Tirso de Molina′s Don Juan: Verführer der Frauen, Betrüger
der Männer und Spötter der Himmlischen Gerechtigkeit
von: Emel Elbek
Inhaltsverzeichnis
1. Der Mensch zwischen freiem Willen und göttlicher Prädestination 4
2. Don Juan – Verführer der Frauen, Betrüger der Männer und Spötter der Himmlischen Gerechtigkeit 6
2.1 Don Juan – Verführer der Frauen 6
2.1.1 Isabela 6
2.1.2 Tisbea 8
2.1.3 Doña Ana 10
2.1.4 Aminta 11
2.2 Don Juan – Betrüger der Männer 12
2.2.1 Don Pedro 12
2.2.2 Marqués de la Mota 14
2.2.3 Batricio 16
2.3 Don Juan – Spötter der Himmlischen Gerechtigkeit 18
2.3.1 Catalinón als moralische Instanz 18
2.3.2 ¡Tan largo me lo fiáis! 19
2.3.3 Der Steinerne Gast 22
3. Don Juan’s freier Wille 25
4. Literaturverzeichnis 26
1. Der Mensch zwischen freiem Willen und göttlicher Prädestination
Angesichts der Tatsache, dass heute über 1000 Bearbeitungen des Don-Juan- Stoffes in Literatur, Musik, Malerei und Film existieren, liegt die Vermutung nahe, dass es auch unzählige Charakterisierungsmöglichkeiten der Figur des Don Juan gibt. So ist beispielsweise der Don Juan des Max Frisch ein „Anti- Don-Juan,“1 der des Christian Dietrich Grabbe ein Nihilist2 und jener des Molière sogar ein Atheist.3
Allzu häufig wurde die religiöse Komponente des von Tirso de Molina (1580/81-1648) erschaffenen Ur-Don Juan in El Burlador de Sevilla y Convidado de Piedra außer Betracht gelassen, sodass mittlerweile der Name Don Juan gemeinhin mit Frauenheld gleichgesetzt wird. Es ist jedoch gerade die religiöse Thematik, die das Schicksal des Tirso’schen Don Juan ausmacht. Der Erschaffer dieser Figur – ein Mercedariermönch – wollte dieses im Jahre 1624 uraufgeführte Drama, welches vor dem Hintergrund des von 1597 bis 1607 andauernden sogenannten Gnadenstreites entstanden ist, als theologisches Lehrstück wissen. In dieser Auseinandersetzung zwischen Jesuiten und Dominikanern ging es um die Frage des freien Willen des Menschen einerseits und die göttliche Prädestination andererseits. Der Hauptvertreter der Jesuiten Luis de Molina (1535-1600) veröffentlichte im Jahre 1588 sein Werk Liberi arbitrii cum gratiae donis, divina praescientia, providentia, praedestinatione et reprobatione concordia („Die Übereinstimmung des freien Willens mit den Gaben der Gnade, dem göttlichen Vorauswissen, der Vorsehung, der Prädestination und der Verdammnis“), in welchem er den Standpunkt vertrat, dass der Mensch von Natur aus über eine Willensfreiheit in seinem Handeln verfügt, durch welche die von Gott angebotene Gnade (gratia sufficiens) zur wirksamen Gnade (gratia efficax) erhoben werden kann. Dem Menschen wurden somit Eigenständigkeit und Eigenverantwortung zuteil: nur durch sittliches, gottgefälliges Handeln war er in der Lage, die finale göttliche Gnade zu erlangen. 4
Diese These widersprach jener des Dominikaners Domingo Bañez, der von der Prädestination der Gnade Gottes überzeugt war – in seinen Augen konnte der Mensch sein Schicksal weder zum Guten noch zum Schlechten beeinflussen, denn die göttliche Gnade, die er erlangen wird, steht von vornherein fest. Fray Gabriel Téllez teilte die Ansichten des Luis de Molina – eine Tatsache, die sich schon in seinem Pseudonym Tirso de Molina („Hirte des Molina“) wiederspiegelt. So hat er beispielsweise diese Gnaden-Thematik in seine Werke El Burlador de Sevilla und El Condenado por Desconfiado mit der Absicht einfließen lassen, sie den Rezipienten als religiöse Lehrstücke darzubieten. 5
2. Don Juan – Verführer der Frauen, Betrüger der Männer und Spötter der Himmlischen Gerechtigkeit
Don Juan ist schamloser Verführer der Frauen, ungeachtet der Konsequenzen für ihn und seine Mitmenschen. Im Drama fallen seinen Begierden vier Frauen zum Opfer: Herzogin Isabela, die Fischerin Tisbea, die Adelige Doña Ana, bei der sein Verführungsversuch in letzter Sekunde scheitert und schließlich die Bäuerin Aminta. Die Verführungen, die der Burlador an der Frauenwelt vollzieht, bleiben natürlich nicht ohne Auswirkung auf die Männerwelt. Um die Frauen verführen zu können, muss Don Juan nämlich Männer überlisten, wobei es einerlei ist, ob der Hintergangene sein eigener Onkel Don Pedro, sein Freund de la Mota oder der Bräutigam Batricio ist. Die Betrügereien mögen unterschiedlich geartet sein, jedoch sind alle aus den bereits vollzogenen oder geplanten Verführungen herzuleiten. Schließlich – und das ist sein Untergang – ist er Spötter der himmlischen Gerechtigkeit, wofür ihn die Strafe Gottes, vollzogen durch den Steinernen Gast, ereilt.
2.1 Don Juan – Verführer der Frauen
2.1.1 Isabela
Das Drama beginnt bereits in den ersten Versen mit einem Höhepunkt: Don Juan hat sich im Schutze der Dunkelheit in die Gemächer der Herzogin Isabela im Königspalast begeben, um sich als ihr Liebhaber Herzog Octavio ausgeben zu können. Das „dulce sí,“6 (V. 4) welches sie ihm gegeben hat, mit anderen Worten: ihre intime Begegnung, erwidert er mit einem Eheversprechen – quasi die Legitimation für ihr nächtliches Stelldichein. Doch als Isabela den Betrug feststellt und unklugerweise die Wachen herbeiruft, fällt sie nicht nur bei ihrem Geliebten Octavio durch ihre „Untreue“ in Ungnade. Auch der König fühlt sich durch das unsittliche Verhalten Isabela’s in seinem eigenen Palast in seiner Autorität verletzt. Der hinterlistige Plan des Don Juan ist aufgegangen: er wusste, er kann der adeligen Isabela nicht mit seinem Stand imponieren, so hat er die einzige Möglichkeit, sie zu verführen genutzt, indem er in die Rolle des Octavio geschlüpft ist. Er kümmert sich nicht um die Ehre der Isabela, die nach diesem Ereignis dahin ist:
ISABELA en la esparcida voz mi agravio fundo, que esta opinión perdida es de llorar mientras tuviere vida. (2122-2124) Die verlorene „opinión“, von der Isabela spricht, bezieht sich auf den im Spanischen Theater des 17. Jahrhunderts häufig thematisierten Ehrbegriff. Während honor für die „von Gott gegebene Würde der Person“ steht, bezeichnet honra die „weltliche Ehre: sie kann erworben, aber auch zerstört werden“7 und hängt von der Meinung (opinión) der Mitmenschen ab. Isabela wird durch die Verführung gleich zweifach getroffen: nicht nur ist sie durch den Vorfall bei ihren Mitmenschen in Verruf geraten; auch der König höchstpersönlich hat alles mitbekommen und ist dementsprechend aufgebracht. Er gibt ihr keine Chance einer Rechtfertigung und wendet sich demonstrativ von ihr ab (V. 183ff), sodass sie ihre honra, ihren guten Ruf, ihr Leben lang verloren wähnt. An der Verführung Isabela’s, durch welche auch Octavio entehrt wird, trägt – davon wird ausgegangen – sie selbst zumindest eine Teilschuld:
[...]
1 Lindner, Sigrid Anemone: Der Don-Juan-Stoff in Literatur, Musik und bildender Kunst, Diss., Bochum 1980, S. 358.
2 Ibid., S. 253.
3 Jaeschke, Sigrid: Grenzen der Charakterdarstellung bei Tirso de Molina. Diss., Berlin 1970, S. 58.
4 Jens, Walter (Hrsg.): Kindlers Neues Literaturlexikon. Band 11. München: Kindler, 1990, S. 859.
5 Rauhut, Franz: 1003 Variationen des Don-Juan-Stoffes von Anbeginn bis ins 20. Jahrhundert. Konstanz: Wisslit-Verlag, 1990, S. 25.
6 Die Zitate aus Tirso de Molina’s El Burlador de Sevilla y Convidado de Piedra beziehen sich auf folgende Ausgabe: Brioso, Hector (Hrsg.), Madrid: Alianza Editorial, 1999.
7 Müller, Hans-Joachim: Das Spanische Theater im 17. Jahrhundert. Studienreihe Romania. Berlin: E. Schmidt Verlag, 1977, S. 33.
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Emel Elbek, 2005, Tirso de Molina's Don Juan: Verführer der Frauen, Betrüger der Männer und Spötter der Himmlischen Gerechtigkeit, Munich, GRIN Publishing GmbH
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