Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung 3
2. Erk lärungsmodelle der Totalitarismustheorie zur Untersuchung des Regimecharakters
nichtdemokratischer politischer Systeme
2.1. Das klassische Totalitarismusmodell von Friedrich und Brzezinski 11
2.2. Das Totalitarismusmodell von Juan Linz 14
3. Chinas Wandel vom maoistischen Totalitarismus zum postmaoistischen Autoritarismus?
Unterschiedliche Interpretationen am Beispiel systemdefinierende r Kriterien
3.1. Die Rolle der Ideologie 19
3.2. Eine gleichgeschaltete Gesellschaft? Politische Kontrolle und Partizipationsverhalten der
Bev ölkerung 29
3.3. Die Rolle der Medien 37
4. Schlussbetrachtung 44
5. Literatur- und Quellenverzeichnis 47
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1. Einleitung
Die Volksrepublik China zählt mit 1,3 Mrd. Einwohnen nicht nur zu den bevölkerungsreichsten Ländern der Erde, sondern ist zugleich das größte nichtdemokratische Regime der Welt. Nach einem langjährigen Bürgerkrieg ergriff die Kommunistische Partei unter der Führung Mao Zedongs im Jahr 1949 die Macht. Die kommunistische Ideologie wurde aggressiv verbreitet und oftmals mit brutalen Mitteln durchgesetzt. Die Bevölkerung wurde durch zahllose Massenkampagnen indoktriniert, nahezu alle Bereiche des gesellschaftlichen Lebens wurden gleichgeschaltet. Abweichende Meinungen wurden verfolgt, Gegnern des Regimes drohte die Inhaftierung oder die Umerziehung in Arbeitslagern. Ni cht nur das Handeln, auch das Denken der Menschen sollte kontrolliert werden. Tausende Chinesen fielen den „Säuberungsaktionen“ Mao Zedongs zum Opfer.
Mit dem Tod des Republikgründers und Vorsitzenden der Kommunistischen Partei Chinas (KPCh) im September 1976 war „die übermächtige Persönlichkeit der chinesischen Politik von der Bühne getreten“ 1 Im Juli 1977 leitete sein Nachfolger Deng Xiaoping mit der „Politik von Reform und Öffnung“ 2 eine neue Ära in der chinesischen Politik ein. Die erfolgreiche Modernisierung der Wirtschaft durch die Einführung marktwirtschaftlicher Strukturen und die Abwendung vom System der sozialistischen Planwirtschaft sowie die Annäherung an die westliche Lebensweise bedeutete für weite Teile der Bevölkerung eine Verbesserung der ökonomischen Lebensgrundlage. 1993 übernahm Jiang Zemin das Amt des chinesischen Staatschefs. Nach dem Tod Deng Xiaopings 1997 bekleidet Jiang Zemin alle wichtigen Staatsämter Chinas. Die neue Führungsriege unter dem Staatspräsidenten Ju Jintao und dem Ministerpräsidenten Wen Jiabao knüpfte an den von Deng Xiaoping angestoßenen Reformprozess an und führte den Kurs der Liberalisierung energisch fort.
Seit einigen Jahren wird die Entwicklung der Volksrepublik China mit wachsendem Interesse der Weltöffentlichkeit begleitet. Dabei ruft kaum ein Land gegenteiligere Einschätzungen hervor: Auf der einen Seite wird der bemerkenswerte wirtschaftliche Aufschwung mit Erstaunen und Bewunderung beobachtet. Demgegenüber wird die politische Situation, vor allem die Missachtung der Menschenrechte, weitgehend skeptisch betrachtet. Trotz der Abnahme staatlicher Repressionen, wie sie charakteristisch für das China Maos waren, und die damit verbundene Rückgewinnung privater Freiräume, darf die gesellschaftliche Pluralisierung nicht mit der Einführung demokratisch- 1 Herrmann-Pillath,Carsten: Marktwirtschaft in China. Geschichte - Strukturen - Transformation. Opladen 1995. S.128.
2 Gu, Xuewu: Von Mao zu Deng: Chinas Wandel vom Totalitarismus zum Autoritarismus, in. Aus Politik und Zeitgeschichte, B 50. 1995. S. 38-47. S. 38.
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er Strukturen verwechselt werden. Die politische Opposition wird auch unter Jiang Zemin unterdrückt, Meinungs- und Pressefreiheit gibt es nicht.
Mit der marktwirtschaftlichen Modernisierung des Landes verfolgt die gegenwärtige Regierung unter Jiang Zemin nicht das Ziel der demokratischen Veränderung des politischen Systems, vielmehr ist der ökonomische Fortschritt ein Mittel zum Zweck der Machtsicherung der KPCh. Die Erhöhung des Lebensstandards soll die Bevölkerung Chinas davon abhalten, die Herrschaft der Partei in Frage zu stellen und nach politischen Reformen zu verlangen. 3 Gleichzeitig fürchtet der Kreis der politischen Führung um Jiang Zemin, dass eine zu rasche wirtschaftliche Liberalisierung zu sozialen Problemen führt, die wiederum den Boden für eine Protestbewegung gegen das Regime bereiten könnten. 4 Gegenwärtig beobachten wir genau dieses von der Partei befürchtete Szenario: Soziale Spannungen nehmen zu, die Kluft zwischen der armen und immer noch rückschrittlichen Landbevölkerung in den Provinzen und der wohlhabenden Stadtbevölkerung nehmen zu. Die Arbeitsbedingungen sind für weite Teile der Bevölkerung miserabel, vor allem in der Bergbauindustrie kommt es häufig zu schweren Unfällen. Die Zahl der Arbeitslosen steigt ständig an, die Schließung unrentabler Betriebe und die Entlassung der Beschäftigten entzieht vielen Familien die Existenzgrundlage. Mit Arbeitsniederlegungen wollen die Arbeiter staatliche Sozialleistungen einfordern. Immer häufiger kommt es dabei zu Zusammenstößen streikender Arbeiter mit den regionalen Behörden, welche die Proteste oftmals gewaltsam unterbinden. Waren die bisher zu beobachtenden Aufstände in der Regel Arbeitslosen- und Bauernproteste, so erheben in jüngster Zeit mehr und mehr „Arbeiter des aufblühenden chinesischen Kapitalismus“ 5 ihre Forderungen nach einem höheren Lohn und besseren Arbeitsbedingungen. Die Beschäftigten sind zudem kaum noch bereit, die sich ausweitende Korruption zu akzeptieren. Obwohl diese Unruhen überwiegend wirtschaftlich motiviert sind, bergen sie enorme Brisanz für die politische Führung in Peking. Die Reaktion der Machthaber spiegelt wider, wie groß die Angst vor einem Umschlagen der Erhebungen der ländlichen Bevölkerung in politischen Protest ist. Arbeitsniederlegungen sind in China ohne die Zustimmung der Partei illegal. Den Streikenden drohen harte Strafen, einige verschwinden spurlos. Die öffentliche Berichterstattung in den chinesischen Medien wird unterbunden. Auch die ausländischen Medienvertreter berichten nur vereinzelt über die sozialen Unruhen in China. Die beeindruckenden wirtschaftlichen Erfolge verleiten dazu, „die tatsächlichen Potenziale des Landes zu beschönigen und seine inneren Probleme und die explosive politische und
3 Vgl. Freedomhouse Report, Überblick: Online abrufbar unter:
http://www.freedomhouse.org/research/freeworld/2004/countryratings/china.htm, Zugriff am 27.10. 2004.
4 Vgl. Ebd.
5 Blume, Georg: Aufstand der Weber, in: Die Zeit, Nr. 45, 28. Oktober 2004, S. 29.
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soziale Lage zu übersehen, die nach einem Vierteljahrhundert Reformpolitik entstanden sind.“ 6 Im Juni 1989 lösten die Ereignisse auf dem Tiananmen-Platz in Peking weltweite Bestürzung aus. Mehrere tausend Menschen, überwiegend Studenten und Intellektuelle, verloren ihr Leben, nachdem sie ihre Stimme für mehr Demokratie erhoben hatten. Das Regime schlug die Demonstrationen blutig nieder. Für die internationale Staatengemeinschaft war dies der Anlass, Menschenrechtsverletzungen in China stärker als bisher zu beobachten. Angesichts der zunehmenden ökonomischen Verflechtung und der Integration Chinas in die internationale Welthandelsorganisation WTO treten moralische Bedenken gegen die problematische Menschenrechtsituation zunehmend in den Hintergrund. „Geblendet vom Transrapid-Fieber und der Gigantomanie der Skylines…nehmen viele westliche Medien, Politiker und Unternehmer nur die Schokoladenseiten des chinesischen Wirtschaftserfolgs zur Kenntnis.“ 7 So glauben einige Beobachter in der gegenwärtigen Entwicklung Chinas eine Tendenz zur Demokratisierung des Landes zu erkennen. Sie unterstellen den wirtschaftlichen Veränderungen eine katalysierende Wirkung hinsichtlich des demokratischen Regimewandels. Ausgehend von der Vorstellung, dass Marktwirtschaft und Demokratie untrennbar miteinander in Verbindung stehen, erwarten sie, dass sich das nichtdemokratische Regime zwangsläufig in ein demokratisches verwandeln wird. Meines Erachtens ist diese Einschätzung zu optimistisch. Eine marktwirtschaftliche Entwicklung muss keine Demokratisierung des politischen Systems nach sich ziehen. 8 Erwartete die Mehrzahl der Beobachter nach dem Massaker in Peking 1989 noch den baldigen Zusammenbruch des kommunistischen chinesischen Staates, so scheint die Herrschaft der KPCh heute gefestigt. Zweifellos führte der Ende der 1970er Jahre begonnene Reformprozess zu Veränderungen im politischen System Chinas. Jedoch ist gesellschaftliche Pluralisierung nicht ausschließlich ein Anzeichen für eine Demokratisierung. Wenngleich die notwendigen Mindeststandards für die Definition eines demokratisches System nicht eindeutig zu bestimmen sind, so kann im Falle des heutigen Chinas nicht davon gesprochen werden, dass sich das Land auf dem Weg zur Demokratie befindet. Entscheidender ist deshalb die Frage, mit welchen Begriffen das Wesen des nichtdemokratischen chinesischen Staates in der Ära nach Mao Zedong gefasst werden kann.
Einen Ansatzpunk t zur Beschreibung nichtdemokratischer politischer Systeme bietet die Totalitarismustheorie, welche die Unterscheidung in autoritäre und totalitäre nichtdemokratische Systeme anbietet.
Kaum ein politikwissenschaftlicher Begriff löste solch heftige und kontrovers geführte
6 Sandschneider, Eberhard: Chinas Zukunft. Projektion und Wirklichkeit, in: Internationale Politik, 58. Jahrgang, Nr. 2. 2003. S. 10-16. S. 11.
7 Ebd.
8 Vgl. Linz, Juan: totalitäre und autoritäre Regime. Berlin 2000. S. XLI.
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Diskussione n aus wie der des Totalitarismus. Der Begriff hat seinen Ursprung in Italien. Dort tauchte er in den 1920er Jahren zum ersten Mal auf, um den faschistischen Staat Mussolinis zu charakterisieren. Die Gegner des Regimes warfen Mussolini vor, einen stato totalitario, einen totalen Staat zu errichten. Jedoch griffen auch Vertreter des Regimes den Begriff auf, um ihr Staatsverständnis zu beschreiben. Der Führer der katholischen Volkspartei Luigi Sturzo verwendete die Bezeichnung Totalitarismus erstmals in vergle ichender Hinsicht: Indem Sturzo Parallelen zwischen dem bolschewistischen System in der Sowjetunion und dem faschistischen Italien herstellte, attestierte er beiden Systemen eine Wesensverwandtschaft. Der Faschismus sei ein „Rechtsbolschewismus“, während der Bolschewismus ein „Linksfaschismus“ sei. 9 Beide Regime lehnten die parlamentarische Demokratie entschieden ab. 10 Anfang der 1930er Jahre begann im deutschsprachigen Raum die Diskussion um den Totalitarismusbegriff. Carl Schmitt u.a. forderten die Errichtung eines „totalen Staates“, in dem die vollständige Integration der Gesellschaft in den Staat verwirklicht werden sollte. Nachdem Hitler die Macht übernommen und ein solches Regime geschaffen hatte, setzte sich in fast allen politischen Lagern die Auffassung über die Gleichartigkeit des deutschen „totalitären“ Systems mit dem sowjetischen Regime durch. Aufgrund ihrer ähnlichen Merkmale wurden beide Regime dem Totalitarismus zugeordnet und miteinander gleichgesetzt. Die Debatte um die Gleichartigkeit demokratieablehnender Staaten, unabhängig von ihrer ideologischen Ausrichtung, erreichte in den 1930er Jahren auch den französischen, angelsächsischen und amerikanischen Raum. „Aus einem politischen Kampfbegriff war eine politologische Theorie geworden.“ 11 Diese erste Phase der Totalitarismusdiskussion wurde angesichts der Unterstützung der Sowjetunion im Kampf gegen Hitlerdeutschland durch die westlichen Staaten 1941 beendet. Es schien nicht mehr legitim, das Regime des Verbündeten Stalin mit dem negativ besetzten Begriff totalitär zu charakterisieren und mit dem nationalsozialistischen Regime gleichzusetzen. Mit dem Beginn des Kalten Krieges nahm die Debatte eine andere Richtung. Um die Überlegenheit der westlichen demokratischen Kultur gegenüber der Sowjetunion zu demonstrieren, wurden erneut die Parallelen zwischen Kommunismus und Nationalsozialismus herausgestellt.
Die analytische Erfassung des Totalitarismus wurde von der in die USA emigrierten deutschen Philosophin und Politikwissenschafterin Hannah Arendt eingeleitet. In der Auseinandersetzung mit dem Nationalsozialismus entwarf sie ein Modell, welches Terror als definierendes Merkmal totalitärer Herrschaft in den Mittelpunkt stellt. Im Gegensatz zu Arendts normativem Ansatz
9 Vgl. Wippermann, Wolfgang: Totalitarismus/Totalitarismustheorie, in: Nohlen, Dieter (Hrsg.): Wörterbuch Staat und Politik. Lizenzausgabe der 3. Auflage 1995 für die Bundeszentrale Politische Bildung. Bonn 1998. S. 784-786. S. 784.
10 Vgl. Ebd.
11 Ebd.
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entwickelte Carl Joachim Friedrich gemeinsam mit Zbigniew Brezinski eine deskriptivtypologische Theorie 12 , welche die Charakterisierung nichtdemokratischer Systeme anhand von sechs Wesensmerkmalen ermöglichen sollte. Neben Hannah Arendts Definition blieb das klassische Totalitarismusmodell von Friedrich und Brzezinski lange Zeit der dominante Ansatz in der Totalitarismustheorie. Großen Einfluss gewann auch die Typologie von Juan Linz. Mit dem in den 1970er Jahren zunächst als Aufsatz, wenig später als Monographie veröffentlichten „Totalitarian and authoritarian Regimes“ leistete Linz einen Beitrag zur stärkeren Systematisierung der Gruppe nichtdemokratischer Staaten. Er unterscheidet allgemein zwischen totalitären und autoritären Regimen und bildet zudem Subtypen dieser.
Wurde die wissenschaftliche Auseinandersetzung während des Kalten Krieges oftmals auf die Untersuchung des Nationalsozialismus und den sowjetischen Kommunismus verkürzt, so bedeutete der politische Zusammenbruch der Sowjetunion und ihrer Satellitenstaaten eine einschneidende Zäsur für die Totalitarismusforschung. 13 Nachdem sich deutsche Wissenschaftler bislang vor allem mit dem Nationalsozialismus auseinandergesetzt hatten, verstärkte sich nun das Interesse an der Erforschung der Geschichte der DDR. Nachdem im „Historikerstreit“ bereits Ende der 1980er Jahre eine Kontroverse über die Vergleichbarkeit der nationalsozialistischen Herrschaft mit dem Regime in der DDR begonnen hatte, verstärkte sich ab 1990 das Interesse der deutschen Totalitarismusforscher an der Aufarbeitung des SED Regimes. Auch heute behindern ideologische Bedenken die komparative Betrachtung der beiden deutschen Diktaturen des 20. Jahrhunderts. Die Kritiker des Systemvergleichs werden dabei von einem Irrtum geleitet, der aus der sprachlichen Unschärfe entsteht: Meist werden die Begriffe „vergleichen“ und „gleichsetzen“ synonym verwendet, ohne die eigentliche Bedeutung der Worte zu berücksichtigen. 14 Das Argument, man könne den Kommunismus und den Nationalsozialismus nicht vergleichen, weil beides s o verschiedenartig sei, ist schon deshalb obsolet, weil diese Begründung ebenfalls erst durch einen Vergleich der Regime zustande kam.
Mit dem Ende des Kommunismus in der Sowjetunion schien für einen Teil der Totalitarismustheoretiker auch ihr Forschungsfeld verloren. Sie plädierten für die Aufgabe des Begriffes Totalitarismus, weil das ihrer Meinung nach einzig verbliebene totalitäre Regime der Gegenwart untergegangen war. Sie hielten die Totalitarismustheorie für ungeeignet, gegenwärtige und zukünftige nichtdemokratische Regime zu charakterisieren. Ein weiterer Kritikpunkt am
12 Vgl. Beyme, Klaus von: Totalitarismus - zur Renaissance eines Begriffes nach dem Ende der kommunistischen Regime, in: Siegel, Achim (Hrsg.): Totalitarismustheorien nach dem Ende des Kommunismus. Köln, Weimar 1998. S. 23-36. S. 26.
13 Vgl. Jesse, Eckhardt: Die Totalitarismusforschung im Streit der Meinungen, in: Jesse, Eckhardt (Hrsg.): Totalitarismus im 20. Jahrhundert. Eine Bilanz der Internationalen Forschung. 2. Auflage. Bonn 1999. S. 9-40. S. 9.
14 Vgl. Ebd. S. 10.
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Totalitarismusansatz war die scheinbare Untauglichkeit des Konzeptes, den Wandel und Zusammenbruch nichtdemokratischer Staaten zu prognostizieren. 15 Bevor der Totalitarismusansatz verworfen werden kann, müssen jedoch bessere Konzepte als Alternative gefunden werden. 16 Vor dem Hintergrund der Transformationsforschung entwickelte Wolfgang Merkel in den 1990er Jahren ein Systemmodell, welches vor allem die postkommunistischen Regime in den ehemaligen sowjetischen Staaten erklären helfen soll. Anders als Juan Linz, der Subtypen von autoritären und totalitären Regimen bildet, leitet Merkel Untergruppen von der Demokratie ab, welche er beispielsweise als „Demokratie mit Adjektiven“ bezeichnet.
Ein grundlegendes Problem der Totalitarismusforschung besteht darin, dass der Umgang mit dem Totalitarismusbegriff durch seine Doppeldeutigkeit erschwert wird. 17 „Einerseits empirischanalytisch, andererseits normativ-wertend, wird er zum einen zur Analyse von Herrschaftssystemen, zum anderen zu ihrer 18 Bewertung verwandt, ohne daß diese beiden Ebenen immer klar voneinander getrennt werden.“ 19 Meines Erachtens sollten die Begriffe autoritär und totalitär adjektivisch verwendet werden, um die Eigenschaften nichtdemokratischer politischer Systeme zu bezeichnen. 20 Autoritarismus und Totalitarismus beziehen sich dann sowohl auf den Herrschaftsanspruch der Regierenden als auch auf die tatsächliche Durchsetzungsfähigkeit des Regimes, d.h., inwiefern das Regime die Herrschaftsunterworfenen für die eigenen Ziele mobilisieren kann und auch bestrebt ist, ihren Herrschaftsanspruch durchzusetzen.
Die Totalitarismustheorie bietet gegenwärtig eine Vielzahl an Modellen zur Analyse nichtdemokratischer Regime an. Angesichts vieler bedeutender Ansätze kann man also nicht von „der“ Totalitarismustheorie sprechen. 21 Dieser Modellpluralismus ist in der Totalitarismusforschung umstritten: Einerseits, so das Argument einiger Wissenschaftler, bringe das Vorhandensein einer Vielzahl an Modellen die wissenschaftliche Untersuchung eines Regimes voran. Gabriel Almond plädiert dafür, besser „„mit einer ganzen Batterie von Modellen zu arbeiten, als mit nur einem einzigen; die „theoretische Analyse mit vielen Modellen“ ermögliche ein sichereres Verständ nis“. 22 Andererseits besteht in dem Vorhandensein einer Vielzahl an Modellen die Gefahr, dass wissenschaftliche Erkenntnis durch die willkürliche Auswahl eines Ansatzes determiniert wird. Ein angenommenes oder gewünschtes Ergebnis kann durch die Wahl eines bestimmten Ansatzes bestä-
15 Vgl.Jesse (1999), S. 9.
16 Vgl. Sartori, Giovanni: Totalitarismus, Modellmanie und Lernen aus Irrtümern, in: Jesse, Eckhardt (Hrsg.): Totalitarismus im 20. Jahrhundert. Eine Bilanz der Internationalen Forschung. 2. Auflage. Bonn 1999. S. 572-589. S. 577.
17 Vgl. Jesse (1999), S. 9.
18 Ebd.
19 Ebd. S. 10.
20 Vgl. Sartori, Giovanni: Demokratietheorie. Darmstadt 1997. S. 206.
21 Vgl. Jesse (1999), S. 20.
22 Sartori (1999), S. 578.
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tigt werden. Es ist fraglich, inwiefern der Wunsch, bestimmte Aussagen erzeugen zu wollen der Totalitarismusforschung dienlich ist. Die Einordnung und Bewertung der tatsächlichen Gestalt eines politischen Systems ist so kaum möglich. Zweifellos erzeugt die Untersuchung eines Regimes aus der Perspektive unterschiedlicher Totalitarismusansätze ein differenziertes Bild eines nichtdemokratischen Staates, der Blick wird über die Grenzen eines einzelnen Erklärungskonzeptes hinaus auf weitere interessante Gesichtspunkte gelenkt, welche das eigene Bild ergänzen oder auch konterkarieren können.
Allerdings ist die Untersuchung eines nichtdemokratischen Regimes mit einem Ansatz mit mehreren Totalitarismusmodellen problematisch, weil fraglich ist, wie diese verschiedenen, auf der Grundlage eines bestimmten Modells zutreffenden Aussagen zu einem Gesamtbild zusammengefügt werden können, welches die Gestalt eines politischen Systems treffend charakterisiert. Dieses Problem lässt sich am Beispiel des postmaoistischen Chinas verdeutlichen. Ziel dieser Untersuchung ist es, den Systemcharakter Chinas seit dem Ende der Ära Mao Zedongs auf der Grundlage eines Ansatzes mit mehreren Totalitarismusmodellen festzustellen. Nicht nur aufgrund des Modellpluralismus, sondern auch angesichts der widersprüchlichen Eindrücke, die das heutige China vermittelt, ist die Bestimmung des Systemcharakters umstritten. „Das „Faszinosum China“ erlaubt es jedem zu sehen, was er sehen möchte.“ 23 War die Einordnung des Regimes während der Herrschaft Mao Zedongs zum Subtyp des Totalitarismus relativ eindeutig, so ist die derzeitige Identität des Systems schwieriger zu definieren. Deng Xiaoping galt vielen Beobachtern zwar als Förderer der wirtschaftlichen Liberalisierung, gleichzeitig wurde in ihm ein Bremser der politischen Erneuerung gesehe n. 24 Veränderungen kamen in diesem Bereich nur mühsam voran. Dies veranlasste zu dem Urteil, China sei zwar wirtschaftlich liberalisiert, aber politisch noch immer totalitär. 25 Gegenwärtig dominiert die Einschätzung, dass das postmaoistische Regime als autoritär definiert werden kann. Jedoch wird dieser Begriff zumeist verwendet, ohne auf ein analytisch-theoretisches Erklärungsmodell Bezug zu nehmen. Ausgehend von der von Juan Linz entwickelten Systematik bezeichnet Sebastian Heilmann das gegenwärtige politische System in China als „fragmentierten Autoritarismus“. 26 Heilmann argumentiert, dass sich China seit dem Tod Mao Zedongs zwar weitgehend, aber noch nicht vollständig von seinem totalitären Charakter entfernt habe, sondern zwischen Krisen- und Normalmodus unterschieden werden müsse. Das nichtdemokratische System sei weder eindeutig autoritär, noch totalitär. Dieser Einschätzung widerspricht Suijan Guo in seiner im Jahr 2000 erschienenen Studie „Post-Mao China“. 27
23 Sandschneider (2003), S. 12.
24 Vgl. Gu (1995), S. 38.
25 Vgl. Gu (1995), S. 38.
26 Heilmann, Sebastian: Das politische System der Volksrepublik China. Wiesbaden 2002. S. 63.
27 Guo, Sujian: Post-Mao China. Fro m Totalitarianism to Authoritarianism? Westport, Connecticut, London 2000.
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Guo w endet eine modifizierte Form des klassischen Totalitarismusmodells von Friedrich und Brzezinski an und kommt zu dem Schluss, China habe sich in den letzten zwei Dekaden nicht vom Totalitarismus entfernt. Zwar unterscheidet sich das derzeitige politische System von dem der MaoÄra, die Veränderungen seien jedoch nicht so grundlegend, dass von einem Systemwandel gesprochen werden kann.
Ausgehend von der Annahme, dass ein Ansatz mit vielen Modellen keine eindeutigen Aussagen über die Regimeidentität eines nichtdemokratischen politischen Systems ermöglicht, kann es nicht das Ziel dieser Untersuchung sein, das chinesische Regime einem bestimmten Subtyp zuzuordnen. Vielmehr soll mittels der gewählten Herangehensweise ein realitätsgerechtes Bild des gegenwärtige n Chinas gezeichnet werden. Auf der Grundlage der beiden Modelle von Juan Linz und Friedrich und Brzezinksi, sollen die gegensätzlichen Interpretationen in Bezug auf Ausprägung der Identität des postmaoistischen Systems Chinas dargestellt werden. Weil jeder Ansatz nur einen Ausschnitt der Wirklichkeit beleuchtet, ergibt erst die Betrachtung von zwei Seiten ein vollständiges Bild der gegenwärtigen Volksrepublik China. Vorausgesetzt, dass jedes Modell aufgrund seiner unterschiedlichen Analysekriterien und deren Interpretation wahre Aussagen produziert, soll dabei folgende Fragestellung im Mittelpunkt stehen: Inwiefern evozierte der in Folge des Reformkurses angestoßene Prozess der Pluralisierung eine Veränderung des Systemcharakters vom maoistischen Totalitarismus zum postmaoistischen Autoritarismus? Deuten die widersprüchlichen Interpretationen des Regimecharakters darauf hin, dass das System ein Mischsystem aus Totalitarismus und Autoritarismus? Lässt sich das Wesen des postmaoistischen chinesischen Staates eventuell besser mit einem anderen Begriff beschreiben? Ausgangspunkt der Darstellung ist die Beschreibung der Konzeptionen von Juan Linz und Friedrich und Brzezinski. Anschließend sollen mögliche systemdefinierende Merkmale herausgegriffen werden und der Wandel, der sich seit dem Ende der Mao-Ära in dem jeweiligen Bereich vollzogen hat dargestellt werden. Diese Arbeit dient nicht der exakten Prüfung der Tauglichkeit des Linz’schen und des Friedrich’schen Totalitarismusmodells, sondern der
Veranschaulichung der unterschiedlichen Interpretationen der Entwicklung Chinas, welche sich vor dem Hintergrund verschiedener Analysemodelle ergeben. Die Auswahl der Kriterien mag auf den ersten Blick willkürlich erscheinen und bietet notwendigerweise nur eine ausschnitthafte Beschreibung des tatsächlichen Veränderungsprozesses. Die Untersuchung beschränkt sich jedoch auf die Darstellung der Rolle der Ideologie und der Bedeutung der politischen Kontrolle der Gesellschaft und der Medien, weil anhand dieser Merkmale die widersprüchlichen Einschätzungen besonders deutlich herausgearbeitet werden können.
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Evelyn Zschächner, 2004, Modellpluralismus in der Totalitarismustheorie - Schwierigkeiten bei der Ermittlung der Regimeidentität des postmaoistischen China, München, GRIN Verlag GmbH
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