricht konzentrieren konnte, denn das, was mich sehr beschäftigte, würde ich ja ausgiebig behandeln (diese
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Die Schule als sozialer Ort
Erleichterung verstärkte mich nochmals, dass ich die richtige Wahl bei meinem Fall getroffen habe).
Das Interesse an der grundlegenden Thematik zu meinem Fall kommt vor allem aus meinem fast vollendeten Studium der Erziehungswissenschaften und meiner Tätigkeit im sozialen Bereich; außerdem verfasse ich zur Zeit meine Diplomarbeit zur Thematik der Essstörungen im Schulalter, wo ich besonders den Einfluss der Medien beleuchten will. Ich will mit dieser Fallstudie aber nicht meine Diplomarbeit erweitern, sondern möchte mich dem zuwenden, was mich schon zu meiner Schulzeit bewegt hat: Der Umgang mit Problemen der SchülerInnen als Lehrperson, die im System Schule agiert. Schule ist für mich gerade deshalb ein sozialer Ort, da die Jugendlichen ihren Übergang zum Erwachsenwerden dort bestreiten und genau in dieser Zeit mit vielen Problemen konfrontiert sind (wenn sie zusätzlich ein Praktikum machen, treffen oft Familiensystem, Schulsystem und Berufssystem aufeinander).
o Was möchte ich damit erreichen?
Ich möchte für mich selbst eine Idee bekommen, wie ich mit Problemen im Unterricht am besten umgehen kann bzw. soll(te) und eine Anregung für andere schaffen, dass persönliche Probleme die Schulleistung beeinträchtigen können, in der Schule relevant sind und ihnen ein gewisser (wenn auch nicht zu großer) Stellenwert eingeräumt werden sollte.
o Wo möchte ich hin?
Ich erwarte mir durch das Verfassen der Fallstudie keine Handlungsanweisungen für die Praxis, aber im besten Fall eine Art Klettergerüst für meine eigene Lehrtätigkeit oder eventuelle Hinweise für die Leser meiner Fallstudie, was sie berücksichtigen könnten. Außerdem ist es für mich wichtig, durch diese Fallstudie meine eigenen Erfahrungen in der Schule aufzuarbeiten und dadurch klarer zu sehen, was man tun könnte und was nicht in der „Macht“ des Lehrers steht.
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Die Schule als sozialer Ort
o Was ist die zentrale Forschungsfrage / Neugierde?
Meine Forschungsfrage in dieser Fallstudie repräsentiert meine Neugierde, wie ich mit Problemen der SchülerInnen im Unterricht am besten umgehen sollte bzw. wie ich mit den Problemen umgehen kann.
o Erkenntnisquellen
Da die Erprobung im Unterricht bei meiner Fallstudie nicht möglich ist (aber ich werde natürlich wachsam sein und hoffen, dass sich eine solche Situation wieder ereignet und ich unterschiedlich agieren kann), werde ich folgende Quellen heranziehen: Meine eigenen Erfahrungen in der Schulzeit zum Fall, Gespräche mit meiner Betreuungslehrerin und anderen LehrerInnen, passende Literatur, meine Peergruppe (die mir vor allem durch ihre Erfahrungen in ihrer eigenen Schulzeit und durch eventuelle Erlebnisse im jetzigen Praktikum weiterhelfen können), Interviews und Befragungen.
2. Was meinen andere dazu? sammeln
Eine Komponente des konstruktivistischen Lernens ist es, ein Anliegen aus multiplen Perspektiven zu betrachten 1 . Diese Verschiedenartigkeit von Betrachtungsweisen ist mir hier sehr wichtig, um meinen Fall aus anderen Blickwinkeln zu beleuchten und damit zu bereichern:
2.1. Interviews
Ich wollte mir zu meinem Fall unbedingt ein paar ExpertInnen- bzw. Praktikermeinungen einholen, wobei ich Interviews mit einer Schulärztin, einer Beratungslehrerin und Lehrerinnen führte. Mein Interviewleitfaden für die Gespräche umfasste drei Fragen (inklusive der Schilderung meiner Ausgangssituation) - das deshalb, denn ich wollte mir für die Fallstudie lieber mehrere Meinungen einholen,
1 vgl. Pätzold, Lang: 1999, S.118
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dafür kürzere und außerdem ist bei drei Fragen (fast) jeder bereit, ein Interview zu geben.
Wie sollte man Ihrer Meinung nach am besten mit Problemen der SchülerInnen im Unterricht umgehen, wenn man z.B. merkt, dass eine Schülerin psychische Probleme hat?
Meiner Meinung nach sollte man mit Problemen der SchülerInnen im Unterricht so umgehen, wie „man es im Umgang mit Menschen üblicherweise macht“. Man kann die Lehrperson hier nicht zu etwas zwanghaft verpflichten, was z.B. nach 6 Stunden Unaufmerksamkeit ja auch nicht einforderbar wäre. Ich finde, dass, wenn Menschlichkeit und Vernunft in solchen Situationen angewandt werden, und man sich nicht scheut nachzufragen, die SchülerInnen auch meiner Erfahrung nach sehr positiv reagieren, wenn die Lehrperson vorsichtig nachfragt, was los ist. Insbesondere, wenn SchülerInnen eine Lehrperson schon längere Zeit haben, entwickelt sich ja eine Art von Beziehung und auf dieser aufbauend kann der oder die LehrerIn gut nachfragen; schwieriger wird es wenn jemand wie Sie, der nur für kurze Zeit in einer Klasse ist, in eine solche Situation kommt. Manchmal ist es gut, wenn die Lehrperson die SchülerInnen dann zu mir schickt (als eine Art Vermittlerposition), manchmal ist es aber auch gut, dass eine Lehrerin oder ein Lehrer sich direkt an eine Beratungsstelle wendet. Ich finde, dass dabei die Lehrperson sehr gut sich selber vertrauen kann, dass sie das Richtige tut. Es ist auch meiner Meinung nach gut, dass er oder sie in der Situation auf sich selbst achtet und abschätzt, was er oder sie nun tun kann oder will. Sie würden also sagen, dass man vor allem menschlich agieren soll… Ja, denn wenn ich den oder die Betreffende gleich weiterschicke, dann bekommt sie sofort eine Art Krank heitssiegel aufgedrückt.
[Ich schildere die Ausgangssituation meiner Fallstudie] Was würden Sie im folgenden Fall vorschlagen?
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Ich würde vor allem vorschlagen, dem möglichen Problem so weit möglich mit Vernunft nachgehen und nicht sofort sagen, dass ich als LehrerIn dafür nicht zuständig bin. Dem Nachgehen bedeutet natürlich Konfrontation, Eltern anrufen etc, also einen oft erheblichen Aufwand für die Lehrperson. Vor allem nehmen diese Situationen immer mehr zu aufgrund dessen, da es immer mehr „kaputte“ Familien gibt.
Werden SchülerInnen von den Lehrern zu Ihnen geschickt, wenn ihnen etwas auffällt?
Ja, das kommt oft vor, da ich eine Art Vermittlerposition einnehme; ich versuche dann durch genaueres Hinhören ein wenig mehr die Vorgänge zu beleuchten und vermittle dann gegebenenfalls an Beratungsstellen weiter, agiere aber vorher schon oft selbst durch Gespräche. Danke für das Interview! --- Gedanken dazu ---Die Antworten der Schulärztin waren für mich sehr erleichternd bzw. befreiend, denn sie nahmen mir den Druck, den ich beim Interview erst ganz deutlich spürte, dass ich sofort handle und unbedingt etwas tun muss. Denn gerade durch meine Tätigkeit im sozialen Bereich kam mir bei der Ausgangssituation sofort in den Sinn, dass ich zur Schülerin eilen will, ihr empathisch, wertschätzend und kongruent begegnen möchte und ihr ein Gespräch anbieten will. Ich hatte aber auch gelernt, dass ein Berater immer in sich selbst hineinhorchen muss um zu schauen, was er denn in der Situation jetzt anbieten kann und soll. Nur das hatte ich ganz vergessen! In meiner Rolle als Lehrer in der Ausgangssituation wäre es also viel besser gewesen, vernünftig darüber nachzudenken, was ich jetzt im Moment tun kann und will, als mir den Kopf darüber zu zerbrechen, was der Schülerin jetzt wohl fehlt und wie ich mit ihr in ein Gespräch kommen kann. Was man im Moment tun hätte können, wäre z.B. das Angebot zu einem Gang durch die Schule oder das Angebot, nach der Stunde mit der Schülerin, wenn sie will, darüber zu sprechen - das erste hat mir eine Schülerin abgenommen, das zweite habe ich vergessen.
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Wie sollte man Ihrer Meinung nach am besten mit Problemen der SchülerInnen im Unterricht umgehen, wenn man z.B. merkt, dass eine Schülerin psychische Probleme hat?
Ich würde den/die SchülerIn auf jeden Fall nach der Stunde zu mir holen und mit ihm/ihr sprechen - ich würde ein Gespräch anbieten, aber auf keinen Fall aufzwängen, denn viele wollen nicht mit einer Lehrperson über ihre Probleme sprechen. Zusätzlich würde ich immer anbieten, ob ich mit dem Klassenvorstand bzw. der Schulärztin reden soll.
[Ich schildere die Ausgangssituation meiner Fallstudie] Was würden Sie im folgenden Fall vorschlagen?
Jede menschliche Lösung ist gut - in dem von Ihnen geschilderten Fall und in den meisten Fällen, die ich erlebt habe, ist es für mich immer auch eine gute Lösung, wenn man dem nachgeht und schaut, wo die Schülerin hingegangen ist (denn in den unteren Klassen trägt man die Verantwortung für die Schüler). Ein vorsichtiges Nachgehen hat sich bewährt und auch hier - das Gesprächsangebot oder das Angebot, mit dem Klassenvorstand bzw. der Schulärztin zu sprechen. Kennen Sie solche Situationen?
Ja, auf jeden Fall, immer wieder; besonders oft kommen Schülerinnen, wenn daheim Streit herrscht oder eine Scheidung ansteht. Danke für das Interview! --- Gedanken dazu ---Diese Kurzbefragung widersprach dem vorigen Interview nicht, ich konnte vor allem daran sehen, dass das Netzwerk zwischen Schulärztin und LehrerInnen gut
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Arbeit zitieren:
MMMag. Stefan Ruetz, 2005, Die Schule als sozialer Ort - Umgang mit Problemen der SchülerInnen, München, GRIN Verlag GmbH
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