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Handwerker, Tuchhändler, Finanzmakler, Vagabunden, Priester, Hausfrauen, Musikkritiker würde sie hässlich nennen? Diese Stadt, in der es von Meisterwerken gotischer, .klassizistischer, barocker Baukunst nur so wimmelt, die Stadt, in der die große französische Revolution stattfand? Es ist vielle icht eine verwirrende, politisch widersprüchliche Zeit, in der sich Mme. Vollaisant, der Taschendieb Pierre, Charles Baudelaire und all die anderen aufgeklärten oder unaufgeklärten Bürger ihrer Generation zurechtfinden müssen. Doch die meisten Bourgois, die meisten Bohèmians lieben die Straßen an der Seine und die Vielgestaltigkeit der sie bevölkernden Lebensart.
Es ist die Zeit der ersten Eisenbahnen, der expandierenden Märkte, der moralischen Wertverschiebungen ,und es ist die Zeit der mittellosen enthusiastischen Künstler, die mit Marx lesenden Revolutionären und Prostituierten die dichtgedrängten Häuser des Hügels teilen. - Und die Rue des Masrtyrs, die rue Lepic, die rue St. Vinvent werden einst zu einem Symbol werden, verklärt werden vermutlich, zu einer Art Metapher für wildes, freies, philosophierendes Leben zwischen Küssen und Malpalette.
Die Boheme , fleischgewordene Verkörperung des ungebundenen Künstlerlebens, die man sich kaum jemals anders als jugendlich und sinnlich zu denken vermag. Es ist schon lange her, ihr kennt die Zeit nicht mehr mit euren 20 Jahren.
Wir waren jung und frei, und an den Fenstern sahen wir schon den Flieder blühen. Die Zeit ist längst dahin, als wir so glücklich waren. Mein Magen war so leer, und du warst mein Modell, das ist schon lange her. La bohème, la bohème, das heißt la vie mal so, mal so. La bohème, la bohème, bei trocken Brot vergnügt und froh. Oft schlief ich nachts nicht ein und malte ganz allein dein bild in meinen Träumen. Du warst so jung und schön, so hab ich dich geseh’n, und noch im Morgengrauen träumt ich im Atelier bei einem Milchkaffee vom Leben und der Liebe .Wir fragten nicht nach Geld, die Liebe und der Ruhm , das war für uns die Welt.La bohème, la bohème. Das heißt, wir waren 20 Jahr, und diese zeit war wunderbar.
Und führt mich der Zufall heut wie in vergangner Zeit durch jene alten Straßen, find’ ich nicht mehr zurück zu dem verlorenen Glück, und keine Treppe führt zum kleinen Atelier, und drüben im Café, da spielt man keine Träume. Wohin das Auge sieht, Montmarte
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und der Flieder ,alles ist verblüht. Charles Aznavur schrieb dieses Lied 100
Jahre später. Es ist ein überaus melancholisches Lied.
Inhaltsverzeichnis
Einstimmung. 4
1. Einleitung. 7
2. Die Gewänder der Melancholie. 9
2.1.Das Phänomen Melancholie 21
2.2.Die Geschichte der Melancholie. 26
2.2.2. Antike. 26
2.2.3. Mittelalter und Renaissance. 28
2.2.4. 17. und 18. Jahrhundert. 29
2.2.5. 19. und 20. Jahrhundert. 31
3. Melancholie , Baudelaire und die „Blumen des Bösen“ 34
3.1 Die Blumen des Bösen - les Fleurs du mal 39
3.1.2.Spleen et idéal 41
3.1.3. Tableaux parisiens 51
3.1.4. Le vin 57
3.1.5. Les fleurs du mal 61
3.1.6. La révolte 63
3.1.7. La mort 66
3.2.. Die Melancholie des Baudelaire. 69
4. Bibliographie. 72
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Ausblick..........................................................................................77
1.Einleitung
Die Frage, ob Charles Baudelaire ein melancholischer Dichter sei, stellt sich im Prinzip gar nicht. Ein flüchtiger Blick in die Blumen des Bösen genügt, um auf unzählige Bilder der Trauer, der Sehnsucht oder der Depression zu stoßen.
Da schleichen alte Frauen gebückt durch die Stadt, da werden Albatrosse ihrer Flügel beraubt, fallen Besessene über düstere Schatten, kriechen Würmer an verwesenden Leichen entlang, und abgetakelte Gestalten betrinken sich in zwielichtigen Etablissements. Ob verlorengegangene Paradiese beklagt werden oder der Dichter in der Einsamkeit fast verzweifelt, jedes Gedicht scheint mit einer gehörigen Schicht Wehmut überzogen zu sein.
Daher wird es von größerem Interesse sein zu erkunden, welcher Art diese Melancholie ist, worauf sie sich gründet und wie sie in Baudelaires Lyrik an die Oberfläche steigt und sich Ausdruck verschafft. Das impliziert die Notwendigkeit, den nicht gerade konkreten Begriff Melancholie ein wenig näher zu beleuchten. Was meint man, wenn man sagt, diese oder jene Landschaft, ein Mensch oder eine Musik sei melancholisch? Existiert überhaupt so etwas wie eine wirkliche Definition, oder müssen die Bestimmungen dieser Zustände so nebulös verbleiben, wie die beschriebenen Gefühlslagen es selber oftmals sind? Oberstes Gebot einer seriösen Literaturwissenschaft muß es meiner Meinung nach sein, die weitverbreitete Gleichsetzung von lyrischem Ich und Autor zu unterbinden. Die durchaus gängige Reduktion von belletristischen Werken auf autobiographische Erlebnisse unterschätzt die Phantasie und das Abstraktionsvermögen , zu denen Menschen fähig sind. Dennoch ist anzunehmen, dass ein ständig wiederkehrendes literarisches Motiv in einem wie auch immer gearteten Zusammenhang mit der spezifischen Denk- oder Lebensweise des Schriftstellers steht. Dem entspricht Baudelaires eigene Auffassung; „Um die Seele des Dichters zu
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durchschauen, muß man in seinem Werk diejenigen Worte aufsuchen, die am häufigsten vorkommen. Das Wort verrät, wovon er besessen ist“ 1
Somit drängt sich natürlich die Frage auf, ob der dunklen Lyrik Baudelaires eventuell auch ein melancholischer Verfasser entspricht. Persönliche oder historisch-gesellschaftliche Gegebenheiten können dabei Hinweise geben. Nichtsdestotrotz wird jedem Versuch, darauf eine Antwort zu finden, notwendigerweise etwas Spekulatives anhaften, und Baudelaires mentale Befindlichkeiten sollen hier auch nur am Rande interessieren. Im übrigen verbleibt ein Trost: Charles Baudelaire selber war davon überzeugt, dass der Anspruch absoluter Wahrheit niemals eingelöst werden kann:
„ Ich sehe mir lieber ein paar Theaterhintergründe an, auf denen ich kunstfertig, in tragischer Weise, in tragischer Konzision, meine liebsten Träume behandelt finde. Diese Dinge, die so ganz falsch sind, sind eben darum der Wahrheit unendlich viel näher, dagegen sind unsere meisten Landschaftler Lügner, gerade weil sie zu lügen veabsäumen“ 2
Zu lügen ist nicht die Absicht dieser Arbeit. Aber eine Fokussierung auf einen Aspekt der Wahrheit wird die anderen Wahrheitsteile im Schatten verbleiben lassen.
1 zit. nach Friedrich, Hugo: Die Struktur der modernen Lyrik
2 Baudelaire : Salon de 1859, zit.nach Kleiststück, Johannes :Der Gott, der uns entweicht
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2. Die Gewänder der Melancholie
Wir sind auf die Welt gevögelt und können nicht fliegen...
Aus dem Theaterstück: „ Übergewicht, unwichtig: Uniform“, Neue Szene Leipzig
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München, 20001
Jetzt pöbeln die Novemberwinde Aufs neue herzlos durch das Land Die Windsbrautbrut und ihr Gesinde Sind wieder außer Rand und Band Die Dichter treibt es nun in Scharen Durch die Alleen hin und her Und ich durfte es auch erfahren: In mir novembert es schon sehr. ...
Melancholie - November eben Der Herbst zieht in die Herzen ein. Es gibt auch Gründe, nicht zu leben. Sie müssen ja nicht triftig sein. Konstantin Wecker
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Thüringen, 18. Jahrhundert
Jeden Nachklang fühlt mein Herz ,froh und trüber Zeit. Wandle zwischen Freud und Schmerz in der Einsamkeit! Fließe, fließe, lieber Fluß, nimmer werd ich froh so verrauschte Scherz und Kuß und die Treue so Ich besaß es doch einmal, was so köstlich ist-Dass man doch zu seiner Qual nimmer es vergisst! Johann Wolfgang von Goethe
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Japan, ca. 10.Jh.
Sogar der Schatten
Dort von den Astern heute Sich langsam ändert Als in die Bodenwellen Sich Rauhreif, ach, gesetzt hat. aus Sakanoue-no-Koenori
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Hamburg, 1997
New York- das kenn ich schon
Und auch Paris hat mir nicht viel gebracht Ich hab den Luxus pur Und auch die Armut hat nie satt gemacht Ich kenn der Sonne Schein Und auch den Glanz von Diamanten gut Nun sitz ich hier allein und frag mich Was so weh mir tut Ich stell’ mich an die nächste Wand Ich spring von dem höchsten Turm Monotonie umgibt mich wie nie Kein Zweifel heute wird’s geschehen Ich werde ’ne Tablette nehm’ Mehr Phantasie wie find ich die Rosenstolz
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Brandenburg, um 1980
All diese Bilder, die uns entgleiten: Mostar. Die Berge. Die Neretva. Unsre verschenkten Vergangenheiten: Liebe, die nah war und doch nicht geschah. Können nicht bleiben. Und fortgerissen Von einer Strömung ,die nirgendhin fällt, Werden wir nie etwas Sicheres wissen Über die Liebe. Und über die Welt. Eva Strittmatter
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Frankreich, 19. Jahrhundert
Die Endsumme des Ortswechsels setzt sich aus einer Unzahl von Wiederholungen zusammen; jeder neue Augenblick scheint den anderen zu überzeugen, dass man niemals ankommen werde.. Vielleicht sind Ewigkeit und Hölle naive Ausdrücke für irgendeine unvermeidliche Reise?
Paul Valéry
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Amerika, um 1960
Ich sitz schon lange im Kabarett und singe Lieder wie eine mutige, doch alternde Soubrette. Und diese Lieder hören die Leute immer wieder und der Flieder blüht im nächsten Mai genauso nett. .....
So sitz ich nach wie vor hier fest und singe Lieder und bleibe wirkungslos vom eigenen Klang berauscht. Die schönen Damen plustern eifrig ihr Gefieder auf und nieder, doch man hört mich nicht, auch wenn man höflich lauscht. .....
Denn tralala, so ist das Leben! Und dieser Zustand läßt sich schwer beheben. Andre singen ebenso, sicherlich, aber zu leise für mich. Andre singen ebenso, sicherlich, aber zu leise für mich
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Georg Kreisler
Mitteldeutschland, 1887
Der Mensch hat es satt, oft genug, es giebt ganze Epidemien dieses Satthabens ...; aber selbst noch dieser Ekel, diese Müdigkeit, dieser Verdruß, an sich selbst- Alles tritt an ihm so mächtig heraus, dass es sofort wieder zu einer neuen Fessel wird.
Sein Nein, das er zum Leben spricht, bringt wie durch einen Zauber eine Fülle zärterer Ja’s ans Licht. Friedrich Nietzsche
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