Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung 2
2. Das Menschenbild 4
3. Diagnosen 8
4. Sprache 13
5. Macht und Wissen 16
6. Diskussion und Fazit 18
7. Literaturverzeichnis 22
1. Einleitung
Ist es problematisch, gesund und krank zu unterscheiden und zu definieren? Und wieso sollte dies ein Problem sein? In der Psychologie, der Psychiatrie und auch im alltäglichen Verständnis besteht doch vorherrschend die Annahme, dass Gesundheit und Krankheit objektiv zu unterscheiden sind, und dass es allgemein gültige Kriterien gibt, mit denen die Unterscheidung zwischen 'gesund' und 'krank', von ‚normal‘ und ‚pathologisch‘ objektiv und unproblematisch getroffen werden kann. Dies beruht auf dem Glauben einer objektiven Realität, die ‚da draussen‘ unabhängig vom Menschen und der Welt existiert, die der Mensch kennen, wissen und erforschen kann. Diese objektive Realität stellt die allgemeinen Kriterien dar, mit denen zwischen 'gesund' und 'krank ' unterschieden wird. Wo liegt also das Problem, 'gesund' und 'krank' zu unterscheiden?
Diese Fragestellung steht im Mittelpunkt dieser Arbeit. Die Annahme, dass Definitionen und Kategorisierungen von Gesundheit und Krankheit, von Normalität und Pathologie unproblematisch und objektiv sind (sein können) wird in dieser Arbeit kritisch betrachtet. Hierzu werden verschiedene Aspekte diskutiert; diese Aspekte sind: das Menschenbild, Sprache, psychiatrische Diagnosen und Macht/Wissen. Diese Aspekte sind wichtig, da sie Einfluss haben auf die Definitionen und Kategorisierungen von Gesundheit und Krankheit. Außerdem wird durch eine kritische, soziokulturelle und historische Perspektive auf diese Themen deutlich, dass Definitionen und Unterscheidungen von 'gesund' und 'krank' kein Spiegelbild einer objektiven Realität, sondern sozial-evaluative Konstruktionen sind.
Im ersten Abschnitt dieser Hausarbeit wird der Aspekt ‚das Menschenbild‘ behandelt. Hier wird aufgezeigt, welches Menschenbild den Definitionen und Kategorisierungen von 'gesund' und 'krank' zu Grunde liegt, und in wie weit dieses Menschenbild problematisch ist, bzw. welche Probleme es birgt. In diesem wie in jedem weiteren Abschnitt dieser Arbeit wird zu Beginn das traditionelle, common-sense Verständnis im Alltag, (das mit dem der Psychologie und Psychiatrie übereinstimmt), kurz erläutert und anschließend kritisch diskutiert. Durch eine kritische Perspektive auf psychiatrische Diagnosen wird im zweiten Abschnitt deutlich, dass diese nicht auf
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objektiven U nterscheidungen und Definitionen von Gesundheit und Krankheit beruhen, und somit auch keine objektiven Fakten darstellen. Statt dessen sind Diagnosen durch historische und soziokulturelle Umstände und Hintergründe geschaffen worden. Der dritte Abschnitt behandelt das Thema Sprache. Hier wird veranschaulicht, welche Rolle Sprache bei der Konstruktion von Wirklichkeit spielt, und somit auch bei den Konstruktionen von Gesundheit und Krankheit. Macht und Wissen spielen eine wichtige Rolle bei Definitionen von Krankheit und Gesundheit, was im letzten Abschnitt veranschaulicht wird. Diese verschiedenen Aspekte greifen ineinander über, sie werden jedoch zum besseren Verständnis getrennt behandelt.
Diese Arbeit wird diskutieren und erläutern, dass das Menschenbild, die Sprache, Diagnosen und somit auch Definitionen und Kategorisierungen von Gesundheit und Krankheit nicht allgemeingültig, objektiv und völlig unabhängig von allen begleitenden Umständen sind, sondern vielmehr historische, soziokulturelle und linguistische Konstruktionen darstellen. Das Denken, Erfahren und Wahrnehmen der Menschen ist geprägt durch soziale Diskurse. Es existiert keine ‚Realität‘, keine ‚Wirklichkeit‘ ‚da draussen‘, die der Mensch kennen und erforschen könnte, da nichts unabhängig und isoliert vom Menschen und der Welt existiert.
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2. Das Menschenbild
In diesem Kapitel wird aufgezeigt, dass das Menschenbild welches in den modernen, westlichen Kulturen, der Psychologie und der Psychiatrie vorherrschend ist, nicht allgemeingültig ist und keine objektive Realität widerspiegelt.
Das Menschenbild bezeichnet das ‚übersummative Bild des Menschen‘, ‚die Antwort auf die (...) Frage ‚was ist der Mensch‘‘ (Dorsch, 1998, S. 531), und ‚alle in einer Epoche vorherrschenden Auffassungen und Vorstellungen‘ (Clauss et al., 1976, S. 336) des Menschen über sich selbst und das Wesen, der Natur des Menschen. ‚Menschenbild‘ wird auch das ‚Konzept, ‚Modell‘ oder ‚Wesen‘ des Menschen genannt. In der Psychologie gibt es viele verschiedene Menschenbilder, jede psychologische Theorie ist durch ein bestimmtes Menschenbild geprägt. Sie unterscheiden sich in Fokus, Standpunkt oder Aspekten wie z.B. Freiheit, Verantwortung oder Wille, und machen somit Wertaussagen über das Wesen des Menschen. Jedes Menschenbild enthält also metaphysische Einstellungen und legt ein bestimmtes Bild dar, wie der Mensch zu leben hat, wie er sein sollte, was das Wesen des Menschen ausmacht. Obwohl die verschiedenen existierenden Menschenbilder (die sich z.B. in Persönlichkeitstheorien und Therapieformen erkennen lassen) sehr unterschiedlich sind, haben sie alle eins gemeinsam: sie sind ‚essentialistisch‘ (Westmeyer, 1973, S.136; Burr, 1995, S.19). Dieses essentialistische Menschenbild ist das traditionelle, common-sense, und vorherrschende Menschenbild in modernen westlichen Kulturen.
Essentialistische Menschenbilder kennzeichnen sich durch die Annahme aus, dass es so etwas wie eine menschliche Natur, eine Essenz gibt. Diese menschliche Natur ist transzendental in allen Kulturen, Epochen und Gesellschaften (Burr, 1995), sie gibt den Menschen ihr Wesen, bestimmte Charakteristika, Persönlichkeit und Einstellungen und ist jedem Menschen gegeben. In den westlichen modernen Kulturen wird angenommen, dass die menschliche Natur vorgibt, dass eine Person ein eigenständiges, autonomes, unabhängiges und einzigartiges Individuum ist, mit einem kohärenten, in sich stimmigem Selbst. Aus der Person selbst entspringen alle Gedanken, Verhaltensweisen, Emotionen, Gedanken. Ein Individuum ist die
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Initiatorin aller Aktione n und hat die Fähigkeit zu denken und zu urteilen (Sampson, 1985). Der Mensch, die Person stellt also das Zentrum dar, aus dem alle sozialen Aspekte (wie z.B. soziale Interaktionen, Strukturen Prozesse, Relationen) entspringen. Individuen sind somit die ‚Macher der Welt‘ (Mayhew, 1981). Jegliche Gedanken, Aussagen und Emotionen sind Ausdruck eines inneren Selbst und auch alle krankhaften Zustände haben ihre Ursache innerhalb des Individuums. Dieses common-sense Verständnis vom Menschen als Individuum ist eine kulturelle Selbstverständlichkeit und wird als eine reale Entität verstanden (Cushmann, 1990). Es ist im alltäglichen Leben vollkommen integriert (Heelas und Lock, 1981), Teil des westlichen Denkens (Burkitt, 1991; Geertz, 1973, 1984) und der mainstream Psychologie (Burkitt, 1991; Potter und Wetherell, 1987).
Das common-sense Verständnis vom Menschen als Individuum beinhaltet die Annahme einer allgemeingültigen menschlichen Natur, die zu allen Zeiten und in allen Kulturen gültig ist. Es existieren jedoch Hinweise, sowie historische und soziokulturelle Studien, die aufzeigen, dass das Verständnis vom Menschen als autonomes Individuum nicht immer und überall gültig ist und war. Die Vorstellung, was ein Mensch ist, was das Wesen des Menschen ausmacht, variiert sehr stark in den verschiedenen Epochen, Gesellschaften und Kulturen (Cousins, 1989; Geertz, 1973, 1984).
Durch eine historische Betrachtung des Menschenbildes wird sichtbar, dass das Konzept des Individuums, wie es in modernen westlichen Kulturen vorherrschend ist, zeit-spezifisch ist. Während in den antiken Epochen kein vergleichbares Konzept vorhanden war (Bruder, 1993) wurden im 12. Jahrhundert die ersten Autobiographien veröffentlicht und eine Form vom Verständnis des Individuums sichtbar. Ab dem 15. Jahrhundert verstärkte sich diese Tendenz, jedoch war zu dieser Zeit das Individuum noch kein völlig unabhängiger Charakter. Das Leben des Menschen war vorbestimmt durch den von Gott für eine Person vorgegebenen Weg (Parker, 1989). Erst Mitte des 19. Jahrhunderts entwickelte sich ein Verständnis vom Individuum bedingt durch bestimmte historische, kulturelle und gesellschaftliche Umstände und Ereignisse, das vergleichbar ist mit dem dominanten Verständnis in westlichen modernen Kulturen (Foucault, 1976).
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Eine kulturvergleichende Perspektive macht die kulturellen Unterschiede im Selbstkonzept deutlich. In den westlichen Kulturen werden Emotionen als subjektiv und aus dem Individuum kommend verstanden. Die Ifaluk (Ureinwohner Australiens) verstehen Emotionen jedoch als Aussagen über die Beziehung zwischen zwei Menschen, oder auch zwischen einem Ereignis und einem Menschen (Lutz 1982,1990). In der Maori Kultur (Neu Seeland) (Harre, 1983; Smith, 1981) existiert ein anderes Verständnis vom ‚Selbst‘, vom ‚Wesen des Menschen‘. Das Verständnis der Person in der Maori Kultur kennzeichnet sich dadurch aus, dass Menschen nicht als unabhängige Individuen verstanden werden und keine Kontrolle über und Verantwortung für ihre Handlungen, Gedanken, und Erfahrungen haben. Nicht der Mensch bestimmt sein Leben, Erfahrungen und Gefühle, diese werden durch spirituelle, übernatürliche und magische Kräfte verursacht. Emotionen sind somit nicht subjektiv und abhängig vom Individuum, sondern objektiv und unpersönlich (Harre, 1983; Smith, 1981). Für die Maori ist eine Person somit nicht verantwortlich für Gefühle, und daher auch nicht verantwortlich, diese Gefühle (z.B. Angst, Wut) wieder zu beseitigen. Dies wird durch rituelle Handlungen erreicht. Das Volk der Chewong auf Malaysia (Howell, 1981) kennt keinen Unterschied zwischen Mensch und Natur, und versteht den Menschen nicht so als hätte er Kontrolle über sich selbst, seine Gedanken, Gefühle und Erfahrungen. Die Eskimos haben keinerlei Vorstellung und Verständnis von persönlicher Verantwortung (Harre, 1981). Die Balinesen sehen das Wesen des Menschen nicht als gegeben durch Persönlichkeit und interne Charakteristika, sondern als bestimmt durch die soziale Rolle die eine Person besetzt (Geertz, 1973). Und das Volk der Marquesaner (Polynesien) hat keinerlei Verständnis von der Person als Individuum (Kirkepatrick, 1985).
Ein weiteres Beispiel ist das Konzept des ‚Bösen Blickes‘, das auch zur heutigen Zeit im alltäglichen Leben der Menschen vor allem in den Mittelmeerländern integriert ist und den Status einer kulturellen Selbstverständlichkeit hat. Der ‚Böse Blick‘ (griechisch: To Mati) vermittelt Energien, magische Kräfte, und wird unbeabsichtigt durch Komplimente oder Neid auf andere gerichtet, wobei nicht alle Menschen diese ‚Fähigkeit‘ haben. Bei den Empfängern des ‚Bösen Blickes‘ löst dieser Kopfschmerzen, Übelkeit, Unwohlsein oder Mißgeschicke aus. Der ‚Böse Blick‘ kann
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Arbeit zitieren:
Judith Katenbrink, 2000, Zum Problem 'gesund' und 'krank' zu unterscheiden, München, GRIN Verlag GmbH
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