Einleitung
Liest man wissenschaftliche Texte zum Armen Heinrich des Dichters Hartmann von Aue, so ist Folgendes auffällig: Das Werk erhält die unterschiedlichsten Gattungsbezeichnungen. Da ist z. B. bei Kurt Ruh von der Legende 1 die Rede oder bei Hugo Kuhn von der geistlichen Novelle 2 . Während diese beiden Autoren sofort eine Gattungsbezeichnung wählen, ohne auf die Gattungsproblematik explizit einzugehen, machen andere eben diese Schwierigkeit zum Thema ihrer Ausführungen. So wird z.B. behauptet, dass Hartmanns Text auf keinen Fall der Gattung ‚Legende’ zuzuordnen sei 3 , andere wie Leslie Seiffert und David Blamires versuchen, im Text Zugehörigkeiten zu den Gattungen „Legende“ und „Märchen“ zu entdecken 4 . Diese Diversität an Bezeichnungen führt zur Frage, wie sich das Werk zu den literarischen Gattungen verhält. In der vorliegenden Hausarbeit werde ich dieser Frage nachgehen und analysieren, in welchem Maße der Text den Gattungen „Exempel“ und „Legende“ zugehörig ist. Dazu muss zuvor bestimmt werden, was mit dem Terminus „Gattung“ gemeint ist. Eine derartige Fragestellung hat den Nutzen, dass die Position des Textes in Bezug zur Literatur, die Hartmann bekannt war, geklärt werden kann. Es wird sich also zeigen, ob der Dichter vorhandene Gattungen imitierte oder aber etwas völlig Neues schuf, um zwei Extreme zu benennen.
1 Ruh 1976, S. 315.
2 Kuhn 1953, S. 172.
3 Masser 1976, S. 168; ebenso Rosenfeld 1961, S. 49.
4 Seiffert 1963, S. 254ff., Blamires S. 187ff.
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1. Die Bedeutungsvielfalt des Begriffs „Gattung“
Es gibt mehrere Möglichkeiten, sich der Problematik der literarischen Gattung zu nähern. Eine wissenschaftliche Richtung postuliert bezüglich dieser Frage Folgendes: Gattungen existieren nicht, da sie im Gegensatz zu konkreten schriftlichen Werken, wie eben der Arme Heinrich eines ist, Allgemeinbegriffe sind. Es gibt sie nicht, da der Mensch individuelle Objekte schafft. Mögliche Gattungen sind allenfalls als individuell verschiedene Vorstellungen in unserem Kopf vorhanden, ihnen „kommt“ aber „keine Realität“ 5 zu, das heißt, um es mit linguistischen Termini auszudrücken, dass der Signifikant „Gattung y“ keinen Referenten hat, also kein Objekt in der außersprachlichen Wirklichkeit, eben weil der Mensch individuelle Geschichten schreibt. Dieser Ansicht nach fehlt ebenfalls der Inhalt des Wortes, da der Mensch wie gesagt nur über „Einzelvorstellungen“ 6 verfügt.
Was Hartmann von Aue angeht, so wollte dieser sicherlich ein Kunstwerk scha ffen, „dâ mite er swære stunde/ möhte senfter machen“ und „dâ mite er sich mö hte gelieben den liuten“ 7 : um die Stimmung der Rezipienten zu erheitern und sich bei den Leuten beliebt zu machen. Ob er dabei allerdings ein vollkommen neues Werk schuf, das frei von formal-stofflicher Inspiration aus Prätexten blieb, ist aus mehreren Gründen anzuzweifeln.
Zwar gibt es für die volkssprachliche Literatur des Mittelalters keine Gattungspoetiken, seien sie deskriptiv oder präskriptiv 8 , aber dies bedeutet laut Klaus Grubmüller nicht, dass es im Mittelalter nicht doch wenigstens ein „Gattungsbewusstsein“ 9 gab, welches in den Köpfen der Dichter existierte und zu einer gewissen „gattungsmäßigen Ordnung“ 10 der Literatur führte, wie es ja auch die „Werkreihen“ 11 zeigen, die man in Darstellungen zur Literatur des Mittelalters findet. Dort ist z.B. von „höfischer Epik“ 12 und vom „Artusroman“ 13 die Rede,
5 Grubmüller 1999, S. 193.
6 Hempfer 1973, S. 31, zitiert nach: Stegmüller 1969, S. 57.
7 Hartmann von Aue: Der arme Heinrich. Hg. von Hermann Paul, neu bearb. von Kurt Gärtner. 17., durchgesehene Auflage. Tübingen 2001, S. 1, V. 10-11 u. V. 14-15. Alle folgenden Zitate aus dem Armen Heinrich entstammen dieser Ausgabe. Sie wird in den folgenden Fußnoten durch das Kürzel „ATB-Ausgabe“ gekennzeichnet.
8 Grubmüller 1999, S. 195.
9 Ibid., S. 199.
10 Ibid., S. 198.
11 Ibid., S. 210.
12 Wapnewski 1975, S. 50.
13 Brandt 1999, S. 201.
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Begriffe, unter welchen dann einzelne Werke, natürlich aus heutiger Sicht, zu-sammengeordnet werden.
Hinzu kommt, dass der Autor des Mittelalters nicht nach dem Maßstab der Originalität beurteilt wurde, sondern literarischen Traditionen folgte 14 . Die beiden Begriffe, die eben genannt wurden, „höfische Epik“ und „Artusroman“, sind, wie ich weiter unten ausführen werde, dazu geeignet aufzuzeigen, dass der Begriff „Gattung“ mehrdeutig ist.
Somit bin ich bei der Gegenposition zur oberen These angelangt, nämlich der als offensichtlich erscheinenden Behauptung, dass es Gattungen gibt. Allerdings ist der Gattungsbegriff mehrdeutig.
Wird unter diesem die Trias Epik, Lyrik und Dramatik verstanden, dann ist der Begriff ein allgemeiner, welcher die literarische Realität in drei Bereiche teilt. Um es sehr knapp zu formulieren, diese drei Oberbegriffe werden von den Gat-tungstheoretikern unter anderem als „Naturformen“ 15 und „Einstellungen“ 16 beschrieben. Diese sind nicht an eine bestimmte Zeit gebunden, sondern als „trans-historische Invarianten“ 17 oder „ahistorische Konstanten“ 18 für alle Zeiten gültig, eben weil sie natürliche Formen darstellen. Jegliches Schreiben ist also episch, lyrisch oder dramatisch.
Dabei ist die Konjunktion „oder“ im vorigen Satz für die Literatur des Mittelalters unter Umständen nicht passend, wie Grubmüller anhand des Dramatischen zeigt. Kann man heute klare Grenze n zwischen Erzähltext und Drama ziehen, so ist dies für die Literatur des Mittelalters schwieriger, da sie „in hohem Maße an die « Aufführung » gebunden war“ 19 , wodurch dann ein epischer Text auch dramatisch war. Er wurde ja vor Publikum aufgeführt. Diese „Sprechsituation“ 20 des mittelalterlichen epischen Textes ist ausschlaggebend für die Verbindung zum Dramatischen.
Abgesehen von der Sprechsituation ist der Arme Heinrich ein episches Werk, worauf mehrere Indizien hindeuten.
Zum einen gibt es einen Erzähler, der nicht nur von einem bestimmten Gesche hnis berichtet, sondern dieses auch kommentiert:
14 Grubmüller 1999, S. 208.
15 Reallexikon, S. 651.
16 Hempfer 1973, S. 19, zitiert nach Cysarz 1940, S. 177.
17 Reallexikon, S. 653.
18 Hempfer 1973, S. 23.
19 Grubmüller 1999, S. 195.
20 Hempfer 1973, S. 160.
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„daz diutet sich alsus, / daz wir in dem tôde sweben, / so wir aller beste wænen leben“ 21 . Während beim eigentlichen Erzählen Tempora der Vergangenheit gewählt werden, setzen sich die Erzählerkommentare durch den Gebrauch des Präsens ab: „ez sprichet an einer stat dâ: >mêdiâ vîtâ / in morte sumus.<“ 22 . Außerdem berichtet der Autor im Prolog des Textes von seiner Quellensuche und bezeic hnet das Gefundene dann als „rede“ 23 und später als „mære“ 24 . Er hat also eine Erzählung gefunden 25 , einen Text, den wir heute zur Epik zählen. Und nun spielt der oben genannte Ausdruck „höfische Epik“ eine Rolle. Durch das Adjektiv erhält der an sich zeitlose Begriff des Epischen eine zeitliche Dimension, da sich „höfisch“ auf die staufische Literatur des Hochmittelalters 26 bezieht, zu der auch Hartmann von Aue zählt. Erst durch Beiwörter erhalten also die drei Teile der Gattungstrias ihre zeitliche Dimension. Die Tatsache, dass der Text i n vierhebigen Reimpaarversen geschrieben ist, schmälert die Zugehörigkeit des Werks zur Epik nicht, da diese im Mittelalter größtenteils Versepik war 27 .
Neben diesem Verständnis von Gattung als ahistorische Konstante, welche die „Sammelbegriffe Epik, Lyrik“ und Dramatik sowie die Qualitäten „episch, l yrisch und dramatisch“ 28 umfasst, kann man das Wort „Gattung“ als eine spezifische Form von Literatur verstehen, welche sich den diesen drei Oberbegriffen unterordnen lässt. Diese Gattung ist zeitgebunden, das he ißt als historische Größe ein epochenspezifisches Phänomen, eben wie der oben genannte „Artusroman“, was jedoch nicht zwingend bedeutet, das sie nur zu einer bestimmten Zeit auftaucht und dann wieder verschwindet. Gattungen in diesem Sinne sind also „historische Textgruppen“ 29 . Diese können weiter unterteilt werden. Die Frage für den Armen Heinrich ist nun, wie er sich zu den historischen Gattungen verhält. Bevor ich den Versuch unternehme, dieses Verhältnis zu untersuchen, ist ein weiterer Aspekt in puncto „Gattung als historische Größe“ wic htig.
21 ATB-Ausgabe, V. 94-95.
22 Ibid., V. 91-93.
23 Ibid., V. 17.
24 Ibid., V. 29.
25 Mhd. „rede“ bedeutet u.a. ‚Rede, Erzählung’, „mære“ bedeutet u.a. ‚Nachricht, Erzählung’: Singer 2001, S. 47-48; Lexer 38 1992: ‚rede’ und ‚mære’.
26 Wapnewski 1975, S. 39.
27 Dinzelbacher 1992, S. 213.
28 Hempfer 1973, S. 651.
29 Ibid., S. 651.
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Die Frage ist nämlich, inwieweit man bei der Einteilung von Literatur in die jeweiligen historischen Gattungen Abweichungen und Veränderungen vom Idealmodell einer bestimmten Gattung zulässt. Eine Übertragung auf zwei grundsätzlich verschiedene Semantikmodelle, die sich mit der Bedeutung eines Wortes befassen, verdeutlicht diese Problematik 30 . Will man die Bedeutung einer bestimmten Gattung beschreiben, z.B. die der Legende, zählt man eine bestimmte Anzahl von Merkmalen auf, die zur Kategorie „Legende“ zählen. Teilt ein literarisches Werk keines dieser Merkmale mit den anderen Werken, die zu dieser Bedeutungskategorie zählen, gehört es nicht dazu. Dies erscheint soweit recht einfach.
Schwieriger wird es jedoch, wenn das Werk bestimmte Merkmale aufweist, andere aber wiederum nicht. Gehört es dann dazu oder nicht? Die strukturelle Merkmalsemantik würde diese Frage verneinen, da der Text nicht alle notwendigen und hinreichenden Bedingungen erfüllt, um zur Kategorie „Legende“ zu gehören. Jedes Mitglied der Bedeutungskategorie muss die notwendigen Merkmale besitzen, um dazuzugehören. Übertragen auf den Versuch, ein Werk einer historischen Gattung zuzuordnen, bedeutet dies, dass diese Semantik keine Merkmalsabweichungen zulässt.
Grubmüller weist auf die Problematik eines solchen Gattungszugangs hin, der „Entwicklungen“ ausschließt. Aber warum verweigert dieser Zugang Abweichungen? Er erklärt dies damit, dass hier „alle Manifestationen einer Gattung auf eine Zeitachse“ gesetzt werden, also ein „ahistorischer Zugang“ zur Gattung vorliegt 31 . Die Entwicklungen, welche eine Gattung im Laufe der Jahre, Jahrzehnte oder in noch längerer Zeit durchmacht, werden nicht berücksichtigt. Die Zuordnung von Texten zu den historischen Gattungen erfolgt hier also auf ahistorische Weise.
Die Wahrscheinlichkeit, dass nur wenige, vielleicht sogar keiner der Texte alle notwendigen und hinreichenden Bedingungen erfüllt, um zur Gattung zu gehören, ist hoch. Grubmüller nennt hier als Beispiel die Gattungen „Märe“ für die
30 Die Idee, zur Verdeutlichung dieser Problematik die beiden entgegengesetzten Modelle der strukturellen Merkmalssemantik und der sogenannten Standardversion der Prototypensemantik zu Hilfe zu nehmen, bekam ich durch den Hinweis Grubmüllers auf einen Aufsatz mit dem Titel „Zum Problem der Gattungsgrenze - Möglichkeiten einer prototypischen Lösung“ von Doris Tophinke: Grubmüller 1999, S. 200, Fußnote 35.
31 Grubmüller 1999, S. 200.
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Arbeit zitieren:
Frauke Kaster, 2004, Hartmanns "Der arme Heinrich" und die Gattungsproblematik, München, GRIN Verlag GmbH
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