Das Attentat auf Hitler am 20. Juli 1944 - Rezeption im Wandel
Inhaltsverzeichnis Seite
1. Einleitung 2
2. Das Attentat vom 20. Juli 1944 - ein historischer Überblick 3
3. Rezeptionsgeschichte in den beiden deutschen Nachkriegsstaaten 6
3.1. Zur Rezeption des deutschen Widerstandes in der Bundesrepublik Deutschland 6
3.1.1. Vom Vorwurf des Verrates bis zur Annerkennung 6
3.1.2. Der Remer-Prozess 7
3.1.3. Instrumentalisierung in den fünfziger Jahren 8
3.1.4. Theodor Heuss: Rede Vermächtnis des Widerstandes 9
3.1.5. Beginn der 60er Jahre - eine sich wandelnde politische Landschaft 9
3.2. Zur Rezeption des deutschen Widerstandes in der DDR 11
3.2.1. Erste Phasen des Gedenkens 11
3.2.2. Instrumentalisierung des kommunistischen Widerstandes 12
3.3. Gemeinsame Würdigung nach der deutschen Wiedervereinigung 14
4. Das Vermächtnis des Widerstandes und seine Bedeutung für die
Bundesrepublik nach 1945 15
4.1. Hindernisse 15
4.2. Kontoversen über die Zukunftspläne 16
4.3. Der symbolische Charakter der Tat 17
4.4. Die Menschenwürde 18
5. Schlussbetrachtung 18
6. Literaturverzeichnis 20
2
1. Einleitung
Das gescheiterte Attentat auf Hitler am 20. Juli jährte sich im Jahr 2004 zum sechzigsten Mal. Der Attentatsversuch war und ist bis heute ein Symbol des deutschen Widerstandes gegen den Nationalsozialismus. In zahlreichen Büchern, Aufsätzen und Reden wurde der Umsturzversuch dargestellt und bewertet. Die Tat gilt als einzige realistische Chance 1 , den Sturz des NS-Regimes herbei zu führen. Noch heute bleibt der 20. Juli ein schwieriger Gedenktag. Immer wieder löste das Thema mal mehr, mal weniger heftige Kontroversen in der Bundesrepublik aus, die stets von einer Instrumentalisierung durch die Politik begleitet waren 2 .
Der Wandel des Widerstandsbildes vollzog sich nur langsam in der Öffentlichkeit und der Wissenschaft. Es dauerte lange, bis die deutschen Widerstandskämpfer ihren angemessenen Platz im Geschichtsbild der Deutschen fanden. Das Ziel dieser Arbeit besteht darin, den Konflikt, der das Gedenken an den deutschen Widerstand, seit der Neuordnung der Bundesrepublik begleitet, aufzuzeigen und die Bedeutung des deutschen Widerstandes für das Leben und Denken der Bundesrepublik nach 1945 zu erfassen.
Zu diesem Zweck soll zunächst einmal ein historischer Überblick über den Umsturzversuch am 20. Juli und seine Vorgeschichte gegeben werden. Hierbei werde ich mich verstärkt auf den Kreisauer Kreis und den Goerdeler Kreis konzentrieren, bevor das Attentat selbst näher betrachtet wird. Die geschichtliche Einordnung des Umsturzversuches ist gewichtig, denn ohne den Kern des Geschehnes zu kennen, wird das Verstehen der daraus resultierenden Kontroversen nicht gut genug verstanden.
Im folgendenden soll dann die historisch-politische Bewertung des deutschen Widerstandes in der Rezeptionsgeschichte der BRD und der DDR näher betrachtet werden. Sowohl in der BRD als auch in der DDR erhielt die Erinnerung an den Widerstand früh einen festen Platz im politischen Bewusstsein, jedoch hatten beide deutschen Staaten differenzierte Bilder vom Widerstand 3 . Die Auseinandersetzung mit dem deutschen Widerstand erfolgte in den beiden Staaten in verschiedenen Phasen. Der deutsche Widerstand wurde seit der Neugründung der BRD und DDR politisch Instrumentalisiert. Die Rezeptionsgeschichte befand sich in einem stetigen Wandel. Von dem Vorwurf des Verrats über die politische Verklärung bis hin zur kritischen Auseinandersetzung nach der Widervereinigung vollzog sich die Wirkung des
1 Vgl dazu z.B. Peter Hofmann: Widerstand gegen Hitler und das Attentat vom 20. Juli 1944;
4., überarbeitete Aufl.. Konstanz 1994.
2 Zu der Re zeption des deutschen Widerstandes vgl. Peter Steinbach: Widerstand im Widerstreit. Der
Widerstand gegen den Nationalsozialismus in der Erinnerung der Deutschen; ausgewählte Studien. 2.,
2 wesentlich erw. Aufl.. Paderborn 2001.
3 Vgl. Wolfgang Benz: Der 20. Juli 1944 und der Widerstand gegen den Nationalsozialismus. Erfurt 2004, S.12.
3
Widerstandes. Dabei zeigte sich in der Interpretation des Widerstandes stets auch das Verhältnis zum anderen deutschen Staat. Auch sechzig Jahre nach dem gescheiterten Attentat bleibt die Frage nach der Substanz des Widerstandes aktuell. Im vierten Abschnitt wird das Vermächtnis des Widerstandes und seine Bedeutung für die Bundesrepublik bewertet werden, bevor ich in der Schlussbetrachtung die Ergebnisse dieser Arbeit noch einmal zusammenfasse.
Das Attentat vom 20. Juli 1944 - ein historischer Überblick 4 2.
Opposition und Attentatsversuche gab es in vielen Formen. Die Motive zum Widerstand waren so vielfältig wie die Einzelpersonen und Gruppen. Alle Attentatsbemühungen scheiterten meist durch pure Zufälle bzw. durch die Unplanmäßigkeit Hitlers. Der Widerstand bereitete dem NS-Regime beträchtliche Sorgen 5 .
Dennoch blieb der Widerstand gegen den Nationalsozialismus in Deutschland immer nur Sache einer kleinen Minderheit, denn die breite Basis oder gar ein Volks- bzw. Massen-widerstand fehlte. Unter diesen Umständen kommt den Versuchen des bürgerlichkonservativen Lagers große Bedeutung zu. „Das unmittelbare Ziel, der Sturz der nationalsozialistischen Diktatur Hitlers, war gemeinsam; die Ziel- und Verwirklichungs-vorstellungen für die Zeit danach waren es nicht.“, so Peter Hoffmann 6 . Das Bürgertum stand lange dem NS-Staat mehrheitlich mit Sympathien gegenüber. Die Regierung wurde, nicht nur von der deutschen Öffentlichkeit, sondern auch in anderen Ländern akzeptiert. Durch den anfänglichen Erfolg der Nationalsozialisten war nur eine kleine Minderheit von Anfang an skeptisch. Diese Minderheit zeigte ihre Opposition nach außen höchstens durch Verweigerung. Die wachsende moralische Empörung Einzelner, führte 1938/39 dazu 7 , dass einige zur Einsicht gelangten und zum politischen Widerstand übergingen. Es entstanden Unruhen durch die Radikalisierung der Politik und die außenpolitischen Bestrebungen Hitlers. Es wurde nach dem Ausbruch des Krieges über eine Neuordnung nach Hitler nachgedacht und auch Pläne zum Sturz des Diktators gefasst.
4 Bei der hier vorliegenden Darstellung des Attentats vom 20. Juli folge ich, soweit nicht anders angegeben,
Benz: Der 20. Juli 1944 und der Widerstand gegen den Nationalsozialismus. a.a.O., S. 5-10, S. 47-69.
5 Vgl. Hoffmann: Widerstand gegen Hitler und das Attentat vom 20. Juli 1944. a.a.O., S 29- 33.
6 Zit. Bei Hoffmann, a.a.O., S.35. Vgl. dazu auch Hans Rothfels: The Germann Opposition to Hitler. Hinsdale/
Illinois 1948.; Ger van Roon: Neuordnung im Widerstand. Der Kreisauer Kreis innerhalb der Widerstands-
Bewegung. München 1967.
3 7 Erstes Attentat wurde erwogen durch die Expansionspolitik Hitlers, das Militär war noch nicht bereit, dieser
Plan wurde verworfen durch das Münchner Abkommen
4
Schon vor dem Krieg trafen sich regelmäßig die Regimegegner des Kreisauer Kreises auf dem Gut von Graf Moltke. Der Kreisauer Kreis bestand aus Männern, die aus unterschiedlichsten sozialen, ideologischen und politischen Bereichen kamen. Sie diskutierten über allgemeine und abstrakte Probleme und fixierten sie schriftlich. Die „Grundsätzlichen Erklärungen“ vom Mai 1942 und die daraus resultierenden „Grundsätze für die Neuordnung“ zählen zu den Schlüsseldokumenten des Widerstandes gegen Hitler. Darin werden die Neuordnungen und Neuorientierungen von Staat und Gesellschaft nach der Überwindung des Nationalsozialismus formuliert. Ziel war es, den humanen Rechtsstaat und eine demokratische Verfassung wieder herzustellen. Eine Vorbereitung zum Umsturz haben sie allerdings nicht geplant, sie hofften auf eine Arbeitsteilung mit dem Militär 8 . Zudem lehnte Graf von Molke lange eine Beseitigung Hitlers durch Gewalt ab, da er moralische Bedenken und Furcht vor einer erneuten Dolchstoßlegende (siehe Ende des Ersten Weltkrieges: Verrat von innen, nur deswegen verloren die Deutschen den Krieg) hatte. Im Januar 1944 wurde Graf von Moltke von der Gestapo verhaftet, weil er einen Mitverschwörer vor einer drohenden Festnahme warnen wollte. Der Kreisauer Kreis war ohne die geistige Kraft Moltkes am Ende. Seine aktivsten Gegner schlossen sich dem Goerdeler Kreis an und beteiligten sich am Umsturzversuch 1944. Carl Goerdeler war Leipziger Oberbürgermeister und später Reichspreispräsident. Er missbilligte zunächst die Kreditschöpfung für die Aufrüstung und kritisierte die antijüdische Politik. Aus seiner kritischen Einstellung wurde offener Protest, er zog seine Konsequenzen, indem er 1937 zurück trat. Goerdelers oppositionelle Einstellungen waren aber zu diesem Zeitpunkt noch keine Widerstandshaltung, die auf die Beseitigung Hitlers zielte.
In der Goerdeler Gruppe war man sich einig, dass der Krieg verhängnisvoll für Deutschland sei. Goerdeler pflegte enge Kontakte zu anderen Oppositionen in Deutschland. Er wurde Mittelpunkt des Widerstandskreises, der sich inzwischen in verschiedene Richtungen erweiterte und über Generaloberst Beck eng mit der Militäropposition verbunden war. 1941 verfassten Carl Goerdeler und Ludwig Beck die Denkschrift „Das Ziel“, sie war neben den „Grundsätzen für die Neuordnung“ der wichtigste Verfassungsentwurf des Widerstandes. Hier zeigte sich die politische Haltung der Widerstandskämpfer. Wolfgang Benz formuliert ihre Haltung so, „»Der diktatorische oder tyrannische Führerstaat« schien ihnen »ebenso unmöglich wie der entfesselte überdemokratische Parlamentarismus«. Als Staatsspitze wurden Möglichkeiten wie Erbkaiser, Wahlkaiser oder auf Zeit gewählte »Reichsführer«
8 Militärische Unterstützung konnte man vor 1938 nicht erwarten, die Machtübernahme wurde mehrheitlich be-
4 grüßt: die Reichswehr hofft auf die Überwindung des Versailler Vertrages und viele begrüßten die Beseitigung
der parlamentarischen Demokratie. Nur angesichts akuter Kriegsgefahr kamen viele zur Einsicht.
5
erwogen, mit einer deutlichen Vorliebe für die Erbmonarchie.“ 9 . Im Winter 1941 wurde die Ausarbeitung der Pläne konkretisiert. Die Ministerlistenausarbeitung wurde später von der Gestapo entdeckt, dies wurde vielen Mitwissern zum tödlichen Verhängnis. Seit 1942 versucht Carl Goerdeler vergeblich einen hochrangigen und populären Offizier für den Widerstand zu gewinnen, es blieben also nur die Offiziere des Ersatzheeres, die den Staatsstreich militärisch durchsetzen konnten. Offiziere, die ihr Rechtsempfinden und ihre Moral über das militärische Pflichtgefühl stellten, gab es selten 10 . Aber es gab sie, Claus Schenk Graf von Stauffenberg wurde für die Opposition der wichtigste Offizier, weil er fest entschlossen war das Attentat auf Hitler zu begehen. Je schlechter die Lage wurde (Attentate misslangen, negative r Kriegsverlauf), desto mehr wurde der Opposition bewusst, dass der Umsturz des Regimes nicht mehr der politische Erneuerung, sondern nur noch der Beendigung des Krieges dienen konnte. Sie wollten wenigstens vor der Welt ein moralisches Zeichen setzen.
Der Umsturz war längst vorbereitet. Provisorisch sollten nach dem gelungen Staatsstreich Ludwig Beck Staatsoberhaupt und Carl Goerdeler Kanzler werden. Um das Land unter Kontrolle zu bringen, entwarfen General Friedrich Olbricht, Tresckow, Stauffenberg und sein Freund Mertz von Quirnheim den Operationsplan „Walküre“. Dieser Plan basierte auf dem bereits vorhandenen Plan zur Niederwerfung eines eventuellen Aufstandes ausländischer Zwangsarbeiter.
Als die Bombe am 20 Juli 1944 um 12.42 Uhr im Führerhauptquartier „Wolfsschanze“ zündete, glaubten sich die Widerstandskämpfer und Claus Schenk Graf von Stauffenberg am Ziel. Aber lediglich fünf von zwanzig Offizieren starben an den Folgen des Attentats. Hitler zog sich nur leichte Verletzungen zu. Das Attentat scheiterte, weil Stauffenberg gestört wurde, als er den Zünder in Gang setzt. Er konnte nur mit der Hälfte des Sprengstoffes zur Lagebesprechung gehen.
Das Scheitern geht wie ein Leitmotiv durch die ganze Widerstandsbewegung.
9 Zit. bei Benz: Der 20. Juli 1944 und der Widerstand gegen den Nationalsozialismus. a.a.O., S. 57.
10 Das militärisch Gehorsamssystem gab kaum Spielraum. Es entstand ein Wiederspruch zwischen dem
soldatischen Treueid und der individuellen Entscheidung. Dies konnte nur von wenigen erwartet werden, viele
hielten den Treueid zwar für hinfällig, machten aber ihr Handeln von dem Tod Hitlers abhängig. Vgl.
5 Hoffmann: Widerstand Staatsstreich Attentat. Der Kampf der Oppositionen gegen Hitler.; 2. verbesserte und
erweiterte Aufl., München 1970.
Arbeit zitieren:
Nadin Müller, 2005, Widerstand im Dritten Reich - Das Attentat auf Hitler am 20. Juli 1944 - Rezeption im Wandel, München, GRIN Verlag GmbH
Dieser Text kann über folgende URL aufgerufen und zitiert werden:
Einbetten
DOI
Zum didaktischen und methodisc...
Sprachwissenschaft / Sprachforschung (fachübergreifend)
Hausarbeit (Hauptseminar), 26 Seiten
Der 20. Juli 1944 in der Erinnerung der Bundesrepublik Deutschland
Geschichte Europa - Deutschland - Nationalsozialismus, II. Weltkrieg
Magisterarbeit, 162 Seiten
Der neue Dualismus im parlamentarischen Regierungssystem der Bundesrep...
Politik - Politische Systeme - Politisches System Deutschlands
Seminararbeit, 26 Seiten
Der Bundesrat - ein Blockadeinstrument der Opposition?
Eine Analyse der Blockadepolit...
Politik - Politische Systeme - Politisches System Deutschlands
Hausarbeit, 21 Seiten
Online-Beratung - Herausforderung für Beratungsstellen
Sozialpädagogik / Sozialarbeit
Diplomarbeit, 118 Seiten
Die Theorie der Konversations-Implikaturen nach H. Paul Grice - Vom Sa...
Hausarbeit, 18 Seiten
Eine neue Lernwelt: Das Internet im Unterricht
Hausarbeit (Hauptseminar), 21 Seiten
Rollen und Räume von Mann und Frau: Tätigkeitsfelder der Geschlechter ...
Geschichte - Weltgeschichte - Frühgeschichte, Antike
Hausarbeit (Hauptseminar), 29 Seiten
Das Design demokratischer Institutionen in fragmentierten Nachkriegsge...
Konkordanz- vs. Konkurrenzdemo...
Politik - Politische Theorie und Ideengeschichte
Seminararbeit, 28 Seiten
„Deutsche Außenpolitik ist Friedenspolitik“
Die Bundeswehr als Instrument ...
Politik - Internationale Politik - Thema: Deutsche Außenpolitik
Seminararbeit, 18 Seiten
Prinzipien des Spracherwerbs - Erstspracherwerb, Zweitspracherwerb und...
Hausarbeit (Hauptseminar), 27 Seiten
Das Verhältnis von Dichtung und Wahrheit in Schillers Trauerspiel Mar...
Germanistik - Neuere Deutsche Literatur
Hausarbeit (Hauptseminar), 22 Seiten
Deutsch - Pädagogik, Didaktik, Sprachwissenschaft
Hausarbeit (Hauptseminar), 22 Seiten
Nadin Müller hat den Text Widerstand im Dritten Reich - Das Attentat auf Hitler am 20. Juli 1944 - Rezeption im Wandel veröffentlicht
Nadin Müller hat einen neuen Text hochgeladen
Der Untergang des Dritten Reiches im Spiegel der deutsch-japanischen K...
Till Philip Koltermann, Peter Greiner, Harro von Senger
Bertolt Brecht's Furcht Und Elend Des Dritten Reiches: A German Exile ...
Ann White, John J. White
Ein letzter Zeuge des 20. Juli...
Philipp von Boeselager, Reinhard Tiffert
0 Kommentare