1. Einleitende Bemerkungen 1
2. Zur Frage der Individualität des Menschen 3
2.1. Das Primat des Inneren - Lavaters Position 3
2.2. Das Primat der Handlung - Hegels Position 5
2.2.1. Das Verhältnis von Innerem und Äußerem 6
2.2.2. Physiognomik als bloße Meinung 8
2.2.3. Die Tat als das wahre Sein des Menschen 10
3. Lavaters Physiognomik im Vergleich mit Hegels Theorie der Handlung 11
3.1. Religiosität und Aufklärung als Impulse der Physiognomik Lavaters 11
3.2. Abwägung der unterschiedlichen Konzeptionen 13
3.3. Auslöschung der Individualität - Das Problem der Entäußerung 14
4. Tätigkeit und Tätigkeitsraum bei Lichtenberg und Hegel 16
4.1. Der Vorrang der Umwelt - Lichtenbergs „materialistische“ Position 16
4.2. Entäußerung und Arbeit - Hegels vermittelndes Konzept 19
4.2.1. Arbeit als Vermittlung 20
4.3. Vergleich zwischen Lichtenbergs und Hegels Konzeption der Tätigkeit und des Tätigkeitsraumes 22
II
Seite 5. Bühlers Ausdruckstheorie 23
5.1. Die traditionelle Ausdruckslehre 23
5.2. Die wissenschaftsparadigmatischen Voraussetzungen für eine moderne Ausdruckstheorie 25
5.3. Ausdruck als Bestandteil der Handlung 26 5.3.1. Die Handlungsinitien 27
5.3.2. Das Primat des Inneren Teil II - Lavaters Anliegen in neuem Gewande 29
5.3.3. Äußeres als Erweiterung des Inneren 31
5.4. Gemeinsamkeiten und Unterschiede zwischen Hegels und Bühlers Entwürfen 34
6. Abschließende Betrachtungen 37 Literaturverzeichnis 40
III
1. Einleitende Bemerkungen
Die vorliegende Arbeit, die eine theoretisch orientierte sein soll, hat sehr unterschiedliche Fragestellungen zu den verschiedenen Positionen von Autoren zum Thema, deren vereinendes Band die Beschäftigung mit der Physiognomik darstellt. Die diese Arbeit bestimmende Methodik wird deshalb vergleichender Natur sein. Dies bringt einige Schwierigkeiten mit sich, da man es hierbei mit Denkern zu tun hat, die ganz unterschiedlichen Epochen angehören und deren Konzeptionen mitunter ebenso grundverschieden sind, wie die Zeiten, denen sie entstammen. Hinzu kommt, daß die Art der Texte, mithin die Darlegung der Ideen je nach Verfasser stark differiert. So geht etwa Lavater in seinen Schriften von einigen wenigen, an einer Hand abzuzählenden theoretischen Prämissen aus, um sich dann auf die „praktischen“ Aspekte der Silhouetten-Deutung zu konzentrieren. Lichtenbergs theoretische Aussagen finden sich gut versteckt in vielen verstreuten Aphorismen und eingebettet in ausgiebige polemische Ausführungen. Dagegen steht Hegels gewaltiges philosophisches System, in dem jeder einzelne kleine Aspekt in einen größeren Zusammenhang integriert zu sein scheint und bei dem das eine unweigerlich wieder mit dem anderen zusammenhängt, freilich dieses ohne jenes wiederum nicht denkbar ist usw. Bühlers Werk zur Ausdruckstheorie ist maßgeblich historisch orientiert, so daß oftmals die Positionen anderer Theoretiker referiert werden, woraus die Schwierigkeit erwächst, fremde und eigene Gedanken voneinander zu trennen. Trotz dieser mannigfaltigen Schwierigkeiten im Umgang mit den Texten der genannten Autoren, hofft der Verfasser, daß das Experiment geglückt ist, die zentralen Standpunkte zur Physiognomik unter bestimmten Fragestellungen zu explizieren, darzustellen, zu vergleichen und zu diskutieren.
So sollen zunächst die Positionen Lavaters und Hegels unter Bezugnahme auf ihre Standpunkte zur Frage der Individualität des Menschen in den Blick genommen werden. Hieran knüpfen auch insbesondere Überlegungen zu dem Problem an, was das Innere und Äußere eines Menschen überhaupt kennzeichnet.
1
Hierbei wird der geistesgeschichtliche Hintergrund von Lavaters Physiognomik ebenso zu beleuchten sein, wie die Frage nach der Rolle der Entäußerungsthese Hegels in ihrer Bedeutung für die Individualität des Menschen. Dem schließen sich Betrachtungen zu Lichtenbergs und Hegels Auffassungen zu Tätigkeit und Tätigkeitsraum an, wobei hier bei Lichtenberg vor allem der Aspekt der „äußeren Faktoren“, die auf den Menschen wirken und bei Hegel die vermittelnde Rolle der Arbeit im Vordergrund der Untersuchung stehen soll. Der letzte Hauptpunkt beschäftigt sich mit Bühlers Ausdruckstheorie. Nach einer kurzen Charakterisierung der traditionellen Ausdruckslehre, werden u.a. die wissenschaftlichen Grundlagen der modernen Ausdruckstheorie im Sinne Bühlers analysiert, das Verhältnis sowohl von Ausdruck und Handlung als auch von innerer und äußerer Sphäre betrachtet sowie eine Abwägung der unterschiedlichen Konzepte Hegels und Bühlers vorgenommen. Dabei wird auch Bühlers Entwurf der Handlungsinitien in seiner Bedeutung für das Anliegen und Ziel der Ausdruckstheorie thematisiert.
Abschließend wird auf einige thematische Überschneidungen zwischen Fragen der Physiognomik und aktuellen Tendenzen in der Wissenschaft hingewiesen. Darüber hinaus werden einige Aspekte genannt, die im Rahmen dieser Arbeit nicht weiter thematisiert werden konnten, die allerdings nach Meinung des Verfassers eine weitergehende Behandlung verdienen und sich als Anregung für künftige Diskussionen verstanden wissen wollen.
2
2. Zur Frage der Individualität des Menschen 2.1. Das Primat des Inneren - Lavaters Position
„Sagt uns die Vernunft nicht, daß jedes Ding in der Welt eine äußere und innere Seite habe, welche in einer genauen Beziehung gegen einander stehen? daß jedes Ding eben darum, weil es das und kein anders Ding ist, etwas an sich haben müsse, wodurch sein Unterschied von jedem andern erkannt werden kann?
Sagt sie uns nicht, daß, wenn überhaupt zwischen der Seele und dem Körper, dem Innern und Aeußerlichen des Menschen eine genaue Uebereinstimmung statt hat, die unendliche Verschiedenheit der Seelen oder des Innern der Menschen, nothwendig auch eine unendliche Verschiedenheit in ihrem
1 Körper und ihrem Aeußerlichen zuwege bringen müsse?“
In diesen Worten Lavaters drücken sich zwei zentrale Prämissen aus, welche die Basis seiner ganzen Physiognomik bilden. Es ist dies zunächst die Annahme, daß jedes Ding etwas Charakteristisches besitzen müsse, das nur dieses und kein anderes auszeichnet, mithin auch von einer „unendlichen Verschiedenheit“ des Inneren des Menschen auszugehen sei. Das, was den Menschen einzigartig macht, sein „wahres Gesicht“, kurz, seine ausschließlich ihm zukommende Individualität, bildet, zusammengefasst, das „Innere“. Die zweite Grundannahme Lavaters besagt, daß zwischen dem Inneren eines Menschen und seinem Äußeren eine korrespondierende Verbindung, eine Beziehung, besteht, mittels derer sich das individuelle Innere der Person ebenso charakteristisch an deren äußerer Oberfläche ausdrücken müsse. In diesem Kontext ist die Rolle bemerkenswert, die Lavater dem zuschreibt, was das Innere und das Äußere voneinander unterscheidet:
„Dies Äußerliche und Innere stehen offenbar in einem genauen unmittelbaren Zusammenhange. Das Äußerliche ist nichts als die Endung, die Grenze des Innern - und das Innere eine unmittelbare
Fortsetzung des Äußeren.“ 2
Man könnte nach diesen Worten Lavaters meinen, es bestehe eine Grenze zwischen dem Inneren und dem Äußeren, und bestehe zugleich aber auch nicht. 1 LAVATER, Physiognomik, S. 12.
2 Ders., Fragmente, S. 15.
3
Denn das Innere sei ja die unmittelbare Fortsetzung des Äußeren. 3 Wenn an dieser Stelle der Begriff der Grenze im Sinne Lavaters überhaupt gerechtfertigt erscheint, so kann es sich bei dieser Grenze jedenfalls lediglich um eine sehr durchlässige handeln, an welcher der Beziehung, dem Zusammenhang zwischen Innerem und Äußerem eine größere Bedeutung zukommt als dem Trennenden. Während Lava ter einerseits das Trennende zwischen Innerem und festem Äußerem nivelliert und eine relative Eigenständigkeit der inneren und äußeren Sphären eines Individuums und deren Unabhängigkeit voneinander verneint, umso deutlicher zieht er einen Trennstrich zwischen den Individuen als Ganzes. Wenn Lavater von der „unendlichen Verschiedenheit der Seelen oder des Innern der Menschen“ spricht, so vernachlässigt er damit zugleich das Gemeinsame und Vereinende, das den Menschen allein aufgrund ihres Menschseins zukommt zugunsten des Trennenden, indem er die Unterschiede zwischen den Individuen hervorhebt:
„Vorausgesetzt also, daß die Charaktere der Menschen in jedem Sinne verschieden seyn, so ist, nach dem Urtheile der Vernunft, zugleich vorausgesetzt, daß die unmittelbaren mit dem Charakter des
Menschen verknüpften Aeußerlichkeiten verschieden seyn müssen.“ 4 Es zeigt sich also hier, daß Lavater bezüglich seiner Physiognomik auf die Betonung der seelischen Verschiedenheit zwischen den Menschen angewiesen ist, wenn er den von ihm postulierten Zusammenhang zwischen Innerem und Äußerem eines Menschen argumentativ durchhalten will, da sich äußerliche Unterschiede innerhalb der Menschheit schlechterdings nicht leugnen lassen. Die Hervorhebung der seelischen Unterschiede impliziert somit gleichzeitig eine positive Wertung der Einzigartigkeit des einzelnen Menschen. Es bleibt also festzuhalten, daß der Begriff der Individualität bei Lavater eng mit der Betonung des Trennenden zwischen den Menschen verbunden ist. Das Besondere, das Wahre, das Hervorhebenswürdige ist das Innere eines jeden Menschen, das sich gleichsam in dessen charakteristischen festen Teilen des Äußeren ausdrückt.
3 Inwieweit hier die Reihenfolge der Nennung, nach der an dieser Stelle das Innere die unmittelbare
Fortsetzung des Äußeren sei, Folgen für die Interpretation der Lavaterschen Physiognomik nach sich
zieht, muß ausgeklammert werden. Es sei nur auf das Ungewöhnliche dieser Reihenfolge hingewiesen,
da der Vorgang des „Sich-Ausdrückens“ in der Literatur i.d.R. in entgegengesetzter Richtung verläuft.
4 LAVATER, Physiognomik, S. 12.
4
Die positive Bewertung des Inneren eines Menschen zeigt sich auch in Lavaters Ablehnung des „bewegten Äußeren“, der Pathognomik und des Mundes als dem „Ort der falschen Zeichen“. Sprache und Tätigkeit sind für Lavater nur unwesentliches, wenn nicht gar falsches Äußeres. Lavater interessiert nicht in erster Linie die Tat, sondern das, was der Tat vorgängig, im wesentlichen Inneren des Menschen verborgen liegt: Die Gedanken und die Absichten, die der Tat, Handlung oder Aussage zugrunde liegen. Die wahre Individualität des Menschen zeigt sich mit Lavater demnach gerade nicht in seinen Handlungen und Reden, sondern in seinem wahren Inneren als dem Ort seines Denkens, seiner Gefühle, seines Willens. Und zu diesem Inneren will Lavater vordringen. 2.2. Das Primat der Handlung - Hegels Position
Für Hegel ist der Mensch grundsätzlich zweierlei. Seine diesbezügliche Prämisse lautet: Zum einen ist das Individuum „für sich“, d.h. der Mensch ist charakterisiert durch sein freies Tun, und zum anderen ist das Individuum „an sich“, d.h. es hat ein ursprünglich bestimmtes Sein. Diese beiden Bestimmungen des Individuums werden von Hegel als etwas Gegensätzliches gefaßt. Die Bewegung des Bewußtseins und das „feste Sein“ der erscheinenden Wirklichkeit des Individuums stehen sich gegenüber. 5 Dieses „feste Sein“, die „erscheinende Wirklichkeit“ des Individuums ist der Leib, der ja die Grundlage für die Überlegungen und Schlußfolgerungen Lavaters über das Innere als der wahren Natur des Menschen bildet. Hegel geht hierauf in der Phänomenologie des Geistes tiefer ein und charakterisiert den Leib des Individuums als dessen Ursprünglichkeit, in der „noch nichts getan“ wurde. Hierin widersprechen sich Lavater und Hegel nicht. Zu dieser Position der statischen Bestimmung der Leiblichkeit kommt nun jedoch bei Hegel noch eine weitere Überlegung hinzu: Denn zugleich ist das Individuum auch nur das, was es getan hat.
5 HEGEL, Ph G, S. 207.
5
Aus diesem Grunde ist der Körper nicht nur im Moment der Ursprünglichkeit angesiedelt, in dem noch nichts getan wurde, sondern er ist auch gleichzeitig der von ihm hervorgebrachte Ausdruck seiner selbst. Dieses Zeiche n des Leibes ist nicht nur eine unmittelbare, ursprüngliche Sache geblieben. Vielmehr ist an diesem Zeichen abzulesen, was der Mensch ist, wenn er sein ursprüngliches, statisches Sein in die Tätigkeit richtet. 6 Es kommt also bei Hegel zu Lavaters rein statischer Charakterisierung der Körper-Zeichen ein zweites dynamisches Element hinzu, das gleichberechtigt neben dem ersten steht. 2.2.1. Das Verhältnis von Innerem und Äußerem
Hegel hält sich selbst zugute, daß bei ihm die ganze bestimmte Individualität Gegenstand der Betrachtung sei. Zum äußeren Ganzen gehört also nicht nur das ursprüngliche Sein, der angeborene Leib, sondern ebenso die „Formation“, die Veränderung des Leibes. Diese tätige Veränderung des Leibes ist nun wiederum der Ausdruck des Inneren. Dies bedeutet aber, ganz im Gegensatz zu Lavater, daß sich das Innere nicht im statischen Äußeren ausdrückt, sondern gerade in der Veränderung des Körpers. Erst durch die Tätigkeit wird das Innere sichtbar. Der Leib des Menschen ist somit die Einheit des nicht gebildeten und des gebildeten Seins, wie auch die vom Fürsichsein, vom freien Tun des Individuums, sich selbst geschaffene Wirklichkeit. 7 Dieses Ganze besteht aus den ursprünglichen festen Teilen des Körpers und aus jenen Zügen, die allein durch die Tätigkeit entstehen. Das Ganze ist das als Bewußtsein und Bewegung gesetzte Individuum. Erst dieses Sein des Ganzen des Menschen ist Ausdruck des Inneren. 8 Das Innere selbst ist aber keine nur formelle, inhaltlose oder unbestimmte Selbsttätigkeit, die ihren Inhalt und ihre Orientierung erst von den äußeren Umständen her erhält, sondern das Innere ist ein an sich bestimmter ursprünglicher Charakter, der sich dann in der Form der Tätigkeit ausdrückt. 9
6 HEGEL, PhG, S. 207.
7 Ebd.
8 Ebd., S. 207 f.
9 Ebd., S. 208.
6
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Ruben von der Heydt, 2004, Untersuchungen zur Physiognomik - Ein Vergleich der Positionen Lavaters, Lichtenbergs, Hegels und Bühlers unter ausgewählten Fragestellungen, München, GRIN Verlag GmbH
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