Inhaltsverzeichnis
1. Vorwort 3
2. Das Ancien Régime 4
3. „L’Autrichienne“ in Versailles 5
4. Die Halsbandaffäre 7
4.1. Die Protagonisten 7
4.1.1. Der Kardinal Rohan 7
4.1.2. Die Comtesse de La Motte - Valois 8
4.1.3. Giuseppe Balsamo, genannt Graf Cagliostro 9
4.2. Der Verlauf der Halsbandaffäre 10
5. Der Prozeß gegen Rohan 13
5.1. Die Verlauf des Prozesses 13
5.2. Reaktionen auf den Ausgang des Prozesses 15
6. Die zeitgenössische Wahrnehmung von Affäre Prozeß 17
6.1. Marie-Antoinette wird endgültig zur „reine scélérate“ 17
6.2. Ein Halsband, das den Kopf kostet? 18
6.3. Das Morgenrot der Revolution? Goethe und „Der Groß-Kophta“ 19
7. Schlußbetrachtung 22
8. Literatur- und Quellenverzeichnis 23
8.1. Monographien und Aufsätze 23
8.2. Quellen 23
9. Anhang 24
9.1. Abdruck ausgewählter Quellen 24
1. Vorwort
In seiner 1792 entstandenen Schrift Kampagne in Frankreich schrieb Goethe: „Schon im Jahre 1785 erschreckte mich die Halsbandgeschichte wie das Haupt der Gorgone. Durch dieses unerhört frevelhafte Beginnen sah ich die Würde der Majestät untergraben, schon im voraus vernichtet, und alle Folgeschritte von dieser Zeit an bestätigten leider allzusehr die furchtbaren Ahnungen. [...] Mit Verdruß hatte ich viele Jahre die Betrügereien kühner Phantasten und absichtlicher Schwärmer zu verwünschen Gelegenheit. [...] Nun lagen die direkten Folgen solcher Narrheiten als Verbrechen und Halbverbrechen gegen die Majestät vor mir, alle zusammen wirksam genug, um den schönsten Thron der Welt zu erschüttern.“ 1 In der vorliegenden Arbeit soll untersucht werden, wie die Halsbandaffäre von den Zeitgenossen, Beteiligten wie Unbeteiligten, wahrgenommen und interpretiert wurde, welche unmittelbaren Folgen sie hatte und ob man sie als Vorzeichen der Revolution von 1789 deuten kann. Gegenstand der Betrachtung wird dann die zeitgenössische Perzeption bis in die ersten Jahre der Revolution hinein sein, konkret untersuche ich die Auswirkungen für das Bild Marie -Antoinettes in der Öffentlichkeit, die Frage, ob die Halsbandaffäre wesentlich zum Todesurteil gegen die französische Königin beitrug, sowie die Wahrnehmung und Interpretation der Halsbandaffäre durch Johann Wolfgang von Goethe anhand seines Schauspiels Der Groß-Cophta . Dazu soll kurz die Situation des Ancien Régime vor der Affaire skizziert werden, mit besonderem Augenmerk auf dem Verhältnis zwischen Hof, Parlément und König sowie in einem zweiten Kapitel die Reputation Marie -Antoinettes in Versailles. Zum Verständnis der Halsbandaffäre ist es unerlässlich, die Protagonisten kurz zu beleuchten, den eigentlichen Verlauf der Affäre und des folgenden Prozesses darzustellen und die Reaktion auf das Urteil zu skizzieren. Das nächste Kapitel widmet sich den oben aufgeworfenen Fragen zur Perzeption der Affäre.
Diese Arbeit basiert wesentlich auf der Doppelbiographie des französischen Königspaares von Vincent Cronin, der hervorragenden Biographie Marie -Antoinettes von Evelyne Lever und der neuesten deutschen Untersuchung zur Halsbandaffäre von Helmut Mathy. Es muß erwähnt werden, daß all diese Autoren sich wesentlich auf den Forschungsstand französischer Historiker der 30er Jahre oder auf einen noch früheren beziehen, denn seitdem ist zur eigentlichen Halsbandaffäre und ihrer Bewertung nicht viel Neues geschrieben worden. Thematische Randaspekte behandeln Jörg Sieger und Helmut Mathy. Es ist also unvermeidlich, gerade für die Rezeptionsgeschichte auf zeitgenössische Quellen zurückzugreifen, in dieser Arbeit z. B. auf die Schriften von La Motte - Valois, Prudhomme, Beaumarchais, Goethe oder de Stael-Holstein.
1 Goethe zitiert nach: Mathy, Helmut, Die Halsbandaffäre. Kardinal Rohan und der Mainzer Kurfürst,
Mainz 1989, S. 8.
3
2. Das Ancién Regime
Seit dem Tod des Sonnenkönigs Ludwig XIV. befand sich die französische Monarchie in einer fortgesetzten Krise. Noch i mmer verstand sich der französische König als absoluter Monarch. Hatte sich Frankreich im 18. Jahrhundert zu einem modernen, zentralistischen Staat entwickelt, so existierten doch parallel dazu noch die alten feudalen Strukturen. Der König mußte nun in Personalunion Chef einer modernen Verwaltung sein wie oberster Lehensherr der mittelalterlichen Vasalllenpyramide. Francois Furet bezeichnete diese „administrative Monarchie [als] instabilen Kompromiss zwischen der Konstruktion eines modernen Staates und einer aristokratischen Gesellschaft“ 2 . An der Seite des Königs stand zwar ein Ministerkolleg, in dem die Position des Contrôleur général des finances 3 eine hervorragende Stellung einnahm. Der französische Staat befand sich in einer permanenten Finanzkrise, hervorgerufen vor allem von kostspieligen Kriegen und den Privilegien großer Teile des Adels und des Klerus herrührte, die diesen Ständen Steuerfreiheit garantierten. Eine kontinuierliche Finanzpolitik kam nicht zustande, da die Finanzminister innerhalb weniger Jahre häufig wechselten. Außerdem entwickelte sich ein Konflikt zwischen der Krone und den Parléments, Gerichtshöfen der Verwaltung, die vom König nicht abberufen werden konnten und deren Mitglieder Beamte waren, die aufgrund persönlichen Wohlstands zunehmend unabhängig waren. Im Jahr 1771 eskalierte der Konflikt, als auf Betreiben Finanzminister Maupeous das oppositionelle Pariser Parlément aufgelöst wurde und durch fünf vom König ernannte conseils superieurs ersetzt wurde. Diese totale Entmachtung, ja Enteignung eines Standes, von Furet als „soziale Revolution“ 4 bezeichnet, wurde erst unter Ludwig XVI. wieder rückgängig gemacht, ohne daß der Konflikt damit gelöst worden wäre. Unter den beiden Nachfolgern des Sonnenkönigs hatte sich auch das Verhältnis zwischen Krone und Hof drastisch geändert. War der Hof in Versailles unter Ludwig XIV. noch Mittel und Symbol der Domestizierung des Adels durch die Krone gewesen, so wurde er unter Ludwig XVI. Zeichen der Dominanz des Adels über den König: Die mißgünstigen Cliquen des Hofes wurden von Ludwig XV. und Ludwig XVI. längst nicht so souverän beherrscht wie es noch bei Ludwig XIV. der Fall gewesen war. So gelang es Ludwig XVI. nicht, die Ausgaben des Hofes zu zügeln, die zwar real nur sechs Prozent des Etats betrugen, denen aber in der öffentlichen Meinung weit höherer Wert zugemessen wurde. Sein Scheitern auf diesem Gebiet wurde als deutliches Zeichen der Erosion der königlichen Macht wahrgenommen. 5
2 Furet, Francois, La Révolution. De Turgot à Jules Ferry 1770 - 1880, Rennes 1988, S. 24.
3 Vergleichbar einem Finanzminister.
4 Furet, a.a.O., S. 30.
5 Vgl. ebenda, S. 21-46.
4
3. „L’Autrichienne“ in Versailles
Um die Auswirkungen der Halsbandaffäre für Marie -Antoinette verstehen zu können, ist es unumgänglich, ihre Stellung und ihren Ruf am Versailler Hof in den Jahren zuvor näher zu untersuchen. Am überzeugendsten läßt sich dies an zwei zeitgenössischen Quellen darstellen, und zwar an der Schmähschrift gegen die Königin von Beaumarchais 6 aus dem Jahr 17XX, die als offener Brief an Ludwig XVI. gehalten war, sowie dem „Sündenregister der Königinnen von Frankreich“ 7 von Prudhomme 8 , einer haßverzerrten, aber aufschlußreichen Darstellung der Revolutionszeit. Beide Schriften griffen die bedeutendsten Vorwürfe und Gerüchte gegen Marie -Antoinette auf, die vor der Halsbandaffäre in Umlauf waren.
Die „rasende Neigung zum Luxus“ 9 , beginnend mit ihrer kostspieligen Krönung in Reims, war ein Standardvorwurf gegen Marie -Antoinette. Fast im gleichen Atemzug, ohne den Widerspruch einzugestehen, beklagt sich Prudhomme über ihre Änderung der Kleidermode hin zum Einfachen: „Die schönen Seiden-, Gold- und Silbermanufakturen [...] kamen durch die Mode der leinernen Kleider, des Nesseltuchs, der Gaze und des Linons gänzlich in Verfall“ 10 .
Zumindest bis zur Geburt ihres ersten Kindes 1778 war die Kinderlosigkeit des königlichen Paares ein Quell steter Gerüchte: Obwohl der König im Ruf stand, impotent zu sein, wurde der Königin daraus ein Strick gedreht: „Nun liegt es aber im Interesse der Königin, um jeden Preis einen Sohn zu haben und so auf Ihre Weise nach Ihnen Frankreich den Herrscher zu sichern.“ 11 Folge dessen sei, „daß im Herzen einer jungen Frau [...] sich der gefährliche Wunsch einniste, ihre Machstellung durch den heimlichen Umgang mit einem Liebhaber zu befestigen.“ 12 Beaumarchais hatte eine weitere Erklärung parat: „Wie man weiß, ist die Enthaltsamkeit nicht eben die vornehmste Tugend der Frauen aus dem Hause Österreich“ 13 wohl eine Anspielung auf die zahlreichen Kinder Maria -Theresias. „Wenn die Königin keine Kinder gebiert, ist sie nur eine Fremde für den Staat und im Staate [...] [die] nun versucht, sich durch Intrige und Zwietrachtstiften Ansehen und Macht zu verschaffen, die der Nation, in die sie verpflanzt ist, stets zum Unheil gereichen wird.“ 14
6 Pierre Auguste Caron de Beaumarchais (1732 - 1799); frz. Schriftsteller, einst in höheren Positionen
am Hof; fiel 1773 in Ungnade und floh ins Exil; stellte sich dort an die Spitze der Libellisten, die
Pamphlete gegen die königliche Familie schrieben; Autor der „Hochzeit des Figaro“ (1784).
7 Prudhomme, Louis Marie, Sündenregister der Königinnen von Fankreich, von der Gründung der
Monarchie an bis auf Marie Antoinette, Straßburg 1792.
8 Louis Marie Prudhomme (1752 - 1830); frz. Publizist.
9 Prudhomme, a.a.O., S.415.
10 Ebenda, S. 424.
11 Beaumarchais, Schmähschrift gegen Marie-Antoinette, München 1922, S. 118.
12 Ebenda, S. 129.
13 Ebenda, S. 123.
14 Ebenda, S. 130f.
5
Ihre österreichische Herkunft war ebenfalls ein dauernder Anlass der Verleumdung, wie sich schon an ihrem späteren, herabsetzend gemeinten Beinamen „L‘Autrichienne“ (die Österreicherin) zeigen läßt. „Erinnern Sie sich dessen, daß sie Österreicherin - das heißt ehrgeizig ist!“ 15 mahnte Beaumarchais den König. Prudhomme machte Marie -Antoinette gar zur habsburgischen Agentin: „... man beschuldigt sie eines geheimen Einverständnisses mit ihrem Bruder Joseph II., um ihm Frankreich aufzuopfern, alles Gold der Nation in seine Hände zu spielen, [...] das Reich zu zerstückeln und zugleich die unersättliche Habsucht des Hauses Österreich und seinen angeerbten Haß gegen die französischen Nachbarn befriedigen zu können.“ 16
In die Kritik kamen ihre Berater und politischen Günstlinge: Über ihren ehemaligen Erzieher am Wiener Hof, Abbé Vermont, schreibt Beaumarchais: „Wer aber ist die Seele der geheimen Ratgeber dieser Fürstin? Ein Abbé Vermont, ein ebenso gefährlicher wie heuchlerischer Mensch! [...] Was tut denn dieser Diener der Kirche, wenn er jeden Tag mit einer zwanzigjährigen Frau eingeschlossen ist?“ 17 Natürlich kam auch der proösterreichische Choiseul 18 mit ins Spiel: „Wenn dieser Mann bemerkt, daß die Königin trotz Kinderlosigkeit bei Ihnen [dem König] etwas gilt, wird er bald ihr Ratgeber werden und den Staat durch diese junge Frau regieren.“ 19
Endlich wurden Marie -Antoinette immer wieder ein ausschweifendes Liebesleben im Allgemeinen und lesbische Neigungen im Besonderen nachgesagt: Zahlreiche männliche Liebhaber wurden ihr unterstellt, darunter sogar Artois, der Bruder des Königs, 20 und daß sie sich mit einigen Freundinnen - Außenseiterinnen am Hofe wie sie selbst - in ihr kleines Schloß „Trianon, einem Ort, in welchem nur allgemein verhaßte und verachtete Lieblinge aufgenommen wurden“ 21 , zurückzog und auch sehr gerne allein am frühen Morgen oder in der Nacht durch den Park spazierte 22 , gab wüsten Verleumdungen Nahrung: „Antoinette, wenn das Geld des Staats nur das Werkzeug war, womit Du diese elenden Thörinnen verführtest, ihr Herz verdarbst, jene Schaamhaftigkeit, die erste Tugend ihres Geschlechts mit Füßen tratest, sie zu Tieren herabwürdigtest, wenn dieß wahr ist, Antoinette, sage es selbst, muß dann nicht das schmutzigste Menschenkind Deinen Namen mit Abscheu aussprechen?“ 23
15 Ebenda, S. 119.
16 Prudhomme, a.a.O., S. 421.
17 Beaumarchais, a.a.O., S. 121.
18 Et ienne Francois Duc de Choiseul (1719 - 1785), 1758-61 Außenminister und Schöpfer der franko-
österreichischen Allianz, die in der Heirat Marie -Antoinettes mit dem späteren Ludwig XVI. gipfelte.
19 Beaumarchais, a.a.O., S. 131.
20 Vgl. Prudhomme, a.a.O., S. 417.
21 Ebenda, S. 418.
22 Kurz nach dem Ludwigs XV. erschien über diese Spaziergänge die Schmähschrift Aurorens
Aufgang, deren Verfasser gefaßt und in die Bastille geworfen wurde. Aber: „Eine Einkerkerung ist
keine Widerlegung“ (Prudhomme, a.a.O., S. 414).
23 Ebenda, S. 417.
6
Verschwendung, Herkunft aus der Nation des alten Erbfeinds Österreich und Spionage für Habsburg, ausschweifendes Liebesleben und Beeinflussung des Königs in politischen Dingen, das waren die Verleumdungen gegen Marie -Antoinette. Ob die Vorwürfe berechtigt waren oder nicht, ist für die Fragestellung dieser Arbeit uninteressant. Fakt ist: Sie wurden für wahr gehalten und hatten das öffentliche Bild Marie -Antoinettes schon entsprechend vorgeprägt. Die Ereignisse der Halsbandaffäre ließen sich ohne diese Vorgeschichte gar nicht erklären.
4. Die Halsbandaffäre
4.1. Die Protagonisten
4.1.1. Der Kardinal Rohan
Seit 1704 stellte das alte bretonische Herrschergeschlecht der Rohan die Fürstbischöfe von Straßburg. Sie waren damit Reichsfürsten des Heiligen Römischen Reiches und gehörten zugleich zu den reichsten Prälaten ihrer Zeit. Im März 1779 starb Fürst-Kardinal Constantin de Rohan und sein Neffe, der Prinz Louis René Edouard de Rohan - Guémené wurde sein Nachfolger. 24 Hinter dem 25jährigen lag schon eine wechselhafte Karriere: Begabt, aber ohne Ausdauer, hatte er nach Studien in Seminaren die Priesterweihe empfangen und mit 21 Jahren eine Abtei erhalten, war seit 1759 Koadjutor seines Onkels in Straßburg und hatte 1770 Marie -Antoinette, die künftige Dauphine von Frankreich, an der Spitze des Klerus empfangen. 25
Die tiefste Abneigung Marie -Antoinettes sollte er sich aber auf dem Posten zuziehen, den er 1771 antrat: Nach der Ablösung Choiseuls durch den Duc d‘ Aiguillon als Außenminister nahm Rohan den Vertrauensposten des französischen Botschafters in Wien an. Mit fürstlichem Gefolge zog er in Wien ein und wurde zuvorkommend von Maria -Theresia empfangen. Aufgrund seiner extravaganten und unkonventionellen Lebenshaltung kam es zu Reibereien mit Maria Theresia. 26
Nach einer Audienz bei der Kaiserin wegen den Verhandlungen über die Teilung Polens schrieb er an d’Aiguillon: „Ich habe Maria Theresia Thränen vergießen sehen; allein die se
24 Vgl. Sieger, Jörg, Kardinal im Schatten der Revolution. Der letzte Fürstbischof von Straßburg in den Wirren der französischen Revolution am Oberrhein, Morstadt 1986, S. 22f.
25 Vgl. ebenda, S. 24.
26 Marie -Antoinette schrieb darüber an ihre Mutter: „Mercy [der öster. Botschafter in Paris] hat mir
schon vom Prinzen Louis gesprochen. Seine schlechte Aufführung tut mir in jeder Hinsicht weh. Das
7
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Martin Bauch, 2000, Die Halsbandaffäre: Perzeption, Folgen, Bedeutung, München, GRIN Verlag GmbH
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