GLIEDERUNG
I. Seiendes als Seiendes
II. Traditionelle Interpretation
III. Frede/Patzig Interpretation
i. Form, Materie und Zusammengesetztes
ii. Dilemma der Form
IV. Möglichkeiten der Kritik
V. Wissen und primär Seiendes
VI. Bibliographie
I. Seiendes als Seiendes
Philosophie war im Griechenland des Aristoteles, das war von 384 bis 322 v. Chr., noch allumfassende Wissenschaft. So umspannte allein der Bruchteil seines Werkes, der noch erhalten war, als von Andronikos von Rhodos im 1. Jahrhundert die aristotelischen Schriften erstmalig herausgegeben wurden, jedes Forschungsgebiet der damaligen Zeit: Rhetorik, Literaturgeschichte, Politik, Philosophiehistorie, Kosmologie, Psychologie, Physik, Logik und reichte über die Ethik bis zur Metaphysik.
Im Rückblick wurden manche dieser Wissenschaften erst im Zuge der fokussierten Beschäftigung Aristoteles mit ihnen begründet. So auch die Metaphysik. Doch kommt dieser in der geleisteten Aufzählung noch auf andere Weise ein besonderer Status zu. Sie ist eben nicht einfach eine weitere, sondern die grundlegendste aller Wissenschaften, „[...] denn keine der anderen Wissenschaften betrachtet allgemein das Seiende, insofern es Seiend ist, sondern indem sie sich einen Teil vom Seienden herausschneiden“ 1 . Die Bezeichnung Metaphysik gebraucht Aristoteles indes nie. Er selbst spricht von der ersten Philosophie als derjenigen Wissenschaft, die den restlichen Wissenschaften vorstehe und nicht Spielarten dessen, was ist, sondern das Seiende als Seiendes, die ousia, also das Seiende in seiner allgemeinsten Struktur, zu ergründen und zu benennen suche. Andronikos verwandte diesen Titel nämlich nur ordnungshalber: metà tà physiká, die Schriften, welche nach denen der Physik eingeordnet wurden; vielleicht eine Verlegenheit des Herausgebers, dem die Bücher der Metaphysik inhaltlich so divers anmuteten, daß er sich an einen eigenständigen Begriff nicht herantraute. Denn es handelt sich bei der Metaphysik nicht um eine von Aristoteles selbst, sondern um eine posthum zusammengefügte, lose Sammlung seiner Lehrvorträge, wobei das Buch Ζ die mit 17 Kapiteln längste Schrift ist und es zudem scheint, als sei sie zusammen mit Η ein in der Reife befindlicher Entwurf eines eigenständigen Werkes gewesen.
Also was ist sie, die ousia? Diese Frage ist wohl der einzige Nenner, auf den sich sämtliche Aristoteles-Kommentatoren bringen lassen. Ansonsten herrscht Streit. Die Vielfalt ist verwirrend groß und der hochkomplexe Bedeutungszirkel,
1 Aristoteles, 1003 a 21 (Reclam-Übers.)
in dem Aristoteles seine Begriffe systematisiert, macht zuweilen sprachlos. Hier ist deshalb nur eine einzige Sicht der Dinge ausführlicher dargestellt, nämlich die des Kommentars von Michael Frede und Günther Patzig. Es wird also Thema dieser Arbeit sein, die aristotelische Metaphysik aus dem Buch Ζ heraus zu rekonstruieren und zu hinterfragen. Interessant könnte dabei sein, inwiefern diese bereits den reflektierten Versuch darstellte, diesselben Widersprüche jeder modernen Ontologie aufzulösen, oder besser gesagt: inwiefern dasselbe, ungelöste Verhältnis dreier von Aristoteles benannter Fragen, auch den heutigen Konflikt dieser Disziplin ausmacht.
II. Traditionelle Interpretation
Eine Wissenschaft vom Seienden könnte es sich leicht machen und einfach aufzählen, was es gibt: Vögel, Flüsse, Philosophen,... Aristoteles jedoch fand, daß Wissenschaftlichkeit stets das Allgemeine sucht. So eliminiert die Mathematik jedes Axiom, das durch ein allgemeineres bereits ausgedrückt ist. Ähnliches soll auch die Metaphysik leisten, indem sie nicht ein jedes Einzelding für sich nimmt, sondern die Struktur findet, mit der sich alles, was ist, beschreiben läßt.
Was also das Seiende angeht, so geht es Aristoteles vor allem darum, so könnte man sagen, dasjenige zu finden, was allen Kategorien voran vonnöten wäre, würde man eine Welt erschaffen wollen. Dies wäre das primär Seiende, der erste und wichtigste Baustein seiner metaphysischen Struktur. Es wäre an sich noch keine Welt, aber das der Welt zugrundeliegende und Kern jedes wahren Seins. Und derart gibt es wahres Sein, als reine Seins-Bestimmung, daß etwas ist, aber es gibt auch wahres So-Sein, als reine Wesens-Bestimmung, was dies Etwas ist. Auf beide Weisen interessiert also nicht, wie die Welt im Einzelnen aussieht, das ist den empirischen Wissenschaften überlassen, sondern was man allgemein aussagen kann über das, was dies ist und so die Welt zu dieser macht und sie bedingt. Der Arbeitstitel, unter dem er nach derartigem fahndet, ist der Begriff der ousia, die griechische Substantivierung des Infinitivs von „sein“.
Die traditionelle Interpretation der Metaphysik und auch von Ζ liest das primär Seiende, die ousia, auf zwei Arten. Dies geschieht vor allem mit Bezug auf
1
andere Schriften, besonders die Kategorienschrift oder auch ∆, und aus dem Wunsch heraus, ein möglichst homogenes Bild zu erkennen, eines, in dem Ζ nicht aus der Reihe tanzt. So unterscheidet Aristoteles in ∆ die ousia als denjenigen Gegenstand, welcher allem, was es gibt, zugrundeliegt, also als das, was eben der Kern genannt wurde, von der ousia als der Ursache des Seins dieses Gegenstandes, sozusagen der Ursache dafür, daß dieses zugrundeliegende etwas hat, dem es zugrunde liegen kann, das was eben die Wesens-Bestimmung genannt wurde. Nehme man statt eines Vogels oder eines Flusses den Prototyp des Philosophen zum Beispiel: Sokrates. Und nehmen wir zusätzlich an, wir würden ihm gegenüberstehen, sodaß es ihn auch wirklich gibt. Was können wir über sein Sein aussagen? Sokrates „ist“ und er ist allem voran ein Mensch. Darüber hinaus nennt man ihn einen spitzfindigen Redner, in Delphi gar den Weisesten. Man kann aber begründen, die ousia von Sokrates sei einzig, daß er Mensch ist. Denn betrachtet man alle Eigenschaften des Sokrates, sind diese allesamt nur, insofern Sokrates ein Mensch ist, denn wenn man von etwas aussagt, daß es ein Mensch sei, so impliziert dieses potentiell alle Eigenschaften, die Sokrates ansonsten auch wirklich hat. Menschsein steht in der Hierarchie seiner Eigenschaften an erster Stelle, sie ist Sokrates grundlegendste Eigenschaft und damit das, was er primär ist: sie ist seine ousia. Menschsein ist die Ursache dafür, daß Sokrates ist, denn es ist die Art seines Seins, die ihn bedingt und ohne Mensch zu sein, wäre Sokrates nicht er selbst. Das ist also der eine Begriffsteil der gespaltenen ousia in der traditionellen Interpretation.
Aber nicht der alleinige, denn wenn dieses Prädikat etwas zukommt, also von etwas prädiziert wird, kann das Prädikat, hier: Menschsein, nicht Sokrates selbst sein und damit nicht das Zugrundeliegendste. Es wäre ousia, aber immer bloß die ousia von etwas, einem allerersten, von einem Träger. Und dieses tragende Sein, das noch jenseits wesentlicher Qualitäten ist, ist dasjenige, das die Eigenschaft Mensch fundiert und wahrmacht, also der Mensch ohne sein Menschsein, sondern als reines Einzelnes in der Welt. Zum Beispiel kann für Aristoteles das Gehen, das Gesundsein oder das Sitzen nicht sein, wenn es nicht das Gehende, das Gesundseiende oder das Sitzende gäbe: etwas an welchem dies in Wirklichkeit vorkommt. 2 Das ist das Zugrundeliegende oder
2 Vgl. Aristoteles 1028 a 21ff
2
Subjekt, dasjenige, von dem das, was etwas ist, prädiziert wird. Der Unterschied zwischen dem Gehen und dem Gehenden ist nämlich, daß das Gehende etwas ist, was geht, ein zusammengesetztes, und daß es nicht einfach „geht“ geben kann, sondern nur ein Etwas an dem das Gehen auftritt, die ousia, von der alles übrige ausgesagt wird, die selbst aber von nichts weiterem ausgesagt werden kann: ein Individuum. So gesehen kann man von ousia auf zwei Weisen sprechen und ∆ macht es ausdrücklich: „Es gibt also zwei Arten, nach denen das Wesen 3 ausgesagt wird: einerseits als das letzte Substrat, das nicht weiter von einem anderen ausgesagt wird, andererseits aber als dasjenige, das ein Dies-Seiendes und abgetrennt ist.“ 4 Aber welchen Status hat hier die Tatsache, daß Sokrates weise ist? Seine Menschlichkeit war eine Bestimmung „per se“, sein Wesen, von der er existentiell abhängig ist, man könnte sagen, sie ist das, was er gewesen sein wird, wenn er nicht mehr ist. Weisheit aber ist eine Bestimmung „per accidens“, sie ist nicht wesentlich, sondern kann entfallen, da Sokrates selbst ja sagte, er sei nun wirklich kein bißchen weise, obschon er trotzdem immer noch - (oder doch gerade deshalb?) - Sokrates sei. Weisheit ist demnach keine Bedingung dafür, daß er ist. Er kann auch ohne sie. Der ousia als dem Träger der Eigenschaft und der ousia als dem Wesen eines Dinges nachgeordnet, gibt es folglich akzidentelle Eigenschaften: „Akzidenz heißt das, das an etwas vorhanden ist und der Wahrheit gemäß von ihm ausgesagt werden kann, jedoch nicht mit Notwendigkeit und nicht in der Regel.“ 5 Warum diese Spaltung? Ist für die ousia das Kriterium des Zugrundeliegens mit den zitierten Kriterien des Abgetrennt- und Dies-von-der-Art-Seins unvereinbar? Für manche schon, denn die traditionelle Interpretation liest deshalb die ousia einmal als letztes, als blanker Kern der Dinge, an dem sich diese festhalten und so ihre Identität wahren. Andererseits als primär Erkanntes, wo sie ein Dies von der Art ist 6 und abgetrennt bestimmbar. Obwohl beide ousiai nur gleichsam, das heißt allein in Koexistenz sein können, nennt man die Spannung zwischen Allgemeinheit und Individualität, die sich aus der Gegensätzlichkeit der Kriterien ergibt, unüberwindlich. Denn etwas zugrundeliegendes kann nur ein bares
3 Reclam-Übersetzung von ousia; als „letztes Substrat“ bezeichnen Frede und Patzig das Zugrundeliegende
4 Aristoteles, Metaphysik ∆, 1017 b 25 (Reclam-Übers.)
5 Aristoteles, Metaphysik ∆, 1025 a 15 (Reclam-Übers.)
6 Zumindest als das, was das Dies-von-der-Art-sein benennt.
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Arbeit zitieren:
Justus Bender, 2003, Aristoteles' individuelle Formen in Z, München, GRIN Verlag GmbH
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