Johann Wolfgang Goethe – Universität Frankfurt am Main
Seminar: Grundprobleme der Ontologie II
3. Semester
Ähnliche Tropen durch Ähnlichkeitstropen? Streit über den
ontologischen Status generischer Zusammenhänge
von: Justus Bender
Gliederung
1. Thematische Hinführung
2. Keith Campbell: Ähnlichkeit als primitives Derivat
2.a Contra: Russel, Daly / Küng und Hochberg
3. Kevin Mulligan: Ähnlichkeit als interne Notwendigkeit
3.a Contra: Von Wachter
4. Chrudzimskis Konzepte und eigenes Fazit
Bibliographie
1. Thematische Hinführung
Das Damoklesschwert über der ersten Philosophie, Ockhams Ausspruch: “entia non sunt multiplicanda praeter necessitatem“, ist die zweischneidige Mahnung zum Gebrauch seines Rasiermessers. Zum einen treibt sie an, sich bei der Aufzählung des Seienden möglichst kurz zu fassen, zum anderen läßt sich eine so komplexe Welt nur schwer auf einfache Kategorien reduzieren. Der kategoriale Kahlschlag an einer Stelle des ontologischen Dschungels hat nicht selten problematische Auswirkungen an anderen. Tropentheoretiker strapazieren so, wie alle Ontologen, das dünne Rosshaar.
Sie behaupten: Diese und alle möglichen Welten bestehen aus Tropen. Tropen sind individuelle Qualitäten, aus denen sich dieser Tisch oder dieses Blatt Papier zusammensetzen, also diese Größe, diese Härte und jene Temperatur. Bereits im Jahre 1953 entwickelte Donald C. Williams1 die These, daß Eigenschaften ausschließlich als partikuläres oder individuelles existieren, und taufte solche Eigenschaften, der Unterscheidbarkeit halber, „Tropen“. In der einkategorialen Tropentheorie haben somit numerisch verschiedene Dinge nie identische Eigenschaften.
Keith Campbell, der 1990 den Gedanken von Williams wieder stark machte2, meinte eine Trope bilde dann ein Bündel mit anderen Tropen, wenn sie mit diesen kopräsent (compresent) sei, das heißt zur selben Zeit am selben Ort existiere. Während der Universalienrealismus eine partikularisierende Substanz als weitere Kategorie postulieren muß3, um die numerische Vielfalt von qualitativ gleichen Entitäten zu bewahren, benötigt die Tropentheorie keine zusätzliche identitätsstiftende Kategorie. Sie ist von sich aus partikulär. Doch führt Campbell nicht nur die ockhamsche Sparsamkeit seiner einkategorialen These an, sondern übt handfeste Kritik am opponenten Substanzmodell, da nicht klar ist, was die Substanz sein kann, würde man sie ohne die von ihr abhängigen Eigenschaften analysieren. Hierzu nur kurz: Sie scheint für sich gesehen eigenschaftslos, d.h. nicht einmal mit der Eigenschaft ausgestattet, Eigenschaften zu partikularisieren, womit sie ihre Aufgabe garnicht erfüllen kann. Darüberhinaus kann sie als ununterscheidbares bare particular nicht den numerischen Unterschied zwischen zwei Dingen ausmachen, die auch sonst nur an identischen Universalien teilhaben oder diese exemplifizieren. Ein weiteres Beispiel für die Problematik des Universalienrealismus ist die kritische Frage, wie universale Eigenschaften in zwei Dingen gleichzeitig sein können und wie die Relation von Substanz und universaler Eigenschaft eigentlich zustande kommt. Mit einer Kritik an eben diesem, Campbells Primat von Raum und Zeit, dem Prinzip der Kopräsenz, formulierte Peter Simons im Jahre 1994 eine andere Analyse der Abhängigkeiten innerhalb eines Tropenbündels4. Seine Nukleustheorie versucht den Substanzbegriff des Universalienrealismus in das einkategoriale Gefüge der abstract particulars, wie Campbell Tropen auch nennt, zu integrieren. Essentielle Eigenschaften eines Bündels (als Substanzersatz) seien diejenigen, so Simons, die einen wechselseitig existentiell voneinander abhängigen Verbund in Form eines Nukleus bilden. Eine Eigenschaft x und eine Eigenschaft y bilden dann den Nukleus und sind damit essentiell für das Bündel, wenn x nur existiert, wenn y auch existiert und umgekehrt, als auch sämtliche Tropen von x oder y abhängig sind, jedoch eben nicht umgekehrt. Tropen die nur existieren können, wenn der Nukleus existiert, der Nukleus jedoch nur generisch auf sie angewiesen ist, sind akzidentelle oder kontingente Tropen. Man nehme das Beispiel einer Eigenschaft a, deren Existenzbedingung nur erfüllt ist, wenn die essentielle Eigenschaft x der Fall ist. Abhängigkeit von Eigenschaft x (einer essentiellen Trope) impliziert dabei ontologische Abhängigkeit mit dem gesamten Bündel, denn sie ist sowohl strikt oder rigide von sämtlichen essentiellen Tropen (x und y) abhängig, als auch generisch von anderen akzidentellen Tropen (b) via dem Nukleus: a ← { x ⇔ y } → b. Zu beachten ist nämlich: Der Nukleus ist trotz seiner ontologischen Vorrangigkeit generisch von akzidentellen oder kontingenten Eigenschaften fundiert. Es wird eine Trope dieser oder jener Art oder Sorte verlangt, um die im Nukleus implizierten ontologischexistenziellen Bedürfnisse zu saturieren. Damit kann man zumindest die rigide ontologische Abhängigkeit zwischen essentiellen Nukleustropen als wechselseitig und zwischen den generisch notwendigen Akzidenzien und dem Nukleus als einseitig bezeichnen. Auf das problematische Substanz-Modell als ontologisch primärer Partikularisierer kann wie bei Campbell verzichtet werden. Die Tropentheorie bietet somit entscheidende Vorteile, wenn es darum geht, Identität zu analysieren. Doch birgt sie durch die Einführung generischer Abhängigkeit am Ende doch die Gefahr eines ungewollten Universalienrealismus? Der Universalienrealismus behauptet zwei ähnliche Blatt Papier besäßen identische Eigenschaften (immanente Universalien) oder hätten an derselben universalen Eigenschaft teil, seien relative Instanzen derselben (platonische Universalien). Was aber macht sie dann zu numerisch distinkten Entitäten? Das Problem mit Universalien ist das der numerischen Vielfalt bei qualitativer Identität. In der Tropentheorie haben verschiedene Alltagsdinge auch verschiedene Eigenschaften, z. Bsp. Temperatur-Tropen. Aber was ist die Sorte oder Art von Temperaturen allgemein, wie Peter Simons sie bräuchte, um generische Abhängigkeit zu beschreiben? Wie rekonstruiert die Tropentheorie Universalien? Diese Arbeit untersucht deshalb die Frage: Was haben alle Temperatur-Tropen gemeinsam oder wie bildet sich eine Ähnlichkeitsklasse aller Tropen einer Sorte?
2. Keith Campbell: Ähnlichkeit als primitives Derivat
[...]
1 Williams
2 Campbell
3 Z. Bsp. in der aristotelischen Metaphysik
4 Simons
Quote paper:
Justus Bender, 2003, Ähnliche Tropen durch Ähnlichkeitstropen? Streit über den ontologischen Status generischer Zusammenhänge, Munich, GRIN Publishing GmbH
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