II
I N H A L T S V E R Z E I C H N I
1. Einleitende Bemerkungen 1
2. Fachsprache und Wissenschaftssprache 2
2.1. Allgemeine Charakteristika von Fachsprachen 2
2.2. Die Einordnung der Wissenschaftssprachen in den Kontext der Fachsprachen 4
3. Ausgewählte Aspekte der Wissenschaftssprachengeschichte 6
3.1. Die Rolle des Lateinischen bei der Entwicklung der Wissenschaftssprachen 6
3.2. Betrachtungen zur Geschichte der Wissenschaftssprache am Beispiel der
deutschen Philosophiesprache des Mittelalters 8
3.2.1. Die althochdeutsche Zeit - Notker von St. Gallen 10
3.2.2. Die Deutsche Scholastik 12
3.2.3. Die Deutsche Mystik 13
4. Abschließende Betrachtungen 16
3
1. Einleitende Bemerkungen
Der Bereich der Fachsprachen umfasst vielerlei Aspekte und Richtungen. Ein entscheidender und für Studenten nahe liegender Teilaspekt der Fachsprachen ist sicher die Wissenschaftssprache. Die Wissenschaftssprache selbst differenziert sich wiederum in mannigfaltige Disziplinen, von denen eine, bei einer Beschäftigung hiermit im Rahmen einer Seminararbeit, exemplarisch herauszugreifen ist. Die Entscheidung fiel hier auf die deutsche Philosophiesprache des Mittelalters. Zu begründen wäre dies einerseits mit dem Bedürfnis, zu den Wurzeln der deutschen Wissenschaftssprache vorzudringen und andererseits mit der Erkenntnis, dass alle Wissenschaftsdisziplinen in ihrer heutigen Gestalt ursprünglich dem weiten Feld der Philosophie entsprungen sind. In der vorliegenden Arbeit soll es um diese Aspekte der Wissenschaftssprache gehen. In methodischer Hinsicht gilt die Maxime: „Vom Allgemeinen zum Besonderen“. Diesem Grundsatz folgend wird im ersten Hauptabschnitt auf das fundamentale Verhältnis von Fachsprache und Wissenschaftssprache einzugehen sein. Hierbei werden zunächst die allgemeinen Charakteristika von Fachsprachen herausgestellt, um dann den Standort der Wissenschaftssprachen vor dem Hintergrund der Fachsprachen zu bestimmen. Der zweite Hauptabschnitt thematisiert dann, auf den mehr theoretischen Vorüberlegungen des ersten Hauptabschnittes aufbauend, einige zentrale Aspekte der Wissenschaftssprachengeschichte. Dabei soll zunächst im ersten Unterabschnitt allgemein die Bedeutung des Lateins für die Entwicklung der Wissenschaftssprachen ins Auge gefasst werden. Auch die Rolle des Lateins für die Herausbildung der Volkssprachen wird mit zur Sprache kommen. Daran anschließend wird es im zweiten Unterabschnitt um die Geschichte der Wissenschaftssprache am Beispiel der deutschen Philosophiesprache des Mittelalters gehen. Hier wird an die Betrachtungen des vorhergehenden Unterabschnitts über die Rolle des Lateins angeknüpft, denn eine mittelalterliche Philosophiesprache des Deutschen ist ohne den Bezug zum Lateinischen nicht denkbar. Bei der Beschäftigung mit diesem Abschnitt der deutschen philosophischen Sprachgeschichte werden die wichtigsten Strömungen der althochdeutschen Zeit und hier besonders die Rolle Notkers von St. Gallen, die Deutsche Scholastik und die Deutsche Mystik beleuchtet werden. Die Arbeit findet ihren Abschluss in einigen zusammenfassenden Betrachtungen.
1
2. Fachsprache und Wissenschaftssprache
2.1. Allgemeine Charakteristika von Fachsprachen
Zunächst seien einige zentrale Charakteristika von Fachsprachen angeführt, die in Hinblick auf die Wissenschaftssprache von Bedeutung sind. Bemerkungen über die Eigenheit und Unverständlichkeit bestimmter Termini einzelner Berufszweige und Wissenschaften finden sich bereits in antiken Texten. Hierbei wird bereits ein zentrales Problem der Charakterisierung von Fach- und Wissenschaftssprachen augenfällig: in erster Linie wird hierbei dem speziellen Wortschatz und Wortgebrauch Aufmerksamkeit geschenkt. Es fand damals in der Antike und findet seitdem bis heute häufig eine Gleichsetzung von Fachsprache und Fachwortschatz statt. Dies stellt nun allerdings eine verkürzte Sicht auf den Bereich der Fachsprache dar. Vielmehr ist bei der Beschäftigung mit dieser Thematik ebenfalls die Berücksichtigung von Syntax, Stil sowie textlinguistischen und pragmatischen Aspekten bei der Beschreibung von Fachsprachen angezeigt. Eine Beachtung dieser Gesichtspunkte findet erst in der neueren Forschung statt. 1 Zu bedenken bleibt darüber hinaus, dass Fachsprachen ohne, wie es häufig geschieht, Einbeziehung der Syntax keine Sprachen, sondern lediglich ein Ansammlung von Fachwörtern wären, deren Gesamtheit Terminologie genannt wird. Diese ist jedoch klar von den Fachsprachen abzugrenzen. Neuere, im Rahmen der wissenschaftlichtechnischen Ausbildung von Ausländern entstandene Untersuchungen haben gezeigt, dass es bei der Vermittlung von Fachsprachen nicht allein genügt, die Lexik zu behandeln, sondern dass auch die Vermittlung von Kenntnissen der spezialsprachlichen Syntax hinzukommen muss. Mit diesen Untersuchungen wurde die struk turbildende Bedeutung fachsprachlicher Syntax nachgewiesen. 2 Unbestreitbar bleibt indes, dass jeder Fachtext zunächst einer Sprache zugeordnet sein muss, bevor er als fachsprachliche Varietät eben dieser Sprache bestimmt werden kann. 3 Die Tatsache, dass sich also eine Fachsprache stets aus der bereits vorhandenen Sprache entwickelt, gilt sowohl für mundartliche, gesprochene, nichtfixierte Fachsprachen, als auch für die modernen naturwissenschaftlichen, technischen etc. Fachsprachen, die nicht zu erlernen sind ohne die Beherrschung der Grundzüge der allgemeinen Schrift- und Standardsprache. 4
1 SEIBICKE, S. 2378.
2 FLUCK, S. 12.
3 SEIBICKE, S. 2378.
4 Ebd., S. 2379.
2
Zur Frage der Entstehung neuer Fachsprachen lässt sich festhalten, dass sich solche immer dann herausbilden, sobald neue Fachgebiete mit speziell daran beteiligten Personenkreisen im Entstehen begriffen sind. In Bezug auf die Entstehung neuer Wissenschaftssprachen ist dies vor allem dann der Fall, wenn ein Prozess der Spezialisierung im Gange ist, der eine weitgehende Arbeitsteilung innerhalb bereits bestehender Fächer hervorruft. 5 Als etabliert kann ein neues Fach mit einem entsprechenden Fachwortschatz dann gelten, wenn eigene Ausbildungsgänge geschaffen und somit Fachleute für das neue Gebiet herangebildet werden. Was die Historiographie der Fachsprachen anbelangt, so kann grundsätzlich gesagt werden, dass historische Fachsprachen immer nur dann rekonstruierbar sind, soweit schriftliche Zeugnisse ihres Bestehens vorliegen. Auch dies führt freilich zu einer unvermeidlichen Blickverengung, wenn man sich vergegenwärtigt, dass die Niederschrift von Texten zur fachinternen Kommunikation in vielen Bereichen erst sehr spät eingesetzt hat. 6 Zur Frage der Periodisierung der Fachsprachen ist anzumerken, dass diese nicht mit der in der Sprachgeschichte üblichen Einteilung in „Ahd.“, „Mhd.“ etc. korrespondiert, da hier nicht Wandlungen im Lautsystem des Deutschen entscheidend sind, sondern Erfindungen, Entdeckungen, neue Organisations- und Wirtschaftsformen, neue Denkweisen und dgl., die den Bestand und die Qualität der Fachsprachen verändern. Diese Innovationen treten in den einzelnen Fächern zu unterschiedlichen Zeiten auf, sodass eine alle Fachgebiete umfassende Periodisierung vollkommen unmöglich ist. Im Hinblick auf die Wissenschaftssprachen lassen sich dennoch bestimmte Trends, die bei der Entstehung neuer Fachsprachen eine Rolle gespielt haben, ausmachen. Es sind dies etwa: 7
a) die Entwicklung neuer naturwissenschaftlicher Denkmodelle und Methoden seit der Renaissance, die zur Entstehung moderner Naturwissenschaften und der Technik im 18. und 19. Jh. führen;
b) die damit im Zusammenhang stehende, im 18. Jh. einsetzende „Industrielle Revolution“, durch die der gesamte Bereich der materiellen Produktion und der Infrastruktur hervorgerufen wird;
c) der Übergang vom Lateinischen zur Volkssprache, der sich nicht überall gleichmäßig vollzieht, aber im 19. Jh. seinen allgemeinen Abschluss findet (hierauf wird noch weiter einzugehen sein);
5 Zu nennen wären hier z.B. die Auffächerung der architectura des Mittelalters in zahlreiche neuzeitliche
Einzelfächer, die Entwicklung der Germanistik aus der Klassischen Philologie seit dem 19. Jh. oder die
vielfältige Untergliederung der Medizin in heutiger Zeit; SEIBICKE, S. 2379.
6 Ebd.
7 SEIBICKE, S. 2379 f.
3
d) die Verschriftlichung der Fachkommunikation und das Entstehen neuer Textsorten. e) Für den geistes- und sozialwissenschaftlichen Bereich ist in diesem Zusammenhang noch gesondert auf die Übernahme naturwissenschaftlicher Methoden seit dem 19. Jh. hinzuweisen, da hierbei ein tiefgreifender Wandel der Fachsprachen in den jeweiligen Wissenschaften in Gang gesetzt wurde.
2.2. Die Einordnung der Wissenschaftssprachen in den Kontext der Fachsprachen
Im Folgenden soll es darum gehen, das Verhältnis von Fachsprache und Wissenschaftssprache zu bestimmen. Generell besteht ein weitgehend einheitlicher wissenschaftlicher Konsens in der Frage, in welchem Bedingungsverhältnis Fachsprache und Wissenschaftssprache zueinander stehen, wobei unter dem Begriff der Fachssprache auch die Wissenschaftssprachen subsumiert werden. 8 Die allgemein anerkannte Aufgabe der Fachsprachen liegt in der Bereitstellung eines Zeichenvorrats zur Verständigung über bestimmte Gegenstands- und Sachbereiche. Fachsprachen können demnach als sprachliche Zeichensysteme mit instrumentalem Charakter angesehen werden. Diese Anschauung wird schon seit langem von der Prager linguistischen Schule vertreten. 9 Ausgehend von B. HAVRÁNEKS Theorie der Schriftsprache, 10 welche die Sprache als „polyfunktionales System mit mehreren Stilschichten“ 11 versteht, sehen die Vertreter der Prager linguistischen Schule in den Fachsprachen einen besonderen Stiltyp, und zwar den funktionalen Sprachstil. 12 Stile werden dabei verstanden als „[…] Prinzipien der Organisation von Realisationen des Sprachsystems.“ 13 B. HAVRÁNEKS Theorie der Schriftsprache unterscheidet im gesellschaftlichen Kommunikationsprozess vier funktionale, d. h. den gesellschaftlich differenzierten Bedürfnissen angemessene Stile im System der Schriftsprache. Fachsprache ist in diesem Entwurf in zwei funktionalen Schichten vertreten. Sie umfasst den a) fachlichpraktischen und den in diesem Zusammenhang entscheidenden b) wissenschaftlich-theoretischen Stil. 14
8 SEIBICKE, S. 2377.
9 Vgl. Beneš, Eduard/Vachék, Josef: Stilistik und Soziolinguistik - Beiträge der Prager Schule zur strukturellen
Sprachbetrachtung und Spracherziehung, Berlin/München 1971;
Garvin, Paul L.: A Prague School reader on esthetics, literary structure and style, Washington 1964.
10 Vgl. Havránek, B.: Zum Problem der Norm in der heutigen Sprachwissenschaft und Sprachkultur, in: Actes du
quatrième congrès international de linguistes, Copenhague 1938, S. 151-156 [Nachdruck in: A Prague School
reader in linguistics, Bloomington 1964, S. 413-420].
11 Barth, Erhard: Fachsprache - Eine Bibliographie, in: Germanistische Linguistik, Bd. 3 (1971), S. 210.
12 Vgl.: Beneš, Eduard: Syntaktische Besonderheiten der deutschen wissenschaftlichen Fachsprache, in: Deutsch
als Fremdsprache, Bd. 3 (1966), H. 3, S. 26-36.
13 Barth, Erhard: Fachsprache, a.a.O.
14 FLUCK, S. 13.
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Arbeit zitieren:
Ruben von der Heydt, 2004, Betrachtungen zur Wissenschaftssprache unter besonderer Berücksichtigung der deutschen Philosophiesprache des Mittelalters, München, GRIN Verlag GmbH
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