2
I N H A L T S V E R Z E I C H N I
Einleitung 3
1. Ottilie als romantische Figur 7
1.1. Ottilies Verinnerlichung 8
1.2. Ottilie als Naturwesen 9
1.3. Ottilies Religiosität 10
1.4. Ottilies Wesensveränderung und ihre unerfüllte Liebe zu Eduard 11
2. Die Bedeutung des Todes in Goethes Roman 14
2.1. Die Todessymbolik in der Beziehung Ottilies zu Eduard 16
2.2. Symbole des Todes in Natur und Umgebung und ihre Wirkung auf Ottilie 19
3. Betrachtungen zur Rolle und Person des Architekten als Figur mit
romantischer Kunstauffassung 21
4. Das Auftreten übernatürlicher Phänomene 23
5. Schlußbemerkung 25
Literaturverzeichnis 26
3
Einleitung
„Es ist alles gut und gleich, sagen sie, Klassisches wie Romantisches, es kommt immer darauf an, daß man sich dieser Formen mit Verstand zu bedienen und darin vortrefflich zu sein vermöge. So kann man auch in beiden absurd sein und dann taugt das eine so wenig wie das andere.“ 1
In dieser Formulierung Goethes während eines Gesprächs mit seinem engen und vertrauten Mitarbeiter Johann Peter Eckermann am 16. Dezember 1829 kann die endgültige Meinung des Dichters über eine Epoche gesehen werden, mit der er sich dreißig Jahre lang auseinandergesetzt hat. 2 Frei von jeder Polemik stellt Goethe nach einem langen wechselvollen Prozeß der Auseinandersetzung mit der Romantik die Wichtigkeit des vernünftigen Gebrauchs der unterschiedlichen künstlerischen Stile heraus und begibt sich somit auf einen objektiv rückblickenden Standpunkt. So soll es im Folgenden nicht darum gehen, das Trennende zwischen Klassik und Romantik hervorzuheben und den von unterschiedlichen Kunstauffassungen, aber auch von persönlichen Eitelkeiten getragenen Konflikt zwischen Goethe und den Repräsentanten der Romantik darzustellen. Ausgangspunkt der vorliegenden Arbeit wird es vielmehr sein, daß es sehr enge Beziehungen zwischen Goethe und der Romantik gab; daß die gesamte deutsche Romantik einen tiefgehenden Einfluß auf Goethes Geist und Dichtung ausübte. 3
Es darf nicht außer acht gelassen werden, daß Goethe in sein Werk Elemente aufgenommen hat, die als romantisch zu werten sind, daß er sogar, um den Bezug zu obigem Zitat, in dem sich Goethe selbst auf ein ausländisches Urteil bezieht, herzustellen, eben auf Grund dieser romantischen Einflüsse von der europäischen Literaturwissenschaft als führender Repräsentant der romantischen Bewegung in Deutschland erachtet wird. 4 Doch nicht nur das Lesepublikum im Ausland, Kritik und Forschung inbegriffen, übersahen, durch Distanz begünstigt, die Differenzen zwischen Klassik und Romantik. 5
1 Goethe bezieht sich hierbei auf die Ansicht der Franzosen: KOZIELEK, S.3.
2 Ebenda, S. 3 f.
3 SCHÜDDEKOPF I, S.VI.
4 KOZIELEK, S.5.
5 HOFFMEISTER, S.48 f.
4
Auch in Deutschland sahen einige Zeitgenossen, wenn auch nur wenige, die fließenden Übergänge der Kunstepochen in Goethes Werk und, indem sie modern und romantisch gleichsetzten, ordneten sie Goethe der romantischen Kunstperiode oder zumindest einer Synthese von Klassik und Romanik zu. 6 So sprach Novalis „vom romantischen Geist der neuen Romane“, Friedrich Schlegel hielt „Wilhelm Meisters Lehrjahre“ für ein Muster der „Harmonie des Klassischen und Romantischen“, bei Jean Paul und Hegel erscheint Goethe als Beispiel für die „romantische Kunstform“ und bei Heine als romantischer Plastiker. 7 Der Kontakt zwischen Goethe und den Romantikern umfaßte viele Jahre und innerhalb dieser beträchtlichen Wegstrecken, auf denen er selbst romantisch fühlte, dachte und gestaltete. 8 Er übernahm also Anregungen der Romantik und verarbeitete sie in seinem Werk. 9 So verfolgte Goethe mit großer Anteilnahme die frühen literarischen Erzeugnisse der aufstrebenden romantischen Generation. Er bewahrte Novalis vor Kritik, er zeigte Interesse für Tiecks „Genovera“, er ließ sich von Zacharias Werner in dessen poetische Welt einführen und er begleitete mit Wohlwollen die Bemühungen der Brüder Grimm um die Wiederentdeckung der altdeutschen Literatur. 10 Mit diesen war er im Jahre 1809 in eine fruchtbare wissenschaftliche Verbindung getreten. 11 Auch stand Goethe der Kunst des Mittelalters nicht völlig verständnislos gegenüber. 12 Er hatte sich im Jahre 1809 erstmals gründlich mit dem großen deutschen Maler Albrecht Dürer beschäftigt. In dieser Zeit verflüchtigte sich auch manches an Vorurteilen, was den Dichter aus seiner Antike-Rezeption bis dahin belastet hatte. 13 Er war sogar der Ansicht, daß die Kenntnis der altdeutschen Literatur „zu einer Bildungsstufe der Nation gehört.“ 14 Wie er die historische Romantik rechtfertigte, so räumte er auch der patriotischen Romantik eine gewisse Berechtigung ein, „als Folge der mächtigen Regung [...], von welcher die Gesamtheit aller zu Deutschland sich rechnenden Völker begeistert das Joch fremder Gewalt großmütig abwarf.“ 15 Bereits ab 1802 vollzog sich in Goethes Gedichten eine unverkennbare Wendung zu einer Art des deutschen Volksliedes, die er in seiner Sturm- und Drangzeit
7 Ebenda, S.48.
8 SCHÜDDEKOPF II, S. XLVII.
9 KOZIELEK , S. 35.
10 Ebenda , S. 4.
11 SCHÜDDEKOPF II, S. X.
12 HOFFMEISTER, S. 30.
13 GEERDTS, S. 131.
14 HOFFMEISTER,S.30.
15 Ebenda, S. 30.
5
vertreten hatte, und der er sich in den Balladen der Musenalmanache für 1798 und 1799 beiläufig genähert hatte. 16
Wie nahe Goethe der von der Heidelberger Romantik vertretenen älteren deutschen Literatur in den Jahren 1806-1810 kam, zeigt die Besprechung des „Wunderhorns“. 17 In dieser ausführlichen Auseinandersetzung des ihm gewidmeten Werkes tritt Goethe eindeutig für das Anliegen der Herausgeber ein. Arnim und Brentano wiederum freuten sich, daß er die Verbindung von Altem und Neuem besonders würdigte. So standen sich 1806 Goethe und die Romantik näher als jemals zuvor. 18 Dies belegen auch die gleichzeitige intensive Beschäftigung mit dem Nibelungenlied, das er „klassisch wie Homer, denn beide sind gesund und tüchtig“ einschä tzte sowie der 1810 veröffentlichte Maskenzug „Die romantische Poesie“, worin neben allegorischen Figuren auch altdeutsche Helden wie Brunhild, Rother und Siegfried auftreten. Auch Fouqués „Undine“ gefiel Goethe gut. 19 Es würde also einen falschen Eindruck erwecken, wenn man lediglich das Trennende hervorheben würde, zumal Goethes Alterswerk ohne die Romantik ganz anders aussähe. 20 Die späten Dichtungen Goethes vom „Faust I“ über „Die Wahlverwandtschaften“, den „Divan“ und die „Wanderjahre“ bis zu „Faust II“ sind nicht ohne den geistigen Hintergrund der Romantik denkbar, und zwar aus mehreren Gründen: einmal, weil sie sich mit der Romantik in Charakterisierung und Lebensanschauung der Protagonisten auseinandersetzen oder romantische Formprinzipien verwenden, d ann weil sie im Einklang mit ihr neue Gebiete der Weltliteratur erschließen, und endlich, weil sie über den Streit der verschiedenen Parteien eine höhere klassisch-romantische Synthese anstreben. 21 Vor diesem Hintergrund erscheint es verständlich, wenn man die Werke in Goethes Altersstil als romantisch empfunden hat. Sie sind gekennzeichnet durch einen lockeren, oft sprunghaft organisierten Bau, unter Auflösung einer streng klassisch gebauten Form, der dem Erzähler genügend Spielraum gibt, „durch einander ge genübergestellte und sich gleichsam ineinander abspiegelnde Gebilde den geheimeren Sinn dem Aufmerkenden zu offenbaren.“ Ein zyklisches Prinzip „wechselseitiger Spiegelungen“ ermöglicht jeweils die Konzentration auf den symbolischen Zusammenhang. Goethe war sich seiner Verwendung neuer Formprinzipien durchaus bewußt, denn im Hinblick
16 SCHÜDDEKOPF II, S. VIII.
17 HOFFMEISTER, S. 37.
18 SCHÜDDEKOPF II, S.IX f.
19 HOFFMEISTER, S. 37.
20 KOZIELEK, S. 5.
21 HOFFMEISTER, S. 48.
6
auf die „Wanderjahre“ sagte er: „[...] ist es nicht aus Einem Stück, so ist es doch aus Einem Sinn“, es sei ein „Straußkranz“ aus „disparaten Elementen“, das die Perspektive auf eine „Art von Unendlichkeit“ freigebe. 22
Wer wollte hier den Einfluß der Romantik leugnen? Zudem begann Goethe die Arbeit an den „Wanderjahren“ genau zu der Zeit, als er sich mit der Romantik auseinanderzusetzen gezwungen sah. Dies ist in unserem Zusammenhang gerade deshalb von besonderer Bedeutung, als „Die Wahlverwandtschaften“ von Goethe ursprünglich als Novelleneinlage in die „Wanderjahre“ geplant waren. Es bleibt also festzuhalten, daß sich Goethe in seinen Alterswerken mit seiner Technik wechselseitiger Spiegelung und der Eroberung neuer literarischer Provinzen wie zum Beispiel mit dem „West-östlichen Divan“, in der Praxis dem Einfluß der Romantik nicht entziehen konnte. 23 Eine ganze Anzahl seiner Schöpfungen offenbarte sich als Wirkung romantischen Umganges. Doch bleibt dieser Einfluß nicht auf vereinzelte Erscheinungen beschränkt, sondern er begleitet vielmehr Goethes Schaffen von den letzten Jahren des 18. Jahrhunderts bis zu seinem Tode. Innerhalb dieses Zeitraums sind in Stoff und Form und auf sämtlichen Gebieten seines künstlerischen Schaffens romantische Tendenzen zu beobachten. 24
22 HOFFMEISTER, S. 50.
23 Ebenda, S. 19.
24 SCHÜDDEKOPF II, S.XLVII.
7
1. Ottilie als romantische Figur
„Ich habe mich gefreut über das Kunstwerk, wie man aus Stückchen Jugend die ins Alter hineinscheinen, ein Ganzes zusammensetzen kann, das aus einem Stücke nach purer Jugend aussieht. Das ist noch eine starkschlagende Ader, die Ottilien herausgeblutet hat, die verspricht hundert Jahre Leben, ein warmer Blutstrom teilt wundersame Werke und Kunstgestänge, und es quillt wie rother Wein oben für alles Volk […]. Einiges mir fatale Beywerk ist auch dabey wie beim Wilhelm Meister, gefrorne Fensterblumen und wohl ausgespritzte Präparate. Ich kann mich gar nicht gewöhnen ans gemeine Leben in der Poesie, weit eher an die Poesie im Leben. […] Gar sauber ist aufgeräumt, und jedes an seinem Ort, […] alles wie bei einem alten Junggesellen, wo eine gleichfalls etwas bejahrte Jungfer Ordnung hält. Die allzu große Absichtlichkeit in allen Anlagen hat mich auch gestört. Kurz, ich schneide nur Ottilie heraus und fasse 25 sie in einen goldenen Rahmen, den Rest verehre ich Mad. Creuzer zum Christgeschenk […].“
Dieses Zitat aus einem Brief Joseph Görres’, der mit der Heidelberger Romantik verbunden war und 1814 den Rheinischen Merkur herausgegeben hatte, 26 vom 1. Januar 1810 an Achim von Arnim, zeigt exemplarisch die romantische Verehrung Ottilies auf. Sie wird als jugendlich, gefühlsstark und ursprünglich beschrieben, ganz im Kontrast also zu der sie umgebenden kalten, profanen und künstlichen Welt. Wenn diese Attribute tatsächlich auf die Darstellung Ottilies zutreffen, kann man nachvollziehen, warum dieser Figur seitens der literarischen Romantik so viel Sympathie entgegengebracht wurde. Dies unterstreicht auch das folgende Zitat Karl Wilhelm Ferdinand Solgers, der bedeutende Beiträge zur romantischen Literaturmethodik, insbesondere zum Ironiebegriff in der Rhetorik lieferte: 27
„Aber das Größte und Heiligste darin ist wahrscheinlich die so tief innerliche Ottilie, die ihr keusches Inneres herausgeben muß an den Tag des Schicksals, der dieser Sturm ihre Knospe aufweckt und ihren heiligen Blütenstaub verstreut. Und göttlich ist es, daß auch ihr erhabener Vorsatz und ihr Gelübde nichts 28 mehr hilft.“
In diesem Zitat klingt bereits die Identifizierung Ottilies mit einem heiligen bzw. göttlichen Wesen an, auf die später an anderer Stelle noch einmal zurückkommen sein wird.
25 HÄRTL, S. 106 f.
26 SCHMITT, S. 116.
27 Ebenda, S.106.
28 HÄRTL, S. 200.
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Ruben von der Heydt, 2001, Romantische Aspekte in Goethes Wahlverwandtschaften, München, GRIN Verlag GmbH
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