Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung 4
2. Entwicklung der europäischen Romantradition. 6
2.1 Der Schelmen- bzw. Pikaroroman. 6
2.1.1 Definition des Begriffs Schelmen- bzw. Pikaroroman 6
2.1.2 Gattungskonstitutive Merkmale 6
2.2 Der Bildungsroman. 8
2.3 Einflüsse auf den Bildungsroman und den Schelmenroman im 20.
Jahrhundert 8
2.3.1 Der Antibildungsroman bzw. die Parodie des Bildungsromans 8
2.3.2 Der Neopikareske Roman. 9
3. Oskar Matzerath - ein Schelm unter dem Einfluss
moderner europäischer Romantraditionen 10
3.1 Das ironisch-distanzierte Verhältnis zum Bildungsroman 11
Elemente des Antibildungsromans in der „Blechtrommel“ 11
3.2 Merkmale des Schelmenromans und des neopikaresken Romans
in der „Blechtrommel“ 13
3.2.1 Oskar Matzeraths Verhältnis zur Gesellscha ft 13
3.2.2 Anlass für pikareske Laufbahn. 13
3.2.3 Autobiographische Züge in der „Blechtrommel“ 14
3.2.4 Erzählperspektive und Erzählhaltung 15
3.2.4.1 Personale Erzählsituation. 15
3.2.4.2 Froschperspektive 15
3.2.4.3 Reflexive Erzählhaltung 16
3.2.5 Überbetonung des Materiellen gegenüber dem Ideellen. 17
3.2.6 Schurkenpanorama als Strukturkomponente 18
3.2.7 Fortbewegung in Gesellschaft und Raum 18
3.2.8 Struktur der „Blechtrommel“ 20
4. Fazit. 20
5. Literaturverzeichnis 22
5.1 Primärliteratur 22
5.2 Sekundärliteratur 22
- 4 - 1.Einleitung
Bei wohl kaum einem anderen Werk sind sich Kritiker so uneins über die Gattungszuordnung wie bei der „Blechtrommel“. Grass selbst umgeht mit folgender Erklärung geschickt eine konkrete Einordnung in eine Gattung: „Das Buch steht in einem ironisch-distanzierten Verhältnis zum deutschen Bildungsroman. Es kommt, und das betrifft nun mich und meine Affi nität, sehr stark von jener europäischen Romantradition her, die vom pikaresken Roman herreicht, mit all seinen Brechungen (...)“ 1 .
So ist es nicht verwunderlich, dass die Bandbreite der Gattungszuordnungen vom Schelmenroman, über dessen Parodie, Künstlerroman, zeitkritischen Roman bis hin zum Bildungs- und Anti-Bildungsroman reicht. Im Folgenden werden kurz die für diese Arbeit relevantesten Meinungen und deren Vertreter erläutert.
Für eine Einordnung der „Blechtrommel“ in die Kategorie des Schelmenromans sprechen sich unter anderem D. Droste, M. Kremer, H. Büscher, Henri Plard und Wilfried van der Will aus. Auf die Standpunkte der beiden Letztgenannten wird nun näher eingegangen.
Henri Plard vertritt die Meinung, dass Günter Grass bewusst zu einer renaissancehaften Gestalt der Epik zurückkehrte 2 , nämlich „zur Zeitsatire im Gewand des Schelmenromans, wobei er [Grass] manches verulkt, was seit der Klassik als Heiligstes Gut der Nation galt, und von seinen entrüsteten Gegnern als Denkmalschänder des Frevels geziehen wird“ 3 . Wilfried van der Will geht noch einen Schritt weiter, bezieht zeitliche Veränderungen in seine Forschungen ein und befürwortet folglich die These der Wandlung des traditionellen Schelms zum weltlichen Heiligen, einem Außenseitertypus, der jedes Sich-Einfügen in eine Gemeinde, in einen Verband, eine Kirche ablehnt. 4 Seiner Meinung nach markiert die „Blechtrommel“ „einen Durchbruch nicht nur für den deutschen Roman nach 1945 insgesamt, sondern vor allem auch für pikareske Erzählweisen“ 5 .
1 Neuhaus, V.: Günter Grass. Stuttgart 1979. S. 34.
2 nach Plard, H.: Über die Blechtrommel. In: Text und Kritik. Zeitschrift für Literatur. Hg. v. H.
Arnold. München 1971. S. 27.
3 Plard, H.: Über die Blechtrommel. S. 27.
4 Van der Will, W.: Pikaro heute - Metamorphosen des Schelms bei Thomas Mann, Döblin,
Brecht, Grass. Stuttgart 1967.S. 10.
5 van der Will, W.: Pikaro heute.... S. 19.
- 5 - Dagegenplädiert Hans-Magnus Enzensberger für die Einordnung der „Blechtrommel“ in die Reihe der Entwicklungs- und Bildungsromane: „Die Blechtrommel ist ein Entwicklungs- und Bildungsroman. Strukturell zehrt das Buch von den besten Traditionen deutscher Erzählprosa. Es ist mit einer Sorgfalt und Übersichtlichkeit komponiert, wie man sie von den Klassikern her kennt (...)“. 6
Georg Just nimmt bei der Einordnung in den Bildungsroman Einschränkungen vor. Er findet zahlreiche Stellen in der „Blechtrommel“, die sich parodistisch auf den Bildungsroman, speziell in seiner von Goethe im Wilhelm Meister geprägten Form, beziehen. Auch die Kompositionen des Romans verwiesen laut Just auf die Tradition des Bildungsromans. 7
Gerhart Mayer deutet die „Blechtrommel“ als Paradebeispiel für einen Anti-Bildungsroman. Darunter versteht Mayer „keine spezifische Romanart mit eigener Formgesetzlichkeit.“ 8 Vielmehr entstehe er aus dem heilsam-kritischen Zweifel an dem jeweiligen Bildungsideal einer Epoche, dessen Schwächen und Einseitigkeiten er entlarvt. 9
Die hier aufgeführten Meinungen und Interpretationen sind nur ein Bruchteil zahlreicher Interpretationsversuche. Doch bereits an ihnen wird die Problematik der Diskussion der Forschung, um welche Gattung es sich letztendlich bei der „Blechtrommel“ handelt, und ob die Hauptfigur Oskar Matzerath als Schelm, Held, Anti-Held, oder als zu bildendes Individuum verstanden werden darf, deutlich.
Doch bereits an ihnen wird die Problematik der Diskussion der Forschung, um welche Gattung es sich letztendlich bei der „Blechtrommel“ handelt, und ob die Hauptfigur Oskar Matzerath als Schelm, Held, Anti-Held, oder als zu bildendes Individuum verstanden werden darf, deutlich.
Eben dieser Frage soll in vorliegender Seminararbeit anhand der These „Oskar Matzerath - ein Schelm unter dem Einfluss moderner europäischer Romantradition“ nachgegangen werden. Dafür wird vorab auf die Merkmale des Schelmenromans, des Bildungsromans, des Antibildungsromans und des neopikaresken Romans eingegangen. Im weiteren Verlauf der Hausarbeit wird
6 Neis, E.: Erläuterungen zu Günter Grass, Die Blechtrommel. Hollfeld 1981. S. 71.
7 Just, G.: Darstellung und Appell in der „Blechtrommel“ von Günter Grass. Darstellungsästhetik
versus Wirkungsästhetik. Frankfurt am Main 1972. S. 65.
8 Mayer, G.: Zum deutschen Antibildungsroman. In: Jahrbuch der Raabe Gesellschaft 1974. Hg.
v. J. Daum und W. Schultz. Braunschweig 1974. S. 43.
9 nach Mayer: Zum deutschen Antibildungsroman. S. 43.
- 6 - danndie „Blechtrommel“, insbesondere ihre Hauptfigur Oskar auf diese Merkmale hin untersucht.
2. Entwicklung der europäischen Romantradition
Um die These „Oskar Matzerath - ein Schelm unter dem Einfluss moderner europäischer Romantradition“ zu verifizieren, wird auf den Schelmenroman, den daraus entstandenen Bildungsroman und Entwicklungen der beiden Romangattungen eingegangen.
2.1 Der Schelmen- bzw. Pikaroroman
2.1.1 Definition des Begriffs Schelmen- bzw. Pikaroroman
Der Begriff Schelmenroman bezeichnet eine „erzählerische Darstellung der Lebensgeschichte eines vagabundierenden Außenseiters (des Schelms oder PICARO), der meist aus niedrigem oder dubiosem Milieu stammt und mit moralisch nicht unbedenklichen, ja kriminellen Mitteln, aber auch mit Zähigkeit und Witz in einer korrupten und feindlichen Welt abenteuerliche Gefahren überlebt.“ 10
2.1.2 Gattungskonstitutive Merkmale
Die Gattung des Schelmenromans weist folgende charakteristische Merkmale auf: 11
Der Schelmenroman lenkt die Aufmerksamkeit seiner Leser auf eine dynamische und ambivalente Situation. Die Hauptperson, also der Schelm bzw. Pikaro, kann sich weder seiner Gesellschaft anschließen, noch diese zurückweisen. Er steht vor der Alternative, sich gänzlich vor der Gesellschaft zu verschließen oder eine gewisse Zughörigkeit vorzutäuschen. Erstere Möglichkeit würde bedeuten, dass der Schelm nicht nur aus der Gesellschaft ausgeschlossen würde, er müsste vielmehr auf Gemeinschaftsgüter, die für ihn lebensnotwendig sind, verzichten. Demzufolge überspielt der Schelm seinen mangelnden Integritätswillen, um an den Gütern der Gesellschaft teilzuhaben und wird zu einem halben Außenseiter. Den Prozess des Vortäuschens einer Integrität erlernt der Schelm anlässlich eines schockartigen Erlebnisses, „das dem Protagonisten die moralische Fragwürdigkeit und die Bosheit seiner
10 Müller, J.-D. (Hg.):Reallexikon der deutschen Literaturwissenschaft. Band III. Berlin/ New
York 2003. S. 371.
11 hierbei beziehe ich mich -sofern nicht anders gekennzeichnet- auf Bauer, M.: Der
Schelmenroman. Stuttgart/ Weimar 1994. S. 10-13.
- 7 - Mitmenschenvor Augen führt und das dadurch zum Ausgangspunkt der pikaresken Laufbahn wird.“ 12
Die meisten Schelmenromane weisen einen autobiographischen Charakter auf, der die Funktion hat, „die Authentizität der Geschichte zu beglaubigen und eine distanzierte [und moralische] Bewertung des erzählten Lebenslaufs zu ermöglichen.“ 13
Als Folge des autobiographischen Charakters herrscht ein einseitiger Blickwinkel, also eine optische Halbierung vor, die dem Leser den Inhalt nur aus Sicht des Schelms, aus der Froschperspektive, präsentiert. Der Schelm schildert als Ich-Erzähler in reflexiver Haltung seine eigene Geschichte, wodurch er sich die Möglichkeit offen hält, sein ganzes Leben nachträglich moralisch zu bewerten. Die autobiographische Erzählsituation bringt eine „Dissoziation von erzähltem und erzählendem Ich“ 14 , einen „Gegensatz von >narratio< und >moralisatio<“ 15 mit sich, der auf innere Konflikte der Hauptfigur hinweist.
Eine Überbetonung des Materiellen gegenüber dem Ideellen liegt auf Grund materiellen Notstands und Armut denkbar nahe.
Demzufolge tritt das „Schurkenpanorama als Strukturkomponente neben die fingierte Autobiographie. Dieses Panorama umfasst (...) zahlreiche Stände, Gesellschaftsschichten und Berufsgruppen, weist also die enzyklopädischen Züge eines auf die Gegenwart bezogenen Sittengemäldes auf.“ 16 Wie bereits erwähnt, umfasst das Panorama zahlreiche Stände. Der Schelm bewegt sich somit vertikal durch die Gesellschaft, wohingegen er sich horizontal durch den Raum bewegt.
Meist entspricht jeder biographischen Station eine Episode. Diese Episodenhaftigkeit erfüllt die Funktion einer Aktstruktur, wodurch der Leser angeleitet wird, eventuelle Leerstellen, die durch den unzuverlässigen Erzähler entstehen, selber zu überbrücken und zwischen den Zeilen zu lesen.
12 Müller, J.-D. (Hg.):Reallexikon der deutschen Literaturwissenschaft. S. 371.
13 Müller, J.-D. (Hg.):Reallexikon der deutschen Literaturwissenschaft. S. 371.
14 Bauer, M.: Der Schelmenroman. S.12.
15 Bauer, M.: Der Schelmenroman. S.12.
16 Bauer, M.: Der Schelmenroman. S.12.
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Barbara Beierlieb, 2003, Oskar Matzerath - ein Schelm unter dem Einfluss moderner europäischer Romantradition, München, GRIN Verlag GmbH
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