Der Arbeitstitel „Judiths göttliche Macht“ beinhaltet zwei grundlegend verschiedene Ansatzpunkte für die differenzierte Betrachtung der von Hebbel gezeichneten Figur der Judith. Zum einen könnte Judiths Macht von Gott gegeben sein 1 , zum anderen könnte ihre Macht sie als einem Gott Ebenbürtige auszeichnen und Gott relativieren 2 . Hieran schließt sich die Frage, unter welchen Bedingungen sich Judiths Macht überhaupt kristallisiert und wie diese zusammengesetzt ist. In Bezug zu diesem Aspekt steht das Motiv der Verführung, das Judith durch ihre Tat als politische Heldin vor „ihrem“ Volk erscheinen lässt. Lässt sich Judith demnach auch als kalkulierende Verführerin sehen, die im Nexus von Religiosität und Sexualität persönliche und politische Interessen verfolgt?!
Ausgehend von Judiths „Warnung“ „Meine Schönheit ist die der Tollkirsche; ihr Genuß bringt Wahnsinn und Tod!“ und Holofernes verhängnisvoller „Antwort“ „Ich will nicht, dass du vor mir knien sollst.“ werde ich der Frage nachgehen, inwieweit die schablonenhaft und quasi parallel gestrickten Figuren der Judith und des Holofernes einem Prinzip des Selbstgenuss im Fremdgenuss nacheifern und warum Judith als Gewinnerin aus diesem Spiel hervortritt. Die inhaltliche Gliederung soll anhand der thesenartigen Kapiteltitulierungen die Möglichkeit bieten, die Einzelaspekte in aufgelockerter Form zu sehen, welche im Fazit in der Zusammenschau Eingang finden werden.
1 vgl. Kraft (1970)
2 Ausfürhliche Diskussion bei Reinhard (1989), 69 f. ______________________________________________
_____________________________________| Judiths göttliche Macht?!
In dem 1840 erstmals in Berlin aufgeführten Drama „Judith“ von Friedrich Hebbel spielt der Gott Jahwe keine Rolle, auch wenn er von den Haupt- und Nebenfiguren fast kontinuierlich ins Gespräch gebracht wird und so seine scheinbare Verankerung im Drama findet 3 . Die Imagination Jahwes durch das gesprochene Wort im Drama kann unter Umständen die Rezeption des Betrachters trügen. Weder ist der hier propagierte Gott der Bethulier in irgendeiner Form (in Symbolen, heiligen Gegenständen Vorort 4 ) anwesend, noch greift er persönlich in den Gang der Handlung ein; er ist vielmehr in vielerlei Hinsicht Mittel für diverse Zwecke in den jeweiligen Konstellationen von Figuren und Situationen. Für die Begegnung von Judith mit Holofernes ist Jahwe ein herauskristallisiertes Alibi, das der Hauptfigur Zugang zur Sphäre ihres Antagonisten (zum Zelt des Feldhauptmannes) bietet - neben ihrer von Holofernes in Bezug auf Frauen vorausgesetzten Schönheit 5 . Der anfangs einem Verhör (Holofernes Fragen und Judiths Antworten im IV. Akt) gleichende Schlagabtausch zwischen Judith und Holofernes weist eine klare Argumentationsstruktur auf, in der Judith Schritt für Schritt die Denkweise ihres Gegners auslotet und schließlich seinen Schwachpunkt trifft: Eine göttliche Macht in der Vorstellung von Jahwe, die er noch nicht zu seinen Gunsten formen kann bzw. einen Gott, den er noch nicht kennt und nicht bezwingen kann. Die Vorstellung von Jahwe beruht nicht auf Holofernes eigenen Erfahrungen mit einem solch stark und allmächtig geschilderten Gott, sondern einzig und allein auf Berichten und Schilderungen von Judith und Achior.
3 vgl. Motté (2003), 166.
4 Judith gibt nur einmal einen kurzen Hinweis auf das „heilige Opfer“, das die Bethulier in ihrer Hungersnot essen wollen und dessen Verzehr „in ihrem Eingeweide zu Feuer werden“ würde (W I, 51)
5 vgl. Aussage des Kämmerers gegenüber Mirza im IV. Akt: „(…) Holofernes hat einmal ein Weib, das zur ungelegenen Zeit vor ihn trat, nieder gehauen, weil er es nicht schön genug fand. Der trifft immer das Rechte. (…)“ (W I, 67) ______________________________________________
Für Judith jedoch ist Jahwe von vornherein Mittel zum Zweck 6 . Bereits im II. Akt bezieht sie eine klare Position gegenüber Mirza:
„Du hast oft gesehen, daß ich manchmal, wenn ich still am Webstuhl oder bei sonst einer Arbeit zu sitzen scheine, plötzlich ganz zusammen falle und zu beten anfange. Man hat mich deswegen fromm und gottesfürchtig genannt. Ich sage Dir, Mirza, wenn ich das thue, so geschieht’s, weil ich mich vor meinen Gedanken nicht mehr zu retten weiß. Mein Gebet ist dann ein Untertauchen in Gott, es ist nur eine andere Art von Selbstmord, ich springe in den Ewigen hinein, wie Verzweifelnde in ein tiefes Wasser - -„ (W I, 18 f.)
Ihre paradoxe, fast schon pathologisch wirkende, Gebundenheit an Gott bzw. ihre strikte zeitgleiche Abneigung gegenüber Gott und Holofernes untermauert das Bild vom schlafenden, von Gott umarmten Holofernes, direkt vor seiner unbewussten 7 Hinrichtung:
„Nicht wahr, Mirza, der Schlaf ist Gott selbst, der die müden Menschen umarmt; wer schläft, muß sicher sein! (Sie erhebt sich und betrachtet Holofernes.) Und er schläft ruhig, er ahnt nicht, daß der Mord sein eignes Schwert wider ihn zückt. (…) Er lächelt. Ich kenn’ es, dies Höllenlächeln; so lächelte er, als er mich zu sich niederzog, als er - -Tödt’ ihn, Judith, er entehrt Dich zum zweiten Mal in seinem Traum, sein Schlaf ist Nichts, als ein hündisches Wiederkäuen Deiner Schmach. (…)“ (W I, 70)
Die verbal konstruierte Vorstellung von Jahwe, die Judith präsentiert, motiviert Holofernes, lässt ihn faktisch an Jahwe glauben 8 , um ihn später - seiner Argumentationskette folgend - vernichten zu können.
6 Kraft verweist auf den in Holofernes verkörperten nihilistischen Titanismus im Gegensatz zu Judiths Gottgebundeheit. Die philosophische Grundlage für den Aufbau einer solchen Tyrannenfigur sieht Kraft in Jacobis Beschreibungen des Nihilismus (vgl. Nietzsche). „ Der Mensch hat nur eine einzige Wahl: „Das Nichts oder Gott“. Und wenn er das Nichts wählt, „macht er sich zu Gott“. Während Holofernes diese Position einnimmt, bezieht Judith die Gegenposition: sie nimmt Gott an.“ (Kraft 1970, 60). Gegensätzlich zu meiner These steht, dass Judith sich als „Gottes Werkzeug“ (Kraft 1970, 61) versteht und ihr Handeln in dieser Gottergebenheit begründet. Weiteres zu Judiths Gottesbild auch bei Nölle (1990).
7 Kleinschmidt schreibt Judith eine vor allem unbewusst agierende Rolle und Holofernes eine auf höchstem Bewusstsein basierende Reflektiertheit zu. Dagegen spricht Judiths antizipatorische Äußerung anfangs des II. Aktes „(…) Wenn der Mensch im Schlaf liegt, aufgelöst, nicht mehr zusammen gehalten durch das Bewußtsein seiner selbst, dann verdrängt ein Gefühl der Zukunft alle Gedanken und Bilder der Gegenwart, und die Dinge, die kommen sollen, gleiten als Schatten durch die Seele, vorbereitend, warnend, tröstend. (…)“ (W I, 15)
8 Hierfür spricht Holofernes Bemerkung „(…) aber in ihrem Herzen wohnt Niemand, als ihr Gott, und den will ich jetzt vertreiben! (…)“ (W I, 59) ______________________________________________
Arbeit zitieren:
Kathrin Rosi Würtz, 2005, JUDITHS GÖTTLICHE MACHT: Nexus zwischen Religiosität und Sexualität in Hebbels Judith, München, GRIN Verlag GmbH
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