Lisa Hann WS 2004 05 KO Literaturgeschichte
INHALTSVERZEICHNIS
1. EINLEITUNG 3
2. KLEINE CHRONOLOGIE: DIE GESCHICHTE DER WIENER GRUPPE 3
3. WERKÜBERSICHT 5
4. DIE SPRACHE ALS FORSCHUNGSGEGENSTAND ALS
INSTRUMENT 7
4.1 Die Methode: Konkrete Poesie 8
4.2 Ein Beispiel 8
5. ANHANG 11
5.1 Lebensdaten 11
5.2 Publikations und Rezeptionsboykott 12
5.3 Das (vollständige) Lehrbuch der böhmischen Sprache 13
5.4 Bibliographie 14
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Lisa Hann WS 2004/05 KO Literaturgeschichte
1. Einleitung
Der Sammelband „Die Wiener Gruppe“ bietet aufgrund seiner Dichte – er enthält die verschiedensten Textarten und bietet zugleich einen Überblick über das Schaffen der einzelnen Mitglieder sowie über die Gemeinschaftsarbeiten und Aktionen – unheimlich viel Stoff für eine Proseminararbe it. Daher ist dies der Versuch die Wiener Gruppe vorzustellen, ihr Werk und die dahinter stehende Philosophie zu erklären und an einem Beispiel anzuwenden und nicht jener der Interpretation der einzelnen Texte des Bandes.
2. Kleine Chronologie: die Geschichte der Wiener Gruppe
Die „Wiener Gruppe“ entstand aus dem 1946 gegründeten „Artc lub“, einer internationalen Vereinigung von bildenden Künstlern und später auch Literaten und Musikern. Er war das Sammelbecken aller fortschrittlichen künstlerischen Tendenzen in Wien.
Die raren Informationen und Bücher zu den avantgardistischen Strömungen (Dadaismus, Expressionismus, Surrealismus, Konstruktivismus) wurden dort begierig aufgenommen. 1952 lernten sich dort Artmann und Rühm kennen. Artmann beschäftigte sich damals vor allem mit der schwarzen Romantik 1 und dem Surrealismus. 2 Im folgenden Jahr verkündete Artmann die „acht-punkte-proklamation des poetischen actes“, aus der sich schon eine bestimmte Ausrichtung erkennen lässt: „es gibt einen satz, der unangreifbar ist, nämlich der, dass man dichter sein kann, ohne auch irgendjemals ein wort geschrieben oder gesprochen zu haben.“ 3 Vorraussetzung sei allerdings „poetisch handeln“ zu wollen. Diese Definition des Schriftstellers, die sich auf dessen Produkt, die Literatur, auswirkt und somit auch diesem eine erweiterte Bedeutung zukommen lässt, suggeriert zugleich eine neue, von Offenheit, Veränderung und vom Sichtbarmachen von Systemen geprägte Geisteshaltung. 4
1 Tendez des 19. Jahrhunderts, namentlich der Romantik und Dekadenzliteratur, sich dem Abseitig- Exzessiven, Schaurig- Dämonischen, Satanischen und Phantastisch- Grotesken zuzuwenden. Kennzeichen sei nach Praz ein verfeinert- dekadenter Ästhetizismus, der in einer stark erotisch- sensitiven und übersteigert - morbiden Haltung (auch innerhalb der Dichtung) münde. Vgl. z.B. Gero von Wilpert. Sachwörterbuch der Literatur. Stuttgart: Alfred Kröner, 2001. oder Mario Praz. Liebe, Tod und Teufel: Die schwarze Romantik. München: DTV, 1994. 2 Die gesamte Wiener Gruppe grenzte sich allerdings klar gegen den unter anderen von Paul Celan vertretenen Postsurrealismus ab, zu dem sich Rühm wie folgt äußerte: „(…) lehnten wir als symbolisch verpanschten aufguss ab – das war drauf und dran, eine neue mythisierung einzurichten.“ Zit. nach: Die Wiener Gruppe: Achleitner, Artmann, Bayer, Rühm, Wiener. Texte, Gemeinschaftsarbeiten, Aktionen. Hg. Gerhard Rühm. Reinbeck bei Hamburg: Rowohlt, 1967, 1985. S. 9.
3 Zit. nach: Ebd.
4 Vgl. u. a. verschiedenste Aktionen der Wiener Gruppe (die Prozession „une soirée aux amants funèbres,…).
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1956 folgte die Konstituierung als Gr uppe, deren Attribute Rühm treffend beschrieb: „die gruppierung ergab sich keineswegs aus einem definierten programm, sondern vor allem auf grund persönlicher sympathien und wohltuender übereinstimmung. (…) es brauchte nichts festgelegt werden, denn wir verstanden uns. (…) und eben die kluft zwischen unseren und den kriterien oder fehlenden kriterien unserer kollegen setzte uns von ihnen als „gruppe“ ab.“ 5 Erste Gemeinschaftsarbeiten entstanden.
Im „Neuen Kurier“, am 23. 06. 1958, verwendete Dorothea Zeemann erstmals die Bezeichnung „Wiener Dichtergruppe“. Allerdings war, was sich hinter dieser Bezeichnung verbarg, nicht in einem Ausdruck vereinbar. Die Gruppe war keine homogene und es gab erhebliche Auffassungsunterschiede. Den „Mitgliedern“ missfällt die Bezeichnung, da es zwar ähnliche Ziele gab, aber jeder seinen eigenen, „anderen“ Beitrag 6 zum Erlangen dieser lieferte. Zudem hatten alle auch Projekte außerhalb der Gruppe.
Treffpunkte waren verschiedene Wiener Lokale; zu Beginn der vom Artclub gemietete „Strohkoffer“, später das „Café Glory“ in der Nähe der Universität Wien usw.
Oft wird die Gruppe in 3 Flügel aufgeteilt: den experimentell- konstruktiven mit Rühm, Bayer und Achleitner, den surreal - phantastischen mit Artmann und den monomanischen Rigorismus Wieners. 7 Rühm hebt sich mit seinem konstruktivistischen Ansatz von Artmanns surrealistischem gewissermaßen ab, in dem er sein Schaffen als Arbeit mit und nicht wie die Surrealisten bloß in der Sprache bezeichnete. 8
Mit Artmanns erstem Erfolg durch den Gedichtband „med ana schwoazzn dintn“, der ihn auf Kosten seiner anderen Arbeiten als innovativen Dialektdichter bekannt machte, kam auch sein Ausstieg aus der Gr uppe. Bei ihm schien die poetische Inhaltlichkeit der Sprache von vornherein oberstes Primat und die Konzentration auf das Formale nur eine vorübergehende Sache zu sein. 9
5 Zit. nach: Die Wiener Gruppe. S. 12.
6 Vgl. das individuell verschiedene Interesse an unterschiedlichen Strömungen (aus dem sich vielleicht die Einteilung Hartungs in die „3 Flügel“ ergab), das sich auch auf die Arbeiten der Gruppe auswirkte. 7 Vielleicht aus einem Gefühl der Ohnmacht heraus wird schubladisiert, wenn der Ordnungswille nach einer klaren Koordination verlangt. Dass es bei einer Gruppe von fünf Menschen gleich drei Flügel gibt scheint doch grotesk. Auch Heinz G. Kurz ist mit dieser Einteilung, die zu viel ausschließt, nicht einverstanden. Eine weitere Möglichkeit bietet die Abgrenzung Artmanns von den anderen Mitgliedern aufgrund des Alters. Vgl.: Harald Hartung. Experimentelle Literatur und konkrete Poesie. Göttingen: Vandenhoeck & Ruprecht, 1975. S. 35. und Horst Guenter Kurz. Die Transzendierung des Menschen im „Bio-Adapter“ : Oswald Wieners „Die Verbesserung von Mitteleuropa, Roman“. Ohio: Diss., 1992. S. 18.
8 Vgl. Die Wiener Gruppe. S. 9.
9 Clemens K. Stepina. „Konrad Bayer und die Wiener Gruppe.“ New German Review: A Journal of Germanic Studies. Volume 15/16 (1999- 2001). http://www.humnet.ucla.edu/ngr/ngr17/KONRAD_BAYER.htm. Zugriff: 20. 11. 2004.
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Gründe für das Fehlen von theoretisch- erklärenden Schriften während des Bestehens der Gruppe könnten die Tendenz zur Provokation, die durch theoretische Vermittlung entschärft worden wäre und die direktere, sinnlichere Beziehung zum sprachlichen Material sowie die theoretische Reflexion im Gruppengespräch sein. 10
1958/59 wurden – bereits ohne Artmann – die „Literarischen Cabarets“ aufgeführt. Es kam immer wieder zu Unstimmigkeiten. 1959- 1960 wurde Bayer ausgeschlossen. Die endgültige Auflösung erfolgte 1964, kurze Zeit nachdem Rühm und Bayer über ein neuerliches Treffen gesprochen hatten, durch den vermeintlichen Freitod Bayers am 10. 10. 1964.
Achleitner widmete sich nun wieder der Architektur, Rühm der Musik, der bildenden Kunst und der Literatur, Wiener und zeitweise auch Rühm gesinnten sich zum Wiener Aktionismus 11 . 1959- 67 arbeitete Wiener als Programmierer bei Olivetti, eröffnete dann in Berlin eine Kneipe und emigrierte 1986 nach Kanada.
3. Werkübersicht
Das Werk der Wiener Gruppe ist von einer außergewöhnlichen Vielfalt an Ausdrucksformen bzw. Gattungen 12 geprägt. Sie scheinen sich der Kunst bedient zu haben, um aktiv Gesellschaftskritik zu üben und um im Experiment die Funktionen der Sprache bzw. die Sprache als Regelsystem zu erforschen. 13 Auch mit nicht- literarischen Kunstformen wurde gearbeitet. So finden sic h im Nachtrag von „Die Wiener Gruppe“ 14 einige Photographien und im Werkverzeichnis sind nicht nur eigene
10 Vgl.: Hartung. Experimentelle Literatur und konkrete Poesie. S. 46.
11 Eine österreichische Strömung der Aktionskunst, die sich nach 1960 entwickelte. Die Aktionen thematisierten Sexualität, körperliche Befindlichkeiten, Verletzbarkeit und Tod. Sie griffen in meist provozierender Form gesellschaftliche und religiöse Tabus an (z. B. die rituellen Tieropfer von Hermann Nitsch) und propagierten eine Emanzipation von kulturellen Zwängen mit Hilfe einer Katharsis durch Kunst. Zu den unterschiedlichen Tendenzen im Wiener Aktionismus und in der Wiener Gruppe vgl. Ferdinand Schmatz. „Wiener Aktionismus und Wirklichkeit.“ Sinn & Sinne: Wiener Gruppe, Wiener Aktionismus und andere Wegbereiter. Wien: Verlagsgesellschaft m.b.H., 1992. S. 22ff 12 Den Begriff Gattung verwende ich nach der Definition aus: Gero von Wilpert. Sachwörterbuch der Literatur. Stuttgart: Kröner, 2001. S. 290- 292. Demnach kann der Begriff „Gattung“ sowohl für die 3 „Naturformen der Poesie“, sowie für die unterschiedlichen „Dichtarten“ – die zahlreichen Untergattungen der Gattungs- Trias – stehen. Es stellt sich allerdings die Frage inwiefern manche Texte überhaupt einer bestimmten Gattung exakt zuordenbar sind.
13 Zum Thema Sprache siehe 4.
14 Äußeres Merkmal des Buches ist die Kleinschreibung, für die sich die Gruppe einsetzte. Die Wiener Gruppe: Achleitner, Artmann, Bayer, Rühm, Wiener. Texte, Gemeinschaftsarbeiten, Aktionen. Hg. Gerhard Rühm. Reinbeck bei Hamburg: Rowohlt, 1967, 1985.
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Lisa Hann, 2005, Die Wiener Gruppe: Ein Einblick, Munich, GRIN Publishing GmbH
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