Inhalt 2
Inhalt
1. Vorwort
1. 1 Entwicklung der Fragestellung 6
1. 2 Struktur der Arbeit 7
1. 3 Verwendete Literatur zum Thema Black und Death Metal 8
1. 4 Dank 10
2. Geschichte des Black und Death Metal
2. 1 Die Wurzeln der beiden Musikgenres 11
2. 2 Inhaltliche Vorläufer des Black Metal 12
2. 3 Der kurze Triumphzug des Death Metal Ende der 80er Jahre 14
2. 4 Norwegischer Black Metal 16
2. 5 Black Metal heute 19
2. 6 Zukunftsmusik im Death Metal 21
3. Erkundung des Untersuchungsfeldes
3. 1 Herangehensweise an die Thematik und Bandbesetzung 23
3. 2 Gitarre 25
3. 3 Bass 29
3. 4 Schlagzeug 31
3. 5 Gesang 34
3. 6 Keyboards 38
3. 7 Zusammenfassung 38
4. Theoretische Elemente
4. 1 Bilden die Anhänger des Black und Death Metal
eine Subkultur 40 45
4. 1 1 Grundlegende Begriffserklärungen 40
4. 1 2 Stil Handlung Ort und Funktion der Subkulturen 41
4. 1 3 Weitere Merkmale einer Subkultur 42
4. 1 4 Was ist eine musikalische Subkultur 44
4. 1 5 Ist eine Subkultur das Gleiche wie eine Szene 45
Inhalt 3
4. 2 Rechtsextremistische Orientierungen bei Jugendlichen 46
4. 3 Gewalt 54 58
4. 3 1 Eingrenzung des Gewaltbegriffes 54
4. 3 2 Ritualisierte Formen von Gewalt 55
4. 3 3 Die Katharsis Theorie 55
4. 3 4 Was ist aggressive Musik 57
4. 4 Satanismus 58 63
4. 4 1 Ausprägungen 58
4. 4 2 Satanismus der Church of Satan 60
5. Hypothesenformulierung aus der Beschreibung der Black
und Death Metal Szene
5. 1 Geschlecht Alter Beruf 64
5. 2 Subjektives Klangempfinden 64
5. 3 Spaltung der Szene in eine Black Metal und in eine Death
Metal Fraktion 66
5. 4 Aneignung von Orten 68
5. 5 Das Verhalten der Black und Death Metal Hörer auf Partys
und Konzerten 71
5. 6 Drogenkonsum 73
5. 7 Körpersprache 73
5. 8 Tanzstil 74
5. 9 Gewaltmotive in der Bilderwelt und in den Texten des Black
und Death Metal 75
5. 10 Kleidung 77
5. 11 Symbole 78
5. 12 Religion und Satanismus 79
5. 13 Politische Orientierung und Rechtsextremismus 79
5. 14 Gewalt und Aggression 80
5. 15 Zusammenfassende Hypothesenformulierung 80
Inhalt 4
6. Methodisches Vorgehen bei der Untersuchung
6. 1 Teilnehmende Beobachtung 82
6. 2 Fragebogenkonstruktion 83 100
6. 2 1 Optische Gestaltung 83
6. 2 2 Konstruktion der Einleitung 84
6. 2 3 Berücksichtigung formaler Vorgaben bei der Entwicklung
der Fragen 87
6. 2 4 Ausformulierung der Fragen 91
6. 3 Integration eines Fremdinstrumentariums: The World s
Smallest Political Quiz 101 110
6. 3 1 Begründung der Wahl des Messinstrumentes 101
6. 3 2 Erläuterung der Quizbestandteile 102 108
6. 3 2 1 Das Diagramm 102
6. 3 2 2 Die zehn Fragen 105
6. 3 3 Die Auswertungsmethode 108
6. 3 4 Sind die ermittelten Daten des Quiz zuverlässig 109
6. 3 5 Eignet sich das Quiz zur Überprüfung des Vorwurfes des
Rechtsextremismus 110
7. Rahmenbedingungen während der Durchführung der Befragung
7. 1 Neck Fracture Party Oldenburg 111
7. 2 Konzertabend im Amadeus Oldenburg 112
7. 3 Summerbreeze Festival Abtsgmünd 114
8. Auswertung und Interpretation der Daten des Fragebogens
8. 1 Erläuterung der Vorgehensweise bei der Auswertung 117
8. 2 Veranstaltungsort 129
8. 3 Musikstilpräferenzen 130
8. 4 Alter 134
8. 5 Beruf 139
8. 6 Geschlecht 149
8. 7 Gründe aus welchen Black und oder Death Metal gehört wird 157
8. 8 Religion 168
8. 9 Satanismus 180
Inhalt 5
8. 10 Politische Orientierung 191
8. 11 Aggression und Gewalt 209
8. 12 Auswertung der freiwilligen Anmerkungen 221
9. Gesamtinterpretation
9. 1 Zusammenfassung der Ergebnisse des Fragebogens 224
9. 2 Woher kommen die Vorwürfe an die Black und Death
Metal Szene 229
9. 3 Konsequenzen aus den Vorwürfen für die Black und
Death Metal Hörer 241
9. 4 Ist Black und Death Metal politische Musik 243
9. 5 Subkulturelle Merkmale der Black und Death Metal Szene 249
10. Schlusswort
Zum Abbau von Vorurteilen gegenüber der Black und Death
Metal Szene 254
Literatur 255
Der Originalausgabe der Magisterarbeit liegt bei:
ein Originalfragebogen
Quellen CD 1
Quellen CD 2
Anhang mit sämtlichen verwendeten Internetquellen
Kapitel 1: Vorwort
6
1. Vorwort
1. 1 Entwicklung der Fragestellung
Fundamentalistische christliche Bewegungen, schlecht informierte (Religions-) Lehrer, so manch ein Massenmedien- „Experte“, aber auch Wissenschaftler, nähren meines Erachtens durch eine reißerische Berichterstattungen des Halbwissens in der Öffentlichkeit das Bild einer satanistisch- neonazistischen, gewaltbereiten Black und Death Metal Szene. In Schulreferaten ist so beispielsweise Folgendes zu lesen:
„Von satanistischer Esoterik geprägte Gruppen und Organisationen unserer Zeit streiten das Zelebrieren von schwarzen Messen ab. Im Zuge des wachsenden Interesses der Jugend am Okkultismus gewinnen diese jedoch immer mehr Anhänger. Der Boden für diese Hinwendungsbewegung wird oft von satanistischer Rockmusik, dem sogenannten Black Metal bereitet. Black Metal ist sozusagen ein legales und effektives Mittel zur Verbreitung des Satansglaubens. Hier werden die Texte, welche die christliche Welt verhöhnen, oft rückwärts gesungen um die Allgegenwärtigkeit des Teufels zu verdeutlichen.“ 1
Solcherlei „Aufklärung“ schürt verständlicherweise die Angst des Normalbürgers, der sich (zu) oft unreflektiert auf die Kompetenz von Medien und öffentlichen Bildungseinrichtungen verlässt.
Ich selbst bewege mich seit mehreren Jahren in der Black und Death Metal Szene. Als fest angestellter Discjockey für alternative Rockmusik in der Oldenburger Discothek Metro habe ich auf Partys, sowie bei vielen Konzerten und Festivals zahlreiche Erfahrungen mit Black und Death Metal Anhängern sammeln können. Ich habe bis heute weder gewalttätige Auseinandersetzungen unter den Hörern miterlebt, noch kristallisierten sich jemals rechtsradikale oder satanistische Einstellungen in Gesprächen mit Black und Death Metal Fans heraus. Im Gegenteil: Ich habe die Anhänger dieser Musik als sehr friedliebende, lebenslustige und unkomplizierte Menschen kennen gelernt. Insofern deckt sich mein persönlicher Eindruck von Black und Death Metal Hörern in keiner Weise mit den Vorwürfen, welche gegenüber den Anhängern häufig in der Öffentlichkeit vertreten werden. Das Thema dieser Magisterarbeit ergibt sich aus genau dieser Diskrepanz.
1 Anonym: Satanismus und Teufelsglaube innerhalb und außerhalb der Kirche.
www.klassenarbeiten.de/referate/ religion/allgemein/satanismus.doc (24.11.03)
Kapitel 1: Vorwort
7
Fraglich ist nun, ob jemand, der sozusagen musikalisch „vorbelastet“ ist, überhaupt in der Lage ist, neutral in diesem Bereich zu forschen und objektiv über diesen zu berichten. Ich denke, dass dies generell möglich ist.
Natürlich besteht auch bei mir die Gefahr, dass ich die eigene Gruppe, hier die Black und Death Metal Hörer, positiver bewerte als andere Gesellschaftsgruppen. Allerdings ist mir diese Tatsache bewusst und ich habe versucht, mich von subjektiven Einschätzungen zu lösen.
Mein Ziel war es also, mit Hilfe eines objektiven, wissenschaftlichen Instrumentes herauszufinden, ob und inwieweit die Vorwürfe des Satanismus, des Rechtsextremismus und der Gewaltbereitschaft gegenüber der Black und Death Metal Szene gerechtfertigt sind.
1. 2 Struktur der Arbeit
Bei der vorliegenden Arbeit handelt es sich um eine überarbeitete Fassung meiner Magisterarbeit. Sie gliedert sich in zehn Kapitel, wobei diese Einleitung bereits als erstes Kapitel gezählt wird.
Im Anschluss wird im zweiten Kapitel die Geschichte der beiden Musikrichtungen Black und Death Metal erläutert. Dabei habe ich eigene inhaltliche Schwerpunkte gesetzt, die sich an der Themenstellung dieser Arbeit orientieren. In Kapitel drei bewege ich mich langsam in das zu untersuchende Feld hinein. Anhand informeller Interviews mit einzelnen Bandmitgliedern wird versucht, einen Eindruck über Bandbesetzung, Nutzung der Instrumente, Kompositionsabläufe und Songstrukturen, sprich über die musikalische Struktur von Black und Death Metal zu vermitteln.
Das vierte Kapitel beschäftigt sich mit wissenschaftlich- theoretischen Begrifflichkeiten. Grundinformationen, wissenschaftliche Definitionen oder Modelle zu den Themen Satanismus, Rechtsextremismus und Gewalt sollen später dazu beitragen, die aus dem Fragebogen gewonnenen Daten sinnvoll interpretieren zu können. Im fünften Kapitel beschreibe ich Verhalten, Auftreten, Eigenschaften und Eigenarten der Black und Death Metal Hörer. Aus meinen Beobachtungen werden die zu untersuchenden Hypothesen abgeleitet.
Kapitel sechs beschäftigt sich mit dem methodischen Vorgehen bei der empirischen Untersuchung.
Kapitel 1: Vorwort
8
Kapitel sieben schildert die Rahmenbedingungen während der Durchführung der Befragung.
In Kapitel acht werden die durch den Fragebogen gewonnenen Daten ausgewertet und interpretiert.
Kapitel neun fasst alle wesentlichen Erkenntnisse aus der Fragebogenuntersuchung zusammen. Ferner wird auf offene Fragestellungen eingegangen, die entweder bis dahin noch nicht beantwortet werden konnten oder die sich aus den Daten des Fragebogens erst ergeben haben.
Kapitel zehn beschließt die Arbeit mit einem kurzen Schlusswort.
Anzumerken ist an dieser Stelle außerdem, dass ich bei Geschlechterbezeichnungen sprachökonomisch vorgehen werde und so auf unschöne und vor allem unleserliche Kurzformen, wie z. B. HörerInnen, verzichte. Spreche ich von Black und Death Metal Anhängern, so sind sowohl die weiblichen, als auch die männlichen Anhänger gemeint.
1. 3 Verwendete Literatur zum Thema Black und Death Metal
Literatur zum Thema Black und Death Metal ist rar, ganz zu schweigen von wissenschaftlicher Literatur.
Die Zeitschrift Legacy erscheint alle zwei Monate und gehört zu den wenigen szeneinternen Quellen, die den Anspruch erheben, neutral zu berichten. Reto Wehrlis Werk „Verteufelter Heavy Metal – Forderungen nach Musikzensur zwischen christlichem Fundamentalismus und staatlichem Jugendschutz“ 2 beschäftigt sich, wie der Titel schon sagt, vor allem mit Heavy Metal. Allerdings führt Wehrli auch Beispiele aus dem Black und Death Metal an, da er diese als Teilgruppen des Heavy Metal ansieht.
1996 wurde in Regensburg von Bettina Roccor die Doktorarbeit „Heavy Metal – Kunst. Kommerz. Ketzerei“ 3 vorgelegt. Allerdings kann diese Arbeit für meine Fragestellung nur bedingt herangezogen werden, da Eigenschaften und Verhaltensweisen der Heavy Metal Anhänger nicht direkt auf die Black und Death Metal Hörer übertragen werden sollen.
Wie bereits aus den Buchtiteln hervorgeht, gibt es kaum Literatur, die sich speziell mit 2 Wehrli, Reto: Verteufelter Heavy Metal. Forderungen nach Musikzensur zwischen christlichem
Fundamentalismus und staatlichem Jugendschutz. Münster/ Westfalen: Telos Verlag 2001
3 Roccor, Bettina: Heavy Metal. Kunst. Kommerz. Ketzerei. 3. Aufl. Inauguraldissertation Regensburg
1996. Berlin: Iron Pages Verlag 2002
Kapitel 1: Vorwort
9
Black oder Death Metal befasst. Eine Ausnahme bildet das Buch „Lords of Chaos“ 4 von Michael Moynihan und Didrik Søderlind. In diesem wird die Geschichte des Black Metal anhand zahlreicher Interviews geschildert. Alfred Schobert hat zu Moynihans Person recherchiert und herausgefunden, dass Michael Moynihan hinsichtlich seiner politischen Vergangenheit kein unbeschriebenes Blatt ist.
„Im Interview mit No Longer A Fanzine (New Jersey) erklärt Moynihan seine Sympathie für Geschichtsrevisionisten und rechtfertigt die nazistische Vernichtungspolitik: ‚Einerseits denke ich, daß die Zahl 6 Millionen nur zufällig und ungenau und wahrscheinlich eine große Übertreibung ist. Ich habe revisionistische Bücher gelesen, die gut gegen den Holocaust-'Kanon' argumentieren, und selbst die jüdischen Historiker verändern fortwährend ihre Ansprüche (sic!). Doch mein Hauptproblem bezüglich der Revisionisten ist, daß sie von der Annahme ausgehen, das Töten Millionen unschuldiger Menschen sei als solches 'böse'. Mehr und mehr neige ich zur entgegengesetzten Schlußfolgerung. Ich geriete nicht aus der Fassung, wenn ich herausfände, daß die Nazis jede ihnen zugeschriebene Grausamkeit begangen hätten - ich zöge es vor, wenn es wahr wäre.“ 5
Moynihan ist als Autor und Verleger tätig und soll in dieser Funktion u. a. den amerikanischen Neonazi James Mason unterstützen. 6 Ferner ist Moynihan Musiker bei der Formation Blood Axis, die sich im Neonazimilieu großer Beliebtheit erfreuen soll. 7 Moynihan selbst wehrt sich gegen die obigen Behauptungen vehement: „Keiner der mich tatsächlich kennengelent [sic!] hat, mit mir ein intelligentes Gespräch geführt hat, oder mit mir eine Weile korrespondiert hat würde Herrn Schoberts Beschreibung von mir, daß ich nähmlich [sic!] ein ‚Nazi’ bin und eine ‚braune Kulturoffensive’ führe, zustimmen.“ 8 Trotzdem halte ich einen kritischen und vorsichtigen Umgang mit Moynihans und Søderlinds Buch für angebracht. Allerdings verfügt dieses über eine einzigartige Ansammlung von Interviewmaterial zum Thema Black Metal, weshalb mir die Verwendung dieser Quelle trotz der schwer wiegenden Vorwürfe für unabdingbar und gerechtfertigt erscheint.
Da die Literatur zum Thema Black und Death Metal recht spärlich ist, habe ich diesbezüglich viele Informationen aus dem Internet heranziehen müssen. Jede zitierte
4 Moynihan, Michael/ Søderlind, Didrik: Lords of Chaos. Satanischer Metal: Der blutige Aufstieg aus dem Untergrund. 4. Aufl. Zeltingen- Rachtig: Prophecy Productions 2002 5 Schobert, Alfred: Heidentum, Musik und Terror. Michael Moynihan versucht, ein internationales Netz zwischen verschiedenen Musikszenen zu spannen. www.uni-duisburg.de/ DISS/ Internetbibliothek/ Artikel/Heidentum.htm (24. 07. 2003) 6 Vgl. Ebd.
7 Vgl. Ebd.
8 Vgl. Ebd.
Kapitel 1: Vorwort
10
oder paraphrasierte Passage, die ursprünglich aus dem Internet stammt, ist von mir in einem Anhang, welcher lediglich der originalen Magisterarbeit beiliegt, festgehalten worden.
1. 4 Dank
Mein herzlicher Dank gilt Prof. Dr. Wolfgang Martin Stroh, Universität Oldenburg, für geistige Anregung, Unterstützung, konstruktive Kritik und schnelle Korrektur der Magisterarbeit. Dr. Inge Karger danke ich sehr für die hervorragende methodische Vorbereitung, für die vielen aufmunternden Worte und für ihr außergewöhnliches Engagement. Dank gebührt auch meinem Partner, dessen Liebe und unendliche Geduld mir sehr halfen. Außerdem danke ich meiner Familie, insbesondere meiner Schwester Samia, für ihre Unterstützung. Ein dickes Merci geht auch an die bestaussehendste Death Metal Band der Welt, Gorezone, für die ausführlichen Interviews, sowie an die Black Metal Band Daemon´s Embrace. Inga Mohrbeck und Tim Dellas danke ich für ihr aufopferndes Organisationstalent, unsere Neck Fracture Party betreffend, Babette Cabrera für Freundschaft und Mithilfe beim Fragebogenverteilen.
Und nicht zuletzt geht großer Dank an alle Black und Death Metal Hörer, die an der Befragung teilgenommen haben und die so durch ihre Hilfsbereitschaft und Auskunftsfreude meine Magisterarbeit schlussendlich erst ermöglicht haben.
Kapitel 2: Geschichte des Black und Death Metal
11
2. Geschichte des Black und Death Metal
2. 1 Die Wurzeln der beiden Musikgenres
Als Wurzel der Musikrichtungen Black und Death Metal gilt der Blues – sowohl in musikalischer, wie auch in inhaltlicher Hinsicht, denn „Bluessongs stecken voller Hinweise auf Teufel, Dämonen und Geister“. 9 Von dem berühmten Bluessänger Robert Johnson heißt es, er habe seine Seele dem Teufel vermacht. 10 Die Rolling Stones, die in den 60er Jahren wohl als erste Rockband „absichtlich ein satanistisches Image“ 11 pflegten, nennen Robert Johnson und seinen „infernalischen Delta- Sumpf Blues“ 12 als Inspirationsquelle. 13 Bei den Rolling Stones fanden ferner erstmals Themen wie Mord, Folter, Vergewaltigung und Drogen auf zweideutige, d. h. missverständliche Weise Eingang in die Texte.
Ende der 60er, Anfang der 70er Jahre verbreiteten sich die Lehren des englischen Schwarzmagiers Aleister Crowley auf rasante Art und Weise, er „überstieg nun an Einfluß und Berühmtheit sein irdisches Dasein“. 14 An diesen Lehren brennend interessiert war Jimmy Page, Gitarrist bei der Rockband Led Zeppelin. Page kaufte Crowleys Anwesen Boleskine und „seine Sammlung originaler Crowley Bücher und Manuskripte gilt als eine der besten der Welt“. 15 Während Moynihan bei den Rolling Stones noch von einem „satanischen Flirt“ 16 spricht, so gelten für Led Zeppelin andere Maßstäbe: „Wenn es eine frühe Rockband gibt, die das Grundthema dessen vorgibt, was später viele Black Metal- Bands in den 90ern beschäftigen wird, so ist es Led Zeppelin“. 17 Led Zeppelin gelten ferner als „Pioniere eines Sounds, der in seinen härteren Momenten als Heavy Metal bezeichnet werden kann“. 18 Als erste Heavy Metal Band gilt jedoch die Band Black Sabbath. Rein musikalisch gelang dieser Band die Verlangsamung des „zeitgenössische[n] Rahmengebilde[s] des auf Blues basierenden Rock auf ein lauerndes, schleppendes Tempo, das ihren Themenbereichen Wahnsinn, Krieg und Entfremdung perfekt angepaßt war. Sänger
9 Moynihan/ Søderlind 2002: 14
10 Vgl. Ebd.: 14 11 Ebd.: 15 12 Ebd.: 14/ 15 13 Vgl. Ebd.: 15 14 Ebd.: 15 15 Ebd.: 15 16 Ebd.: 15 17 Ebd.: 16 18 Ebd.: 16
Kapitel 2: Geschichte des Black und Death Metal
12
Ozzy Osbourne war Vorreiter eines unheimlichen Klagegesanges [...]“. 19 Das Artwork auf den Plattencovern, wie beispielsweise bei Sabbath, Bloody Sabbath, beschäftigte sich mit Darstellungen aus dem Bereich des Satanismus. Moynihan attestiert Black Sabbath jedoch „keine ernsthaft satanisch zu nennende Philosophie“. 20 In den 60er und 70er Jahren beschäftigten sich nur vereinzelt Hard Rock und Heavy Metal Bands mit okkulten Themen. Oft geschah dies nur auf spielerisch- ironische Weise wie bei AC/ DC in ihrem Song Highway to Hell.
2. 2 Inhaltliche Vorläufer des Black Metal
Anfang der 70er Jahre experimentierten zwei Bands im musikalischen Untergrund ambitioniert mit okkultistischer Thematik: Die englische Hard Rock Formation Black Widow, über die heute nur wenig bekannt ist, und die Rockband Coven, bei der „allein die schamlose Durchdringung der Texte und Bilder mit satanischen Anspielungen [...] ihren Mangel an musikalischer Originalität auf[wiegt]“. 21 Covens Album Witchcraft: Destroys Minds & Reaps Souls enthält außerdem die Aufnahme einer dreizehnminütigen „schwarzen“ Messe. Auch die Live- Shows von Coven sollen oft in den Rahmen einer satanistischen Messe gekleidet worden sein. 22 Moynihan nennt drei Bands als maßgebliche Vorläufer des Black Metal: Venom, Mercyful Fate und Bathory. 23 Venom stammen aus England und gründeten sich 1979/ 1980. Sie gehören zu den ersten Musikern, die sich Pseudonyme aus der Sagenwelt zugelegt haben. Pseudonyme und Selbstinszenierung sind Stilelemente, die auch heute noch im Black Metal verwendet werden. Als musikalisch prägende Vorbilder nennen Venom Judas Priest, Deep Purple, Motörhead, Kiss und Black Sabbath 24 , alles Heavy Metal Bands der ersten Stunde. Venom selbst sind musikalisch betrachtet eine „schnell spielende, auf Blues basierende Rockband“ 25 , die Einflüsse aus dem Punk integrierten. Ihr zweites Album, Black Metal, das 1982 erschien, hat einem ganzen Musikgenre seinen Namen gegeben: „Als Black Metal werden seit Venoms zweiter LP alle Bands bezeichnet, die – unabhängig von der musikalischen Spielart – Texte über Teufel, Hölle und Fegefeuer vertonen und ein
19 Moynihan/ Søderlind 2002: 16
20 Ebd.: 17 21 Ebd.: 18 22 Vgl. Ebd.: 18 f.
23 Vgl. Ebd.: 22 24 Vgl. Ebd.: 22 25 Ebd.: 23
Kapitel 2: Geschichte des Black und Death Metal
13
satanistisches Image haben [...].“ 26 Venom wurden ferner ob ihres „Ausmaßes an Blasphemie, das die Band zu ihrem Markenzeichen machte“ 27 berühmt. Außerdem wurde eine aggressive Haltung gegenüber dem Christentum eingenommen. Trotzdem sei Satanismus für Venom nur „ein Image, über das sie gestolpert waren“ 28 gewesen, „einer ernstzunehmenden Lehre folgten Venom nicht“. 29 Andere Bands dieser Zeit zeigten dagegen ein deutliches Interesse an der satanistischen Lehre nach Anton Szandor La Vey 30 : „Die Gruppen der frühen 1980er, die den tiefgreifendsten Einfluß auf die spätere Entwicklung des Black Metal haben würden, betonen allesamt ihre Vertrautheit mit La Veys Satanischer Bibel. Für King Diamond und seine Band Mercyful Fate war dieses Buch eine starke Quelle der Inspiration.“ 31 Mercyful Fate debütierten im Jahr 1982. Die Band um Sänger King Diamond „stellt wohl in den 80er Jahren den einzigen Vertreter des Satanic Metal dar, der mehr war als nur ein Poser [...]“. 32 Bathory aus Schweden veröffentlichten ihr erstes Album 1984. Musikalisch sind Bathory mit Venom verwandt, „auch wenn die Musik durch ein kraftvolleres Arsenal an Klangeffekten und Verzerrung bösartiger wirkt. Der ungleiche Rhythmus verschwimmt in einem wirbelnden Frequenzstrudel, der den perfekten Hintergrund für den bellenden Gesang darstellt“. 33 In ihren Texten beschäftigten sich Bathory anfangs mit einem Satanismus, der aus der Ablehnung des Christentums hervorging und eher pubertärer Natur war. 34 Bathory entwickelten sich Mitte bis Ende der 80er Jahre stetig weiter. Es „verlangsamte sich ihre Musik merklich, die Songs wurden ausgefeilter, und die Themen begannen, ein höheres Maß an Intelligenz und Zweideutigkeit zu vermitteln [...]“. 35 Seit 1988, d. h. seit ihrem vierten Album Blood Fire Death, veränderten sich Bathory inhaltlich sehr stark: Cover- Artwork und Texte beschäftigten sich nun mit der nordischen Mythologie. Parallel dazu wurde die Musik von Album zu Album
26 Roccor 2002: 113
27 Moynihan/ Søderlind 2002.: 24 28 Ebd.: 25 29 Ebd.: 25 30 Am 30. April 1966 gründete Anton Szandor La Vey die Church of Satan. Mit dieser Organisation werde ich mich später noch ausführlicher befassen. An dieser Stelle sei lediglich angemerkt, dass sich die Lehre La Veys an Nietzsches Ethik anlehnt. Sie richtet sich gegen eine angeblich vorherrschende Herdenmentalität. Allein die Selbsterhöhung des Menschen zum eigenen Gott könne die Menschheit vom Joch des Christentums befreien. 1969 erschien La Veys Werk „The Satanic Bible“, durch das seine Lehre massenhafte Verbreitung erfuhr.
31 Moynihan/ Søderlind 2002: 26 32 Ebd.: 28 33 Ebd.: 30 34 Vgl. Ebd.: 30 35 Ebd.: 30 f.
Kapitel 2: Geschichte des Black und Death Metal
14
„epischer“ 36 , zehnminütige Hymnen, klarer Gesang, Chöre und „klassische“ Elemente wurden eingesetzt. Bathory waren für die Entwicklung des modernen, insbesondere des skandinavischen, Black Metal wesentlich: „Das Verwenden archteypischer, überlieferter Quellen sollte als Materie für die kommende Generation des Black Metal von größter Wichtigkeit sein, ja sogar eine essentielle Komponente des Genres werden.“ 37 Die nordische Mythologie ist heute inhaltlich als großes Thema neben dem Satanismus im Black Metal nicht mehr weg zu denken. An dieser Stelle muss ferner angemerkt werden, dass bereits Bathory teilweise einen mehr als „fragwürdigen Symbolismus“ 38 pflegten, indem sie in Texten und auf ihren Plattencovern „mit der Bilderwelt des Faschismus und des Nationalsozialismus“ 39 arbeiteten.
2. 3 Der kurze Triumphzug des Death Metal Ende der 80er Jahre
Gegen Ende der 80er Jahre integrierten viele Metal Bands musikalisch sowohl Elemente aus der Hardcore Szene, als auch aus der New Wave of British Heavy Metal (NWoBHM). Der Musikstil Hardcore kann als die „wütendere zweite Generation von Punk“ 40 beschrieben werden, der NWoBHM gehören Bands wie Saxon, Judas Priest, Motörhead, Def Leppard und Iron Maiden an.
In den späten 80er Jahren erlebte der Thrash Metal einen kurzen Aufschwung. Zu den berühmtesten Thrash Metal Bands dieser Zeit gehören u. a. Metallica, Anthrax und Slayer, die allesamt aus den USA stammen. Alle drei Bands sind entweder wieder oder immer noch aktiv und live zu erleben. In Europa dominierten damals Kreator, Sodom, Celtic Frost bzw. Hellhammer die Thrash Metal Szene. Doch „wie jedem Stil, den die Musikindustrie unablässig bewirbt, so erging es auch dem Thrash Metal. Das Genre wuchs über seine Grenzen hinaus und kollabierte“. 41 Die Entstehung des Death Metal resultiert u. a. aus diesem frühen Ende des Thrash Metal. Erstaunlicherweise trat Death Metal in Europa und in Amerika zeitgleich in Erscheinung. Musikalisch nahm Death Metal „das Tempo von Speed Metal und Hardcore als Skelett und bemäntelte es mit mahlenden, tiefgestimmten Gitarren und einem knurrenden Gesangstil, der einen dramatischen Gegensatz zum Falsett und den
36 Moynihan/ Søderlind 2002: 32
37 Ebd.: 31 38 Ebd.: 33 39 Ebd.: 33 40 Ebd.: 35 41 Ebd.: 38
Kapitel 2: Geschichte des Black und Death Metal
15
hohen Stimmen des gerade aktuellen Mainstream Metal bot“. 42 Inhaltlich inspiriert sahen sich die Musiker von Horrorfilmen aus den 70er und 80er Jahren. Dadurch handeln die Texte im Death Metal häufig von Mord, Vergewaltigung, Folter, Vernichtung, Zerstörung, sprich von Gewalt und Brutalität.
Eine weitere Steigerung des Death Metal ist das ihm untergeordnete Genre Grindcore. Musikalisch wie inhaltlich bewusst primitiv gehalten, treiben die Musiker das Thema Brutalität musikalisch, als auch in Texten und Bildern, dermaßen auf die Spitze, dass es sich zur Ironie verkehrt. Insofern nehmen sich die Death Metal Anhänger durch Grindcore ein wenig selbst auf den Arm.
Die beiden musikalischen Zentren des Death Metal waren und sind zum Teil noch heute Florida und Stockholm. Deshalb werden Bands wie Entombed, Hypocrisy, Unleashed und Dismember häufig als „Schweden- Death Metal“ und amerikanische Bands wie Morbid Angel, Death, Obituary, Deicide, Cannibal Corpse und Autopsy als „Florida Death Metal“ bezeichnet. Die dort ansässigen Tonstudios prägten den jeweils typischen Death Metal- Sound, dessen Maßstäbe bis heute gelten. Einige der genannten Bands sind immer noch aktiv.
Inhaltlich verarbeitete nur eine Minderheit der Death Metal Bands satanistische Ideen. Deicide machten mehrere Male durch satanistisch geprägte Texte und entsprechende Kommentare in Interviews auf sich aufmerksam, verspielten sich aber angeblich dadurch die Zuneigung vieler Fans. 43 Unleashed unterscheiden sich inhaltlich von anderen Death Metal Acts dadurch, dass sie – ähnlich wie Bathory – in ihren Texten traditionelle Thematiken aus ihrer Heimat, z. B. aus der Wikingerzeit, verarbeiten. Seinen Höhepunkt erlebte der Death Metal nach Moynihans Aussagen zwischen 1989 und 1993. Danach ereilte die Szene – wie zuvor den Thrash Metal – der Niedergang: „So war der Untergrund erneut an die Oberfläche gestoßen, direkt in das kommerzielle Tageslicht, wo ihn die unausweichliche Rache der Industrie ereilen sollte.“ 44 Untalentierte und austauschbare Bands verbreiteten mit Hilfe der Labels eine Flut von qualitativ minderwertigem Death Metal, was das Genre vorerst zu Grunde richtete. 45
2. 4 Norwegischer Black Metal 42 Moynihan/ Søderlind 2002: 39
43 Vgl. Roccor 2002: 273 f.
44 Moynihan/ Søderlind 2002: 43
45 Vgl. Ebd.: 43 f.
Kapitel 2: Geschichte des Black und Death Metal
16
Einige Death Metal Anhänger in Norwegen hatten zu diesem Zeitpunkt erkannt, dass Vermarktung das Ende des Death Metal bewirkt hatte 46 und dass Kommerzialisierung die Musik zu einer Art „Pseudorebellion“ 47 hatte verkommen lassen. Besonders in Norwegen erwuchs daher Anfang der 90er Jahre unter den Jugendlichen der Wunsch, etwas Neues, Eigenes, Unkontrollierbares mit „realem Schockwert“ 48 zu erschaffen. Ferner hatte die Death Metal Welle bewirkt, dass sich das Augenmerk der Menschen auf Schweden gerichtet hatte. Norwegen verfügte ebenfalls über einige gute Death Metal Acts, wie Mayhem, Darkthrone und Old Funeral, die aber bislang aufgrund der Prominenz aus dem Nachbarland nicht zum Zuge gekommen waren. Es ging diesen norwegischen Bands also auch darum, die Aufmerksamkeit auf sich zu lenken: „Die fantastische Gewalt und der Blutdurst des Death Metal waren nicht wirklich. Um einem höheren Ziel zu dienen, mußten sie als Mittel zum Zweck in die Realität umgesetzt werden [...]. Sie machten dort weiter, wo Venom und Bathory aufgehört hatten. Die Fehler von Death und Thrash Metal wollte man nicht wiederholen“. 49 In Norwegen reißt ein einziger Mann das Geschick der Black Metal Szene an sich: Øystein Aarseth alias Euronymous, Gitarrist bei Mayhem, übte einen sehr starken Einfluss auf die Nachwuchsmusiker aus. Er schaffte es, einige Death Metal Bands wie Emperor, Immortal und Darkthrone von seinen Ideen zu überzeugen und diese in den Black Metal zu führen. 50 Der norwegische Black Metal entwächst somit eindeutig aus den Spielarten des Death Metal. Daher gibt es musikalisch bis heute Parallelen, obwohl sich die beiden Genres im Laufe der Zeit stark auseinander entwickelt haben. Doch anfangs unterschied mehr das Image als die Musik die beiden Musikrichtungen. Auch Mayhem spielten um 1986 noch Death Metal. 51 Parallel dazu hatte es die Band mit ihrem Image noch nicht allzu genau genommen. Erst später führte Euronymous das wieder entdeckte „Corpsepaint“ ein, das seither zu den wichtigsten „Erkennungsmerkmale[n] des norwegischen Black Metal“ 52 zählt. Dabei handelt es sich um „das Schminken mit leichenhafter Farbe [...], ein stilisiertes schwarz- weißes Make- up mit einem grausigen, makaberen Erscheinungsbild“. 53 Das Corpsepaint diente vor
46 Vgl. Moynihan/ Søderlind: 43 f.
47 Ebd.: 10 48 Ebd.: 10 49 Ebd.: 44 50 Ebd.: 51 51 Vgl. Ebd.: 46 52 Ebd.: 47 53 Moynihan/ Søderlind 2002: 47
Kapitel 2: Geschichte des Black und Death Metal
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allem als Abgrenzung zum Death Metal, dessen Protagonisten eher den „Typ- von- nebenan- Look“ 54 bevorzugt hatten. Um 1988 „verdichtete sich die norwegische Black Metal- Szene in Oslo zu einem winzigen, aber greifbaren Netzwerk engagierter Leute“. 55 Kristian Vikernes stieg bei der Death Metal Band Old Funeral aus und erschuf sein Ein- Mann- Projekt Burzum. Die übrigen Mitglieder von Old Funeral gründeten die Black Metal Band Immortal. Parallel dazu traten Darkthrone und Emperor verstärkt in Erscheinung. 1991 beging der Sänger von Mayhem, genannt Dead, Selbstmord. Wenig später eröffnete Euronymous seinen Plattenladen Helvete, der zum „Brennpunkt der Szene“ 56 avancierte. Ferner gründete Euronymous sein eigenes Plattenlabel Deathlike Silence Productions und brachte darauf zukünftig fast alle damals maßgeblichen norwegischen Black Metal Bands heraus. Alle wichtigen Bands standen mit Euronymous in ständigem Kontakt. Aus diesen Bekanntschaften formierte sich der norwegische Schwarze Zirkel. Dieser bezeichnete nicht eine feste Organisation, sondern die Personen, die mit Euronymous vertraut waren und sich regelmäßig in seinem Laden Helvete aufhielten. 57 Benutzten die Vorläuferbands des Black Metal Satanismus als Image, so meinte es der norwegische Black Metal nun „todernst“ 58 : Kristian Vikernes von Burzum benannte sich in Varg Vikernes um und stieg zur führenden Persönlichkeit der Szene neben Euronymous auf. Ab Mitte des Jahres 1991 setzte eine Verbrechensserie in Norwegen ein, bestehend aus Kirchenraub, Grabschändungen, Todesdrohungen und Mord. Zahlreiche norwegische Kirchen wurden das Opfer von Brandstiftungen, die zum Großteil von Anhängern der Black Metal Szene verübt wurden. Darunter verbrannten historisch wertvolle Objekte wie die Fantoft Kirche, die wahrscheinlich von Varg Vikernes entzündet worden war. Im August 1992 verübte Bård Eithun, Drummer bei der Black Metal Band Emperor, einen Mord an einem Homosexuellen in Lillehammer. Im März 1993 machte Varg Vikernes durch neofaschistische Äußerungen in dem englischen Magazin Kerrang! von sich reden: „Ich unterstütze alle Diktaturen – Stalin, Hitler, Ceaucescu [...] und ich werde selbst der Diktator Skandinaviens werden.“ 59 Bemerkenswert an diesem Interview ist ferner, dass „hier das erste Mal in den Medien das Etikett ‚neofaschistisch’ in Zusammenhang mit der Black Metal- Szene gebracht
54 Ebd.: 41
55 Ebd.: 48 56 Ebd.: 50 57 Vgl. Ebd.: 81 58 Ebd.: 81 59 Kerrang!: We are but slaves of the one with horns…(Wir sind nichts als Sklaven des Gehörnten...). Ausgabe 436 vom 27. März 1993: S. 43. Sek. zit. nach Moynihan/ Søderlind 2002: 113
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wird“. 60 1993 ermordete Varg Vikernes Euronymous mit mehreren Messerstichen. Szenekenner vermuten, dass die ehemaligen Freunde Euronymous und Varg Vikernes zunehmend unter Konkurrenzdruck geraten waren. Vikernes hatte bereits vorher versucht, Euronymous mit Aktionen wie den Kirchenbränden von der führenden Position zu verdrängen. 61 Vikernes wurde nach seiner Verhaftung im September 1993 zu
21 Jahren Haft verurteilt. Während seines Gefängnisaufenthaltes machte Vikernes mehr
und mehr durch nationalsozialistische und antisemitische Äußerungen von sich reden. Um ihre zwei führenden Köpfe beraubt, kam die norwegische Szene zum Stillstand. Es entstand ein Medienzirkus um Vikernes, der sich öffentlich über Atavismus äußerte und sich zum Rechtsextremismus bekannte.
Die Allianz zwischen Black Metal Musik und Gewaltanwendung war nicht allein auf Norwegen beschränkt. Ebenfalls im Jahr 1993 wurde Sandro Beyer in Thüringen von seinen Mitschülern Hendrik Möbus, Sebastian Schauseil und Andreas Kirchner, die zusammen die Black Metal Band Absurd bildeten, ermordet. Möbus wurde zu acht Jahren Jugendhaft verurteilt. 1998 wurde er auf Bewährung entlassen und knüpfte sofort an seine alten Kontakte an. Er gründete mit seinem Bruder Ronald ein Plattenlabel für NS- Black Metal. 62 1999 wurde Möbus Bewährung aufgehoben, er flüchtete in die USA und beantragte dort Asyl. In dieser Zeit lebte er bei dem Führer der neonazistischen National Alliance, William Pierce. 2001 wurde Möbus nach Deutschland abgeschoben und verbüßt momentan seine Haftstrafe.
In Finnland töteten 1998 vier junge Black Metal Hörer eine mit ihnen befreundete Person in einem Gewaltakt, der „durch seinen Unterton von satanischer Opferung, Kannibalismus und Nekrophilie gekennzeichnet war“. 63 Jon Nödtveidt von der Band Dissection sitzt momentan im Gefängnis wegen Mordes an einem homosexuellen Algerier im Sommer 1998. In zahlreichen Ländern kommt es bis heute zu Grabschändungen und Kirchenverbrennungen, die von Black Metal Anhängern verübt werden.
2. 5 Black Metal heute
60 Moynihan/ Søderlind 2002: 113
61 Ebd.: 88 62 Vgl. Lohmann, Johannes: Black Metal. In: Journal der Jugendkulturen. Heft sieben: Ausgabe November 2002. Berlin: Archiv der Jugendkulturen e. V. 2002: S. 13. Möbus Plattenlabel Darker Than Black hatte seinen Sitz in Erfurt und wurde ferner der Sitz von neonazionalsozialisitschen Organisationen, wie der „Deutschen Heidnischen Front“. Unterstützung erhielt er von der rechtsextremen norwegischen Organisation Zorn 88, die sich später in „Norwegische Nationalsozialistische Bewegung“ umbenannte. 63 Moynihan/ Søderlind 2002: 353
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Black Metal existiert bis heute und erfreut sich scheinbar großer Beliebtheit. Allerdings hat innerhalb des Black Metal eine Aufspaltung stattgefunden.
Es gibt daher heute erstens den modernen Black Metal, den kommerzielle Bands wie Cradle of Filth und Dimmu Borgir Mitte bis Ende der 90er Jahre geprägt haben. Diese Bands sind musikalisch aufgeschlossen, integrieren klassische Elemente, besonders Streicher und Chöre. Der moderne Black Metal weist eine Verwandtschaft zum Gothic Metal und zum Dark Metal auf. Musikalisch hat der moderne Black Metal nur noch wenig mit dem norwegischen Black Metal der 90er Jahre zu tun. Der moderne Black Metal ist weniger ideologisch geprägt als seine Vorläufer, auch wenn Satanismus weiterhin als Image genutzt wird. Die großen Bands haben oft lukrative Plattenverträge unterschrieben und verdienen wegen ihrer Popularität so viel, dass sie davon leben können. Im Prinzip ist eingetreten, was der Black Metal eigentlich hatte verhindern wollen: finanzkräftige Plattenfirmen vertreiben und steuern die Musik, den Jugendlichen wird eine Fassade der Rebellion angeboten.
Zweitens agieren im musikalischen „Untergrund“ Bands der alten Stunde, die sich den norwegischen Black Metal zurück wünschen. Musikalisch verabscheuen sie jegliche Weiterentwicklung im Black Metal und bestehen musikalisch wie ideologisch auf den Ansätzen des norwegischen Black Metal. Zur Unterscheidung vom modernen Black Metal werde ich deshalb vom Old- School- Black Metal sprechen. Meines Erachtens handelt es sich bei diesen Leuten um ein Minderheit, die heute vor allem über das Internet kommuniziert. Auf die Frage, was der Black Metal für ihn heute sei, antwortet Vronth von der Old- School- Black Metal Band Graven: „Es ist die extremste, aggressivste Form der Musik, die auf sämtlichen negativen Emotionen aufbaut, die man sich überhaupt vorstellen kann […]. Black Metal verkörpert das Negative dieser Welt und versucht es in ein musikalisches Bild zu setzen.“ 64 Wie aus Interviews mit Old- School- Black Metal Vertretern deutlich wird, distanzieren sie sich stark von der modernen Strömung. Im Booklet des Albums Call of the Nightwolves von Vargsang ist zu lesen: „Fuck off to all Gothic Black Metal Kiddies! You’ll never be a part of us!” 65 Im Interview erklärt sich Vargsang näher: „Ich kann es einfach nicht ertragen, daß sich dieser pseudo-depressive Abschaum in unserer Szene breit macht und kann mir beim besten Willen nicht vorstellen, daß irgendein primitives Cradle Of Filth- Kind meine
64 Legacy: Graven – die Ästhetik des Negativen. Ausgabe Nr. 23: 01/Februar/ März 2003: S. 40
65 Legacy: Vargsang – Klare Absage an Kitsch und Kommerz. Ausgabe Nr. 24: April/ Mai 02/ 2003: S. 61
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antikommerzielle, rohe Musik versteht”. 66 Andere Old- School- Black Metal Bands, wie Satyricon, sehen sich als Elite an:
„Satyricon gehören definitiv der norwegischen Black Metal- Elite an. Eine Gruppe elitärer Menschen definiert sich über das Setzen neuer Standards, deren Flagge sie dann aufrichtig trägt. Die norwegische Black Metal- Elite besteht aus Bands, die das Genre geprägt haben, ihm die Kreativität, Kraft und Autorität schenkten, der es bedarf, um revolutionär zu sein. Norwegen erlangte somit eine Szene, die unerreicht in ihrer überragenden musikalischen Qualität ist, und ein echtes, kaltes, dunkles Lebensgefühl nach außen trägt [...]. Neid ist die typische Reaktion eines Herdenmenschen auf die Leistungen eines Außenstehenden; letztere erinnern Menschen mit einer stark ausgeprägten Herdenmentalität nämlich an ihren Mangel an Individualität. Ein solches Verhalten entbehrt jeglicher Geisteskraft.“ 67
Vor allem extreme Verfechter des Old- School- Black Metal gehören drittens dem sogenannten NS- Black Metal an, dessen Mitglieder rechtsextreme Einstellungen vertreten. Anhänger des NS- Black Metal sind äußerst demokratiefeindlich eingestellt. Sie treten für die Errichtung von hierarchischen Systemen ein und sind eng an einem Führerprinzip orientiert. Aufgrund ihres Elitedenkens werden Werte wie Freiheit und Gleichheit der Menschen rigide abgelehnt. Das Elitedenken der NS- Black Metal Anhänger beruht auf dem Sozialdarwinismus. Rassistische Überzeugungen entspringen sozialdarwinistischen Prinzipien und legitimieren die Anwendung von Gewalt. 68 Eine weitere Konstante im NS- Black Metal sind antisemitische und antichristliche Einstellungen. Der Hass richtet sich dabei nicht mehr vorrangig nur auf das Christentum, sondern insbesondere auf das Judentum, das den nordisch- germanischen Menschen bedrohe. Ziel ist „die Vernichtung des bestehenden ‚judeo- christlichen Systems’“. 69 Axel Rolfs, Sänger und Gitarrist bei der Black Metal Band Daemons Embrace, bestätigt die Existenz solcher Verbindungen: „Es stimmt auf jeden Fall, dass es mehrere Bands gibt, die sich NS- Black Metal nennen. Meiner Meinung nach hat Faschismus mit Black Metal überhaupt nichts zu tun. Ich hab es irgendwo mal aufgeschnappt, dass es ja heißt, Faschismus ist ja das Böseste, was es auf der Welt gibt und Black Metal muss ja böse sein und deswegen machen wir jetzt Fascho- Black Metal […].“ 70 Rechtsextremismus und Faschismus werden als bösartige Steigerungen des Satanismus angesehen.
66 Legacy: Vargsang – Klare Absage an Kitsch und Kommerz. Ausgabe Nr. 24: April/ Mai 02/ 2003: S. 61 67 Legacy: Darkness: Spirit: Creativity: Authority: Extremity: Satyricon. Ausgabe Nr. 20: August/ September 04/ 2002: S. 41 68 Vgl. Lohmann 2002: 12 69 Ebd.: 11 70 Rolfs 2003: CD 2/ Track 3 (Quellen- CD liegt der originalen Magisterarbeit bei)
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Für manche Black Metal Verfechter soll sich so der Satanismus der Church of Satan als zu „human“ herausgestellt haben: „Anfangs nahmen viele in der Szene auch eine Haltung gegen La Vey ein, weil seine Form des Satanismus sehr human ist. Niemand wollte einen humanen Satanismus. Eher solltest du Satan selbst sein. Die Leute wollten todernst sein – und man sollte das ernst nehmen – aber ich glaube, sie haben die ganze Sache missverstanden.“ 71 Dass bei dem Satanismus der Church of Satan nicht von einem „humanen“ Satanismus gesprochen werden darf, weil er hochgradig rechtsextremes Denken fördert, wird in Kapitel 4. 4. 2 gezeigt werden.
Zu den Ikonen der NS- Black Metal Szene gehört der Norweger Varg Vikernes und der Deutsche Hendrik Möbus, dessen Black Metal Band Absurd heute „fast schon zum Synonym für den deutschen NS- Black Metal geworden“ 72 ist.
Alles in allem ist es unheimlich schwer, eine Voraussage über die zukünftige Entwicklung des Black Metal zu treffen. Zu erwarten ist sicherlich ein Abebben der modernen Black Metal Welle. Überleben werden möglicherweise Spielarten, die sich momentan aus dem modernen Black Metal entwickeln, jedoch noch nicht klar benannt werden können. Über die Weiterentwicklung des Old- School- und des NS- Black Metal kann ich keine Aussage machen.
2. 6 Zukunftsmusik im Death Metal
Der Death Metal erlebt nach meiner Beobachtung gerade einen neuen Aufschwung. Möglicherweise schließt er die Lücke des fehlenden Old- School- Black Metal und erfüllt Erwartungen ehemaliger Old- School- Black Metal Anhänger eher als der moderne Black Metal. Insofern vermute ich einen Zulauf aus der Old- School- Black Metal Szene. Auch im Death Metal haben sich Spaltungen vollzogen, die in der heutigen Szene oft zu Verwirrungen und Diskussionen führen: Es kursieren Namen wie Grind Death Metal, Brutal Death, Melodic Death, Deathcore u. a.
Acts wie Malevolent Creation oder Grave sind gänzlich dem Old- School- Death Metal treu geblieben.
Ältere Bands wie Hypocrisy erleben ein Revival, indem sie klassischen Death Metal der alten Schule mit musikalischen Neuerungen wie Keyboardklängen kombinieren. Andere, vor allem skandinavische Bands wie In Flames, Dark Tranquility und Callenish
71 Ihsahn: Sänger der Black Metal Band Emperor. Sek. zit. nach: Moynihan/ Søderlind 2002: 230
72 Lohmann 2002: 9
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Circle, die im Death Metal verwurzelt sind, nehmen verstärkt traditionell-folkloristische Elemente auf. Insofern sind diese Bands nur in der Wurzel mit dem Death Metal verwandt und musikalisch betrachtet eher dem Pagan oder Viking Metal zuzuordnen. Für solche Bands hat sich in letzter Zeit der Begriff Melodic Death Metal durchgesetzt, manchmal wird in diesen Zusammenhängen auch vom Göteburger Sound gesprochen. Andere Death Metal Bands wiederum distanzieren sich deutlich von dieser „Verweichlichung“ des Klanges. Besonders für amerikanische Death Metal Bands gilt noch der Standard: schneller, härter, brutaler. Technisch gelangen diese Bands an die Grenze dessen, was aus den jeweiligen Instrumenten an Geschwindigkeit herauszuholen ist. Mit dieser Spielart des Death Metal wurden zum Beispiel die Amerikaner Dying Fetus und Deeds of Flesh bekannt. Einige dieser Bands integrieren heute verstärkt Elemente aus dem Hardcore Sektor.
Wie aus den zahlreichen Subgenres zu ersehen, fällt es im Death Metal heute sehr schwer, eine Band eindeutig einer Stilrichtung zuzuschreiben. Oft sind die Verschmelzungen mit anderen Musikstilen so zahlreich und schwer zu beschreiben, dass eine klare Zuordnung unmöglich wird. Für die Zukunft erwarte ich, dass sich neue größere Unterarten des Death Metal herauskristallisieren werden. Ich stelle mir diese Entwicklung so ähnlich vor, wie sie bereits schon einmal geschehen ist: Black und Death Metal sind Spielarten des Heavy Metal, doch heute so unterschiedlich im Sound und im Image, dass sie sich als eigene Stilrichtungen durchgesetzt haben. Ebenso werden sich Spielarten des Death Metal einmal verselbständigen und sich zu eigenen Musikrichtungen auswachsen. So unterscheiden sich heute beispielsweise Melodic Death Metal und US-Style Death Metal musikalisch, wie auch inhaltlich so massiv, dass es nur noch wenig Sinn macht, sie beide unter der Genrebezeichnung „Death Metal“ zusammen zu fassen.
Kapitel 3: Erkundung des Untersuchungsfeldes
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3. Erkundung des Untersuchungsfeldes
3. 1 Herangehensweise an die Thematik und Bandbesetzung
Möchte man etwas über Musikanhänger einer bestimmten Musikrichtung herausfinden, so sollte meiner Meinung nach zuerst die Musik an sich, hier also Black und Death Metal, untersucht werden. Bis dato gibt es meines Wissens keinerlei musikanalytische Bemühungen in diesem Feld, auf die ich mich stützen könnte. Hier besteht Nachholbedarf. Erstaunlicherweise ist über Äußerlichkeiten der Szene und über ihre scheinbaren Inhalte wesentlich mehr geschrieben worden als über die Musik an sich. Die meisten Black und Death Metal Bands bestehen aus vier oder fünf Personen. Unabdingbar sind Gitarre, Bass, Schlagzeug und Gesang. Keyboards werden sehr begrenzt eingesetzt, am ehesten sind sie im Black und im Melodic Death Metal zu finden. Einen Überblick über die am häufigsten vorkommenden Besetzungen in Black und Death Metal Bands gibt die folgende Tabelle.
Abb. 1: Tabelle zur Bandbesetzung im Black und Death Metal. Fett gedruckt sind die gängigsten
Besetzungen
Die Musikanalyse in den Bereichen des Black und Death Metal wird besonders durch das Fehlen jeglicher schriftlicher Aufzeichnungen in Noten erschwert. Wie noch erläutert werden wird, verschriftlichen die meisten Bands ihre Songs nicht in Notenform. Eine Analyse einzelner Death und Black Metal Songs führt meines Erachtens zu wenig produktiven Ergebnissen, da es aufgrund der Vielfalt der
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Spielarten 73 keine „typischen“ Stücke für diese Musikrichtungen gibt. Das Zerlegen zweier von mir ausgewählter Titel könnte einige songspezifische Besonderheiten erläutern, womit jedoch nicht auf die allgemeine Beschaffenheit von Songs aus dem Black und Death Metal geschlossen werden dürfte.
Um wenigstens einige grundlegende Erkenntnisse über den spezifischen Gebrauch der Instrumente und über die „Machart“ von Black und Death Metal gewinnen zu können, hielt ich es für sinnvoll, einige Musiker zu befragen.
Die Wahl fiel dabei auf die Musiker der Oldenburger Death Metal Band Gorezone. Ich habe mich dabei aus folgenden Gründen ganz bewusst für eine Death Metal Band entschieden: Erstens hatte ich früher bereits ein Interview mit der Black Metal Band Daemons Embrace geführt, das verwendet werden kann. Zweitens fällt die Literatur zum Thema Death Metal noch weitaus spärlicher aus, als die zum Thema Black Metal. So erhoffte ich mir, durch ein informelles Interview eigene Informationen erschließen zu können. Die zu stellenden Fragen habe ich vor dem Interview entwickelt, allerdings ist keine feste Fragenreihenfolge eingehalten worden.
Die informellen Interviews aller Bandmitglieder sind in ungeschnittener Form auf einer der originalen Magisterarbeit beiliegenden Quellen- CD festgehalten worden. 74 Die Death Metal Band Gorezone besteht aus fünf Mitgliedern: Torben Waleczek (Gesang), Thilo Neidhöfer (Gitarre), Markus Krügel (Gitarre), Torsten Nieland (Bass) und Markus Strehlau (Schlagzeug). Diese Band existiert schon sehr lange und die Musiker besitzen durch regelmäßige Proben, Studioaufenthalte und zahlreiche Livekonzerte vielfältige Erfahrungen. Ferner pflegt Gorezone rege Kontakte zu anderen Death Metal Bands. Hinzu kommt, dass ich die Musiker kenne und so terminliche Schwierigkeiten und inhaltliche Missverständnisse bei der Befragung vermieden werden konnten. Gorezone spielen nach eigener Auskunft Death Metal, und „zwar mit amerikanischen Einflüssen, [...] sehr heftigen und brutalen Death Metal, der sich schon deutlich in seiner Intensität auch vom Gros der anderen Bands in der Szene abhebt“. 75 Im Folgenden wird jedes Instrument und sein Einsatz im Death Metal bzw. im Black Metal von den Musikern beschrieben werden.
73 Die Zersplitterung von Black und Death Metal in viele Subgenres wurde bereits in Kapitel 2 erläutert.
74 Quellen- CD 1 befindet sich im Anhang der originalen Magisterarbeit. Weitere Informationen zu der
Death Metal Band Gorezone sind auf deren Homepage zu erlangen: www.gore-zone.de
75 Waleczek 2004: CD 1/ Track 6
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3. 2 Gitarre
Im Allgemeinen werden Thilo Neidhöfers Angaben zu Folge im Bereich des Heavy Metal generell so genannte Sole- Body Gitarren, d. h. Gitarren mit „festem“ Korpus, verwendet. Die ausgehöhlten Gitarren klängen auch entsprechend hohler, was beispielsweise gut zu Country- Musik oder zum Jazz passe. Im Metal dagegen, wo höhere Verzerrungsstufen (sogenannte „high- gain“- Verzerrungen) erwünscht seien, eigneten sich feste Gitarrenkörper wesentlich besser.
Die Pick- Up’s wandeln die Schwingungen der Saiten, die beim Anschlagen entstehen, in elektronische Schwingungen um. Die Tonabnehmer funktionieren folglich wie elektrische Spulen. Durch die Pick- Up’s können Klang- und Lautstärkeveränderungen erzeugt werden. Bei den E- Gitarren gibt es zwei verschiedene Pick- Up- Modelle: Es können einfache Spulen, die so genannten Single- Coils, oder doppelte Spulen, die sogenannten Humbucker, Verwendung finden. Da die Humbucker Tonabnehmer einen tieferen Sound erzeugen, werden sie im Black und Death Metal bevorzugt verwendet. Bereits die ersten Gitarristen der musikalisch härteren Schule wie Jimmy Page von Led Zeppelin oder Toni Iommi von Black Sabbath gaben den Humbuckergitarren den Vorzug. 76 Der Klang einer E- Gitarre hängt unter anderem von der verwendeten Holzart, von der Beschaffenheit der Pick- Up´s, vom Grad der Verstärkung und von der individuellen Bespielung durch den Musiker ab und eröffnet somit viele unterschiedliche Möglichkeiten im Sound. Im Black und Death Metal werden verzerrte Gitarrenklänge bevorzugt. Markus Krügel beispielsweise spielt über den Clean- Kanal, vor den allerdings ein Verzerrer geschaltet ist. Völlig unverzerrte Sounds sind eher selten, doch zuweilen werden sie bewusst als Kontrastmittel eingesetzt.
Zu den traditionellen Herstellern von E- Gitarren gehören die Firmen Gibson/ Epiphone, Fender und Ibanez. Thilo Neidhöfer verwendet in seiner Band Gorezone zwei verschiedene Gitarrenmodelle: eine E- Gitarre vom amerikanischen Hersteller Dean sowie eine halbakustische Gitarre der Firma Duisenberg. Markus Krügel spielt eine Gitarre der Marke Ibanez.
Zum Equipment jeder E- Gitarre gehört ferner ein Verstärker, auch Amplifier oder abgekürzt einfach Amp genannt. Er besteht oft aus einer Vorstufe und einer Endstufe. In der Rockmusik soll der Röhrenverstärker beliebter als der Transistorverstärker sein, da
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ersterer auch im verzerrten Bereich gut klänge. 77 Zu den Amps gehören ferner die Boxen. „Traditionell werden für harte Rockmusik Heads und 4 x 12 Boxen verwendet.“ 78 Im Bereich des Heavy Metal „konnte [die Firma] Marshall trotz aller Konkurrenz über alle Jahre hinweg seinen Platz [als beliebtester Hersteller von Amplifiern, Anm. d. Verf.] behaupten“. 79 Weitere anerkannte Firmenmarken in diesem Bereich sind Hughes & Kettner, Peavey, Engl, Soldano oder Mesa/ Boogie. Markus Krügel erklärt, dass zum Equipment ferner verschiedene Effektgeräte, die meistens vor den Amplifier geschaltet werden, gehören.
In einer Death Metal Band spielen oft zwei Gitarristen, so auch bei Gorezone. Dabei spielen die beiden Gitarren „zu über 90 % [...] identisch“. 80 Thilo Neidhöfer erklärt die Notwendigkeit für den Einsatz von zwei Gitarristen damit, dass der Live- Sound so druckvoller sei. In manchen Liedabschnitten spielen die Gitarristen jedoch auch zweistimmig. Dabei fungiere die eine Gitarre als Lead-, die andere als Rhythmusgitarre. Manchmal könnten ferner Gitarrensoloparts eingearbeitet werden. Ist dies der Fall, stützt sich Thilo Neidhöfer bevorzugt auf pentatonische Leitern, d. h. Skalen ohne Halbtöne, ein Relikt aus der Wurzel des Heavy Metal, dem Blues.
Nach Thilo Neidhöfers Aussagen sind die Gitarren im Death Metal fast immer einen Ton tiefer gestimmt, d. h. die Gitarrenstimmung findet nicht auf dem Ton e, sondern auf d statt. Dementsprechend seien auch Bass und Schlagzeug einen Ganzton tiefer gestimmt. Diese Stimmung habe sich im Death Metal durchgesetzt, weil so ein drückender, tieferer Sound erschaffen werden könne. 81 Die Impulse für das Songwriting gehen nach Thilo Neidhöfers Angaben fast immer von den Saiteninstrumenten, d. h. von den Gitarren oder vom Bass aus. „Eine kleine Einheit von Tönen“ 82 , das sogenannte Riff, werde eingebracht, diskutiert, verändert und schlussendlich verwendet oder nicht verwendet. Dabei komme bereits bei diesen Ideen das Schlagzeug spontan hinzu. „Meistens ist es eigentlich so, dass jemand schon mit einer Art kleinerem Konzept ankommt [...], mit so ner kleinen Ansammlung von Riffs und dann wird halt zusammen überlegt, wie man die zusammenstellen kann, [...] also das ist nicht so richtig theoretisches Songwriting sondern einfach nur praktisch [...].“ 83
80 Neidhöfer 2004: CD 1/ Track 2 81 Vgl. Ebd.: Track 2 82 Ebd.: Track 2 83 Ebd.: Track 2
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Ein Riff besteht nach Thilo Neidhöfers und Markus Krügels Definition aus einfachen Tönen, nicht aus Intervallen oder Akkorden. Im Death Metal werde eigentlich überhaupt nicht mit Akkorden und Akkordabfolgen gearbeitet. Die einzigen Akkorde, die noch Eingang in den Death Metal fänden, seien die sogenannten Power- Akkords 84 , die aus Grundton, Quinte und Oktave bestehen und damit tongeschlechtslos, d. h. weder Dur noch Moll, sind. Nach Thilo Neidhöfers Angaben handelt es sich bei einem Riff im Death Metal um eine völlig beliebige Tonabfolge, fernab von Musiktheorie und Harmonielehre. Im Death Metal entständen die Riffs aus einem Instinkt heraus und richteten sich nach keinerlei Regeln oder Gesetzmäßigkeiten. Ein Riff sei demnach einfach eine kleine Melodie aus einzelnen Tönen. Hieran zeigt sich meines Erachtens die ursprüngliche Abstammung des Death Metal vom Speed- Metal, der für seine diffusen, rasanten Melodiebögen in der Gitarrenarbeit bekannt ist. Im Death Metal werden die Riffs allerdings nicht als Melodien begriffen, sondern in Rhythmusmodelle verpackt, die die Melodie dominieren.
Interessant ist ferner, dass nach Thilo Neidhöfers Angaben beim Songwriting die Songs nicht in Notenform fixiert werden. Dafür schrieben die Gitarristen und Bassisten ihre Ideen und Riffs in Tabulaturen nieder. Es gehe dabei nur um die Fixierung einer Melodie, der Rhythmus könne damit nicht festgehalten werden. Die Tabulaturen dienten nur als Gedächtnisstütze und als Vorlage für die anderen Bandmitglieder. Habe sich ein Riff bei allen Bandmitgliedern durchgesetzt, erhalte es bei Gorezone einen speziellen, beliebigen Namen. So könne sich die ganze Band beim Üben und beim Zusammenfügen der Riffs einfacher verständigen. Im Prinzip hat Gorezone also eine „kleine eigene primitive Sprache“ 85 entwickelt. Im Folgenden möchte ich diese Technik an einem selbst gewählten Beispiel verdeutlichen: Die Band hat sich für vier unterschiedliche Riffs für einen neuen Song entschieden. Sie bezeichnet eines als Fuß, ein weiteres als Pferd, ein drittes als Bier und das letzte als Alarm. Sie können nun entweder Fuß oder Alarm einzeln üben, oder die einzelnen Riffs aneinander reihen. Der mögliche fertige Song könnte also die Abfolge Fuß – Pferd – Bier – Pferd – Bier – Alarm – Pferd haben. Fachbegriffe wie Intro, Strophe, Bridge, Refrain, Outro werden eher selten gebraucht. Denn ein Death Metal Song besteht aus einer beliebigen Anzahl und einer beliebigen Aneinanderreihung von Riffs, die sich in unregelmäßigen oder regelmäßigen Abständen wiederholen können, aber nicht müssen. Kurz gesagt: Es gibt 84 Power- Akkorde: Offene Akkorde; Ein fester Griff wird auf dem Hals der Gitarre über die Bünde nach
oben oder unten verschoben. Für diese Art der Akkorde spricht, dass sie schnell spielbar sind und „fetter“
klingen als die traditionellen Moll- oder Dur- Akkorde. Vgl. Krügel 2004: CD1/ Track 3
85 Neidhöfer 2004: CD 1/ Track 2
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keine theoretisch festgelegte oder festlegbare Liedstruktur. Genauso wenig gibt es musiktheoretische Vorschriften. Death Metal ist insofern sehr experimentell angelegt. Nach Thilo Neidhöfers Erläuterungen werden auch keine konkreten Tonnamen verwendet. Statt den Tonnamen zu nennen, wird der Bund und die Saite angegeben, zum Beispiel: „Spiele E- Saite erster Bund“, statt „Spiele tiefes f“. Diese Art der Kommunikation ist nach Thilo Neidhöfers Aussage im Death Metal weit verbreitet, er glaubt „es machen die meisten so“. 86 Dadurch können sowohl Autodidakten, als auch ausgebildete Musiker zusammen arbeiten.
Bei einem Konzert versucht die Band, möglichst viel Energie auf das Publikum zu übertragen: „Wir versetzten uns selber in unsere Musik halt rein und versuchen dann durch Bangen, durch Hin und Herlaufen, durch vielleicht mal gelegentlich Hopsen das so ein bisschen aufzulockern [...]. Wir versuchen halt, das alles so energievoll wie möglich rüberzubringen und dabei schadet das auch nicht, manchmal ein bisschen rum zu prollen und manchmal vielleicht ein bisschen so zu tun, als wenn man jemand anschreien würde [...].“ 87 Dadurch, dass sich Markus Krügel vollkommen in seine Musik hineinversetzt, kommt es bei ihm bewusst zu einem aggressiven Gitarrenspiel. Dieses Spiel wiederum fördere bei ihm das Maß der empfundenen Aggressivität. Es erfolgt also ganz bewusst ein Aufbau von aggressiven Empfindungen.
Thilo Neidhöfer ist kein Autodidakt an der Gitarre, er hatte drei Jahre Gitarrenunterricht, beherrscht weitere Instrumente und kann Noten lesen. Allerdings sei dies keine Voraussetzung, um Black oder Death Metal spielen zu können. Aus Gesprächen mit Musikern weiß ich, dass es durchaus Death Metal Bands gibt, die mit musikalisch einfachen Mitteln gut auskommen und sehr „primitiven“ Death Metal spielen, was keineswegs abwertend gemeint ist - im Gegenteil, solche Bands können sich gerade durch sinnvollen, gezielten Einsatz ihrer Möglichkeiten auszeichnen. Genauso gibt es Death Metal Bands, die technisch auf Spitzenniveau spielen. Thilo Neidhöfer zu Folge sollte man allerdings im Gitarrenspiel schon über eine gewisse Fingerfertigkeit verfügen, da die Gitarre im Death Metal ständige rhythmische Wechsel bei sehr hohen Geschwindigkeiten einfordere.
Darin liege der wesentliche Unterschied zum Black Metal: Im Black Metal werde etwas mehr mit Akkorden, insbesondere mit Moll- oder mit Power- Akkorden gearbeitet. Der Black Metal bewege sich bevorzugt im Molltonartenbereich, klänge flüssiger, weniger abgedämpft und weicher in der Gitarrenarbeit und führe so zu einem geradlinigeren 86 Neidhöfer 2004: CD 1/ Track 2
87 Krügel 2004: CD 1/ Track 3
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Klang. Dadurch erscheine der Sound offener. Thilo ergänzt, dass Black Metal außerdem weniger rhythmisch angelegt sei als der Death Metal.
Nach Auskunft von Markus Krügel ist das Gitarrenspiel im Black Metal sehr „melodiös gehalten“, auch seiner Beobachtung nach kehren Akkord- oder Melodieabfolgen viel häufiger wieder als im Death Metal. Im Black Metal sei in der Gitarre die Rhythmusarbeit zugunsten der Melodieentwicklung deutlich zurück genommen.
3. 3 Bass
Der elektrische Bass entstand kurze Zeit nach der Erfindung der E- Gitarre. Die beispielsweise im Jazz oder Blues gebräuchlichen Kontrabässe kamen in den 50er Jahren akustisch nicht mehr gegen die verstärkten Gitarren an. „Abhilfe schaffte Leo Fender indem er ähnlich wie bei der Gitarre einfach Tonabnehmer benutzte.“ 88 Der E- Bass wird manchmal auch als Bassgitarre bezeichnet, „denn in der Konstruktion handelte es sich im Grunde um eine E-Gitarre mit stärkerem Bau und dickeren Saiten“. 89 In Tonumfang und Stimmung stimmt der E- Bass mit seinem unverstärkten Vorgänger, dem Kontrabass überein. Der E- Bass verfügt normalerweise über vier recht dicke Saiten, es gibt aber auch Bassgitarren, die fünf oder sechs Saiten besitzen. Dementsprechend vergrößert sich der Tonumfang in den hohen und tiefen Lagen. Im Gegensatz zum Kontrabass verfügt der E- Bass meistens wie eine Gitarre auf dem Hals über Bünde, was das Spiel erleichtert. Die Pick- Up’s, d. h. die Tonabnehmer, funktionieren beim E- Bass auf die gleiche Weise wie bei der E- Gitarre. Das gilt auch für die Amplifier, d. h. für die Verstärker. Allerdings ist „[d]ie Endstufe eines Bassverstärkers [...] leistungsfähiger, da zum Erzeugen der tiefen Töne mehr Luft bewegt werden muss und die Lautsprecher deshalb größer sind. Zum Vergleich: Ein Gitarrenverstärker von 50 bis 100 Watt ist durchaus akzeptabel, wohingegen ein Bass- Verstärker bei 200 Watt erst anfängt“. 90 Auch bei der Bassgitarre können Effekte verwendet werden, Verzerrer sind allerdings eher selten.
Torsten Nieland, Bassist bei der Death Metal Band Gorezone, hat mir einige Fragen zum Einsatz des Basses in den Bereichen Black und Death Metal beantwortet. Torsten Nieland merkt an, dass es keine speziellen elektrischen Bässe für den Death Metal gibt. Diese Musikrichtung sei auf jedem beliebigem E- Bass spielbar, deshalb
(15. 01. 2004)
90 Ebd.
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verfüge der E- Bass im Death Metal auch über keinerlei Besonderheiten. Torsten Nieland selbst benutzt einen Bass von der Firma Dean. Entscheidend für den Kauf dieses Modells sei besonders die Leichtigkeit des Korpus gewesen, sowie der kurze Hals des Basses, der ein schnelles Spiel ermögliche.
Musikalisch gesehen fungiert ein Bassspieler nach Torsten Nielands Informationen vor allem als Vermittlerfigur zwischen den Drums und den Gitarren. Der Bass versuche, „die Brücke zu schlagen zwischen dem Schlagzeug und der Gitarrenfraktion“. 91 Dabei nimmt er als Bassist „vieles auf, was die Gitarren spielen und bei einigen Rhythmussektionen, wo halt einige Sachen sehr prägnant raus kommen müssen und so, [geht er] mehr auf´s Schlagzeug und spiel[t] mehr mit dem Schlagzeug“. 92 Melodisch gesehen richtet sich Torsten Nieland in erster Linie nach den beiden Gitarren, rhythmisch gesehen allerdings variiert er und unterstützt entweder die Gitarren oder das Schlagzeug. Prägnante Stellen entstehen durch die Abgrenzung zu den Gitarren, indem er beispielsweise ein „seperates Riff“ 93 oder „eine bestimmte Betonung“ 94 hinzufügt. Die rhythmischen Abwandlungen des Gitarrenriffs ließen die prägnanten, betonten Abschnitte im Song entstehen. Für die abgewandelten Passagen, d. h. bei den Stellen im Song, in denen Gitarre und Bass nicht konform laufen sollen, verlasse er sich auf seine Intuition. Er bezeichnet sich in dieser musikalischen Hinsicht als „Gefühlsmenschen“. 95 Zu den Tonabständen zwischen Gitarren und Bass merkt Torsten Nieland an, dass er „zum größten Teil genau dasselbe wie die Gitarre“ spielt. Insgesamt führe das zu einem sehr druckvollen Sound.
Nach Torsten Nielands Auffassung ist die Bassarbeit im Death Metal wesentlich variabler als im Black Metal. Das hängt seines Erachtens damit zusammen, dass „der Bass beim Black Metal viel mehr mit der Gitarre arbeitet, weniger rhythmisch mit dem Schlagzeug zusammen arbeitet und dann halt die eine Linie die meiste Zeit durchschrammelt und die Gitarre halt imitiert [...]“. 96 Torsten Nieland ist Autodidakt. Sein gesamtes Können, Fingerfertigkeit wie Technik, hat er sich selbst im Verlauf vieler Jahre durch aktive Mitwirkung in unterschiedlichen Bands erarbeitet. Somit kann er kaum Noten lesen, allerdings sei das für das praktische
91 Nieland 2004: CD 1/ Track 4
92 Ebd.: Track 4 93 Ebd.: Track 4 94 Ebd.: Track 4 95 Ebd.: Track 4 96 Ebd.: Track 4
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Spielen sowieso nebensächlich. All seine Ideen notiert er ebenso wie die Gitarristen auf Tabulatur, was zumindest im Death Metal völlig ausreichend sei.
Ideen für einen neuen Song erlangt Torsten Nieland meistens auf folgende Art und Weise: „Ich wach morgens auf, hab irgend `ne Melodie im Kopf, schnapp mir meinen Bass, schreib´s auf und dann wird´s im Proberaum verwendet oder nicht.“ 97 Dabei ist es ihm wichtig, anzumerken, dass sehr viele Ideen und Riffs für einen neuen Song nicht zwangsläufig von den Gitarristen kämen, sondern dass er als Bassist ebenso an der Entstehung neuer Lieder beteiligt sei. Voraussetzung für eine dermaßen fruchtbare Zusammenarbeit sei allerdings, dass Gitarristen und der Bassist sehr gut aufeinander eingespielt seien. Bildlich gesehen sei ein fertiger Song, die Musik, immer der „kleinste gemeinsame Nenner“ aller Beteiligten.
Auf die Frage, was Gorezone durch ihrem Sound ausdrücken wollen, antwortet Torsten Nieland: „Ich weiß nicht, für mich ist das halt so ein Lebensgefühl.“ 98 Verschiedene musikalische Einflüsse, die auf jedes einzelne Mitglied der Band im Laufe des bisherigen Lebens eingeprasselt seien, fänden sich als gebündelte Geschmäcker in der Musik von Gorezone wieder. Er selbst würde die Musik der Band vor allem durch folgende Begriffe charakterisieren: schnell, brutal, aggressiv, kommt von Herzen, ist mit Liebe und aus Herzblut gemacht und bewegt sich im musikalischen Underground. 99
3. 4 Schlagzeug
Ein Schlagzeug besteht normalerweise aus einer großen Basstrommel, genannt Bass- Drum, die mit einer Pedalfußmaschine bedient wird, aus einer kleinen Trommel, der sogenannten Snare Drum, aus verschiedenen Becken und aus mehreren unterschiedlich großen Tom Toms, wovon eine auf dem Boden steht und auch als Standpauke bezeichnet wird. Die andere bzw. die anderen Tom Toms sind mit einer Halterung an der Base- Drum befestigt. Die „ ‚Tom-Toms’ dienen meist nur der Verzierung von kurzen Schlagzeugsolos“ 100 , den sogenannten Fills oder Fill- Ins. „Charakteristisch für die Trommeln des Schlagzeugs ist, dass ‚Bass Drum’ und ‚Snare Drum’ keine genau fixierten Tonhöhen haben, die ‚Tom-Toms’ jedoch deutlich in der Tonhöhe unterscheidbar sind.“ 101 Die Snare Drum hat ihren Namen „von den aus Stahl und/oder
97 Nieland 2004: CD 1/ Track 4
98 Ebd.: Track 4 99 Ebd.: Track 4 100 Gross, René: Das Schlagzeug. http://musikschule-gg.ch/lexischlag.htm (10. 01. 04) 101 Ebd.
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Nylon gefertigten Schnarrsaiten, die mittels Hebel an das untere Fell gepreßt werden und so der ‚Snare Drum’ den typisch metallischen, schnarrenden, rasselnden und reibenden Klang verleihen“. 102 Die Trommeln werden ebenso wie die Becken mit den Sticks, also mit Schlagstöcken bedient, die meistens zwischen 32 und 39 Zentimeter lang sind. Die Hi- Hat besteht aus zwei einander gegenüberliegenden Becken, die durch ein Fußpedal zusammengeschlagen werden: „Bedient man sie mit dem Fuß, so wird das an dem inneren Rohr befestigte obere Becken gegen das Untere gedrückt und ein kurzes ‚Zischen’ erklingt.“ 103 Ferner wird die Hi- Hat auch oft einfach im geschlossenen Zustand mit den Sticks angeschlagen. Zum Schlagzeug gehören außerdem Becken verschiedener Größe und Dicke, „die aus Messing oder bronzeartigen Metalllegierungen hergestellt und mit ‚Sticks’ oder ‚Jazz-Besen’ (aus Stahldraht oder Leichtlammellen) angeschlagen werden [...]“. 104 Meistens werden mehrere Crash- Becken eingesetzt, ihr Klang ist scharf und durchdringend. Sie werden mit den Sticks an den Kanten angeschlagen. Die Drummer können das lang erklingende Geräusch beenden, indem sie das Crash- Becken mit der Hand berühren. Weitere Beckenarten sind das China- Becken, das Splash Becken und das Ride- Becken. Normalerweise wird „die ‚Hi-Hat’ [...] mit dem linken Fuß, die ‚Bass Drum’ mit dem rechten Fuß, die ‚Snare Drum’, die ‚Tom-Toms’, die Becken und sonstige Effekt-Instrumente mit den Händen des Drummers bedient“. 105 Die Schlagzeuge im Black und im Death Metal verfügen oft über zwei Bass- Drums mit jeweils einer Fußmaschine, die entsprechend mit dem linken und dem rechten Fuß gespielt werden. Eine weitere Möglichkeit ist der Gebrauch von nur einer Bass- Drum, die mit einer Doppelfußmaschine bedient wird. Diese Variation im Aufbau gegenüber einem Standardschlagzeug- Set ist nötig, um die für den Black und Death Metal typischen Double- Bass- Rhythmen spielen zu können.
Um den Einsatz und die Funktion des Schlagzeugs im Black und Death Metal näher erläutern zu können, habe ich den Drummer der Oldenburger Death Metal Band Gorezone, Markus Strehlau, nach einem Konzert befragt. 106 Das Schlagzeug von Markus Strehlau besteht aus zwei Bass- Drums mit „vernünftigen“ 107 Fußmaschinen, einer Standpauke und zwei Hängetoms. Andere
103 Ebd.
104 Ebd.
105 Ebd.
106 Vgl. Strehlau 2003: CD 1/ Track 5 107 Ebd.: Track 5
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Schlagzeuger im Metal Bereich benutzen seiner Aussage nach oft mehr Hänge- Toms. Ferner verfügt er über eine Vielzahl unterschiedlicher Becken, weil er glaubt, dass „man mit vielen Becken verschiedener Größe auch verschiedene Akzente setzen kann und das ist das, was ich persönlich am Death Metal hochinteressant finde [...]“. 108 Insgesamt gebe es im Schlagzeugaufbau keine verbindlichen Regeln, es käme „auf jeden Schlagzeuger individuell an“ 109 , wie viele Becken, Tom Toms oder Bass Drums eingesetzt werden. Ferner ist der Aufbau natürlich von der Musikrichtung, die gespielt wird, abhängig.
Die Bass Drums lösen Markus Strehlaus Aussage nach den „nötigen Druck, [...], den nötigen Schub“ aus und erzeugen diejenigen Parts, „die die Leute hören wollen [...], wo im Publikum ordentlich was abgeht“. Black Sabbath haben ihm zu Folge den Gebrauch der Double- Bass eingeführt. Wichtig seien auch die so genannten Blast Beats, möglichst schnelle und saubere Abfolgen zwischen der Snare Drum und den Bass Drums. Diese Spielweise stamme ursprünglich aus dem Jazzbereich. Den Drummern wird im Black und Death Metal eine „unwahrscheinliche“ 110 körperliche Anstrengung abverlangt. Markus Strehlau vergleicht das Schlagzeug Spielen im Death Metal mit „Hochleistungssport“ 111 , „weil man sich wirklich vom Geschwindigkeitsbereich immer im oberen Limit bewegt“. 112 Für ihn ist es deshalb notwenig, sich „mindestens ne halbe Stunde vorher warm [zu spielen], damit die Gelenke, damit die Muskulatur locker wird und damit man locker spielen kann [...]“. 113 Der psychische Stress dagegen resultiere – wie bei fast allen Musikern – eher daraus, dass versucht werde, „so gut wie möglich zu sein“. 114 Einen guten Schlagzeuger im Death Metal macht für Markus Strehlau aus, dass „er beim Spielen auch ein bisschen Blick für´s Publikum hat oder [einen] Blick für [seine] Gitarristen“. 115 Es gehe keineswegs nur darum, stur den Takt zu halten. Vielmehr komme es auf die Art an, wie gespielt werde. Trotzdem zeichne hervorragende Drummer, wie den Schlagzeuger der Death Metal Band Hate Eternal, aus, dass diese „100 Prozent auf den Punkt“ 116 spielen können, d. h. im Rhythmus und im Takt so exakt, „dass man ein Metronom nebenher
108 Strehlau 2003: CD 1/ Track 5
109 Ebd.: Track 5 110 Ebd.: Track 5 111 Ebd.: Track 5 112 Ebd.: Track 5 113 Ebd.: Track 5 114 Ebd.: Track 5 115 Ebd.: Track 5 116 Ebd.: Track 5
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laufen“ 117 lassen könnte – „und das Ganze bei einer Geschwindigkeit von 210, 220, 230 beats per minute“. 118 Zum Vergleich: 120 beats per minute schnell ist der durchschnittliche Rockbeat.
Eine gute Band überzeuge ferner vor allem durch exaktes Zusammenspiel der Gitarristen mit dem Schlagzeuger – gerade bei Breaks oder Fill- Ins. Trotzdem sei Geschwindigkeit nicht das Maß aller Dinge – weder im Death, noch im Black Metal. Vielmehr komme es darauf an, „wie intensiv das Ganze ist“. 119 Guten Death Metal mache in erster Linie „das geschickte Zusammenspiel zwischen langsamen Parts, abartig schnellen Parts und vernünftigen Double- Bass- Rhythmus“ 120 aus, „das Ganze muss zusammen passen“. 121 Im Unterschied zum Death Metal werden im Black Metal nach Markus Strehlau vor allem die Bass Drum und die Snare Drum benutzt. Es werden kaum Übergänge, d. h. Tom- Läufe gespielt. Ein bestimmter Rhythmus werde im Black Metal viel länger durchgehalten als im Death Metal. Nach einem Break folge meistens ein Double- Bass- Part, danach werde in den am Anfang gespielten Beat zurück geführt. Im Death Metal dagegen gebe es viele Tom- Läufe, die Becken würden wesentlich mehr genutzt und die Tempi wechselten viel häufiger als im Black Metal. Somit sei der Death Metal im Gegensatz zum Black Metal in der Schlagzeugarbeit wesentlich abwechslungsreicher.
3. 5 Gesang
Zu den markantesten musikalischen Stilmerkmalen des Black und Death Metal gehört die Art des „Gesangs“. Die Stimme wird in diesen Genres nicht direkt zum Singen benutzt, sondern um Geräusche hervorzubringen, die an ein Gurgeln, Röcheln oder Krächzen erinnern. Um mehr über diese speziellen Gesangstechniken zu erfahren, habe ich mit dem Sänger der Death Metal Band Gorezone, Torben Waleczek, gesprochen. Den Klang des Death Metal- Gesangs beschreibt Torben Waleczek als „ein tiefes, kehliges, fast schon grunzendes Geräusch, was eigentlich aus dem Bauch kommt und im Hals noch verstärkt wird“. 122 Genauso wird auch der Gesang im Black Metal erzeugt. Allerdings ist nach Torben Waleczeks Auffassung gerade die Stimmlage das
117 Strehlau 2003: CD 1/ Track 5
118 Ebd.: Track 5 119 Ebd.: Track 5 120 Ebd.: Track 5 121 Ebd.: Track 5 122 Waleczek 2004: CD 1/ Track 6
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entscheidende Trennungsmerkmal zwischen Black und Death Metal. Zu den wesentlichen und einfach hörbaren Unterscheidungsmerkmalen gehöre, „dass in aller Regel Death Metal- Sänger tief singen, während Black Metal- Sänger eher [...] mit einer hohen Stimme singen“. 123 Insgesamt beschreibt Torben Waleczek den Gesang im Black Metal als höher, „keifender“, 124 „krächzender und kehliger“. 125 Der Gesang im Death Metal dagegen klinge „tiefer und ein bißchen gutturaler und gewalttätiger“. 126 Diese Laute werden gesteuert erzeugt, es reicht also nicht aus, einfach nur in das Mikrofon hineinzuschreien, sondern es gibt tatsächlich so etwas wie eine bestimmte Technik: „Es ist eigentlich kein richtiges Schreien, als wenn man einen lauten Schrei von sich geben würde, sondern man baut im Bauch einen Luftdruck auf, den man dann schubweise [...] nach oben lässt und im Kehlkopf, oder in der Kehle, im Hals wird das Ganze dann verzerrt, indem man den Hals anspannt.“ 127 Die Variationsmöglichkeiten in der Melodieführung sind meines Erachtens bei tiefen Lauten wesentlich begrenzter als bei den höheren Schreien. Deshalb erscheint mir der Gesang im Death Metal auch deutlich monotoner als im Black Metal. Insgesamt sind nur leichte Tonhöhenunterschiede machbar, im Black Metal sind noch eher Variationen in der Melodieführung möglich als im Death Metal. Eine Melodiegestaltung wie im klaren Gesang ist jedoch sowohl im Black als auch im Death Metal ausgeschlossen. Von der technischen Seite her kommt der Sänger einer Black oder Death Metal Band mit wenig Equipment aus: Er benötigt lediglich ein Mikrofon und einen Verstärker. Effekte werden im Gesang im Death Metal Bereich nach Torben Waleczeks Erfahrungen selten benutzt: „Es gibt Bands, die machen das, dass sie dann ihre Stimme künstlich mit dem Pitchshifter tiefer drücken, also einfach die Frequenz runter drücken, oder auch höher in manchen Fällen. Allerdings [sind] bei den meisten Death Metal- Bands [...] keine Effekte dazwischen, manchmal ein bisschen Hall vielleicht so als Hintergrundeffekt, aber das ist nur zur Verstärkung und hat keinen wesentlichen Einfluss auf den Klang der Stimme.“ 128 Die Qualität eines Death Metal Sängers ist in Torben Waleczeks Augen abhängig von dem „Klang der Stimme“ selbst: „Viele Leute haben einfach nicht die Stimme, um diese Töne hervorzubringen.“ 129 Zweitens sei es wichtig, dass die Art der Stimme zu der
123 Waleczek 2004: CD 1/ Track 6
124 Ebd.: Track 6 125 Ebd.: Track 6 126 Ebd.: Track 6 127 Ebd.: Track 6 128 Ebd.: Track 6 129 Ebd.: Track 6
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Band an sich passe und dort „vernünftig eingesetzt wird“. 130 Drittens sei ein „entsprechendes Auftreten auf der Bühne“, 131 also Bühnenpräsenz bei Live- Konzerten, ein wichtiges Bewertungskriterium. Eine gute Show ist für Metal Bands im Generellen besonders wichtig, da die Qualität einer Band besonders an ihren Live- Auftritten gemessen wird.
Das erklärt auch, warum die Sänger neben den Schlagzeugern am meisten gefordert werden: Die Sänger der Black und Death Metal- Bands bewegen sich oft viel beim Singen, zelebrieren den Tanzstil des Heavy Metal, 132 um das Publikum zu animieren. Ich glaube, dass besonders aus diesem Grund viele Sänger im Black und Death Metal kein Instrument spielen. Dieses würde ihre Bewegungsfreiheit auf der Bühne enorm einschränken. Denn „wenn man auf der Bühne steht, steht man im Mittelpunkt“ 133 und hat gewisse Unterhaltungsfunktionen zu erfüllen. Ferner sei der Gesang im Death Metal – und folglich auch im Black Metal - aufgrund des ständigen Herauspressens der Luft nach Torben Waleczeks Einschätzung auch so körperlich anstrengend genug: „als wenn man Sport machen würde.“ 134 Der Inhalt eines Textes entspringt meistens Torben Waleczeks Ideen: „Das Thema eines Textes, meinetwegen irgendein politisches Thema, schwirrt mir meistens sowieso zu der Zeit gerade irgendwie im Kopf herum [...] und die konkrete Ausformulierung, die kommt dann eigentlich erst, wenn ich den Song dann höre [...].“ 135 Im Kompositionsablauf kommt bei Gorezone der Gesang als letztes Element zu den Instrumenten hinzu. Gitarren, Bass und Drums haben dann bereits einen fertigen Song eingespielt. „Das Ganze [wird] dann auf Tape [auf Kassette] aufgenommen, ich nehme mir das dann mit nach Hause, hör mir das ein paar Mal an und dann schreib ich da halt entsprechend den Text drauf.“ 136 Wie bereits ausgeführt, muss sich Torben Waleczek keinerlei Gedanken zur Melodieführung machen, da diese im Death Metal uninteressant ist bzw. nicht existiert. Vielmehr geht es darum, den Rhythmus eines Wortes oder einer Wortgruppe in die musikalisch vorgegebenen Rhythmen der Gitarrenriffs und des Schlagzeugbeats einzubetten.
130 Waleczek 2004: CD 1/ Track 6
131 Ebd.: Track 6 132 Im Heavy Metal weit verbreitet ist das headbangen, auch moshen genannt. Dabei bewegen Musiker und Publikum den Kopf im Takt der Musik auf und ab oder führen mit dem Nacken kreisende Bewegungen aus. Mehr Informationen zum Tanzstil im Heavy Metal in Kapitel 5. 8 dieser Arbeit. 133 Waleczek 2004: CD 1/ Track 6 134 Ebd.: Track 6 135 Ebd.: Track 6 136 Ebd.: Track 6
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Die Texte werden in der Regel von Torben Waleczek entworfen, nur in Ausnahmefällen bringen die Gitarristen einen Text ein. Inhaltlich sind bei Gorezone „diese typischen Death Metal Texte [vertreten], die ziemlich blutig sind, also Mord und Totschlag“. 137 Ein Grund, warum gewalttätige Texte für den Death Metal geradezu Genre prägend sind, sieht Torben Waleczek darin, „dass es lyrisch mit der Musik korrespondiert“. 138 Er selbst empfindet Death Metal musikalisch als brutal und gewalttätig, die Texte seien einfach das sprachliche Pendant zur Musik: „Das sind teilweise einfach nur ganz persönliche Gewaltfantasien, teilweise zwischen einzelnen Menschen, teilweise aus dem Krieg.“ 139 Er selbst schätzt sich nicht als aggressiver veranlagt ein als andere Menschen. Torben Waleczek sieht in der Musik und in den entsprechenden Texten eher einen „kathartischen Effekt“. 140 Während manche Menschen Death Metal oder Black Metal benutzen, um Aggressionen abbauen zu können, gehen „andere Leute [...] vielleicht boxen oder fahren mit 250 über die Autobahn“. 141 Das Spiel mit Gewaltfantasien diene dazu, diesen „Fantasien einfach freien Lauf zu lassen, ohne dass man dann daran denken würde, das wirklich tatsächlich auszuleben oder so was“. 142 Sorgen, dass andere Menschen, insbesondere sehr junge Leute, seine Texte für bare Münze nehmen könnten und diese Gewaltfantasien umsetzen könnten, macht sich Torben Waleczek keine: „ Ich denk mal, die meisten Leute, die die Musik hören, die können das wohl schon differenzieren zwischen dem was jetzt in solchen Texten drin steht und dem, [...] was man in der tatsächlichen Welt machen darf und machen sollte.“ 143 Es sind ferner auch einige politische Texte „beschreibender Art“ 144 bei Gorezone zu finden, die aktuelle Themen wie „amerikanische Außenpolitik, Irakkrieg und Terrorismus aufgreifen“. 145
137 Waleczek 2004: CD 1/ Track 6
138 Ebd.: Track 6 139 Ebd.: Track 6 140 Ebd.: Track 6 141 Ebd.: Track 6 142 Ebd.: Track 6 143 Ebd.: Track 6 144 Ebd.: Track 6 145 Ebd.: Track 6
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3. 6 Keyboards
Für Torben Waleczek haben Keyboardklänge im „extremen“ Death Metal keinen Platz, da durch melodischen Sound die härteren Klänge eher verweichlicht würden. Diese Meinung scheinen die meistens Death Metal- Bands zu teilen und verzichten auf den Einsatz von Keyboardklängen. Eine Ausnahme bildet die Stilrichtung des Melodic Death Metal, einer neueren, gemäßigten Abspaltung des Death Metal. Im Black Metal sind Keyboards auf weniger Abneigung gestoßen. Auch ältere Black Metal- Bands wie Emperor setzten das Keyboard ein, um einen dichten, flächigen Soundteppich zu kreieren. Allerdings kamen und kommen viele Old- School- Black Metal- Bands auch ohne Keyboards aus. Bei den neueren Black Metal Bands wie Dimmu Borgir oder Cradle of Filth, die Melodien in ihren Songs zulassen, hat sich das Keyboard durchgesetzt und ist unabdingbar geworden. Es steht heute gleichberechtigt neben den anderen Instrumenten. Das Keyboard wird dabei sowohl zur Bildung eines Soundfundaments als auch als Soloinstrument benutzt. Besonders beliebt sind Klavier-, Orgel-, Streichensemble- und Chorklänge.
3. 7 Zusammenfassung
Die Ideen für einen Song gehen meistens von den Saiteninstrumenten, gegebenenfalls vom Keyboard aus. Die aufeinander abgestimmten Riffs werden danach mit dem Schlagzeug kombiniert. Als Letztes wird der Gesang angepasst. Ferner ist zu vermerken, dass es unüblich ist, die Songs in Notenform zu verschriftlichen. Lediglich die Gitarren- und Bassriffs werden in Tabulaturen notiert. Die Songstruktur ist von üblichen Begrifflichkeiten wie Strophe, Refrain oder Bridge weitgehend losgelöst. Das beliebige Aneinanderreihen von unterschiedlichen musikalischen Abschnitten ist besonders im Death Metal verbreitet.
Vom Soundeindruck sind beide Stile als aggressiv zu bezeichnen, jeder jedoch auf seine spezielle Art. Torben Waleczek umschreibt den Höreindruck folgendermaßen: „Death Metal ist immer so ein bisschen urgewaltiger, wie so ne Dampfwalze [...] und Black Metal ist mehr kühl und schneidend [...].“ 146 Die folgende Tabelle fasst musikalische Eindrücke über Black und Death Metal, gewonnen aus den beiden zurückliegenden Kapiteln der Arbeit, zusammen.
146 Waleczek 2004: CD 1/ Track 6
Kapitel 3: Erkundung des Untersuchungsfeldes
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Abb. 2: Die Tabelle erläutert musikalische Gemeinsamkeiten und Unterschiede im Black und Death
Metal, die aus dem spezifischen Gebrauch der Instrumente resultieren.
Die informellen Interviews können meines Erachtens auch als Experteninterview aufgefasst werden, da Personen befragt wurden, die durch ihre Aktivitäten in ganz bestimmten Bereichen, hier in einer Death Metal Band, Auskunft über Dinge geben können, in die nur wenige Menschen Einblick haben.
Natürlich können die Interviews eine Materialanalyse nicht ersetzen. Mein Schwerpunkt in dieser Arbeit ist jedoch nicht die Musikanalyse, sondern eine empirische Untersuchung, weshalb hier keine Songanalyse, welche die Interview- Informationen stützen könnten, erfolgen kann. Diese musikwissenschaftliche Lücke sollte in Zukunft jedoch in einer getrennten Studie unbedingt geschlossen werden.
Kapitel 4: Theoretische Elemente
40
4. Theoretische Elemente
4. 1 Bilden die Anhänger des Black und Death Metal eine Subkultur?
4. 1. 1 Grundlegende Begriffserklärungen
Im Folgenden werde ich häufig von der Black und Death Metal Szene sprechen, weil ich vermute, dass es sich um eine Szene handelt. Allerdings kann an dieser Stelle der Beweis hierfür noch nicht erbracht werden. Doch was ist eigentlich eine Szene, woran ist sie zu erkennen und was macht sie aus? Der Begriff der Szene ist meines Erachtens mit dem Begriff der Subkultur gleichzusetzen. Daher werden in diesem Kapitel grundsätzliche Definitionen und Kriterien zu dem Begriff Subkultur erläutert, wobei ich mich im Wesentlichen auf die Erläuterungen von Wolfgang Martin Stroh stützen werde.
Musik wirkt. Diese Erkenntnis wird am Verhalten, an nach außen getragenen Handlungen der Menschen, ersichtlich. „Handlungen realisieren eine Tätigkeit, Handlungen sind auf Ziele gerichtet oder Zielen untergeordnet [...].“ 147 Stroh sagt, dass zwischen zielgerichteten Handlungen und zwischen „durch Motive initiierte Tätigkeiten“ 148 unterschieden werden sollte, da „musikalische Handlungen (und Ziele) oft nicht- musikalische Tätigkeiten (und Motive) realisieren“. 149 Die Wirkung von Musik ist an den Handlungen, die durch Musik beeinflusst werden, ablesbar. Stroh ist an diesen Handlungen, die durch Musik bewirkt werden, interessiert, weil dadurch andere Menschen und die eigene Person eine Betroffenheit erfahren und dadurch „Impulse zur Selbstbetrachtung“ 150 erhalten.
Der Begriff der Handlung ist eng an den Begriff der Tätigkeit geknüpft. Jede Tätigkeit verändert sowohl das Individuum selbst, wie auch sein Umfeld bzw. seine Umwelt. Tätigkeit ist nach Stroh gleichzeitig eine Aneignung von Wirklichkeit, wobei die Realität als widersprüchlich angesehen wird. Der Mensch „eignet sich Wirklichkeit nicht passiv, sondern in einem aktiven Prozeß - [beispielsweise] in musikalischer Tätigkeit – an.“ 151
147 Stroh, Wolfgang Martin: Leben Ja. Zur Psychologie musikalischer Tätigkeit. Musik in Kellern, auf
Plätzen und vor Natodraht. Stuttgart: Marohl 1984: S. 130
148 Ebd.: 156
149 Ebd.: 145
150 Ebd.: 12
151 Ebd.: 96
Quote paper:
Sarah Chaker, 2004, Black und Death Metal - Eine empirische Untersuchung zu Gewalt, Religion und politischer Orientierung, Munich, GRIN Publishing GmbH
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DOI
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