Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung 4
2. Auswertung der Lesetexte 6
2.1. Prozesse der Gruppendynamik nach Stern Sundelius 6
2.2. Strategie-Form(ulier)ung nach Henry Mintzb erg 8
3. Die Fallstudie von Johan P Olsen 10
3.1. Kurzer Überblick über die Fallstudie 10
3.2. Analytischer Rahmen der Fallstudie 11
3.3. Rekonstruktion und Auswertung der Entscheidungsprozesse 14
(a) Kommissions-zentrierte Phase 15
(b) Dekan-zentrierte Phase 16
(c) Vize-Kanzler zentrierte Phase 17
3.4. Fazit 18
4. Literaturverzeichnis 19
1. Einleitung
Die Rekonstruktion von Entscheidungsprozessen nimmt innerhalb der Sozialwissenschaften eine besondere Stellung ein.
Zum einen ist sie der Natur der Sache nach ambivalent – sie kann im Rahmen einer wissenschaftlichen Analyse sowohl als Methode zur Erörterung einer relevanten Fragestellung, wie auch als eigentliches Ziel der Analyse fungieren. Ist beispielsweise eine weitreichende politische Entscheidung Ausgangspunkt der wissenschaftlichen Untersuchung und die Motivlage des verantwortlichen Entscheidungsträgers die Unbekannte, so kann eine präzise Aufarbeitung seiner bewusst vorgeno mmenen Einflussnahmen darüber Aufschluss geben. Hier ist die Rekonstruktion der Entscheidungsprozesse also nur Methode. Vorstellbar wäre jedoch auch, dass die ursprüngliche Motivlage des Entscheiders bereits ebenso klar ist, wie das Ergebnis seines Handelns, allerdings eine deutliche Diskrepanz zwischen den anfänglich beabsichtigten und den tatsächlich eingetretenen Resultaten zu beobachten ist. Dies könnte die Frage nach externen Einflussfaktoren innerhalb des Prozesses aufwerfen, wodurch die Rekonstruktio n der Entscheidungsprozesse von der Methode zum Gegenstand der Untersuchung avancieren würde – frei nach dem Motto: Wer hat an welcher Stelle wie effektiv mitentschieden?
Zum anderen ist natürlich auf die besondere Bedeutung hinzuweisen, die der Rekonstruktion von Entscheidungsprozessen in den Sozialwissenschaften zukommt. Denn politisches Handeln ist immer auch eine Kette von Einzelentscheidungen, insofern kann deren Rekonstruktion als „Rückverfolgung der Spuren politischen Handelns“ verstanden werden – eine Definition, die auch der englischsprachigen Begrifflichkeit des ‚process tracing’ nahe kommt. Ganz gleich, ob beispielsweise die Formulierung bzw. Implementation einer Policy im Fokus der Analyse steht oder aber organisationsinterne Machtkämpfe im Sinne von ‚power politics’ untersucht werden sollen – d ie systematische Rekapitulation der einzelnen Entscheidungen ist eine schlichte Notwendigkeit für die Gewinnung fundierter Erkenntnisse. Dabei verhilft sie nicht nur zu allgemeinen Aussagen über bestimmte Entscheidungsmuster bzw. die damit verfolgten Strategien, sondern erlaubt auch den Einblick in das komplexe Innenleben von Organisationen, die als Entscheidungsarena fungieren oder aber fungiert haben.
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Die vorliegende Arbeit wird sich im wesentlichen darauf konzentrieren, die Anwendung der Rekonstruktion von Entscheidungsprozessen auf ein praktisches Beispiel zu demonstrieren. Zu diesem Zweck stellt sie eine Fallstudie von Johan P. Olsen vor, in der der Autor die Wahl eines neuen Dekans im weitestgehend anarchisch organisierten Umfeld einer amerikanischen Hochschule unter Verwendung besagter Methode analysiert. Zuvor soll allerdings noch auf zwei Aufsätze eingegangen werden, die beide einen wichtigen Beitrag zum theoretischen Verständnis von Entscheidungsprozessen leisten. So geben Eric K. Stern und Bengt Sundelius in ihrem Aufsatz „Understanding Small Group Decisions in Foreign Policy: Process Diagnosis and Research Procedure“ einen Überblick über die gruppendynamischen Effekte, die insbesondere in kleineren Gruppen von Entscheidungsträgern auftreten und sich sowohl auf die Qualität der Entscheidung, wie auch auf die bloße Entscheidungsfähigkeit der Gruppe auswirken können. Demgegenüber beschäftigt sich Henry Mintzberg in „Patterns in Strategy Formation“ mit der quasi „nächsthöheren“ Ebene von Einzelentscheidungen, nämlich den Strategien, auf die sich aus einer Mehrzahl von Einzelentscheidungen schließen lässt. Beiden Texten soll sich hier allerdings unter einer enger gefassten Prämisse zugewandt werden: Relevant ist in erster Linie, was dem besseren Verständnis der Fallstudie von Olsen dienlich ist. Ein umfassender Überblick über den Inhalt der Texte kann und soll an dieser Stelle nicht gegeben werden.
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2. Auswertung der Lesetexte
2.1. Prozesse der Gruppe ndynamik nach Stern/Sundelius 1
Schon in den ersten Zeilen ihres Aufsatzes weisen die Autoren darauf hin, dass das Schicksal großer Kollektive – von Organisationen bis Nationen – sich oft in der Hand einer eher kleinen Gruppe von Entscheidungsträgern befindet. Nun sind solch kleine Gruppen allerdings deutlich anfälliger für gruppendynamische Effekte, weswegen Änderungen in deren Interaktionsgefüge schnell gewaltige Auswirkungen auf das Ergebnis des Entscheidungsprozesses haben können – eine Gefahr, die um so schwerer wiegt, um so größer das durch die Gruppe repräsentierte Kollektiv ist. Schon aus diesem Grund erscheint es ratsam, jene gruppendynamische n Effekte einmal genauer zu charakterisieren. Stern und Sundelius unterscheiden dabei abstrakt zwischen drei Kategorien: Conformity Patterns, Conflictual Patterns sowie Mischformen der beiden.
Zur ersten Kategorie und damit zu den Mustern von Konformität gehört dabei die simple conformity. Sie beschreibt die Situation innerhalb einer Entscheidungsgruppe, in d er Mitglieder eigene Gedanken, Meinungen und Informationen unterdrücken, um eine als solche wahrgenommene Gruppennorm nicht zu verletzen. Ähnlich gelagert – und nicht in letzter Konsequenz von der single conformity abgrenzbar – ist auch das Phänomen des Groupthink: Hier zeigen sich nach Stern/Sundelius Stress- und Krisenzeiten dafür verantwortlich, dass kritische Kapazitäten innerhalb der Gruppe durch Konformität, Stereotypenbildung und Risikoaffinität begrenzt werden. In der Politik und Verwaltung äußert sich Groupthink vor allem als anticipatory compliance, d.h. Individuen auf einer unteren Hierarchiestufe übernehmen unkritisch die Position ihrer Vorgesetzten. Als letztes Konformitätsmuster wird hier das Newgroup Syndrom genannt. Es beschreibt den Zustand sich verstärkender Unsicherheiten unter den Mitgliedern, wenn Verfahrensvorschriften oder allgemeine Normen im Verlaufe des Entscheidungsprozesses ihr Gewicht verloren haben. Aus dieser Unsicherheit heraus reagieren die Mitglieder mit erhöhter Konformität. Zusammenfassend lässt sich feststellen, dass ein auf Konformität hin orientiertes individuelles Verhalten immer dazu führt, dass weniger Perspektiven auf bzw. Informationen über den Gegenstand der Entscheidung in den Entscheidungsprozess mit eingehen.
1 Stern/Sundelius 1997
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Arbeit zitieren:
Norman Tannert, 2004, Entscheidungsprozesse, München, GRIN Verlag GmbH
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