Universität Rostock
Institut für Romanistik
PS: Semantik und Pragmatik des Französischen und Italienischen
Kognitive Semantik
von: Sophia Gerber
Inhaltsverzeichnis
0. Einleitung 2
1. Definition und Erkenntnisinteresse der kognitiven Semantik 3
2. Grundlagen kognitiver Semantik 4
2.1. Sprachphilosophie und Kognitionspsychologie 4
2.2. Holistischer versus modularistischer Ansatz 6
3. Theorien kognitiver Semantik 7
3.1 Prototypensemantik 7
Exkurs: Heckenausdrücke 8
3.2 Frame- und Skriptsemantik 9
3.3 Metaphern und Metonymien 10
4. Vor- und Nachteile der kognitiven Semantik 12
5. Fazit 14
6. Literaturverzeichnis 15
0. Einleitung
Legte man einem Italiener die obendargestellte Bildreihe vor, so würde er die Bilder der Reihenfolge nach wohl mit den Begriffen legna, legno, bosco und foresta benennen. Ein Franzose hingegen würde bei diesem Experiment die oberen Bilder beide mit dem Ausdruck bois, die beiden unteren mit dem Wort fôret bezeichnen, da in seiner Sprache jeweils nur ein Begriff zur Kennzeichnung von Holz und Holzscheit beziehungsweise von kultiviertem und wildwachsendem Wald existiert. Insofern diese semantische Divergenz nicht durch die natürlichen Bedingungen begründet ist, zeigt der Versuch, dass Menschen je nach ihren Wahrnehmungs- und Denkstrukturen die Welt sprachlich auf verschiedene Weise gliedern. Diesen engen Zusammenhang zwischen Sprache und Kognition untersucht die kognitive Semantik. Ziel der folgenden Arbeit ist die Analyse der Inhalte dieser linguistischen Forschungsrichtung, ihrer philosophischen und psychologischen Grundlagen, ihrer wichtigsten Theorien, wie die Prototypensemantik, die Frame- und Skriptsemantik und die Metonymien- und Metaphernsemantik, sowie eine Diskussion ihrer Chancen und Probleme. Darüberhinaus soll im Anschluss an die Darstellung der Prototypensemantik ein Exkurs über das bisher wenig erforschte Phänomen der Heckenausdrücke erfolgen. Im Fazit sollen die Ergebnisse resümiert sowie mögliche weiterführende Fragen gestellt werden.
1. Definition und Erkenntnisinteresse der kognitiven Semantik
Die kognitive Semantik kennzeichnet „eine linguistische Forschungsrichtung, die die Bedeutung von Worten und sprachlichen Äußerungen auf ihren Zusammenhang mit der Art und Weise untersucht, in der der Mensch seine Umwelt sowie sich selbst wahrnimmt und erkennt“ (Blutner 1995, 37). Grundfragen der kognitiven Semantik sind: ,,Was gehört alles an Informationen zu unserem semantischen Kenntnissystem? Wie sind diese Informationen im mentalen Lexikon repräsentiert? Wie aktivieren wir diese Informationen in Spachproduktions- und Sprachreproduktionsprozessen?“ (Schwarz/ Chur 1993, 21). Bei ihren Untersuchungen geht die kognitive Semantik interdisziplinär vor und bezieht Ergebnisse aus Linguistik, Philosophie, Psychologie und Medizin ein.
2. Grundlagen kognitiver Semantik
2.1 Sprachphilosophie und Kognitionspsychologie
Die Beschäftigung mit der Kategorisierung konkreter Referenten wie in der Prototypensemantik (siehe 3.1) basiert einerseits auf den sprachphilosophischen Betrachtungen Ludwig Wittgensteins, der auf der Suche nach gemeinsamen Merkmalen aller Spielvorgänge den Begriff der „Familienähnlichkeit“ geprägt hat.
Betrachte z.B. einmal die Vorgänge, die wir »Spiele« nennen. Ich meine Brettspiele, Kartenspiele, Ballspiel, Kampfspiele, usw. Was ist allen diesen gemeinsam? "..." Gibt es überall ein Gewinnen und Verlieren, oder eine Konkurrenz der Spielenden? Denk an die Patiencen. In den Ballspielen gibt es Gewinnen und Verlieren; aber wenn ein Kind den Ball an die Wand wirft und wieder auffängt, so ist dieser Zug verschwunden. "..." Und so können wir durch die vielen, vielen Gruppen von Spielen gehen. Ähnlichkeiten auftauchen und verschwinden sehen. "..." Ich kann diese Ähnlichkeiten nicht besser charakterisieren als durch das Wort »Familienähnlichkeiten«; denn so übergreifen und kreuzen sich die verschiedenen Ähnlichkeiten, die zwischen den Gliedern einer Familie bestehen: "...". (Wittgenstein 199510, § 66f., 277f.)
Die Familienähnlichkeit kennzeichnet demzufolge eine „strukturelle Beziehung zwischen verschiedenen Referenten (in diesem Fall gioco di carte, calcio; S.G.) eines Wortes (giochi; S.G.), die diese zusammenhält, ohne dass alle Referenten über ein gemeinsames Referenzmerkmal ("+il giocatore vince o perde"; S.G.) verfügen müssen; stattdessen genügt es, wenn jedes Referenzobjekt (jedes Exemplar einer Klasse) mindestens ein Merkmal (wahrscheinlich mehrere) mit einem oder mehreren anderen Referenzobjekten gemeinsam aufweist“ (Ulrich 20025, 86).
Andererseits beruft sich die kognitive Semantik auf die empirischen Untersuchungen der Psychologin Eleanor Rosch zum Klassifikationsverhalten unter-schiedlicher Sprecher (cf. Rosch et al. 1976, 382ff.). Die Probanden sollten verschiedene Begriffe (z.B. carpa, balena) Kategorien (z.B. pesci) zuordnen. Dabei stellte man fest, dass die Zuordnung nicht nach formalen Kriterien (z.B. [+respira attraverso branchia], [+vive nell`acqua], [+depone uova]) erfolgte, sondern nach Gesichtspunkten wie Similarität (Ähnlichkeit) und Kontiguität (Nähe) in Bezug auf typische Vertreter der Kategorie (z.B. carpa). „Balena farebbe, così, per la sua forma esteriore e la sua pinna marcata perfettamente parte della categoria dei pesci, sebbene il criterio biologico [+depone uova] non sia adempieto“ (Castelli 2000, 16).
Die Annahme semantischer Netze im Gehirn, das heißt die mentale Einbindung lexikalischer Einheiten in assoziative Bereiche (cf. Sokol 2001, 163), wie in der Frame- und Skriptsemantik (siehe 3.2) beziehungsweise bei Metonymie und Me-tapher (siehe 3.3) geht vor allem auf die von Meyer und Schvanefeldt konzipierte, psychologische Priming-Methode zurück (cf. Schwarz/ Chur 1993, 74f.). Dabei sollten die Versuchspersonen bei der Vorgabe eines Primes (z.B. dottore) und eines anderen Zielwortes (z.B. infermiera oder fiore) spontan entscheiden, ob das Zielwort sinnvoll oder eine sinnlose Silbenfolge ist. Die Entscheidung fiel schneller aus, wenn eine enge semantische Relation zwischen Ausgangs- und Zielwort bestand (z.B. dottore, infermiera " personale dell`ospedale).
2.2 Holistischer versus modularistischer Ansatz
[...]
Arbeit zitieren:
Sophia Gerber, 2003, Kognitive Semantik, München, GRIN Verlag GmbH
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