Universität zu Köln
Erziehungswissenschaftliche Fakultät
Gibt es eine Renaissance der Geopolitik?
Diplomarbeit
im Fach Erziehungswissenschaft
Vorgelegt für die Diplomprüfung
von
Daniel Josten
04. 10. 2004
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung ... 3
2. Entwicklung der Geopolitik
2. 1 Genese vor 1933 ... 7
2. 2 Die Geopolitik während der Nazidiktatur ... 12
2. 3 Übergang zur BRD ... 17
3. Erneute Popularisierung der Geopolitik in der BRD
3. 1 Der sogenannte Historikerstreit ... 21
3. 2 Entwicklung ab 1990 ... 24
4. Zwei Beispiele für Versuche in der BRD die Geopolitik zu reetablieren
4. 1 Heinz Brills Buch “Geopolitik heute: Deutschlands Chance”1 ... 31
4. 2 Felix Bucks Buch: “Geopolitik 2000”2 ... 36
5. Geopolitische Konzepte in der Außenpolitik der BRD
5. 1 Das Schlagwort Kerneuropa3 ... 43
5. 2 Deutsche Außenpolitik und “Ethnopolitik”4 ... 48
6. Resümee ... 56
Literaturverzeichnis ... 62
Anhang ... 72
1. Einleitung
Geopolitik ist keine klar umrissene Disziplin oder gar Wissenschaft. In Meyers Taschenlexikon Geschichte von 1982 wird sie als “Grenzfach zw. Geographie, Staatswiss., Geschichte und Soziologie”5 bezeichnet. Hingewiesen wird hier jedoch auch auf die sozialdarwinistisch beeinflußten Lehren der Geopolitik.6
Auf die charakteristisch geopolitische These, dass der menschliche Wille nicht frei, sondern an natürliche Begebenheiten gebunden sei, woraus folgt, dass die Politik die Weisungen geographischer Regeln zu befolgen habe, wird auch im Diercke- Wörterbuch Allgemeine Geographie verwiesen, ebenso, wie auf die Diskreditierung der Geopolitik durch die Verstrickung mit der Ideologie des NS-Regimes.7
Neben solchen Hinweisen, wie etwa auch dass “sich die G. als ‚eine Grundsäule der nationalsozialistischen Erziehung‘”8 empfand, finden sich zum Beispiel in Weltpolitik im 20. Jahrhundert, einem Lexikon der Ereignisse und Begriffe auch die Information, dass “Argumente der G. ... seit der Wiedervereinigung von BRD und DDR von rechtskonservativen Politikern und Theoretikern wieder aufgenommen”9 worden seien.10
Dementsprechend heißt es im Wörterbuch zur Sicherheitspolitik mit Stichworten zur Bundeswehr, welches unter anderem vom Bundeswehrgeneral Harald Kujat herausgegeben wurde, in der ersten angegebenen Bedeutung lapidar, dass es sich bei der Geopolitik um ein “Wissenschaftsfeld”11 handele, welches sich “zwischen Geographie, Staatswissenschaft, Geschichte und Gesellschaftswissenschaften”12 bewege und “Beziehungen zwischen Raum und politischen Gegebenheiten untersucht.”13 Desweiteren sei es eine “Lehre von der Raumgebundenheit politischer Vorgänge”,14 die zugleich den “Staat als geographischen Organismus”15 behandele. Außerdem sei Geopolitik in ihrer dritten Bedeutung die “Analyse des Einflusses der geographischen Bedingungen eines”16 Landes auf dessen politische Geschicke in inneren und äußeren Angelegenheiten.
Um die damit angerissene Problematik wird es in dieser Arbeit gehen. Die Leitfrage lautet bezogen auf die BRD: Gibt es eine Renaissance der Geopolitik? Abgesehen von geschichtlichen Hintergründen interessiert hier vornehmlich die Entwicklung in den neunziger Jahren des zwanzigsten Jahrhunderts. Im folgenden Kapitel (2.) wird zunächst die Entwicklung der Geopolitik, deren Anfänge bis in die Zeit des deutschen Kaiserreiches zurückreichen, kurz dargestellt. Dabei wird zuerst die Genese vor 1933 beschrieben (Kapitel 2. 1) und anschließend werden Entwicklung und Bedeutung der Geopolitik während der Nazidiktatur (Kapitel 2. 2), sowie zum Übergang zur Bundesrepublik und in ihrer Anfangszeit (Kapitel 2. 3), angesprochen.
In dritten Kapitel kommt die erneute Popularisierung der Geopolitik in der BRD zur Sprache. Im ersten Teil wird zunächst das Wiederaufkommen geopolitischer Begriffe und Argumentationsweisen während der als Historikerstreit bezeichneten Debatte in den achtziger Jahren dargestellt, außerdem finden die Personen Erwähnung, die sich darin hervorgetan haben (Kapitel 3. 1). In Kapitel 3. 2 wird dann die Entwicklung ab dem Jahr 1990 erörtert. Hierbei zeigt sich, dass Geopolitik für geschichtsrevisionistische und neue Macht beanspruchende Bemühungen sowohl von Konservativen, als auch von Rechtsextremen bemüht wird.
Daraufhin werden in Kapitel 4 zwei Beispiele für Versuche vorgestellt, die Geopolitik in der BRD wiederzubegründen. Das Buch, des aus konservativen, militärnahen Kreisen stammenden Heinz Brill, “Geopolitik heute: Deutschlands Chance?” aus dem Jahr 1994 wird zuerst besprochen (Kapitel 4. 2). Dann geht es um das 1996 in einem militärenthusiasmierten Verlag erschienene Buch “Geopolitik 2000” vom Exstellvertreter im Vorsitz der rechtsextremen Partei NPD, Felix Buck (Kapitel 4. 2).
Das Kapitel 5 geht auf geopolitische Konzepte in den neunziger Jahren in der Außenpolitik der BRD ein. Im ersten Teil werden Beispiele dafür, bezogen auf Politiker, Parteien und andere Wortführer in der Öffentlichkeit, genannt (Kapitel 5. 1). Darauf folgt ein kurzer Überblick geopolitischer Aspekte und Strategien deutscher Außenpolitik, in der mit Hilfe von regierungsfinanzierten Organisationen betriebenen “Ethnopolitik”17 (Kapitel 5. 2).
Abschließend erfolgt unter 6. ein Resümee dieser Arbeit. Hier soll zusammengefaßt, bewertet und geschaut werden, welche Fragen offen bleiben.
An dieser Stelle folgt zunächst eine kurze Einführung in die Ideenwelt der Geopolitik und ihre Einordnung. Das zentrale Moment in der Theorie der Geopolitik setzt sich aus folgenden Komponenten zusammen: eine Vorstellung von Staaten als lebende Organismen, die auf den Sozialdarwinismus zurückgehende Annahme einer anhaltenden Konkurrenzsituation, in der diese um den sogenannten Lebensraum zu kämpfen haben und schließlich die Behauptung, dass die Politik besonders durch die Begebenheiten der Geographie bestimmt werde. Sie habe demnach also in erster Linie bestimmten Zwängen zu folgen, verstanden als eine Art Schicksal.18 Desweiteren gehörten schon früh malthusianische Bevölkerungs- sowie Rassentheorien zur Grundausstattung geopolitischer Exponenten und ihrer Epigonen. Diese stellten die deutsche Außenpolitik als Konsequenz naturkundlicher Regeln des Wachstums dar. Der Boden und das theoretische Konstrukt des deutschen Volkes bestimmen in geopolitischer Sicht die Beschaffenheit des vorgeblichen Staatsorganismus.19 Geopolitik versteht sich selbst in strikter Unterscheidung zu marxistischen Ansichten und zur liberalen Auffassung vom Staat. Der grundsätzliche Unterschied zur Art und Weise marxistischer Analysen beispielsweise kommt in Karl August Wittfogels Kritik an der Überbewertung geographischer Begebenheiten aus dem Jahr 1929 zum Ausdruck:20
Die Determinanten der Geographie
“wirken nicht direkt auf die politische Lebenssphäre, sondern vermittelt; es ist über den Produktionsprozeß, dem sie entweder als allgemeine natürliche Bedingungen zugrunde liegen, oder in den sie als Produktivkräfte eingehen ... Und auch so ist ihre Wirkung noch keine direkte. Die aus der Eigenart des jeweiligen Produktionsprozesses hervorwachsende gesellschaftliche Ordnung ist das Zwischenglied, durch das hindurch erst sich die Einflüsse der Natursphäre auf die Art und Entwicklung des politischen Lebens auswirken.”21
Die Organisation der Arbeitswelt, sozioökonomische Klassenlagen und verschiedene soziale Interessenslagen spielen in der geopolitischen Erklärungsweise also keine Rolle.22
Dementsprechend wurden die Theorien der Geopolitiker, sowohl von Ausübenden der Geschichtswissenschaft als auch der Geographie, als ideologische Lehren identifiziert.23 Diese waren flexibel einsetzbar, um großmachtpolitische Ambitionen je nach politischer Lage zu rechtfertigen. Dabei wurde schon zeitig auf die sogenannte deutsche Mittellage abgehoben, die angeblich mit einer ständigen Bedrohung von allen Seiten einherginge, woraus dann ein deutscher Führungsanpruch abgeleitet wurde.24 Demnach hatte die Geopolitik auch einen erheblichen Anteil daran, dass der Begriff Mitteleuropa zu einem programmatischen “Slogan”25 deutscher Außenpolitik wurde, eng verknüpft mit dem Begriff des Lebensraumes, dem existenzbedingenden, fatumsbeladenen Konstrukt, um das es zu kämpfen gelte.26 Diese theoretischen Grundlagen erlaubten es Geopolitikern schon zu Beginn der dreißiger Jahre ein Bild von der Großraumwirtschaft des NS-Regimes zu zeichnen.27
Klaus Thörner schreibt über die Beurteilung der Geopolitik:
“Die ... Ausführungen und Forderungen deutscher Geopolitiker bestätigen folgende 1932, 1938 und 1944 in Frankreich, der Schweiz und den USA getroffenen Urteile:
Ähnlich sahen Geographen in der DDR an der Berliner Humboldt-Universität 1958 “in der Geopolitik eine aktive und aggressive Apologie des Imperialismus.”29
In dieser Arbeit soll es vornehmlich darum gehen, wie Geopolitik und ihre Lehren in der BRD auftauchen, wer sich ihrer bedient, und zu welchem Zweck.
2. Entwicklung der Geopolitik
2. 1 Genese vor 1933
Geopolitische Argumentationen und ihre Tradition reichen bis in die Zeit vor 1914 zurück.30 Bereits stark ethnozentrische Ansätze finden sich während des deutschen Kaiserreiches.
[...]
1 Brill 1994
2 Buck 1996
3 vgl. Kuhr 2003, 61
4 Minow 2001, 326
5 Bibliographisches Institut AG (Hg.) 1982, 240
6 vgl. Bibliographisches Institut AG (Hg.) 1982, 240
7 vgl. Leser (Hg.) 1997, 263f; Um in diesem Rahmen weitere Erläuterungen zur Methodendebatte in der historischen Forschung zu ersparen, werden hier die Begriffe NSRegime und Nazidiktatur verwendet. vgl. Roth 2004, 10
8 Jordan/Lenz (Hg.) 1996, 165f
9 Jordan/Lenz (Hg.) 1996, 165f
10 vgl. Jordan/Lenz (Hg.) 1996, 165f
11 Buchbender/Bühl/Kujat/Schneider/Bruzek (Hg.) 2000, 126
12 Buchbender/Bühl/Kujat/Schneider/Bruzek (Hg.) 2000, 126
13 Buchbender/Bühl/Kujat/Schneider/Bruzek (Hg.) 2000, 126
14 Buchbender/Bühl/Kujat/Schneider/Bruzek (Hg.) 2000, 126
15 Buchbender/Bühl/Kujat/Schneider/Bruzek (Hg.) 2000, 126
16 Buchbender/Bühl/Kujat/Schneider/Bruzek (Hg.) 2000, 126
17 Minow 2001, 326
18 vgl. Teschke 2001, 1
19 vgl. Teschke 2001, 1; Thörner 1999, 291
20 vgl. Teschke 2001, 6
21 Wittfogel 1929, zit. n. Teschke 2001, 6
22 vgl. Teschke 2001, 3
23 vgl. Wippermann 1997, 36
24 vgl. Thörner 1999, 291
25 Thörner 1999, 391
26 vgl. Thörner 1999, 391
27 vgl. Thörner 1999, 391f
28 Thörner 1999, 393f
29 Eggert/Kohl/Kramer/Sanke/Zimm 1958, 562
30 vgl. Faber 1982, 389; Wehler 1988, 179
Quote paper:
Daniel Josten, 2004, Gibt es eine Renaissance der Geopolitik?, Munich, GRIN Publishing GmbH
This text can be quoted and accessed from this url:
Embed
DOI
Indien und China - Die neuen Supermächte
Demographischer Wandel und Aus...
Engineering - Industrial Engineering and Management
Scholary Paper (Seminar), 34 Pages
Die Komplizenschaft von Habitus und Feld
Sociology - Classics and Theoretical Directions
Scholary Paper (Seminar), 16 Pages
Begriff und Ursache der Globalisierung
Economics - International Economic Relations
Scholary Paper (Seminar), 18 Pages
Einführung in Leben und Werk von Norbert Elias
Sociology - Classics and Theoretical Directions
Scholary Paper (Seminar), 22 Pages
Repräsentation und Konstitution sozialer Strukturen - die Rolle der Sp...
Sociology - Social System, Social Structure, Class, Social Stratification
Scholary Paper (Seminar), 17 Pages
Politics - International Politics - Topic: Globalization, Political Economics
Scholary Paper (Seminar), 25 Pages
Eine Ausarbeitung zu Norbert E...
Sociology - Classics and Theoretical Directions
Presentation (Elaboration), 18 Pages
Politics - International Politics - Topic: Peace and Conflict Studies, Security
Scholary Paper (Seminar), 24 Pages
'Einander die Lampe übergeben', Norbert Elias - Leben und Werk
Sociology - Classics and Theoretical Directions
Scholary Paper (Seminar), 19 Pages
Globalisierung (und Zivilgesellschaft)
Politics - International Politics - Topic: Globalization, Political Economics
Termpaper, 28 Pages
Engagement und Distanzierung von Norbert Elias
Sociology - Classics and Theoretical Directions
Termpaper, 13 Pages
Sociology - Classics and Theoretical Directions
Bachelor Thesis, 37 Pages
Indiens Position in der Weltwirtschaft - Situationsanalyse und Zukunft...
Termpaper, 47 Pages
Was ist Soziologie? Prozeß- und Figurationstheorie von Norbert Elias
Sociology - Classics and Theoretical Directions
Scholary Paper (Seminar), 17 Pages
Der Einfluss des Symbolischen in den Theorien von Pierre Bourdieu
Sociology - Classics and Theoretical Directions
Termpaper, 31 Pages
China – Neue alte Großmacht in Fernost? Chinas geopolitische Interesse...
Politics - International Politics - Region: South Asia
Scholarly Paper (Advanced Seminar), 34 Pages
Norbert Elias und der Prozess der Zivilisationen
Zur Genese des neuzeitlichen S...
Sociology - Classics and Theoretical Directions
Scholary Paper (Seminar), 16 Pages
Sprache als Mittel zur Macht - Hausarbeit zu Pierre Bourdieus Theorie ...
Sociology - Individual, Groups, Society
Termpaper, 22 Pages
Daniel Josten's text Gibt es eine Renaissance der Geopolitik? is now available as a printed book
Daniel Josten has published the text Gibt es eine Renaissance der Geopolitik?
Daniel Josten has uploaded a new text
Whose Urban Renaissance?: An International Comparison of Urban Regener...
Porter Libby, Libby Porter
Landscape, Nature, and the Body Politic: From Britain's Renaissance to...
Kenneth Olwig, Yi-Fu Tuan
Landscape, Nature, and the Body Politic: From Britain's Renaissance to...
Kenneth Olwig, Yi-Fu Tuan
Medieval and Renaissance Spain and Portugal: Studies in Honor of Arthu...
Martha E. Schaffer, Antonio Cortijo Ocana
Geography of Hudson's Bay: Being the Remarks of Captain W. Coats in Ma...
William Coats, John Barrow
Marc Faßbender
Die sog. Geopolitik reloaded, kritisch erfasst. .
Eine sehr gute, übersichtliche, Herausarbeitung der alten, neuen, modernen und vor allem deutschen-europäischen-internationalen Interessenpolitik in geostrategischer Bedeutung, der von den Vordenkern der elitären Ideengebung des deutschen Reiches und des NS, so genannten Geopolitik eben. Von den Anfängen bis heute hat dieser Begriff nichts an seiner Brisanz eingebüßt. Daniel Jostens Arbeit greift dazu die Paradebeispiele der neokolonialen-(klassisch deutsch/völkisch/rassistischen) imperialistischen Machtinteressen heraus. Leicht lassen sich die Beispiele dazu auf heutige Fragen um die EU-Politik und Ereignisse (rund um die kapitalistischen Zentren des sog. Nordens und die darin (sub-)dominante Festung Europa, innerhalb der G8-Staaten) übertragen. Als prominente, aktuelle Beispiele dazu seien die von "staatsmännischer (offiziell diplomatischer) Seite" schnell übergangene Frage nach der sog. europäischen Verfassung unter deutscher Schirmherrschaft oder die sog. Volksabstimmungen zu weiteren Vertragswerken, wie kürzlich die Debatte um die provokant beeinflussten Entscheidungen in Irland gezeigt hat, seit der der Begriff "Kerneuropa" wieder ins Bewußtsein gerückt wurde, oder am Rande noch die Karlspreisverleihung am ersten Mai 2008 in Aachen genannt.
Für Linke sollte diese Arbeit zu einer Standardzusammenfassung werden, in die Mensch sich schnell einlesen und seine eigenen Schlüsse aus ihr und den genannten Umständen ziehen kann. Sehr empfehlenswert, gerade für Geschichts-, Ethnologie- und speziell Kultur-Geographiestudierende. Ich hoffe DJ wird in Zukunft noch viel zitiert werden und kann seine Reputationen ausbauen.
Marc Faßbender, Alternative Liste (AL) Uni Köln.
on Monday, July 28, 2008-