2. Der historische Kontext: Das Zeitalter der Aufklärung
Die wissenschaftliche Auseinandersetzung mit Familienerziehung zur Zeit der Aufklärung setzt gewisse Grundkenntnisse über dieses Zeitalter voraus, die ich im Folgenden kurz darstellen möchte:
2.1 Politische, soziale und ökonomische Merkmale
„Das Zeitalter der Aufklärung bezeichnet eine Epoche in der intellektuellen Entwicklung der westlichen Gesellschaft im 16. bis 18. Jahrhundert, die besonders durch das Bestreben geprägt ist, das Denken von althergebrachten, starren und überholten Vorstellungen, Vorurteilen und Ideologien zu befreien und Akzeptanz für neu erlangtes Wissen zu schaffen. “ 1 Sie setzte im ausgehenden 17.Jahrhundert in den Niederlanden und in England ein, erfasste Deutschland etwa in der Mitte des 18. Jahrhunderts. Die Entwicklung beschränkte sich nicht auf den Bereich der Philosophie und Pädagogik, sondern trat vor allem auch durch gesellschaftliche Umbrüche zu Tage. Europa war im 17. Jahrhundert weitgehend durch den Absolutismus geprägt. Unter der uneingeschränkten Herrschaft eines Adeligen, eines Fürsten oder Königs, manifestierten sich gesellschaftliche Stände (Adelige / Klerus, Bürgertum, Bauern), in die das Individuum hineingeboren wurde, die sich durch spezifische Lebensauffassungen und einen unterschiedlichen Status, was Recht und Staat betraf unterschieden. Die Lebensbedingungen waren also durch die soziale Herkunft vorbestimmt. Die Gesellschaft zur Zeit der Aufklärung war eine Agrargesellschaft. In Deutschland lebten in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts 80 % der Bevölkerung auf dem Land und die Armut ist groß. In der miserabelsten Situation befanden sich die Bauern: Sie mussten Steuern für den Staat zahlen und Abgaben für den Grundherrn leisten, auf dessen Land sie arbeiteten. Das Bürgertum, das in das niedere Bürgertum und in das höhere Bürgertum zerfiel, machte in Deutschland im Vergleich zu den Bauern eine relativ kleine Schicht aus und verfügte über keine Privilegien. An der Spitze dieser Ständegesellschaft stand der Adel, welcher zwar vom absolutistischen Herrscher politisch entmachtet worden war, aber dennoch Privilegien der Steuerfreiheit und Grundherrschaft genoss.
1 o.A > http://de.wikipedia.org/wiki/Aufkl%C3%A4rung < 28.02.2005, 15.21 Uhr
3
2.2 Die Emanzipationsbewegung des Bürgertums
Durch den Prozess der Säkularisierung verlor die Kirche ihre Orientierungsfunktion für die Menschen, der religiöse Aberglaube sollte durch den Vernunftgedanken sowie die Erkenntnisse der aufstrebenden Naturwissenschaften ersetzt werden. Im Zuge dieser Bewegung begann das höhere Bürgertum, d.h vornehmlich die ökonomisch erfolgreichen, die gottgegebene Vorherrschaft der Adeligen nicht mehr länger hinzunehmen und ihr Recht auf Selbstbestimmung zu formulieren, denn „Aufklärung“ - so hat es der deutsche Philosoph Immanuel Kant (1724 - 1805) programmatisch formuliert - „ist der Ausgang des Menschen aus seiner selbstverschuldeten Unmündigkeit […]“, „Sapere aude. Habe Mut, dich deines eigenen Verstandes zu bedienen“ 2 wurde zum Leitsatz der Bewegung. Das Bürgertum zog seine Privilegien weder aus Vorrechten der Geburt noch Besitzen, die sie geerbt hatten sondern aus seinen wirtschaftlichen und intellektuellen Leistungen. Wirtschaftlich etablierte sich das Bürgertum dadurch, dass sie die feudalistische Gesellschaft dadurch abgelöst hatten, dass der Mittelstand den freien Warentausch als allgemeine gesellschaftliche Grundlage durchsetzen konnte und das Lehnswesen zunehmend bedeutungslos werden ließ. Der intellektuelle Einfluss des Bürgertums konzentriert sich zum Beispiel sehr auf kulturelle Bereiche. So entstanden Lesezirkel, zu denen sich getroffen wurde, zahlreiche Zeitschriften erschienen, Theater wurden besucht.
2.3 Folgen der Aufklärung
Man kann behaupten, dass das Zeitalter der Aufklärung den Abschluss einer Tradition abendländischen Denkens bildete und den Weg in die Moderne wies. Natürlich zog es auch gravierende politische Folgen nach sich: „Im Amerikanischen Unabhängigkeitskrieg sahen viele europäische Aufklärer ein Zeichen für die Verwirklichung aufklärerischer Gedanken. Er ermutigte sie zu offener Kritik an den europäischen Monarchien. In Frankreich mündeten die gesellschaftlichen und politischen Umwälzungen sowie ein damit verbundenes erstarktes Selbstvertrauen des dritten Standes in der Französischen Revolution von 1789.“ 3 Die
2 Vgl. Heinz Elmar Tenorth: Die Aufklärung. Das Selbstverständnis einer Epoche. In: Rainer Winkel (Hrsg.):
Pädagogische Epochen, Düsseldorf 1988, S.125
3 o.A > http://de.encarta.msn.com/encyclopedia_761571679/Aufkl%C3%A4rung.html > 28.02.2005, 16.03 Uhr
4
Aufklärung ist nicht als einzige Ursache der französischen Revolution (1789 - 1799) zu betrachten, doch ihre Führer hatten sich radikal der Aufklärung verschrieben. Sie versuchten die Kirche zu entmachten und ordneten Kalender, Uhr, Maße, Geldsystem und Gesetze anhand von rein rationalen Kriterien neu. „Mit der französischen Revolution endete jedoch das Zeitalter der Aufklärung, da die Gewalt während der Schreckensherrschaft zwischen 1792 und 1794 die hohen Ideale der Epoche in Frage stellte. Dennoch bewirkte die Aufklärung bleibende geschichtliche Veränderungen. Sie führte zur Säkularisation weiter Bereiche der Gesellschaft und prägte die Idee vom politischen und wirtschaftlichen Liberalismus. Ihr Ideal der Menschenrechte wurde in viele Verfassungen aufgenommen. “ 4 Auf der anderen Seite provozierte die Fixierung auf die 'ratio' die Gegenbewegung der Romantik (1798 - 1835), einer literarische n und kunsthistorische n Epoche die die Wirklichkeit des ausgehenden 18. und beginnenden 19. Jh. radikal ablehnte, die Welt der Gefühle und der Sehsüchte für sich entdeckte, sich in diese zurückzog sowie sich der Sagen -und Mythenwelt des Mittelalters zuwandte.
3. Das Jahrhundert der Aufklärung als „Das pädagogische Jahrhundert“
Zur Zeit der Aufklärung entstand erstmalig ein e rzieherisches Eigenverständnis, eine Reflektion über Sinn und Zweck der Erziehung sowie über den Menschen in seiner persönlichen Entwicklung und im Kontext seiner Zuge hörigkeit zu einer Gesellschaft. was Das führte dazu, dass die Pädagogik im letzten Drittel des 18. Jahrhunderts aufgrund des Ausdifferenzierungsprozesses der Wissenschaften zu einer eigenen Disziplin wurde. Man glaubte an die Vervollkommnung ("Perfektibilität") und Versittlichung des Menschen durch die Allmacht der Erziehung, so dass das 18.Jahrhundert nicht umsonst als „das pädagogische Jahrhundert“ bezeichnet wird.
3.1 Die Familie als das 'das ganze Haus'
Neben anderen sozialen Systemen ist die Familie aus dem pädagogischen Diskurs nicht mehr wegzudenken, denn „[…] die Sozialisation in Familien kann als <
4 ebd
5
bezeichnet werden, weil Familien in der Regel die frühste und nachhaltigste Prägung des neu geborenen Gesellschaftsmitgliedes vornehmen.“ 5 In der Fachliteratur finden sich zahlreiche Definitionen von Familie, die daher rühren dass die unterschiedlichen Familienformen im Kontext ihrer historischen und kulturellen Vielfältigkeit betrachtet werden müssen und folglich einem ständigen Wandel unterliegen.
Im 17. / 18. Jahrhundert war die Familie identisch mit der Hausgemeinschaft als Verband von Blutsverwandten und Angestellten und wurde als das 'Haus' oder 'das ganze Haus' bezeichnet. Neben einem Ehepaar und ihren Kindern lebten also auch die Großeltern, Ur-Großeltern, unverheiratete Tanten und Onkel, Cousins und Cousinen sowie sämtliche Mägde, Ammen, Lehrlinge, Gesellen usw. mit ihnen in einem Haus. Arbeiten und Leben waren zwei Lebensbereiche, die untrennbar miteinander verbunden waren: „Sie verwalten und bewirtschaften gemeinsam ein gemeinschaftliches Eigentum, Herden, Äcker oder andere Produktionsmittel wie handwerkliche oder kaufmännische Betriebe im Geiste eines ständigen und ununterbrochenen verwandtschaftlichen Fortlaufs.“ 6
Selbstverständlich erscheint es in diesem Zusammenhang nur natürlich, dass es keine Liebesheiraten gab, sondern rationale Kriterien wie Zunft, Stand und Besitz darüber entschieden, welcher Mann welche Frau heiratete. Die Voraussetzung, die erbracht werden musste, um die Ehe einzugehen war die Selbstständigkeit und die Führung eines eigenen Haushaltes. Durch die Verbindung des Ehepaares wurden zwei Familien zusammengeführt, die nun eine große ergaben. Diese Familienform hatte sich aus bürgerlichem und bäuerlichem Denken entwickelt, welches sich an christlichen Werten orientierte und somit auch den Hausvater als Führer und Oberhaupt der Familie (Patriarch) ansah, dem sich alle unterzuordnen hatte, der aber auch die Verantwortung für das Haus und seine Mitglieder übernahm. Die Ehefrau, deren Leben sich im Haus abspielte, war ihrem Mann Gehorsam schuldig, wurde aber in ihrer Tätigkeit als Hausfrau doch anerkannt. Die Bedingungen, unter denen Kinder zu dieser Zeit aufwuchsen waren trotz der Sicherheit, die der Hausherr ihnen bot hart: Da sichere Methoden zur Empfängnisverhütung nicht existierten, Ehe und Elternschaft ohnehin als miteinander einhergehend betrachtet wurden war die Kinderzahl trotz der hohen Säuglingssterblichkeit recht hoch. Die Kinder wurden oft von
5 Hurrelmann, K.: Einführung in die Sozialisationstheorie, Weinheim und Basel 2002, S. 127
6 Jilesen, M.: Soziologie. Eine Einführung für Erzieherberufe. Köln-Porz 1982, S. 185
6
Arbeit zitieren:
2005, Familienerziehung zur Zeit der Aufklärung, München, GRIN Verlag GmbH
Dieser Text kann über folgende URL aufgerufen und zitiert werden:
Einbetten
DOI
Das bürgerliche Trauerspiel am Beispiel von Lessings "Miß Sara Sa...
Germanistik - Neuere Deutsche Literatur
Hausarbeit (Hauptseminar), 16 Seiten
Lug und Trug im Nibelungenlied im Zusammenhang mit der Untergangsprobl...
Germanistik - Ältere Deutsche Literatur, Mediävistik
Hausarbeit (Hauptseminar), 36 Seiten
Vom Soziologieverständnis des Norbert Elias
Soziologie - Klassiker und Theorierichtungen
Referat (Ausarbeitung), 28 Seiten
Gesellschaftsstrukturen und Zeitgeist in Hebbels "Maria Magdalena...
Germanistik - Neuere Deutsche Literatur
Hausarbeit (Hauptseminar), 17 Seiten
Methodentraining - Internetrecherche "Fußballweltmeisterschaft 20...
Geowissenschaften / Geographie - Didaktik d. Geographie
Unterrichtsentwurf, 12 Seiten
Geowissenschaften / Geographie - Bevölkerungsgeographie, Stadt- u. Raumplanung
Hausarbeit, 26 Seiten
Individualität und Rolle bei Kriemhild und Hagen
Germanistik - Ältere Deutsche Literatur, Mediävistik
Hausarbeit, 20 Seiten
Jan-Dirk Müllers "Spielregeln für den Untergang" - Eine Neuo...
Germanistik - Ältere Deutsche Literatur, Mediävistik
Hausarbeit, 18 Seiten
Über Kants Beitrag zur Aufklärung
Philosophie - Philosophie des 17. und 18. Jahrhunderts
Essay, 11 Seiten
Periglaziale Formen und Prozesse in den Alpen
Geowissenschaften / Geographie - Phys. Geogr., Geomorphologie, Umweltforschung
Seminararbeit, 26 Seiten
Germanistik - Ältere Deutsche Literatur, Mediävistik
Seminararbeit, 22 Seiten
Germanistik - Ältere Deutsche Literatur, Mediävistik
Hausarbeit (Hauptseminar), 33 Seiten
Die Stellung der Familie zur Zeit der Aufklärung: Gotthold Ephraim Les...
Germanistik - Neuere Deutsche Literatur
Zwischenprüfungsarbeit, 26 Seiten
Der Glaziale Formenschatz der Alpen
Geowissenschaften / Geographie - Phys. Geogr., Geomorphologie, Umweltforschung
Seminararbeit, 21 Seiten
Modernität des Nibelungenliedes - Kriemhild als moderne Figur
Germanistik - Ältere Deutsche Literatur, Mediävistik
Seminararbeit, 20 Seiten
»Miß Sara Sampson«. Moralvorstellungen und Geschlechterbilder in Lessi...
Germanistik - Neuere Deutsche Literatur
Hausarbeit (Hauptseminar), 25 Seiten
Erziehungsziele, Erziehungseinstellungen, Erziehungspraktiken
Hausarbeit (Hauptseminar), 25 Seiten
Anonym's Text Familienerziehung zur Zeit der Aufklärung ist nun auf dem Buchmarkt erhältlich
Anonym hat den Text Familienerziehung zur Zeit der Aufklärung veröffentlicht
Religiöse Toleranz und Literat...
Romana Weiershausen, Nina Gülcher, Wilke Insa
Die Statthalter Von Gypten Zur Zeit Der Chalifen Die Statthalter Von G...
Ferdinand Wstenfeld
Ich hab den Durchblick 2 Uhr und Zeit
2. Klasse Volksschule
Henrietta Bacovsky, Christine Drexler, Petra Schiller, Katrin Wolff
In Masken geht die Zeit. In Masks the Times Proceed
Das Werk des Maskenbildners Wo...
Frank Hörnigk
Proseminar II. Neues Testament - Kirchengeschichte
Martin Meiser, Uwe Kühneweg, Rudolf Leeb, Petra von Gemünden, Thomas Schmeller
0 Kommentare