Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Ältere Geschichte der Kurden
3. Sprache der Kurden
4. Der kurdische Stamm
4 1 Stammesstruktur
4 2 Anführer
4.3.Titel und Funktionen
5. Die Einverleibung Kurdistans ins Osmanische Reich
5.1.Karakoyunlu und Akkoyunlu
5.2.Die Safaviden
5.3.Die osmanisch-safavidische Konfrontation
6. Die osmanische Verwaltungsorganisation in Kurdistan
7. Die Rezentralisierungsmaßnahmen der Osmanen und die Auswirkungen
auf Kurdistan
7.1.Das Emirat Soran
7.2.Das Emirat Botan
7.3.Das Emirat Baban
8. Die Atomisierung der Stämme und der sozialen Struktur Kurdistans
9. Schluss
10. Literaturverzeichnis
11. Anhang
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1. Einleitung
In der vorliegenden Arbeit geht es um die Beziehungen des Osmanischen Reiches zu den kurdischen Stämmen an der Peripherie. Um den Zusammenhang klarer darzustellen habe ich dem historischen Teil einen großen Raum gelassen. Die Kapitel „Ältere Geschichte der Kurden“ und „Sprache der Kurden“ sind lediglich als Zugabe zu der Hausarbeit als Ganzes gedacht. Im vierten Kapitel wird die kurdische Stammesstruktur erläutert. Hinzu kommt der Anspruch auf die Führung in der kurdischen Gesellschaft sowie die Titel und deren Funktionen. Der fünfte Teil beginnt mit der Invasion bzw. mit der Expansion der Turkmenen Dynastien Akkoyunlu und Karakoyunlu. Ferner wird die Expansion der Safaviden behandelt bis hin zur osmanisch-safavidischen Konfrontation und der endgültigen Einverleibung Kurdistans ins Osmanische Reich. Das sechste Kapitel erläutert die osmanische Verwaltungsorganisation in Kurdistan. Im siebten Kapitel werden die osmanischen Rezentralisierungsmaßnahmen behandelt, sowie deren Auswirkungen auf die kurdischen Stämme. Als Beispiel werden die Kurdischen Emirate Soran, Botan und Baban aufgeführt, wobei das letztere als B eispiel für die innere Organisation dient. Im achten Kapitel, „Atomisierung der Stämme und der sozialen Struktur Kurdistans“, werde ich die Etablierung des Verwaltungsapparates und dessen Auswirkungen auf die kurdischen Stämme behandeln. Im Schlussteil werden ich aus den vorhergehenden Kapiteln ein Resümee ziehen und versuchen dieses auf die heutige Zeit zu projizieren.
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2. Ältere Geschichte der Kurden
Über die ältere Geschichte der Kurden herrscht große Uneinigkeit. Linguisten, Ethnologen und Orientalisten sind verschiedener Auffassungen was den Ursprung der Kurden angeht. Die Entdeckung der Kurden als Forschungsgegenstand ist auf die europäischen (Bibel-) Wissenschaftlern zurückzuführen. So stellte der Göttinger Theologe und Orientalist J.D. Michealis (1717-1791) die These auf, das die Kurden möglicherweise die Nachkommen der biblischen Syrer (Aramäer) seien. Sein Schüler A.A. Schlözer (1735-1809) kam zum Ergebnis; dass die Kurden von den Chaldäern abstammen. Diese These wurde auch von dem bekannten französischen Religionshistoriker Ernest Renan vertreten. Er war der Überzeugung, in der Sprache der Kurden die alte Sprache der Chaldäer gefunden zu haben. Nach dem erscheinen des Werkes „Grammatica e Vocabulario della Lingua Kurda“ des italienischen Dominikanerpaters M. Garzoni (1787) wird auf die Verwandtschaft des kurdischen mit dem persischen hingewiesen. So entsteht bei den europäischen Orientalisten die These von der medischen Abstammung der Kurden. Moritz Wagner vermutet in seinem Buch „Reise nach Persien und dem Lande der Kurden“, das die medischen Bergbewohner (Karduchen) die Vorfahren der Kurden sein könnten. 1 „In der Masse der Kurdenstämme mag das Blut jenes Barbarenvolkes der medischen Bergbewohner, welche die griechischen Historiker Karduchen nannten und Xenophon bei dem Rückzug der Zehntausend in kriegerischer Begegnung kennenlernte, vorwalten.“ 2 Der russische Iranist und Kurdologe Vladimir Minorsky (1877-1966) verankerte die Hypothese von der medischen Abstammung der Kurden. Er wies daraufhin, das er im Namen der Kurden Kurmanc, nach der Abtrennung des Suffixes c , die Wörter Kur(d) und Man (Mannäer, Marder, Meder) enthalten. Der georgische Linguist N. J. Marr (1864-1934) entwickelte demgegenüber die Japhetiten-Theorie. Demnach bilden die Kurden eine armenische Untergruppe. Marr geht von einer möglichen Verwandtschaft der Kurden mit den K´orten (Georgiern) aus. In Anlehnung an diese Theorie von Marr stellt A. Speiser die Hypothese von der Abstammung der Kurden von den Guti (Gutäern). G leichzeitig geht er von der Identität mit den Quti, Qurti bzw. Kyrtioi aus, welche im Jahre 2160 v. Chr. dem Sargon-Reich ein Ende setzte. 3
1 H. Aguicenoglu, „Genese der türkischen und kurdischen Nationalismen im Vergleich“, Heidelberger Studien
Bd. 5, S.175
2 a.a.O., S.176
3 a.a.O., S.176f
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Bei all diesen Namen der alten Bergvölker wie Kurda, Qurd, Qurtie, Cyrtii, Kyrtioi, Karduchen usw. Stellt sich die F rage ob es sich hierbei um die Vorfahren der Kurden handelt oder nicht. Aufgrund Materialmangels ist keines der Hypothesen belegbar oder gar widerlegbar. Tatsache bleibt, so Minorsky, das dass Gebiet der alten Karduchen mit dem Gebiet der populären Kurden identisch ist. Auch Moritz Wagner (1852) vertritt die Ansicht, das dass heutige Siedlungsgebiet mit dem der Kurden übereinstimmt. „Die Karduchen bewohnten dasselbe Bergland in den Zagrosketten zwischen den Seen von Van und Urmia und zwischen den steilen F elshalden der oberen Zabtäler, wo sie damals den Zehntausend unter Cheiresiphos und Xenophon so heiß zugesetzt. Sie waren das alte Stammvolk der modernen Kurden, die primitiven Bewohner Kurdistans.“ 4
3. Die Sprache der Kurden
Auch bei der Erforschung der kurdischen Sprache waren die europäischen Linguisten die Vorreiter. Allgemein ist die kurdische Sprache in die Westgruppe der indo-germanischen Sprachfamilie einzuordnen.
Kurdisch besteht aus Dialekten und lässt sich somit in fünf Hauptdialektgruppen einteilen.
• Kurmanci
• die südlichen Dialekte (Sorani, Silemani, Mukri)
• die südöstlichen Dialekte (Sinei, Krimansahi, Leki)
• Zaza
• Gurani Die Sprecher der verschiedenen Dialekte können sich nur beschränkt untereinander verständigen. Neben der gemeinsamen Hochsprache fehlt den Kurden auch ein gemeinsames Alphabet. Die kurdische Schriftsprache kennt drei Alphabete.
• das lateinische Alphabet (Kurden in der Türkei)
• das arabisch-persische Alphabet (Kurden im Irak, Iran und Syrien)
• das kyrillische Alphabet (Kurden in Russland und Armenien)
Die kurdische Schriftsprache begann sich sehr früh in den Dialekten Kurmanc, Silemani bzw. Sorani zu entwickeln. Der Höhepunkt bzw. die Blütezeit der Schriftsprache wir vom
15. bis zum 18. Jh. datiert. 5
4 ebenda, S. 178
5 ebenda, S. 181ff.
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Als wichtigsten Vertreter früher kurdischer Literatur sind folgende Autoren zu nenn:
• Eli Heriri (1009-1078)
• Mele Ehmede Bate (1417-1491)
• Mele Ceziri (1570-1640)
• Faqeye Tayran (1590-1660)
• Besarani (1651-1702)
• Ahmedi Chani (1651-1707)
• Chonai Qubadi (1700-1759)
Karte 1 Dialekte in Kurdistan
4. Der kurdische Stamm
4.1. Stammesstruktur
Nicht alle Kurden sind Stammesangehörige. In manchen Regionen bilden sogar Nichtstammeskurden die Mehrheit der Bevölkerung die jedoch politisch oder ökonomisch von den Stammeskurden abhängig sind.
Von unten nach oben betrachtet lässt sich der kurdische Stamm am besten erklären. Die unterste Ebene bildet der einzelne Haushalt de im Zusammenschluss mit mehreren Haushalten von Sozialanthropologen als Lineage bezeichnet wird. Diese Lineage kann
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einen gemeinsamen Vorfahren nachweisen und begreift sich gegenüber anderen als gesonderte Gruppe die gemeinsam handelt. Der Unterschied von Lineage und Klan besteht darin, dass der Klan meistens auf einen fiktiven Vorfahren zurückgeht. Dem Klan haben sich Familien aus welchem Grund auch immer angeschlossen und nach einigen Generationen werden diese als Vollmitglieder bzw. durch einen fiktiven Vorfahren in die wirkliche Verwandtschaft mit aufgenommen. 6
Abbildung 1 Segmentäre Lineage-Struktur
„Dieses Diagramm kann auf zwei Weisen gelesen werden. Zunächst als ein wichtiger Lineagestammbaum, wobei die horizontalen Reihen den Generationen entsprechen und das Einzeldreieck in Reihe I den gemeinsamen Vorfahren der Lineage (und jedes andere Dreieck gleichfalls eine reale Person, lebend oder tot) repräsentiert. Die Vereinfachung besteht in der zahlenmäßigen Reduzierung der Generationen und der Söhne einer Generation. Zweitens kann es als eine Darstellung der segmentären Struktur eines Stammes verstanden werden, wobei jeder Reihe e ine Ebene der sozialen Organisation entspricht, die eher willkürlich mit Stamm (I), Klan (II), Lineage (III), Sublineage (IV) und Haushalt (V) bezeichnet ist. In diesem Falle repräsentieren die Dreiecke nicht Individuen, sondern soziale Einheiten: 1 steht für einen Haushalt, (ε) eine Lineage etc.“ 7 Zum Haushalt ist nachzufügen, das er eine kooperative Einheit ist: nahezu alle wirtschaftlichen Aktivitäten, bei Nomaden und Bauern, spielen sich auf dieser Ebene ab. Somit ist das Dorf die vorrangige territoriale und einzige wirkliche kooperative Einheit, die Nomadenstämme ausgenommen, die der kurdischen Stammesstruktur zugrunde liegt.
6 M. M. van Bruinessen, „Agha, Scheich und Staat – Politik und Gesellschaft Kurdistans“ , Berlin 1989, S.60f.
7 ebenda, S. 61
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Bülent Imrek, 2001, Zentrum Peripherie - Zur Situation der kurdischen Stämme im Osmanischen Reich, Munich, GRIN Publishing GmbH
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