Erläuterung der modernen literarischen Strömung
Décadence anhand ihrer Motive
von: Sarah Chaker
Gliederung
1. Stilpluralismus um die Jahrhundertwende und Einordnung der „Décadence“ in die Epoche der Moderne
2. Erläuterung der modernen literarischen Strömung „Décadence“ anhand ihrer Motive
2. 1 Zur zeitlichen Eingrenzung der Décadence
2. 2 Autoren, Inhalte und die Rolle des Bürgertums
2. 3 Umwertung des „Décadence“- Begriffes im Verlaufe der Zeit
2. 3. 1 Ursprung der Bezeichnung
2. 3. 2 Negative Belastung der „Décadence“ und Pseudodekadenz im 19. Jahrhundert bis 1930
2. 3. 3 Emanzipation des literarischen „Décadence“- Begriffes
2. 4 Endgültige Definition und Zusammenfassung
2. 5 Erörterung nachweisbarer Motive der „Décadence“
2. 5. 1 Verfallsbewusstsein und Krankheit
2. 5. 2 Leben und Tod
2. 5. 3 Welthass, Willensschwäche, Lebensferne, Isolation
2. 5. 4 Künstlichkeit, Verabscheuung der Natur, Dandytum
2. 5. 5 Ästhetizismus und die Figur des Flaneurs
2. 5. 6 Sensibilität und die Sucht nach neuen Reizen
2. 5. 7 Liebe zur Gewalt und zu grauenhaften Situationen
2. 5. 8 Erotik, die „femme fatale“ und die „femme fragile“
2. 5. 9 Verehrung der Artisten als einzig wahre Menschen
3. Versuch der Abkehr von der Décadence
1. Stilpluralismus um die Jahrhundertwende und Einordnung der „Décadence“ in die Epoche der Moderne
Für die Literatur um die Jahrhundertwende gibt es keinen eindeutigen Sammelbegriff, im Gegenteil, man spricht von Stilpluralismus. Durch den uneinheitlichen Gebrauch der Begriffe entsteht oft Verwirrung, umso mehr, da viele Autoren mehreren Strömungen angehören. So ist Rilke gleichzeitig Symbolist, Neuromantiker, Dekadent, Ästhetizist und Vertreter der Jugendstils. Fähnders bemerkt zum Stilpluralismus: „Während der Naturalismus als halbwegs eindeutiger Epochenbegriff zu handhaben ist, lassen sich Ästhetizismus, Décadence, Fin de siècle, Impressionismus, Jugendstil, Neuromantik, Symbolismus weder begrifflich noch begriffsgeschichtlich vergleichbar exakt erfassen bzw. voneinander abgrenzen“ [Fähnders, 1998, S. 90].
Der Begriff „Fin de siècle“ geht wahrscheinlich auf Augustin zurück, der von „Finis saeculi“ gesprochen hat [vgl. Rasch, 1986, S. 118], womit er nicht nur das Ende eines Zeitabschnittes meinte, sondern das Ende der Welt überhaupt. Der Begriff „Fin de siècle“ bezeichnet ein Lebensgefühl um die Jahrhundertwende, die den Nährboden für die „Décadence“ und andere Strömungen bildet. „Als Zuschärfung und Radikalisierung des Fin de siècle als einer vielfältig auszufüllenden, sehr allgemeinen und diffusen Endzeitstimmung markiert Décadence im engeren Sinne ein definitives Niedergangs- und Verfallsbewußtsein und ist insofern ein profiliertes Fin de siècle- Segment, auch wenn Begriff und Sache älter sind. Fin de siècle und Décadence berühren und überschneiden sich und lassen sich exakt nicht voneinander trennen (...)“ [Fähnders, 1998, S. 97].
Die allgemeine Stimmungslage um 1890 in Deutschland ist geteilt, die Gründerjahre, die Neugründung des Nationalstaates, technischer Fortschritt und neue Erfindungen sprechen für eine gesunde, wache Kultur. Allerdings existieren neben diesen optimistischen Tendenzen viele pessimistische Auffassungen, wobei bis heute unklar geblieben ist, ob diese generell oder nur für bestimmte gesellschaftliche Kreise zugetroffen haben.
Dem technischen Fortschritt kommt eine Doppelrolle zu, er wird entweder begrüßt, da er eine Lebenserleichterung bedeutet, oder abgelehnt, da er zu einer Seelenverarmung führe und den Einzelnen in die Isolation treibe. Fortschritt durch die Wissenschaft ist also gleichzeitig Bereicherung und Verlust.
Depression und Pessimismus schwappen besonders aus Frankreich nach Deutschland herüber, Baudelaire prophezeit dort den Weltuntergang durch Geldgier, Amerikanisierung, geistige Abstumpfung und Mechanisierung, also durch einen generellen Werteverlust.
Ferner wird das Individuums durch die beginnende Loslösung vom Glauben in seiner neuen Selbständigkeit überfordert. Die Auflösung der sozialen Ordnung und die Aufsprengung festgefahrener Denkweisen führen zu neuen Wertenormen und sittlichem Verfall. Die neu gewonnenen Freiheiten durch Selbstbestimmung bedrohen das Gemeinschaftsleben.
Die allgemeine Stimmungslage scheint somit beherrscht gewesen zu sein von Überforderung, Zukunftsangst, Unsicherheit und Unlösbarkeit der neuartigen Situation.
2. Erläuterung der modernen literarischen Strömung „Décadence“ anhand ihrer Motive
2. 1 Zur zeitlichen Eingrenzung der „Décadence“
Die literarische „Décadence“ ist eigentlich nicht an eine bestimmte Zeit gebunden, doch zwischen 1890 und 1910 entstehen außergewöhnlich viele dekadente Werke in Literatur, Musik und Malerei, die sich in ihrer Konzentration zu einer antinaturalistischen Strömung formen. Um 1912 verflüchtigen sich die meisten dekadenten Züge, ein neuer Lebenswille scheint die Künstler beseelt zu haben. Romain Rolland notiert 1912: „Diese Vitalität ist das wesentliche und neue Phänomen der Zeit. Sie bricht jäh hervor aus der moralischen Apathie und dem dilettantischen Objektivismus des vorhergehenden Zeitalters. Es scheint, als ob die junge Generation einen neuen Pakt mit dem Leben geschlossen habe“ [Curtius, 1923, S. 23]. Wichtig ist jedoch zu bemerken, dass die „Décadence“ nie ganz verschwindet, sondern als Alternative, als Möglichkeit bestehen bleibt. Als Motiv des Untergangs ist sie ja an sich nichts Neues gewesen, bereits in der Renaissance und in der Romantik wurden dekadente Werke verherrlicht – wenn auch aus religiösen Gründen. Im 20. Jahrhundert bleibt sie aktuell, betrachtet man beispielsweise Alfred Kubins „Die andere Seite“ von 1928.
Somit ist die „Décadence“ nicht in einen zeitlichen Rahmen zu pressen.
2. 2 Autoren, Inhalte und die Rolle des Bürgertums
Eine Zuordnung bestimmter Autoren zur „Décadence“ ist nicht möglich. Ein Schriftsteller, der ein dekadentes Werke verfasst, schafft nicht unbedingt ausschließlich solche, d. h. es kann durchaus eine Ausnahmeerscheinung sein wie bei Arthur Schnitzler „Anatol“, 1893, oder „Therese“, 1928.
Ferner maßt es sich kein dekadenter Autor an, die „Décadence“ auf komplette politische Systeme übertragen zu wollen. Ein pessimistisches Weltbild findet zwar Eingang in das Werk und beruht auf der „Fin de siècle“ - Grundstimmung, doch die dekadente Zeitsituation ist uninteressant. Es werden ausschließlich Einzelschicksale, wie der Untergang eines Individuums oder einer Familie dargestellt, also keine Massenszenarien. Nur so ist es denkbar, der „Décadence“ positive Aspekte abgewinnen zu können. Es muss also unbedingt zwischen individueller Dekadenz in der Literatur um 1890 bis 1910 und dem zeitgeschichtlichen Hintergrund unterschieden werden.
Interessant und signifikant ist die Kongruenz zwischen dem Werk und der Persönlichkeit des Autors, die meisten Autoren der „Décadence“ bezeichnen sich auch selbst als dekadent.
Die Vertreter der „Décadence“ sind gleichzeitig ihre Darsteller und Repräsentanten, aber auch ihre Kritiker: die Zeichen des Niederganges werden verurteilt, während der Untergang an sich herbeigesehnt wird. So schreibt Nitzsche: „Ich bin so gut wie Wagner das Kind dieser Zeit, will sagen ein décadent: nur daß ich dies begriff, nur daß ich mich dagegen wehrte“[Nietzsche, 1954, S. 904]. Ähnlich äußerte sich Thomas Mann in seinen „Betrachtungen eines Unpolitischen“ von 1918: „Ich gehörte geistig jenem über ganz Europa verbreiteten Geschlecht von Schriftstellern an, die, aus der décadence kommend, zu Chronisten und Analytikern der décadence bestellt, gleichzeitig den emanzipatorischen Willen zur Absage an sie (...) im Herzen tragen und mit der Überwindung von Dekadenz und Nihilismus wenigstens experimentieren“ [vgl. Fähnders, 1998, S. 101].
[...]
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Sarah Chaker, 2002, Erläuterung der modernen literarischen Strömung Décadence anhand ihrer Motive, Munich, GRIN Publishing GmbH
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