Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung 3
2. Die Haltung Großbritanniens 4
2.1. Von Kriegsbeginn bis zu Edens Moskaureise: Geteilte Meinungen 4
in London
2.2. Churchills Wende um 180 Grad 6
3. Das sowjetische Ziel: Die Curzon-Linie als Westgrenze 8
3.1. Die Vorgeschichte: Ostpolen - umkämpftes Land 8
3.2. Am Abgrund: Stalin hält an der Grenze von 1941 fest 9
3.3. Militärische Erfolge - die besten Argumente Stalins 12
4. Die USA und Polens Grenzen: Zwischen Prinzipien und Realpolitik 13
4.1. Nie wieder Geheimdiplomatie Die USA und die Atlantik-Charta 13
4.2. Realpolitische Resignation: Die Wirklichkeit holt Roosevelt ein 15
5. Die Moskauer Außenminsterkonferenz und die Konferenz von Teheran: 16
Stalin setzt sich durch
6. Zusammenfassung der Ergebnisse in Thesen 19
7. Literaturverzeichnis 20
3
1. Einleitung
Der Konflikt um Polen löste 1939 den zweiten großen Krieg des 20. Jahrhunderts aus. Obwohl sich die Gefechte bald wie ein Flächenbrand über ganz Europa ausdehnten und der Krieg spätestens im Dezember 1941, mit dem Kriegseintritt der USA und Japans zum Weltkrieg werden sollte, blieb Polens Schicksal während des Krieges und danach eine der wichtigsten offenen Fragen zwischen den Bündnispartnern der seit 1941 existierenden Anti- Hitler-Koalition.
In diese Arbeit möchte ich die Haltung und die Pläne der Sowjetunion, Großbritanniens und der USA zur Frage der polnischen Nachkriegsgrenzen untersuchen, begrenzt auf den Zeitraum zwischen dem Beginn der „Operation Barbarossa“ (22. Juni 1941) und dem Ende der Teheraner Konferenz (1. Dezember 1943). Die zeitliche und inhaltliche Beschränkung ist notwendig, um den Rahmen der Arbeit nicht zu sprengen. Trotzdem ist mir bewußt, daß es nötig wäre, sich auch mit der Frage der polnischen Nachkriegsregierung zu beschäftigen, die oft von den alliierten Großmächten mit der Grenzfrage in Verbindung gebracht wurde. Für den von mir gewählten Zeitraum geht es in den Plänen der Alliierten vor allem um die Forderung Stalins, die Curzon-Linie als sowjetisch-polnische Nachkriegsgrenze festzuschreiben. Die Frage der zukünftigen deutsch-polnischen Grenze ist zwar auch in dieser Zeit schon virulent, aber es werden nur Vorschläge gemacht - die in dieser Arbeit auch berücksichtigt werden sollen -, aber fest beschlossen wird wenig. Ein weiterer zentraler Aspekt des Themas ist der Kompensationsgedanke, also die Entschädigung Polens für seine territorialen Verluste durch deutsches Gebiet, der in dieser Zeit entsteht und auf der Konferenz von Teheran zur alliierten Politik erhoben wird.
Im Folgenden soll untersucht und dargestellt werden, aus welchen Motiven es 1945 zu den Veränderungen der polnischen Grenzen, hier insbesondere der Ostgrenze, kam und wer die treibenden Kräfte waren. Welche Pläne im Bezug auf Polens Territorium verfolgten die Großmächte USA, Großbritannien und die Sowjetunion zwischen 1941 und der Teheraner Konferenz?
Mit wenigen Ausnahmen (z. B. Carsten Lilge) hat die deutschsprachige Geschichtsforschung wenig aktuelle Literatur zu meiner spezifischen Fragestellung hervorgebracht. In den 50er Jahren konzentrierte sich die westdeutsche Forschung auf diesem Gebiet auf die Oder-Neiße-Linie, die Bücher sind aber fast alle überholt und hin und wieder tendenziös, erklärbar durch den Kalten Krieg und die geringe zeitliche Distanz zum Geschehen. Ebenfalls mit Vorsicht zu genießen sind polnische Historiker,
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die meist auf Englisch zum Thema publiziert haben. Auch ihnen fehlt manchmal der Abstand zu den Dingen. Am ergiebigsten und neutralsten war die amerikanische historische Literatur, die oft - und wie ich meine zu Recht - die interalliierten Meinungsunterschiede dieser Zeit als Vorboten des Kalten Kriegs interpretierten. In der Seminararbeit wird durchgehend die alte Rechtschreibung verwendet.
2. Die Haltung Großbritanniens
2.1. Vom Kriegsbeginn bis zu Edens Moskaureise: Geteilte Meinungen
in London
Zu Kriegsbeginn war die Haltung der Briten zur Curzon-Linie alles andere als eindeutig. Auf der einen Seite war Großbritannien wegen Polen in den Krieg eingetreten - wenn es auch immer nur die Existenz des polnischen Staates garantierte, nie seine Grenzen. Bereits die britischen Garantieerklärungen gegenüber Polen vom 31. März und 25. August 1939 bezogen sich nur auf die nationale Integrität Polens und seine Lebensinteressen. Auf der anderen Seite bezeichnete der damalige britische Außenminster Lord Halifax im Oktober 1939 vor dem Oberhaus die Verwirklichung der Curzon-Linie durch die sowjetische Okkupation als Angelegenheit von geschichtlichem Interesse. 1 Erklärbar ist dies dadurch, daß die Linie bekanntlich eine Empfehlung des damaligen britischen Außenministers Lord Curzon war, deren Umsetzung Großbritannien schon 1919 wünschte.
An dieser Position des Sowohl-als-auch änderte sich nach Beginn der Operation Barbarossa wenig. Der neue Außenminister Großbritanniens, Anthony Eden, erklärte in einer diplomatischen Note vom 27.7.1941, daß die britische Regierung keine politischen Veränderungen in Polen seit dem August 1939 anerkenne. Von der sowjetischpolnischen Vorkriegsgrenze war aber ausdrücklich nicht die Rede. 2 In den ersten Wochen des deutschen Angriffs sah alles nach einer Wiederholung des inzwischen bekannten Blitzkriegs aus, der Eindruck sollte sich auch in den nächsten Monaten nicht ändern: Bis in den Winter 1941/42 ging Großbritannien wie auch die USA davon aus, daß Deutschland die Sowjetunion besiegen würde oder die beiden
1 Vgl. Lilge, Carsten, Die Entstehung der Oder-Neiße-Linie als Nebenprodukt alliierter Großmachtpolitik während des Zweiten Weltkriegs, Frankfurt am Main 1995, S. 30f.
2 Vgl. Brandes, Detlef, Großbritannien und seine osteuropäischen Alliierten 1939-1943. Die Regierungen Polens, der Tschechoslowakei und Jugoslawiens im Londoner Exil vom Kriegsausbruch bis zur Konferenz von Teheran, München 1988, S. 159f.
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Mächte sich zumindest bis zur völligen gegenseitigen Erschöpfung zerfleischten. Nach den „Vorstellungen des Foreign Office sollte daher ein zukünftiges Deutschland im Osten von einer Konföderation der ostmitteleuropäischen Staaten unter Führung Polens im Schach gehalten werden und aus diesem Grunde territoriale Abtretungen an die neue östliche Führungsmacht, Polen eben, hinnehmen.“ 3 Aus dieser Position britischer Stärke heraus - die eigentlich me hr eine der sowjetischen Schwäche war -, glaubte Churchill schon vor Abschluß der Atlantik-Charta, alle Verhandlungen über territoriale Veränderungen hinter das Kriegsende verlegen zu können. 4 Dazu kam natürlich der amerikanische Druck auf die Briten, keine Zugeständnisse an die Sowjets zu machen. Obwohl zu diesem Zeitpunkt deckungsgleich mit den britischen Ansichten, wurde die US-Einflußnahme wenig begeistert aufgenommen. Eden äußerte dazu, daß ihm das Spektakel eines amerikanischen Präsidenten, der im großen Stil über europäische Grenzen sprach, das Frösteln wilsonscher Erinnerungen verschaffte. 5 Völlig vergraulen wollten die Briten die Sowjets aber auch nicht. Gegenüber der polnischen Exilregierung machten sie deutlich, daß sie einen polnisch-sowjetische n Bündnisvertrag wünschten. Am 15.7.1941 ließ Eden den sich sträubenden Polen ausrichten: „Ob sie es wollen oder nicht, ein Abkommen mit der Sowjetunion muß unterzeichnet werden“. 6
Die Einstellung der Briten zur Atlantik-Charta war wesentlich pragmatischer als die der Amerikaner: „Das Foreign Office [sah] in der Atlantik-Charta vor allem ein Instrument für die Propaganda in den USA und gegenüber den Feindmächten“. Das hinderte Anthony Eden auf seiner Moskaureise (16.12.1941) nicht, sich auf eben diese Atlantik-Charta zu berufen, um sowjetische Forderungen nach Festlegung der Nachkriegsgrenzen abzublocken (siehe S. 11). Allerdings vertrat er hier die offizielle Meinung des Kriegskabinetts Churchill, nicht seine eigene. Noch aus Moskau schickte er ein Telegramm nach London, indem er daran erinnerte: „Wenn wir den Krieg gewännen, würden russische Streitkräfte vermutlich nach Deutschland eindringen, und zu einem späteren Zeitpunkt könnte sie [die Sowjetunion - Anm. d. Verf.] mehr
3 Vgl. Martin, Bernd, Die internationale Lage im Sommer 1944: Interalliierte Zusammenarbeit - Anfänge des Kalten Kriegs, in: Martin, Bernd u. Lewandowsky, Stanislawa, Der Warschauer Aufstand, Warschau 1999, S. 42.
4 Vgl. Gardner, Lloyd C., Spheres of Influence. The Partition of Europe, from Munich to Yalta, Cambridge 1993, S. 94.
5 Vgl. ebenda, S. 96.
6 Vgl. Karski, Jan, The Great Powers and Poland 1919 - 1945. From Versailles to Yalta, London 1985, S.408.
6
verlangen als ihre Grenzen von 1941“. 7 Vorausschauend dachte Eden auch über Europa hinaus: „Wenn Großbritannien zum Beispiel wünschen würde, die Frage des russischen Krieg Eintritts in den fernöstlichen Krieg zu stellen, könnte dies nur nach Erledigung der Grenzfrage geschehen.“ 8
Mit diesen Ansichten biß Eden bei Churchill auf Granit, der die Meinung, eine Übereinkunft wegen der Grenzen zum jetzigen Zeitpunkt könne die Ausdehnung des Kommunismus beschränken, nicht teilte. Vermutlich ging der britische Premier noch immer davon aus, daß Deutschland die Auseinandersetzung gewinne würde oder doch die Sowjetunion zu sehr geschwächt werde, um noch an Expansion zu denken. Im britischen Lager zeichneten sich also zwei verschiedene Position ab, vertreten von Churchill auf der einen und Eden auf der anderen Seite. Die Politik bestimmt natürlich der Premierminister und nach dem japanischen und damit auch dem amerikanischen Kriegseintritt (Angriff auf Pearl Harbor am 7.12.1941; deutsche Kriegserklärung an die USA am 11.12.1941) fühlte sich Churchill i n seiner Politik gestärkt und durch Rücksicht auf die USA auch gezwungen, territoriale Zugeständnisse an Stalin weiterhin abzulehnen. 9
2.2. Churchills Wende um 180 Grad
Innerhalb der nächsten drei Monate änderte sich Churchills Haltung grundlegend: „Die zunehmende Schwere des Krieges hat mich zu der Ansicht geführt, daß die Prinzipien der Atlantik-Charta nicht so ausgelegt werden sollten, daß Rußland die Grenzen versagt werden, die es innehatte, als es von Deutschland angegriffen wurde.“ 10 schrieb er in einem Brief vom 7. März 1942 an Roosevelt. Was war geschehen mit dem Mann, der die sowjetischen Territorialgewinne von 1939 (Ostpolen, Baltikum, Bessarabien) zum Jahreswechsel 1941/42 noch als „schamlose Aggression“ bezeichnet hatte? Für Churchills Schwenk um 180 Grad gab es einleuchtende Gründe: In der Zwischenzeit hatten die Japaner Sieg um Sieg in Asien errungen, in Ägypten gerieten die Briten in Bedrängnis und die Verluste durch den uneingeschränkten U-Boot-Krieg der Deutschen waren horrend. Dazu kam noch, daß Stalin als sowjetisches Kriegsziel nur die Befreiung des sowjetischen Territoriums erklärt hatte, eine indirekte Drohung mit einem deutsch-sowjetischen Separatfrieden. 11 „Churchill hatte nun gänzlich die Ansicht
7 Gardner, a.a.O., S. 115.
8 Ebenda, S. 126.
9 Vgl. Karski, a.a.O., S. 442
10 Gardner, a.a.O., S. 126
11 Vgl. Karski, a.a.O., S. 445
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Martin Bauch, 2000, Die Pläne der Alliierten bezüglich der polnischen Nachkriegsgrenzen mit Augenmerk auf die sowjetisch-polnische Grenze zwischenJuni 1941 und der Konferenz von Teheran, München, GRIN Verlag GmbH
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