INHALT
1. Popliteraten - Der Versuch einer Definition
2. We don’t need no Education - Deutschlands Popliteraten
2.1. Benjamin Lebert
2.2. Benjamin von Stuckrad-Barre
2.3. Max Goldt
2.4. Nick McDonell
3. Die Biographie eines Popliteraten
4. Warum Benjamin Lebert nicht dazugehö rt
5. Popliteraten vs. Feuilleton
6. Auf ewig ein Vertreter des Pops? Ein gewagter Blick in die Zukunft
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1. POPLITERATUR - DER VERSUCH EINER DEFINITION
Die junge deutsche Literatur war in den letzten Jahren sehr erfolgreich. Immer wieder wird dafür auc h die Popliteratur verantwortlich gemacht. Kritiker, Leser und Autoren streiten über deren Sinn und Qualität, ohne jedoch zu sagen, was Popliteratur eigentlich ist.
Die Popliteratur hat ihren Ursprung in der Mitte des 20. Jahrhunderts. Die Folgen der Industrialisierung, zwei Weltkriege und der Kalte Krieg führten zu einem Zweifel an aufklärerischen und humanistischen Werten. Die Dadaisten zerstörten programmatisch die Sprache und alte literarische Formen. Eine erste Erwähnung findet die Politeratur in den 60er Jahren in den USA. Der Medientheoretiker Leslie A. Fiedler sprach erstmals von einer Popliteratur.
Er verweist auf die eigentliche Bedeutung des Wortes: Pop = populär. Rolf Dieter Brinkmann führte 1968 den Begriff in Deutschland ein. Während sich in Amerika diese Entwicklungslinie erfolgreich aufbaute, stieß das Konzept in Deutschland zunächst auf harte Proteste.
Der Begriff Pop-Literatur wird ausschließlich genutzt, um von „ernsthafter Literatur“ zu unterscheiden.
Die Redakteure des Feuilletons wetterten gegen Popliteratur. Verleger Helge Malchow: „Da ging es um Deutungshoheit. Die Kritiker sind die Türsteher zum Reich der ernsten Literatur. Sie sahen ihre Stellung bedroht und reagierten über. Die Genauigkeit, mit der andere Texte und ihre Qualitäten analysiert werden, fehlte in diesen Rezensionen oft.“ Weitere Beispiele in den 60er Jahren stellten den Protest gegen die Nationalsozialistische Vätergeneration dar. In den 70ern und 80ern wurde zunehmendst mit Mitteln der Ironie und des Sarkasmus gearbeitet. In diesem Atemzug entwickelte sich auch die dokumentarische Literatur.
Pop-Lesungen wurden immer beliebter, man sprach bereits von Mammut-Lesungen. Bis heute sagt man ihnen einen Kult-Status nach. In den 90er Jahren ging der rebellische Gestus der Pop-Literaten verloren. Popliteratur wurde zu einer Unterhaltungsdienstleistung. Bis heute steht diese Form der Literatur als Synonym für „Easy Reading“. Goldt, Lebert, Stuckrad-
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Barre & Co wirft man heute ein Drang zur Selbstdarstellung vor - laut einiger Kritiker eines der wichtigsten Merkmale dieser Literaturform.
Kritiker streiten sich über eine passende Definition der Literaturform. Eine Definition, die mir sehr gelungen schien, sei an dieser Stelle von Thomas Ernst zitiert: „Popliteratur ist Literatur, die sich der Massen- und Alltagskultur öffnet und damit die Idee einer guten und wahren bürgerlichen Hochkultur in Frage stellt. Ihre Inhalte und Formen haben sich jedoch im Laufe der Zeit gewandelt, von einer Literatur gesellschaftlicher Außenseiter ist Popliteratur zu einem Etikett der Unterhaltungsindustrie geworden.“ (Popliteratur, Thomas Ernst)
Zu Stars werden Popliteraten dadurch noch lange nicht. Auch wenn Sie wahrscheinlich eher unscheinbar in die Öffentlichkeit treten, zählen Popliteraten zu der Sorte von Prominenten, die gerne mit ihrer Bekanntheit spielen. Der Medienwissenschaftler Peter Ludes unterstreicht in seinem Aufsatz (Faulstich, Werner; Korte, Helmut; (1997), Der Star - Geschichte, Rezeption, Bedeutung, Kapitel I.: Zur Stargeschichte, Ludes, Peter: Aufstieg und Niedergang von Stars als Teilprozess der Menschheitsentwicklung, München: Fink) das Handeln der Jungautoren. Er beschreibt eine mediale Wirkung in Form von neuen Ideen und Vorstellungen, von denen sich die Menschen leiten lassen.
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2. WE DON’T NEED NO EDUCATION - DEUTSCHLANDS POPLITERATEN
2.1. Benjamin Lebert - Der sechszehnjährige, der schreiben kann
Benjamin Lebert ist am 9. Januar 1982 in Freiburg im Breisgau geboren. Er stammt aus einer Journalistenfamilie. Seit 1990 lebte er unter anderem in München, Berlin und seiner Heimatstadt. Er musste mehrere Schulen besuchen, war in vier Internaten und verließ ohne Abschluss die Schule. Lebert gibt heute noch an, stets ein Feind der Schule gewesen zu sein. Von Geburt an ist Benjamin Lebert halbseitig gelähmt.
Seine Karriere begann gewisser Maßen bei der Süddeutschen Zeitung in München, wo er für das Jugendmagazin Jetzt Kolumnen verfasste. Eine Verlegerin wurde auf Lebert aufmerksam und bat ihn, es doch einmal mit einem Buc h zu versuchen. Lebert war zu dieser Zeit fünfzehn Jahre und auf einem Internat, die Familie zerbrach an der Scheidung der Eltern - kurzum: Er flüchtete sich mit diesem Angebot aus all dem, was er im Moment nicht mochte. Crazy entstand. Das Erstlinsgwerk ist eine Autobiographie. Es beschreibt die Geschichte eines behinderten Jungens, der krampfhaft auf mehreren Internaten versucht seinen 8.-Klasse-Abschluss zu machen. Benni, die Hauptfigur in Crazy, sammelt Erfahrungen in der Liebe und trifft auf erste wahre Freunde.
Als das Buch veröffentlicht wurde, löste es einen wahren Boom aus. Durch eine Veröffentlichung im SPIEGEL und weiterer gekonnter PR-Aktionen wurde das Buch in schnellster Zeit zum Bestseller und außerdem zur Schullektüre. Die Kritiker waren sic h schnell über den Erfolg des Buches einig, sogar das eher Popliteraten- feindliche Feuilleton wurde in einen freudigen Schockzustand versetzt. Das Kölner Verlagshaus Kiepenhauer & Witsch triumphiert auf einer Pressekonferenz: „Wir haben einen sechszehnjähr igen, der schreiben kann“.
Elke Heidenreich lobt Benjamin Lebert: „Zweierlei ist an dem Buch bemerkenswert: Erstens, dass es sehr gut geschrieben ist und zweitens, dass der Autor 15 Jahre alt war, als er es geschrieben hat. [...] Er schreibt in einfachen Sätzen, ohne Schnörkel, ohne Eitelkeit. [...] Lebert hat [...] den trockenen, staunenden Erzählton und die Begabung zur Konstruktion, wie sie Hemingway auch hatte. Literatur ist, wenn Du ein Buch liest und unter jeden Satz ein Häkchen setzen könntest, weil es eben stimmt. [...] Was für ein erstaunliches Buch von einem
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so jungen Autor, den wir jetzt bitte in keiner Talkshow sehen wollen. Er soll in Ruhe älter werden und weitere Bücher schreiben.“ (WDR)
„Zärtlich uneitel, ganz und gar erstaunlich und wunderbar!“ (SPIEGEL) heißt es in anderen Kritiken. Der Kulturreport von der ARD lobte Leberts „fast schon journalistische Präzision.“ Florian Illies, dank Generation Golf I und Generation Golf II selbst Popliterat, zeigte sich in der Frankfurter Rundschau wenig begeistert: „Krude Mischung aus ‚Nur-mit-dem-Herzensieht- man-gut-Weisheiten’, ‚Zögling- Törleß-Hartherzigkeiten’, Sophies Weltweisheiten und ‚Jungen-Mädchentrakt-Deftigkeiten’.“
Zu Illies gesellt sich auch DIE WELT: „Sicher keine aufregende Geschichte. [...] Auf den ersten Blick weißt dieser ‚Roman’ eine gefährliche Nähe zu Teenagerfilmen wie ‚Eis am Stiel’. [...] Ganz passabel erzählt. [...] Pickelprosa!“. Zugegeben musste für die letzten beiden Kommentare allerdings sehr genau recherchiert werden, da die positiven überwiegen. Crazy verkauft sich über eine Million Mal und wird in 33 Sprachen übersetzt. Kurz nach der Erscheinung des Romans begannen die Dreharbeiten zu dem gleichnamigen Kinofilm. Bis zum heutigen Tage wird der Film des Öfteren ins Programm genommen. Benjamin Lebert wird von Robert Stadlober gespielt, Tom Schilling wirkt als bester Freund. Die Regie übernahm Hans-Christian Schmid.
Lebert ließ sich nach diesem Erfolg Zeit. 2000 tourte er durch die USA um auch dort sein Buch vorzustellen. Er gab Kurse an der New York University im Creative Writing. 2003 holte der Autor seinen Hauptschulabschluss nach. Nur um ein Haar hätte er in seiner Abschlussprüfung über seinen eigenen Roman schreiben müssen, denn Crazy war im Test einer anderen Gruppe Thema Nummer Eins.
Im September 2003 wurde sein zweiter Roman Der Vogel ist ein Rabe veröffentlicht. In dem Buch geht es um eine Zugfahrt von München nach Berlin, auf der sich Paul und Henry, beide Anfang zwanzig, kennen lernen. Für eine Nacht werden die Beiden zu Weggefährten. Aufmerksam lauscht der Ich-Erzähler Paul in dem Buch den Worten Henrys, der über Freundschaft und Liebe spricht. Auch die Erfahrung beides verloren zu haben, ist Thema. „Ein Roman über die Macht des Erzählens und die Sehnsucht, wo anders und wer anders sein zu wollen“, betitelt das Verlagshaus Kiepenheuer & Witsch den Roman. Das Buch verkauft sich gut, erreicht aber weitem nicht die Erfolgsauflagen von Crazy. Die Zeitungen und Kulturredaktionen anderer Medien urteilen sehr unterschiedlich. Der Vogel ist ein Rabe ist in
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einer eher düsteren Stimmung verfasst, die der Leser des Öfteren als Langeweile empfunden hat.
Die Frankfurter Rundschau zeigt sich dennoch begeistert: „Aus dem bestaunten Wunderkind ist ein echter Schriftsteller geworden“ (Frankfurter Rundschau, Elke Buhr, 22.10.2003). „Ein ‚wenig verdünnter Hermann-Hesse-Weltschmerz’ und ein Schuss Softporno, mehr brauche es nicht für eine heimelig- gruselige und mutmaßlich gut verkäufliche KiWi- Lektüre“, hadert Martin Krumbholz in der Ausgabe der Neuen Züricher Zeitung vom 21.10.2003. In der Süddeutschen Zeitung schrieb Kristina Maidt-Zinke, dass sie sich durch die „kurzatmigen, schicksalsschweren Sätze“ an die Dialoge der Krimiserie Derrick erinnert fühlt. Und die sind zwar ziemlich komisch, von Lebert allerdings „todernst“ gemeint, so die Rezensentin kritisch. Eine „traurige Geschichte“, dabei „hochdramatisch“. Dennoch, so glaubt Maidt-Zinke, werden sich Lehrer über dieses „pädagogisch wertvolle“ Buch aus dem Herzen der Jugendkultur freuen und es begeistert in ihren Unterricht einbauen.“ „Man sollte Benjamin Leberts neuen Roman in den Serviceabteilungen der ICE- Züge anbieten, denn wenn man ihn liest, während man zum Beispiel nach Berlin fährt, sind die Stunden nicht verloren.“ (F.A.Z., Monika Osberghaus, 22.08.2003) Die Tageszeitung veröffentlicht eine Kritik von Henning Kober: „Mutig, kühn und frech ein Buch für den Massenmarkt mit dreckigen Sätzen übers Scheißen, Kotzen, Bluten und Wichsen zu füllen. Jetzt sind all die Crazy-Deutschlehrer und Frau Literaturpäpstin Elke Heidenreich gezwungen, solche Sätze zu lesen, das ist groß und verdammt cool. Dafür einen lieben Schlag auf die Schultern.“
Benjamin Lebert wirkt auf mich persönlich sehr seltsam. Trotzdem er bei der Jugend einen großen Erfolg mit Crazy verbuchen konnte, ist er gar nicht so wie ein Großteil seiner Altersgenossen. Er wirkt so, als wäre er stets in einer depressiven Weltuntergangsstimmung. Er ist hoch intelligent, gibt Interviews, die man mehrmals lesen muss, um annährend den Sinn zu verstehen, aber er absolvierte lediglich die Hauptschule. Er hat Millionen mit seinen Veröffentlichungen verdient (geschätzte Vorrauszahlung für Der Vogel ist ein Rabe: eine Million Euro), hat sich aber nur vorgenommen, von dem Geld zu leben. Keine großen Reisen, teure Autos, Schnick-Schnack, Haus hier, Haus da. Ein untypischer Jugendlicher, der sich stets Gedanken über sich und die Welt macht. Lebert beschreibt das Schreiben seiner Bücher als eine Qual: „Es ist ein Kopf gegen die Tischplatte hämmerndes, verzweifelndes, rausdrückendes Etwas. Aber ich kann mir ein Leben ohne Schreiben nicht vorstellen“ (F.A.Z., 10.08.2003).
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Arbeit zitieren:
2004, Popliteratur versus Feuilleton, München, GRIN Verlag GmbH
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